Cover
Titel
Leistung.


Herausgeber
Schäfer, Alfred; Thompson, Christiane
Reihe
Pädagogik – Perspektiven
Erschienen
Paderborn 2015: Ferdinand Schöningh
Anzahl Seiten
184 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Kevin M. Dear, Institut für Humanwissenschaften: Philosophie, Universität Paderborn

Die von Alfred Schäfer und Christiane Thompson herausgegebene Reihe „Pädagogik – Perspektiven“ thematisiert seit einigen Jahren pädagogische Sachverhalte anhand zentraler Kategorien und Begriffe, um – dem Selbstverständnis der Reihe nach – „Bezugspunkte“ des erziehungswissenschaftlichen Denkens sowie praktisch-pädagogischen Tuns zu reflektieren.1 So bietet der neunte Band mit dem Titel „Leistung“ auch ein gutes Beispiel für den zentralen Stellenwert eines Begriffes, der historisch wie systematisch Anknüpfungspunkte bildet für aktuelle Forschungen aus Erziehungswissenschaft, Soziologie, Psychologie und nicht zuletzt auch Philosophie.

Der vorliegende Sammelband enthält neben der ausführlichen Einleitung der Herausgeber/innen fünf, teils umfangreichere, Aufsätze zu historischen Hintergründen des Leistungsprinzips, zu deskriptiven wie normativen Aspekten des Leistungsbegriffes und nicht zuletzt zur Schule als „Ort“ des Leistungsstrebens und der Initiierung des Leistungsgedankens. Die Literaturangaben am Ende jedes Beitrages und das Autor/innenverzeichnis runden den schmalen Band ab, der insgesamt einen guten Überblick liefert über aktuelle Problematisierungen und strittige Fragen in Bezug auf dieses gesellschaftsnormierende Prinzip. Ein Sach- und/oder Personenregister wäre sicherlich vorteilhaft gewesen, um so zügiger zu bestimmten Themen und theoretischen Zugängen der jeweiligen Beiträge zu gelangen.

Die Relevanz des thematisierten Begriffes „Leistung“ muss nicht eigens betont werden, so könnte man meinen. Es herrscht eine breite gesellschaftliche Auffassung vor, zumindest in Deutschland und anderen westlichen Industriestaaten, dass wir in einer „Leistungsgesellschaft“ leben und auch, dass „Leistung“ dasjenige Kriterium sein sollte – hauptsächlich in den Bereichen Schule und Arbeitswelt –, nach welchem Vorteile und Anerkennung bzw. materielle Güter und Einkommen verteilt werden.2 Hinterfragt man die inhaltlichen Vorstellungen, was überhaupt in welchen Kontexten als Leistung gilt, hinterfragt man zugleich die Legitimationsbedingungen. Von diesem Befund gehen auch die Herausgeber/innen in ihrer Einleitung (S. 7–35) aus, die systematisch in die Begriffe und das Problemfeld einführt. Die Einleitung bietet bereits eine konzise Darstellung und Zuspitzung des pädagogischen Leistungsdiskurses, da sie von der These einer doppelten Herausforderung der „Neuausrichtung der schulischen Wirklichkeit“ ausgeht. Weil das Leistungsprinzip ein gesamtgesellschaftlich akzeptiertes und ordnungsstiftendes Prinzip sein soll, kommt der Schule eine herausragende Stellung zu, da diese der erste Ort „von Leistungserbringung, Leistungsbewertung und ihren Feststellungsverfahren“ (S. 11) ist. Die Herausforderung ist deshalb doppelt, da eine zunehmende Standardisierung (durch Kompetenzmodelle) zu beobachten ist, ebenso wie eine zunehmende Individualisierung von Lern- und Entwicklungsprozessen. Beides hat Auswirkungen auf das Verständnis und vor allem die Zuschreibungsprozesse von Leistung(en) und Bildungsgerechtigkeit. Schäfer und Thompson arbeiten konzise die Probleme und Paradoxien dieser auf Chancengleichheit beruhenden Versprechungen heraus, wenn Leistung operationalisiert, verobjektiviert und zugleich individualisiert werden soll. So liefern sie eine unter anderem an Foucault (S. 14) und Heydorn (S. 18) orientierte theoretische Rekonstruktion aktueller bildungspolitischer Entwicklungen im Hinblick auf normative Vorstellungen und implizite Annahmen, die den Frage- und Problemhorizont der folgenden Beiträge nachvollziehbar und sachlich durchdacht eröffnen.

