M. Foster: The Seer and the City

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Titel
The Seer and the City. Religion, Politics, and Colonial Ideology in Ancient Greece


Autor(en)
Foster, Margaret
Erschienen
Anzahl Seiten
XII, 217 S.
Preis
£ 74.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jessica Kahl, Institut für Altertumswissenschaften, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Bei der Beschäftigung mit der Weissagekunst im antiken Griechenland werden zumeist die großen Orakelstätten, allen voran Delphi, in den Mittelpunkt gestellt. Der Orakelprozess dort ist gut nachvollziehbar – man reist an, stellt seine Frage, erhält eine (oft nicht ganz eindeutige) Antwort und reist wieder ab. Weitere Formen der Weissagekunst rücken in der Forschung daher oft weniger ins Blickfeld, obwohl wir in den antiken Quellen ausreichend Belege für beispielsweise umherziehende Seher finden. Umso spannender ist es daher, wenn die Seher in der griechischen Archaik einmal in den Fokus einer wissenschaftlichen Studie rücken: Margaret Foster versucht in ihrer Untersuchung darzulegen, warum wir nichts beziehungsweise nur sehr wenig über den griechischen Seher im Rahmen der Kolonisationsbewegung der Griechen erfahren, da es sich ihrer Meinung nach um ein für die Seher einträgliches Betätigungsfeld gehandelt haben müsse. Die gängige Begründung, dass Seher für die Gründungsmythen einfach nicht von großer Bedeutung gewesen seien und deswegen in diesen nicht erwähnt würden, will Foster entkräften und stattdessen aufzeigen, dass insbesondere die Oikisten die Seher in den Mythen und Geschichten zur Gründung von Kolonien verdrängt hätten (S. 3). Sie erarbeitet ihre Überlegungen dazu in insgesamt sechs Kapiteln (fünf Fallbeispielen und einer Modellbeschreibung), welchen sie eine gut strukturierte Einleitung voranstellt. Diese bringt dem Leser nicht nur ihre theoretischen und methodischen Vorüberlegungen (S. 4–8) sowie einen Überblick zur bisherigen Forschung (S. 8–13) nahe, sondern zeigt auch die Ziele der folgenden Fallstudien genauer auf (S. 20–22). Mithilfe häufiger Zwischenfazite und Wiederholungen der wichtigsten theoretischen Grundlagen fällt es dem Leser durchgehend leicht, sich im Werk zu orientieren.

Im ersten Kapitel will Foster aufzeigen, wieso sie den Seher überhaupt bei den Koloniegründungen erwartet. Diese setzt sie grundständig mit militärischen Kampagnen gleich. In solchen sei es wiederum nötig gewesen, einen Träger von „talismanic power“ (S. 24) auf seiner Seite zu wissen, der mehr oder weniger eine göttliche Garantie für Erfolg mit sich gebracht habe. Diese Sicherheit habe etwa die Sieger der Kranzspiele ausgezeichnet, weswegen Milo von Kroton mit seinen insgesamt sechs Siegen ein guter Garant für den militärischen Erfolg gewesen sei. Seher seien Träger einer besonders starken „talismanic power“ und dadurch – zusätzlich zu ihren mantischen Fähigkeiten – für einen Kriegszug besonders relevant gewesen. Foster erläutert die Herkunft dieser Macht für den Seher Teisamenos (S. 35–40) und stellt zum Ende des Kapitels fest, dass es sowohl Sportlern und Sehern als auch Oikisten durch ihre jeweilige „talismanic power“ möglich gewesen sei, als Anführer einer Gruppe zu wirken (S. 48–50).

Daran anschließend wendet sich Foster einer frühen Gründungsgeschichte zu: der Wiedergründung von Ithaka durch Odysseus als Oikist. Ihm stand Theoklymenos als Seher zur Seite, und Foster zeigt hieran, dass Oikist und Seher durchaus auch nebeneinander Bestand gehabt hätten. Beiden sei es möglich gewesen, die Aufgaben des jeweils anderen zu übernehmen (S. 74), was in späterer Zeit zu einem Wettbewerb zwischen Seher und Oikist geführt und schließlich in spätarchaischer und klassischer Zeit im Verschwinden des Sehers aus den Gründungsgeschichten geendet habe. Diese Entwicklung steht im eher theoretischen, dritten Kapitel im Mittelpunkt. Zwei Faktoren spielen bei dieser Unterdrückung des Sehers eine entscheidende Rolle: Zum einen werde der Oikist durch seine enge Bindung an Delphi selbst mit „talismanic power“ beziehungsweise einem göttlichen Mandat (S. 79–81) ausgestattet, könne also im Gegensatz zu den meisten Feldherren auch allein, also ohne Unterstützung durch einen Seher, den glücklichen Ausgang seiner Mission garantieren. Zum anderen werde der Seher aufgrund seiner Unabhängigkeit immer wieder als Gefahr für die politischen Machthaber aufgefasst, als destabilisierender Faktor, der auch dem Oikisten gefährlich werden könne (S. 82–86).

