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Titel
Hans Delbrück und Weimar. Für eine konservative Republik – gegen Kriegsschuldlüge und Dolchstoßlegende


Autor(en)
Lüdtke, Christian
Reihe
Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 99
Erschienen
Göttingen 2018: Vandenhoeck & Ruprecht
Anzahl Seiten
432 S.
Preis
€ 70,00
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Sebastian Rojek, Historisches Institut, Universität Stuttgart

Christian Lüdtke widmet sich in seiner Bonner Dissertation einem der wichtigsten Intellektuellen und politischen Publizisten des Kaiserreichs und der Weimarer Republik: dem Historiker Hans Delbrück (1848–1929). Erstaunlicherweise liegt bisher keine wissenschaftliche Biographie über diesen umtriebigen und bestens vernetzten Wissenschaftler vor. Die bisherige Forschung widmete sich zwar verschiedenen Aspekten der Aktivitäten Delbrücks, aber eine umfassende Analyse, die sich auf den reichhaltigen Nachlass Delbrücks stützt, steht nach wie vor aus.[1] Die bestehende Lücke zu füllen, strebt auch Lüdtke mit seiner Arbeit nicht an. Er versteht seine Studie vielmehr als eine Untersuchung des „politische[n] und publizistische[n] Wirkens des Historikers“ (S. 8) in der Weimarer Republik. Dabei ist sein Erkenntnisinteresse weder primär biographisch noch als Beitrag zur Geschichte der Geschichtswissenschaften motiviert. Vielmehr ist Lüdtke an der politischen Kultur im Deutschland der 1920er-Jahre interessiert. Delbrück dient ihm als „Gradmesser“ (S. 14), um rekonstruieren zu können, wie sich die „politische Grundachse des Reichs [...] im Verlauf der Jahrzehnte von etwa 1890 bis 1945 stückweise nach rechts“ (S. 11) verschob. Der Autor unterstellt eine hohe Kontinuität der insgesamt konservativ grundierten politischen Vorstellungen seines Protagonisten, sodass sich anhand von dessen Interventionen in den historisch-politischen Debatten seiner Zeit zeigen lasse, wie diese sich zunehmend in Richtung eines radikalen Nationalismus im Sinne Geoff Eleys entwickelt hätten. Die Positionen Delbrücks erscheinen dabei als mögliche Alternativen, die den verfeindeten politischen Lagern in der Republik potentiell einen Weg zur Aussöhnung wiesen. Dass diese sich letztlich nicht realisieren ließen, belege die langfristige Verschiebung der politischen Kultur nach rechts.

Lüdtkes Studie stützt sich neben Delbrücks Publikationen vor allem auf dessen umfangreichen Nachlass, insbesondere die zahlreich erhaltenen Briefwechsel, die Auswertung relevanter Periodika und die Hinterlassenschaft, die Delbrücks Engagement in verschiedenen Kommissionen betrifft. Diese günstige Überlieferungssituation erlaubt nicht nur einen Einblick in Delbrücks weitreichende Aktivitäten, sondern macht auch dessen Vernetzung mit nahezu sämtlichen politischen Lagern der Republik transparent. In der Einleitung entfaltet der Autor seine Untersuchungskategorien, gibt Aufschluss über die Quellenlage, den Forschungsstand und verortet seine Arbeit in der Kulturgeschichte der Politik und der Intellektuellengeschichte. Bevor Lüdtke sich seinem eigentlichen Gegenstand zuwendet, erläutert er im Schnelldurchlauf Delbrücks (politische) Entwicklung während des Kaiserreichs. Delbrück stammte aus einflussreicher Familie und verfügte über beste Kontakte zu den Spitzen des Reiches. Er hatte am Deutsch-Französischen Krieg teilgenommen und studierte anschließend Geschichte. In den 1880er-Jahren war er als Parlamentarier im Preußischen Abgeordnetenhaus und im Reichstag tätig, ohne aber eine dauerhafte Parteibindung einzugehen. Dennoch habe sich Delbrück nicht als Politiker verstanden, sondern primär als Gelehrten (seit 1896 bekleidete er den Lehrstuhl für Weltgeschichte in Berlin), der vor dem Hintergrund seiner historischen und insbesondere kriegsgeschichtlichen Kenntnisse publizistisch aktiv war. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs erlaubte ihm vor allem die von ihm herausgegebene Zeitschrift „Preußische Jahrbücher“, auf dem Meinungsmarkt unabhängig und durchaus kritisch gegenüber der Politik von Kaiser und Reichsleitung zu agieren. Lüdtke kennzeichnet seinen Protagonisten als mehr oder weniger typischen preußisch-protestantischen Konservativen, der zwar national im Sinne einer Gleichberechtigung aller Nationen dachte, aber den Alldeutschen ob ihres nationalen Fanatismus kritisch gegenüberstand. Deshalb bekämpfte er während des Weltkriegs die Anhänger eines Siegfriedens und weitreichender Kriegsziele, wie sie sich etwa in der „Vaterlandspartei“ und der 3. Obersten Heeresleitung artikulierten.

