V. Dönninghaus u.a. (Hrsg.): Jenseits der "Volksgruppe"

Cover
Titel
Jenseits der "Volksgruppe". Neue Perspektiven auf die Russlanddeutschen zwischen Russland, Deutschland und Amerika


Herausgeber
Dönninghaus, Victor; Panagiotidis, Jannis; Petersen, Hans-Christian
Reihe
Schriften des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa 68
Erschienen
Anzahl Seiten
284 S.
Preis
€ 39,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Tim Buchen, Institut für Geschichte, Technische Universität Dresden

Erst in den 1930er- und 1940er-Jahren etablierte sich der Begriff „Russlanddeutsche“ als Sammelbezeichnung für konfessionell diverse und geographisch weit voneinander entfernt lebende deutschsprachige oder deutschstämmige Kolonisten im Zarenreich und der Sowjetunion. Die Reihung des Kompositums betont die Zugehörigkeit dieser Menschen zum „Deutschtum“. Diese völkische Vereinheitlichung und Vereinnahmung ganz unterschiedlicher Gemeinschaften wurde dabei durchaus von Vertretern und Aktivisten aus ihren Reihen mitgetragen und popularisiert, sodass bis heute Landsmannschaften und ihnen nahestehende Historiker:innen die Idee einer russlanddeutschen „Volksgruppe“ vertreten.

Der vorliegende Band möchte dazu beitragen, den essenzialisierenden Sprachgebrauch in der Geschichtsschreibung zu überwinden und zugleich die Prozesse der Selbstverortung und der Konstruktion von Zugehörigkeit russlanddeutscher Menschen selbst zum Untersuchungsgegenstand zu erheben. Die Herausgeber verweisen in ihrer Kritik des Begriffs der Volksgruppe als Analysebegriff auf Rogers Brubakers Beobachtung des Phänomens des „groupism“. Er bezeichnet eine (unbewusste) Denkfigur, die Menschen in stabile, nach innen homogene und nach außen klar abgrenzbare Gruppen einteilt, die gleichsam natürlich und voraussetzungsfrei existierten. Tatsächlich trage nicht zuletzt die Geschichtsschreibung dazu bei, dass diese gedachte Gruppe der „Russlanddeutschen“ überhaupt als vorgestellte Gemeinschaft entstand.

Das programmatische Vorwort der Herausgeber wird ergänzt durch einen Beitrag von Anke Hilbrenner zum Verhältnis von Erinnerung und Geschichte und der Vergleichbarkeit russlanddeutscher Erfahrungen mit jenen anderer diasporischer Gemeinschaften im russländischen bzw. sowjetischen Herrschaftsbereich. Sie plädiert dafür, anstatt von Identität lieber von Zugehörigkeiten zu sprechen, da dieser Begriff dem veränderlichen, situativen und mehrschichtigen Wechselspiel aus Fremdzuschreibung und Selbstwahrnehmung von Individuen und Kollektiven besser gerecht werde. In Anlehnung an Perspektiven und Konzepte der jüdischen Studien erkennt Hilbrenner in der Geschichte von Russlanddeutschen gar paradigmatisches Potential für eine noch zu schreibende transnationale Geschichte. Neben dem diasporischen Charakter deutschsprachiger Präsenz in Zarenreich und Sowjetunion, spreche auch die hohe, nicht selten globale Migration von Russlanddeutschen für eine transnationale Geschichte. Diese Perspektive und ihr Erkenntnisgewinn unterscheide sich notwendigerweise von den Erinnerungspraktiken russlanddeutscher communities. Der Topos von „den“ Russlanddeutschen als „Volk auf dem Weg“ verweist auf die Grenzen sowie weite Distanzen überwindende Migration vieler russlanddeutscher Kolonisten. Dies ist jedoch ebenso wenig wie der im 20. Jahrhundert häufig erzwungene Charakter von Migration ein Alleinstellungsmerkmal ethnischer Formationen in Zarenreich und Sowjetunion. Somit tragen auch Migrationserfahrung und -management von Russlanddeutschen einen exemplarischen Charakter.

Die eigentlichen Forschungsbeiträge gliedern sich in zwei Teile, die lapidar in „Damals“ und „Heute“ unterteilt sind, worauf sich ein Teil „Perspektiven“ anschließt, der Forschungsstand und mögliche zukünftige Forschungen aufzeigt.