Der erste inhaltliche Beitrag (S. 37–60) von Sabine Reh, Kathrin Berdelmann und Joachim Scholz untersucht die Entstehung des „Leistungsdispositivs“ aus der Perspektive der Historischen Bildungsforschung. Die Autor/innen, angesiedelt an der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung in Berlin, fokussieren dabei insbesondere unterrichtliche Situationen anhand von Quellen des 18. und 19. Jahrhunderts. So zeigen die Autor/innen mit Blick auf die „Bedeutung des Ehrtriebes für die Erziehung“ (S. 39ff.), dass bereits die Pädagogik der Aufklärung (hier: der sogenannten „Philanthropen“ um Campe und Basedow) ein moralisches Verständnis von Fleiß und Ehrgeiz in das beginnende öffentliche Schulwesen imprägnierte. Hier liest man aufschlussreich, wie bereits im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts eine Diskussion entstand, wie im Heranwachsenden der „Ehrtrieb erzieherisch zu erwecken“ (S. 47) sei, ohne dass dieser „in Extreme ausarten“ solle, also erzieherisch „kontrolliert gelenkt“ werden könne. Dabei zeigt sich die ausgeprägte Rolle des modernen Schulwesens bei der „Universalisierung von Leistung“ (S. 56).

Eine systematische, mehr diskursanalytische Betrachtung des gegenwärtigen Bildungssystems liefern daraufhin Johannes Angermuller und Jens Maeße. Der ausführlichste Beitrag des Bandes (S. 61–108) mit dem Titel „Regieren durch Leistung“ setzt sich zum Ziel, die Gouvernementalisierung, das heißt die „Regierungstechniken“ des Sozialen in meritokratisch organisierten Gesellschaften herauszuarbeiten. Dabei liefert der Beitrag nicht nur eine theoretische Rekonstruktion ungleichheitskonstitutiver (Macht-)Mechanismen und „ordinaler Praktiken“ (S. 66), sondern auch weit gespannte Perspektiven auf unterschiedliche Anwendungsfelder wie (1) frühkindliche Pädagogik, (2) die Verleihung von Bildungstiteln am Beispiel akademischer Promotionen und (3) der Wirtschaftsforschung. Anhand der These „Kontrolle durch leistungsorientierte Ordnung“ werden diese Felder erörtert und ihr gemeinsamer Kern – das Leistungsdispositiv – theoretisch anspruchsvoll diskutiert.

Der Beitrag von Ralf Mayer (S. 109–134) widmet sich ebenfalls der „Legitimität von Selektionsprozessen im sozialen Raum“ vor dem Hintergrund normativer und normalisierender Aspekte des Leistungsmotivs. Ausgehend von den bereits in den 1970er-Jahren veröffentlichten soziostrukturellen Forschungen von Offe3 sowie den die ökonomische Sphäre im engeren betreffenden Untersuchungen von von Hayek (zu Leistungen „am Markt“), zeichnet Mayer die pädagogische Rezeption des Leistungsmotivs nach. Die übergreifende Klammer, so ließe sich der Beitrag lesen, bildet die Entwicklung der „bürgerlich-gesellschaftlichen Selbstverständigungsprozesse“ (S. 116) über sozialen Aufstieg, Erfolgsversprechen und die modernen „Selbstverwertungsprozesse“. Die pädagogische Rezeption des Leistungsmotivs wird mit Verweis auf die von Humboldt propagierte „Entfaltung der inneren Kräfte“ (S. 122) dargelegt, die sich heute vor allem in konfliktreichen „ökonomischen Konzeptualisierungen des Subjekts“ (S. 124) zeige. Die Hervorbringung eines gestalterischen und unternehmerischen Selbst ist es denn auch, die vom Autor abschließend durch bildungstheoretische Überlegungen problematisiert wird.

