Cover
Titel
Die Treuhand. Idee – Praxis – Erfahrung 1990–1994


Autor(en)
Böick, Marcus
Erschienen
Göttingen 2018: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
767 S.
Preis
€ 79,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Thorsten Holzhauser, Historisches Seminar, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Die 1990er-Jahre treten zunehmend in den Fokus der Geschichtswissenschaft. Während sie dabei zuletzt noch im Schatten der vorangegangenen Jahrzehnte standen und allenfalls als katalytische Teilepoche längerfristiger Tendenzen erschienen, bemüht sich die neueste Zeitgeschichte verstärkt darum, ihr als eigenständigem Zeitraum gerecht zu werden und zugleich ihr Verhältnis zu den vorangegangenen Dekaden zu bestimmen.[1] Die Veränderungen und Umbrüche im Zuge der „postsozialistischen Transformation“ nehmen in dieser Hinsicht eine zentrale Rolle ein.[2] Sie stehen auch im Fokus der Dissertation des Bochumer Historikers Marcus Böick zur Treuhandanstalt, einem der umstrittensten Themen der deutschen Geschichte der neunziger Jahre – oder wie Böick es nennt: einem „erinnerungskulturellen Zombie der Wiedervereinigung“ (S. 15).

Dass die Treuhand einst dafür erfunden wurde, die „Rechte der DDR-Bevölkerung am Gesamtbesitz des Landes“ zu sichern[3], ist durch die lange Geschichte ihrer öffentlich rezipierten Skandale in Vergessenheit geraten und erscheint heute vielen als Treppenwitz der Geschichte, ist die Organisation doch für ihre Kritiker zum Inbegriff des „Ausverkaufs“ der DDR geworden. Andere dagegen halten nach wie vor an der Deutung fest, dass es zur Privatisierungsstrategie der Treuhand keine Alternative gegeben habe. Solche kontroversen Deutungen sieht Böick nicht als Hindernis, sondern nimmt sie zum Ausgangspunkt seiner zeithistorischen Studie, die entsprechend mit einem rund 75 Seiten langen, aber instruktiven Literaturbericht zur Treuhand-Anstalt beginnt. Während der Autor schon die zeitgenössische Debatte durch die beiden Pole „medienöffentliche Skandalisierung“ und „gegenwartswissenschaftliche Affirmation“ bestimmt sieht (S. 30), fällt sein Urteil über die geschichtswissenschaftliche Forschung nicht viel besser aus. Dieser fehle in Bezug auf die Treuhand die theoretische Reflexion ebenso wie die empirische Grundlage, sodass sich das Fach bisher damit zufrieden gegeben habe, zeitgenössische Erfolgs- und Misserfolgsnarrative fortzuschreiben.

Böick selbst verfolgt sodann das Ziel, den zeitgenössischen, medial wie wissenschaftlich reproduzierten Narrativen einen zeithistorischen Blick entgegenzusetzen, der stärker an Orten, Konstellationen und Akteuren orientiert ist und deren subjektive „Reflexionen, Motive und Erzählungen“ zur Geltung kommen lässt (S. 549). Die mit 700 Textseiten äußerst ausführliche, trotz einiger Längen aber gut geschriebene Studie erzählt drei unterschiedliche, miteinander verknüpfte Geschichten: die der konzeptionellen Planung und Entstehung der Treuhand-Anstalt („Idee“), die ihrer organisationspraktischen Umsetzung („Praxis“) sowie die Geschichte ihrer erfahrungsgeschichtlichen Reflexion seitens der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter („Erinnerung“). Dies geschieht mithilfe eines theoretischen Ansatzes, der sich an Erving Goffman anlehnt: Demnach wird die Treuhand als „Arena des Übergangs“ begriffen, in der die Treuhand-Mitarbeiter als „Schauspieler“ auf der „Bühne“ der Organisationsstruktur das „Stück“ des Wirtschaftsumbaus zur Aufführung bringen (S. 86) – wobei Goffmans Metapher der Studie eher als Orientierungsrahmen dient.