Der erste historische Beitrag von Eric J. Schmalz (Oklahoma) untersucht die wissenschaftliche Auseinandersetzung amerikanischer Forscher mit russlanddeutschen Einwanderern. Die Suche nach einer geeigneten Bezeichnung für das sich seit den späten 1960er-Jahren in Nordamerika etablierende Forschungsfeld dient dabei als Aufhänger. Schmalz stellt eine Reihe universitärer Forscher dar, die in ihrer Mehrheit selbst russlanddeutsche Vorfahren hatten und die historische Arbeit mit ethnographischen und architekturhistorischen Studien verbanden. Ironischerweise kanonisierten sich Vorstellungen russlanddeutscher Geschichte und Praktiken als symbolische Normen zu einer Zeit, da sie auf der Handlungsebene im Alltag kaum noch eine Rolle spielten.

Der zweite Beitrag folgt einer interessanten Perspektive zur Bestimmung des Einflusses von Migrationserfahrungen auf die Ausbildung kollektiver Narrative. John Eicher (Altoona) analysiert zwei Gemeinschaften deutschsprachiger Mennoniten aus Russland, die sich nach Stationen in Nordamerika beziehungsweise Deutschland im Gran Chaco in Paraguay wiederfanden. Während die eine Gemeinschaft im späten 19. Jahrhundert aus Russland nach Kanada auswanderte und sich in der Zwischenkriegszeit geschlossen in Paraguay ansiedelte, um sich dem wachsenden Zugriff des kanadischen Staates auf Bildung und Religionsausübung zu entziehen, bestand die Fernheim-Kolonie aus Mennoniten, die erst mit der Kollektivierung die Sowjetunion in Richtung Weimarer Republik verließen. Während die erste Kolonie ihre Geschichte als Geschichte sich wiederholenden Weiterwanderns in „gelobte Länder“ erzählten, verursachte die abrupte Flucht und Zerstreuung einen Bruch des Identitätsnarrativs bei den anderen. Erst im Laufe der Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg synchronisierten sich allmählich die Geschichten der russlanddeutschen Mennonitenkolonien, die sich einander durch Einheiraten, geteilte Religion und Sprache annäherten.

Im anschließenden Beitrag wählt Martin Munke (Chemnitz) einen biographischen Zugang zum Verständnis russlanddeutscher „Identitätsmuster“ im 20. Jahrhundert. Am Beispiel der Brüder Georg und Gottlieb Leibbrandt, die sich wissenschaftlich mit der Geschichte der Russlanddeutschen betätigten und als einflussreiche Aktivisten der „Landsmannschaft der Deutschen aus Russland“ und Netzwerker zwischen deutschen und nordamerikanischen Russlanddeutschen wirkten, zeigt der Autor die Kontinuitäten identitätsstiftender Deutungsmuster über die Brüche des 20. Jahrhunderts hinweg. Von besonderem Interesse ist dabei das Engagement Georgs im Außenpolitischen Amt der NSDAP und in Rosenbergs Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete, wo er verantwortlich für die Einbindung von Volksdeutschen in die NS-Politik zeichnete.

Nikita Pivovarov (Moskau) stellt in seinem Aufsatz die Initiativen von tatarischen und deutschen Sowjetbürgern zur Wiedererlangung von Autonomierechten in der späten Sowjetunion dar. Soziale und ökonomische Reformen ermunterten Gemeinschaften in zahllosen Briefen und Telegrammen an Medien sowie Staats- und Parteistellen die „Lösung ihrer nationalen Frage“ und die „Wiederherstellung ihrer Nation“ zu fordern. Während letztere die Legitimität der Klagen gegen Diskriminierung durchaus zuerkannten, folgten daraus keine legislativen Konsequenzen. Dies lag nicht zuletzt daran, dass die Forderungen nach nationaler Anerkennung den Protest einer entstehenden russischen Zivilgesellschaft auf den Plan rief. Die Wirkung der Autonomiekampagnen bestand somit in erster Linie in der Frustration ihrer Initiatoren und einer zunehmenden Entfremdung und Spaltung der sowjetischen Gesellschaft.

Im ersten Beitrag des Abschnitts „Heute“ stellt Gesine Wallem (Berlin) interessante Fragen danach, wie bundesdeutsche Behörden die „deutsche Volkszugehörigkeit“ von sogenannten Spätaussiedlern bestimmen. Aus einer ethnographischen Perspektive interessiert sich die Autorin dafür, wie aus juristischen Definitionen und einer bürokratischen Praxis, die durch formelle Vorgaben sowie dem Verhalten von Sachbearbeiter:innen, Migrant:innen und Berater:innen bestimmt ist, Nationalität institutionalisiert wird. Sehr eindrücklich ist die Schilderung der Institutionalisierung von Deutschsein als einer Passage durch mehrtägige Unterbringung, erste Konfrontation mit Amtsdeutsch und abschließender Zuweisung eines Registrierscheins und Zuweisung in ein Bundesland nach Kontingent. Die Aneignung rechtlicher Kategorien durch Migrant:innen und die Deutung des Verfahrens als Aushandlungsprozess kann die Autorin hingegen nicht herausarbeiten. Mit großem Gewinn liest sich jedoch die konzise Darstellung, wie derartige staatliche Kategorisierungspraktiken aus dem Konzept der nationalen Identität eine rechtliche und in Dokumenten fixierte Realität herstellen.

