M. Sonntag: Die Arbeitslager in der DDR

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Titel
Die Arbeitslager in der DDR.


Autor(en)
Sonntag, Marcus
Erschienen
Anzahl Seiten
408 S.
Preis
€ 29,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Johannes Raschka, Berlin

In Bezug auf das stalinistische Lagersystem ist eine der Kernfragen die, ob der Gulag vordringlich sicherheitspolitischen Zwecken diente, also als gefährlich eingeschätzte Personen oder Gruppen isolieren sollte, oder ob die Lager vordringlich wirtschaftliche Funktionen hatten, um der Planökonomie ein Heer von Zwangsarbeitern zur Verfügung zu stellen.

Auch die nach stalinistischem Muster errichtete DDR unterhielt Haftarbeitslager. Über Aufbau, Struktur und Funktion dieser Lager war bisher jedoch nur wenig Genaues bekannt – anders als über den regulären Strafvollzug[1] oder die Inhaftierung politischer Gefangener im Speziellen.[2] Damit war auch nicht klar, ob überhaupt von einem Lager-„System“ in der DDR gesprochen werden kann oder inwieweit vergleichende Fragestellungen mit anderen Lagern, insbesondere dem Gulag, sinnvollerweise gestellt werden konnten.

Einen gewichtigen Beitrag zur Schließung dieser empfindlichen Forschungslücke leistet nun Marcus Sonntag mit seiner Studie über die DDR-Arbeitslager, die 2010 als Promotionsschrift an der Universität Erfurt angenommen wurde.

Sonntag, der Teile seiner Ergebnisse auch andernorts publiziert hat[3], wählt als Beispiele für seine Untersuchung die Lager Maxhütte Unterwellenborn in Thüringen bzw. im späteren Bezirk Gera und das Kalibergwerk Sollstedt im Bezirk Erfurt sowie das nach dem Mauerbau eingerichtete Arbeitserziehungskommando Regis im Bezirk Leipzig.

Wie in anderen Ländern auch waren die Verantwortlichen für den Strafvollzug in der DDR von der positiven Wirkung von Arbeit auf die Häftlinge überzeugt. Der Erziehungsgedanke der Besserung durch produktive Arbeit trat jedoch sehr rasch hinter die Bedürfnisse der Volkswirtschaft zurück. Ausschlaggebend war nun die Ausnutzung billiger Häftlingsarbeit dort, wo es ökonomisch zweckmäßig erschien.

Spätestens mit der Übernahme des Strafvollzugs durch das Innenministerium 1950 wurde Häftlingsarbeit zu einem wichtigen Faktor in der Planökonomie. Faktisch bestimmte der Arbeitskräftebedarf über den Standort für ein Haftarbeitslager sowie über seine Aufrechterhaltung oder Schließung: „Das ‚Primat der Sicherheit‘ des Strafvollzugs musste sich dem ‚Primat der Ökonomie‘ […] unterordnen,“ (S. 166), um von einem Primat der Erziehung und Besserung nicht zu reden.

Auch in den Haftlagern war der Strafvollzug in der DDR zunächst „Verwahrvollzug“, dagegen kaum jemals „Erziehungsvollzug“. Die Hauptrolle im Vollzugswesen der DDR spielte „die wirtschaftliche Bedeutung der Arbeitskraft der Gefangenen“, vor allem in den Branchen, in denen Arbeitskräftemangel herrschte (S. 329-330). Sonntag geht davon aus, dass der Einsatz von Häftlingsarbeit für die Betriebe günstiger war als die Beschäftigung regulärer Mitarbeiter, auch wenn das Vollzugswesen insgesamt bis zum Ende der DDR ein Zuschussgeschäft blieb.

Vorrangig waren in den Lagern Gefangene interniert, die für die harte körperliche Arbeit geeignet erschienen und die nicht zu längeren Haftstrafen oder wegen politischer Delikte verurteilt worden waren. Bei Arbeitskräftemangel, wohl eher die Regel als die Ausnahme, war das Innenministerium aber auch bereit, Schwerkriminelle in die Lager einzuweisen. Tatsächlich galt eine Verlegung in ein Arbeitslager vielen Häftlingen wegen der gelockerten Vollzugsbedingungen gegenüber den regulären Strafvollzugseinrichtungen als Vergünstigung.

Auch wenn sich die Bedingungen in den Lagern zum Teil erheblich unterschieden haben dürften, war der bauliche Zustand meist erbärmlich und die Versorgung unterdurchschnittlich. Das Vollzugspersonal war in der Regel kaum oder gar nicht für die Aufgabe qualifiziert, schlecht ausgebildet und überfordert. Eine Reihe von Angehörigen der Wachmannschaften fiel durch Verfehlungen wie Alkohol- oder Schusswaffenmissbrauch auf. Dagegen seien gewaltsame Ausschreitungen der Wachmannschaften gegen die Insassen eher die Ausnahme als die Regel gewesen, so Sonntag. Die „Militarisierung des Strafvollzugs in der DDR“ (S. 178) setzte sich auch in den Haftarbeitslagern fort und prägte den Umgang mit den Häftlingen, zumindest bis in die 1980er-Jahre, für die Sonntag wachsenden Schlendrian und Resignation beim Personal ausmacht.