Im Gegensatz zum entstehenden Treuhand-Projekt des Instituts für Zeitgeschichte standen Böick für seine Studie die umfangreichen Archivbestände der Anstalt noch nicht zur Verfügung. Entsprechend wartet das Buch auch nicht mit neuen, aus den Archiven geborgenen Enthüllungen aus dem Innenleben der Treuhand oder mit neuen Fakten über einzelne Treuhand-Verkäufe auf. Stattdessen fragt der Autor, „wie, durch wen und auf welche Weise der Übergang vom planwirtschaftlichen Sozialismus zum marktwirtschaftlichen Kapitalismus konzeptionell erdacht, alltäglich gestaltet und individuell reflektiert wurde“ (S. 17). Auf der Suche nach Antworten auf diese Fragen stützt sich Böick neben dem zahlreichen zeitgenössisch publizierten Dokumentationsmaterial auf eine Reihe von unveröffentlichten und wenig genutzten Interviews, die der Ethnologe Dieter Rost im Jahr 1992/93 mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Treuhand geführt hat.[4] Damit gelingt es dem Autor, einen mikroskopischen Einblick in das Innenleben und die Alltagspraxis der Organisation zu geben, vor allem aber die Selbstbilder der Angestellten herauszustreichen.

Der besondere Reiz der Arbeit besteht darin, dass sie mit dem Management-Personal der Treuhand eine zentrale Akteursgruppe in den Blick nimmt, der mit ihrem Selbstverständnis als „zupackende, entscheidungs- wie lösungsorientierte ‚Praktiker’ des Wirtschaftsumbaus“ (S. 96) für die Zeitgeschichte der neunziger Jahre eine sicherlich paradigmatische Rolle zukommt. Dabei zeichnet die Arbeit ein Bild des Treuhand-Personals als sozial-kulturell keineswegs einheitliche Gruppe, die in ihrer Mehrheit zwar ostdeutsch, weiblich und Planbehörden-erfahren war, die in Führungspositionen aber eindeutig von männlichen Industriemanagern, Verwaltungsexperten und Nachwuchskräften aus dem Westen dominiert wurde. Wie Böick sehr eindrucksvoll herausarbeitet, herrschte in den internen wie externen Wahrnehmungen ein westlich-marktwirtschaftlicher Frontier-Gedanke, der die kapitalistische Transformation „des Ostens“ als patriotische Aufgabe, als persönliche „Challenge“ und als ideologische „Mission“ begriff und dessen Exponenten als starke, männliche Macher rezipiert wurden. Dass sich in ihren Wahrnehmungen und Selbstbeschreibungen auch zahlreiche kolonialistische und militaristische Sprachbilder finden lassen, gibt der zeitgenössischen Propaganda von der westdeutschen Kolonialisierung des Ostens eine ganz neue Dimension. Ebenso interessant ist aber auch das Bild, das Böick von den ostdeutschen „Altkadern“ zeichnet, die sich an einer „Korrektur“ der planwirtschaftlichen Vergangenheit versuchten. Mit diesem selbstkritischen Ansatz stellten sie nicht nur das komplementäre Gegenbild zu den selbstbewussten Westmanagern dar, sondern repräsentierten ein Streben nach Anpassung und Rehabilitierung, das auch aus anderen postkommunistischen Zusammenhängen bekannt ist.[5]