Der daran anschließende Beitrag untersucht das Verhalten von Spätaussiedlern nach Erteilung der deutschen Staatsbürgerschaft, konkret das Siedlungsverhalten in ostdeutschen Kleinstädten. René Kreichauf (Berlin) bilanziert die fatalen Folgen des Wohnortzuweisungsgesetzes und dezentraler Verteilung der Spätaussiedler, die gepaart mit lokalen politischen Praktiken und institutioneller Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt segregierende Auswirkungen trugen und Fremdenfeindlichkeit förderten. Die soziologische Untersuchung der sachsen-anhaltinischen Kleinstadt Genthin macht zugleich auch die Gründe für eine „freiwillige Segregation“ von Spätaussiedlern verständlich.

James Casteel (Ottawa) vergleicht in seiner Studie die museologischen Repräsentationen russlanddeutscher und sowjetisch-jüdischer Geschichtsnarrative von Gruppen, die nach dem Untergang der Sowjetunion in die Bundesrepublik emigrierten. Während die sowjetisch-jüdischen Geschichtsdarstellungen ihren Platz in jüdischen Museen fanden, entstanden russlanddeutsche Ausstellungen in eigenständigen Formaten. Dies begünstigte die Kultivierung von Narrativen der Einzigartigkeit russlanddeutschen Leidens.

Rita Sanders (Köln) betrieb Feldforschung in zwei Luthergemeinden in Taldykorgan/Kasachstan und Kalinigrad um Gemeinschaft, Moral und Identität im Alltag zu bestimmen. Die Beziehung der beiden sehr kleinen und schrumpfenden Gemeinden zu deutscher Zugehörigkeit erweisen sich als komplex und verdeutlichen, dass die Identifikation von Religion und Nationalität hier nicht funktioniert.

Ruth Wittlinger (Durham) beschließt den zweiten Teil, indem sie vor dem Hintergrund etablierter Definitionen und Diskussionen um Diaspora-Minderheiten der Charakterisierung der Russlanddeutschen als einer diasporischen Gemeinschaft ausdrücklich zustimmt. Großes Augenmerk kommt der aktiven, immer wieder erneuerten Behauptung der Zentralität einer diasporischen Existenz zu, die seit den späten 1980er-Jahren sowohl in Deutschland als auch den Nachfolgestaaten der Sowjetunion zu beobachten ist.

Der letzte Teil „Perspektiven“ besteht aus einem Beitrag von Katrin Boeckh (Regensburg/München) zu Stand und Perspektiven der historischen Russlanddeutschenforschung sowie einem Schlusskommentar zu der dem Sammelband zu Grunde liegenden Tagung samt Tagungsprogramm von Dmytro Myeshkov (Lüneburg).

Während der Text von Boeckh die in der Einführung postulierten programmatischen Ideen aufgreift und in Hinblick auf thematische und methodische Neuausrichtungen gewinnbringend konkretisiert, ist der letzte Beitrag eher eine Dopplung der in der Einleitung erfolgten Vorstellung der Einzelbeiträge.

Insgesamt wird der Band seinem Anspruch gerecht, neue Perspektiven auf Russlanddeutsche zwischen Russland, Deutschland und Amerika zu werfen. Er versammelt informative und innovative Forschungsbeiträge aus unterschiedlichen Disziplinen zu völlig verschiedenen Aspekten russlanddeutscher Geschichte und Gegenwart auf vier Kontinenten. In der Tat werden die Herstellung und Aktualisierung von russlanddeutschen Narrativen und Zugehörigkeiten in allen Beiträgen auch zum Untersuchungsgegenstand. Insgesamt vier rahmende Beiträge erhöhen die Nutzbarkeit des Bandes als Einführung in das Forschungsfeld und Einladung für einen interdisziplinären Austausch. Hierzu tragen auch die vollständigen Literaturlisten am Ende jedes Kapitels praktisch bei.

Redaktion
Veröffentlicht am
Autor(en)
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache der Publikation
Sprache der Rezension