Eine dezidiert bildungsphilosophische Perspektive auf Leistung und Leistungsgerechtigkeit im Bildungswesen nimmt Krassimir Stojanov ein. Die These seines Beitrags (S. 135–150) problematisiert die unter anderem von Fend verteidigte Funktion der Selektion – als eine der (oft unhinterfragten) wesentlichen gesellschaftlichen Funktionen von Schule. Selektion sei weder empirisch notwendig noch normativ wünschenswert. Und Bildungsgerechtigkeit gehe deshalb nicht in Leistungsgerechtigkeit (qua Selektion) auf, da sie den egalitären moralischen Respekt für alle Kinder vielfach missachte (S. 148). Der Autor liefert eine anregende und streitbare Position, die weitere Auseinandersetzungen in diese Richtung erhoffen lässt.

Den Abschluss bildet der Beitrag von Alfred Schäfer (S. 151–180), der ein ganz anderes, seit einigen Jahren heftig diskutiertes Anwendungsfeld, thematisiert: das pharmazeutische Neuro-Enhancement. Die umgangssprachlich als „Hirndoping“ (S. 161) bezeichnete „Konzentrations- und Leistungssteigerung“ mit pharmazeutischen Mitteln (vgl. S. 152) stellt „das Spannungsverhältnis von Bildung und Leistung“ vor neue, zum Teil ungeahnte Herausforderungen. Da Schäfer parallel eine ganze Monographie zum genannten Thema publiziert hat, sei an dieser Stelle auch auf diese tiefergehende Analyse verwiesen.4 Hier geht es, wie Schäfer zu Recht festhält, um Konzepte wie „Autonomie“, „Authentizität“ und nicht zuletzt Gerechtigkeitsfragen im wettbewerbsorientierten Bildungssystem, die eine pädagogische Auseinandersetzung mit diesen bioethischen Debatten fordern.

Immer wieder nehmen die Beiträge, ganz unabhängig voneinander, Bezug auf das Verhältnis von „Macht“, „Wissen“ und dem dazugehörigen Leistungsgedanken. Dies geschieht in ihrem begrifflichen wie auch sachlogischen Zusammenhang, sodass die Rolle, die Funktionen und die normativen Hintergrundannahmen des Leistungsprinzips kritisch reflektiert werden. Der historische Blick auf die Entstehungsbedingungen wie auch sozialwissenschaftliche Analysen derzeitiger Deutungsmuster des Leistungsprinzips lassen den Band als vielfältig, prägnant und aktuell erscheinen. Kritisch anzumerken bleibt die weitgehende Fokussierung auf die „Versprechungen“ und „Verzerrungen“ des Leistungsgedankens, die seine „ideologische Disziplinierungsfunktion“ herausstreichen sollen. So bleibt denn auch der Blick getrübt, wie denn die positiven Seiten des Leistungsprinzips zu analysieren sind, die ja in der Einleitung durch den Hinweis auf die „gesellschaftskritische Bedeutsamkeit“ (S. 9) durchaus genannt werden. Dennoch bietet der Band insgesamt eine Zusammenschau überaus lesenswerter erziehungs- und gesellschaftswissenschaftlicher Betrachtungen eines für die pädagogische Profession spannungsreichen Bezugspunktes, an dem es sich weiter abzuarbeiten gilt.

Anmerkungen:
1 Die Ausdrücke „pädagogisch“, „erziehungswissenschaftlich“ und/oder „bildungswissenschaftlich“ werden hier synonym verwendet.
2 Vgl. Institut für Demoskopie (IfD) Allensbach, Was ist gerecht? Gerechtigkeitsbegriff und -wahrnehmung der Bürger, Allensbach am Bodensee 2013, S. 5f.
3 Claus Offe, Leistungsprinzip und industrielle Arbeit, Frankfurt am Main 1970. Die vieldiskutierte Studie bezieht sich vor allem auf die industrielle Erwerbsarbeit der 1960er- und 1970er-Jahre in Deutschland.
4 Alfred Schäfer, Schulische Leistungsdiskurse. Zwischen Gerechtigkeitsversprechen und pharmazeutischem Hirndoping, Paderborn 2015.

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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). https://bildungsgeschichte.de/
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