Anlass zum weiteren Nachdenken gibt Böicks ideen- und zeithistorische Verortung der Treuhand. Dass die Anstalt als „sich selbst radikalisierende Agentin und hochumstrittene Referenz“ eines „revolutionären Umbruchsgeschehens“ zu deuten ist (S. 733), kann nach Lektüre des Buchs kaum mehr angezweifelt werden. Letztlich bleibt aber unklar, wie es dazu kommen konnte, dass sich eine „markteuphorische Deutung des postsozialistischen Wirtschaftsumbaus“ (S. 157) zu einer hochriskanten Transformationsstrategie mit unbedingtem Privatisierungsprimat verdichten konnte, an der trotz aller politischen Warnsignale und Anpassungen festgehalten wurde. Wo kam diese Markteuphorie bei den entscheidenden Akteuren her? Böicks These, dass nicht Milton Friedman, sondern Ludwig Erhard „an der Wiege von Treuhand und Massenprivatisierungen“ gestanden habe (S. 726), passt hierzu nur bedingt und müsste eingehender begründet werden, bleibt das Verhältnis der Manager zum „Neoliberalismus“ doch letztlich ungeklärt. Schließt die Tatsache, dass die Akteure Bezug auf einen Essay Ludwig Erhards aus dem Jahr 1953 nahmen, tatsächlich andere (indirekte) Einflussfaktoren aus? An dieser Stelle hätte sich der Leser eine stärkere Verortung in den wirtschaftspolitischen Debatten und Diskursen der achtziger und neunziger Jahre gewünscht, in denen Privatisierung und Vermarktlichung ja umfassendere, mit Heilsversprechen versehene Phänomene waren, ohne dass gleich von einer neoliberalen „Verschwörung“ gesprochen werden muss. Auch eine umfassendere Kontextualisierung in den zeitgenössischen Privatisierungspraktiken Europas, man denke an Thatchers Großbritannien ebenso wie an die postsozialistischen Staaten Ostmitteleuropas, wäre denkbar gewesen. Die sehr interessanten Ausführungen Böicks zum Treuhand-Export nach Osten können als Impulse für weitergehende Untersuchungen begriffen werden.

Dass die spezifischen politökonomischen Leitvorstellungen der achtziger und neunziger Jahre das Handeln der Treuhand möglicherweise stärker prägten, als Böick es mit seinem Fokus auf das Situative deutet, unterstreichen weitere Befunde der Studie: die Fixierung auf die quantitative Dimension möglichst schneller und umfassender Privatisierungen, die Dominanz betriebswirtschaftlicher Logiken, die zum Teil mathematisch anmutenden Vorgaben sowie nicht zuletzt die Rolle und das Selbstverständnis der vermeintlich unpolitischen Experten und Technokraten im „marktorientiert-unternehmerischen Sonder- und Ausnahmeregime“ Treuhand (S. 727), die in das zeitgenössische Verständnis modernen Regierens im „postideologischen Zeitalter“ nahtlos passten. Für eine Historiographie der neunziger Jahre, die nach diesen Zusammenhängen fragt, wird Böicks Buch aber ohne Zweifel einen zentralen Referenzpunkt darstellen, und ebenso handelt es sich um einen gelungenen Auftakt für die Serie geschichtswissenschaftlicher Arbeiten zur Treuhand, die in den kommenden Jahren zu erwarten ist.

Anmerkungen:
[1] Vgl. exemplarisch Andreas Wirsching, Der Preis der Freiheit. Geschichte Europas in unserer Zeit, München 2012; Edgar Wolfrum, Rot-Grün an der Macht. Deutschland 1998-2005, München 2013; Heinrich August Winkler, Geschichte des Westens, Teil 4: Die Zeit der Gegenwart, München 2015; Ulrich Herbert, Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhunderts, München 2014 (Kap. 21 und 22); Andreas Rödder, 21.0. Eine kurze Geschichte der Gegenwart, München 2015; Anselm Doering Manteuffel/Lutz Raphael/Thomas Schlemmer (Hrsg.), Vorgeschichte der Gegenwart. Dimensionen des Strukturbruchs nach dem Boom, Göttingen 2016.
[2] Vgl. Philipp Ther, Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa, Berlin 2014.
[3] Wolfgang Ullmann, Der Runde Tisch. Wortprotokoll, 12. Sitzung, 12.2.1990, in: Uwe Thaysen (Hrsg.), Der zentrale Runde Tisch der DDR. Wortprotokoll und Dokumente, Wiesbaden 2000, S. 709.
[4] Vgl. auch Christiania Weber, Treuhandanstalt. Eine Organisationskultur entsteht im Zeitraffer, Wiesbaden 1996.
[5] Vgl. Anna M. Grzymała-Busse, Redeeming the Communist Past. The Regeneration of Communist Parties in East Central Europe, Cambridge 2002; Diana Morlang, Hungary. Socialists Building Capitalism, in: Jane Curry/Joan Barth Urban (Hrsg.), The Left Transformed in Post-Communist Societies. The Cases of East-Central Europe, Russia and Ukraine, Lanham/Boulder/New York/Oxford 2003, S. 61–98; Ther, Die neue Ordnung, S. 92 f.