Die nach dem Mauerbau für so genannte „Asoziale und Arbeitsscheue“ eingerichteten Arbeitserziehungskommandos unterschieden sich in der Vollzugspraxis von den Haftarbeitslagern nicht grundlegend. Die 1960er-Jahre brachten dann eine Schließung zahlreicher Lager. 1975 erhielten auch die Haftarbeitslager wie alle anderen Strafanstalten die einheitliche Bezeichnung Strafvollzugseinrichtungen. Auch wenn sich am Lagercharakter der Anstalten wenig änderte, vereinheitlichte sich die Vollzugspraxis nach und nach.

Sonntags Fazit fällt eindeutig aus: Auch wenn die DDR ein Lagersystem von beachtlicher Größe aufbaute, waren die Haftlager in der DDR „zu jeder Zeit Strafvollzugsanstalten“ und unterschieden sich insofern „grundlegend von Lagersystemen im nationalsozialistischen Deutschland oder in der Sowjetunion“ (S. 370).

Sonntags Studie ist angenehm sachlich und unaufgeregt abgefasst. Mit Recht verweist er beispielsweise darauf, dass Inarbeitbringung von Häftlingen international im Strafvollzug üblich und gewünscht war, es sich also keineswegs um eine Besonderheit des SED-Staates handelte. Unterschiede werden dann im Detail sichtbar, etwa bei den Einsatzorten, die insbesondere vom Arbeitskräftemangel in besonders gefährlichen oder unbeliebten Branchen in der DDR-Planökonomie bestimmt wurden.

Allerdings fragt sich der Leser, ob Sonntag mit seinen Mutmaßungen zum Vergleich zwischen ost- und westdeutschem Strafvollzug nicht mitunter zu weit geht, etwa wenn er nur geringe Unterschiede zwischen den massenhaften Inhaftierungen von so genannten Asozialen in der DDR und der Unterbringung von „Arbeitsscheuen“ in Arbeitshäusern in der Bundesrepublik der 1960er-Jahre vermutet. Eine Verharmlosung der Zustände in den Arbeitslagern der DDR dürfte sicherlich nicht das Interesse des Autors gewesen sein.

Einige Mängel der Studie fallen allerdings auf: Sonntags Ergebnisse scheinen sich vorwiegend auf die 1950er-Jahre zu beziehen. Dann wäre es hilfreicher gewesen, wenn Veränderungen über einen Zeitverlauf von insgesamt 40 Jahren deutlicher gemacht worden wären und Schlussfolgerungen nicht mitunter für spätere Jahrzehnte extrapoliert würden.

Gelegentlich wirkt der Aufbau der Arbeit ein wenig „unsortiert“: Die Zusammenfassung findet sich als Abschluss eines der inhaltlichen Kapitel, während der internationale Vergleich, den der Leser im Hauptteil vermutete hätte, am Schluss platziert ist. Der Rezensent selbst hätte gerne mehr über die Häftlingsgesellschaften in den Lagern erfahren.

Diese kleineren Defizite können den Wert und das Verdienst der Studie jedoch nicht entscheidend mindern: Künftige Untersuchungen zum Strafvollzug der DDR werden die Arbeit von Sonntag zu beachten haben, Studien zu den Arbeitslagern müssen auf sie aufbauen.

Anmerkungen:
[1] Zu nennen sind in erster Linie die Beiträge von Tobias Wunschik. Als Beispiel: Tobias Wunschik, Die Strafvollzugspolitik des SED-Regimes und die Behandlung der Häftlinge in den Gefängnissen der DDR, in: Heiner Timmermann (Hrsg.), Deutsche Fragen. Von der Teilung zur Einheit, Berlin 2001, S. 257-284.
[2] Karl Wilhelm Fricke, Zur Menschen- und Grundrechtssituation politischer Gefangener in der DDR, 2. Aufl., Köln 1986; Johannes Raschka, Zwischen Überwachung und Repression. Politische Verfolgung in der DDR 1971-1989 (Am Ende des realen Sozialismus 5), Opladen 2001.
[3] Marcus Sonntag, DDR-Arbeitslager – Orte der Schaffung eines „neuen“ Menschen, in: Deutschland-Archiv 4/2011 <http://www.bpb.de/themen/BLBZI0,0,DDRArbeitslager%96_Orte_der_Schaffung_eines_neuen_Menschen.html> (01.09.2011).

Redaktion
Veröffentlicht am
09.11.2011
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