Nachdem Foster dieses Modell zur Begründung der Unterschlagung der Seher in den Gründungsgeschichten von Kolonien vorgestellt hat, möchte sie es in den folgenden Kapiteln an drei Fallbeispielen überprüfen. Zuerst widmet sich Foster der elften Ode des Bacchylides, in welcher ihrer Auffassung nach einerseits der Seher Melampous zugunsten des Königs Proitos aus der mythischen Gründungsgeschichte von Tiryns entfernt wurde, andererseits eine Übertragung dieser mythischen Figuren auf die historischen Gegebenheiten stattgefunden habe: Die Machtstellung des mit der Ode geehrten Alexidamos beziehungsweise seiner Familie, die die Kontrolle über das Artemis-Heiligtum bei Metapont innehatte, wurde durch die Gleichsetzung mit dem mythischen König Proitos gefestigt, während der Einfluss des hinzugekommenen Kultes des Apollon geschmälert wurde, indem Aristeas, der Begründer des Apollon-Kultes in Metapont, mit Melampous gleichgesetzt wurde (S. 88–107). Dann folgt eine Untersuchung des Sehers Hagesias, der in der sechsten olympischen Ode Pindars als loyaler Charakter gegenüber Hieron, dem Tyrannen von Syrakus, dargestellt werde. Da Hagesias und seine gesamte Familie, die Iamiden, nach Pindar über keinerlei politische Ambitionen verfügten, seien sie für den Tyrannen keine Gefahr gewesen und Hieron habe im Gegenteil ihr kulturelles Gewicht für seine Zwecke nutzen können, indem Hagesias beispielsweise zum synoikistēr – also zum Mitbegründer – von Syrakus geworden sei (S. 108–135). Als letztes Fallbeispiel wird schließlich die Beziehung zwischen Amphiaraos, Alkmaion und dem delphischen Orakel untersucht. Amphiaraos und das delphische Orakel werden dabei von Foster als gleichwertige Möglichkeiten, einen mantischen Rat einzuholen, nebeneinandergestellt. Der Seher Amphiaraos wird auch in keiner Weise unterdrückt, wie es nach dem Modell zu erwarten ist. Dies passiere im Grunde erst bei Alkmaion, dem Sohn des Amphiaraos, wenn auch auf eine unerwartete Art. Dieser wurde nämlich nicht aus einer Gründungsgeschichte herausgestrichen, sondern vielmehr in den Mythos zur Gründung Akarnaniens hineintransferiert – allerdings als ein von Delphi legitimierter Oikist und nicht als Sohn eines Sehers mit mantischen Fähigkeiten. Dies stellt zwar eine Abweichung von Fosters Modell dar, liefere ihrer Meinung nach aber letztendlich dasselbe Ergebnis: eine Gründungsgeschichte ohne die Teilnahme eines Sehers (S. 136–183).

Abschließend weist Foster darauf hin, dass ihr Modell nur für einen bestimmten Zeitraum – die späte Archaik und frühe Klassik – und nur für eine bestimmte Region – das griechische Festland und Magna Graecia – gelte. Außerhalb dieser Grenzen fänden sich unterschiedlichste Beispiele für die Teilnahme von Sehern an Koloniegründungen (S. 186–190). Abgerundet wird das Werk mit einer 15-seitigen Bibliografie und einem hilfreichen Gesamtindex mit Namen, Orten und Begriffen sowie einem Stellenverzeichnis.

Wer eine Geschichte der griechischen Seher von ihren mythischen Anfängen bis hin zu den historisch greifbaren Personen erwartet, der wird bis auf einen kurzen Abriss zum Seher im Allgemeinen (S. 13–19) enttäuscht. Wer jedoch auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage ist, warum wir gerade über griechischen Seher in der späten Archaik und der frühen Klassik kaum etwas in den vielen Gründungsmythen der Kolonien dieser Zeit erfahren, der wird im Werk von Foster eine durchdachte, die rezente Forschung einbeziehende und mit vielen überzeugenden Fallbeispielen illustrierte Überlegung finden.

Redaktion
Veröffentlicht am
25.11.2019
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