Sein öffentlichkeitsbewusstes Engagement und sein unabhängiges Urteil machten ihn zu einer prominenten Person, die von Journalisten häufig um Artikel gebeten wurde, sodass er in den 1920er-Jahren zahllose Texte für Zeitungen sämtlicher politischer Milieus verfasste. Delbrück dürfte damit zu den breitenwirksamsten Public Intellectuals der Weimarer Republik gehört haben. Diese Stellung, die Delbrück im Alter von 70 Jahren erreicht hatte, bildet die Voraussetzung für die Analysen des Hauptteils, der sich in drei ungefähr gleich lange Teile gliedert. In einer überzeugenden Mischung aus Systematik und Chronologie rekonstruiert Lüdtke Delbrücks Engagement für eine „konservative Republik“ (S. 65–181), seinen Kampf gegen die „Kriegsschuldlüge“ (S. 183–305) und die „Dolchstoßlegende“ (S. 307–391). Der Historiker erscheint dabei als eine Person, die an allen für diese Fragen relevanten Debatten in der einen oder anderen Weise teilgenommen hat, sei es in Historischen Kommissionen, als Gutachter im sogenannten Münchener Dolchstoßprozess oder eben als unermüdlicher Publizist und Briefschreiber. Das Fazit fasst die Ergebnisse dieser „Reise“ durch die politische Kultur Weimars konzise zusammen. Wie sehen diese Ergebnisse im Einzelnen aus?

Nach der Kriegsniederlage konvertierte Delbrück zum „Vernunftrepublikaner“ (S. 116), der für eine „Versöhnung“ (S. 149) zwischen Kaiserreich und Republik eintrat und durch sein publizistisches Wirken danach strebte, „die konservativen und gemäßigten Kräfte im Bürgertum an die Republik heranzuführen“ (S. 120). Deshalb avancierte er auch zu einem der aktivsten Protagonisten in der Kriegsschuldfrage. Er bestritt die Kriegsschuld des Reiches, in der Hoffnung so Argumente zu gewinnen, um das Versailler Vertragswerk mittelfristig revidieren zu können. Dabei wies er durchaus auf eine Mitverantwortung der Reichsleitung hin, vertrat aber gelegentlich auch die Position einer völligen Unschuld des Reiches, wie es die Rechten seit jeher taten. Grundsätzlich aber bemühte er sich um ein gerechtes Urteil, das innenpolitisch darauf zielte, eine Einheitsfront zu schaffen, die sich auf den Konsens einer Mitverantwortung des Reiches stützen sollte. In dieser Perspektive war die Monarchie nicht durch die Eröffnung des Krieges 1914 delegitimiert, sondern erst durch dessen Ende. Hierin sah Delbrück einen Weg, der es gemäßigtem Bürgertum und Arbeiterschaft erlauben sollte, sich gemeinsam auf den Boden der Republik zu begeben, ohne weder dem Kaiserreich noch der Demokratie gänzlich ihre Berechtigung zu entziehen.

Delbrücks Kampf gegen die Dolchstoßlegende und die radikalen rechten Kreise in der Republik wiederum stand in Kontinuität mit seinen Positionen seit dem späten Kaiserreich. Von einem nationalen Standpunkt aus bemühte er sich zu zeigen, dass es diese Kräfte gewesen seien, die das Reich in die Niederlage geführt hätten, was wiederum die Republik stützte. Letztlich wirkte Delbrück zwar in alle politischen Lager, verblieb aber nicht zuletzt deshalb in einer Zwischenposition, da „keine politische Gruppierung ihn vollauf für sich in Anspruch nehmen konnte“ (S. 140). So blieb er in seinem Kampf gegen die Radikalnationalisten letztlich ein Solitär, dessen Stimme die gesellschaftlichen Konflikte nicht wirksam überbrücken konnte.

Lüdtke scheut in seiner insgesamt gelungenen und gut lesbaren Studie nicht vor klaren Urteilen über seinen Protagonisten zurück, etwa wenn er einzelne Vorhaben als „in hohem Maße verantwortungslos“ (S. 197) kennzeichnet oder feststellt, Delbrück habe sich „verrannt“ (S. 234). Insgesamt hat Christian Lüdtke eine gründliche Studie vorgelegt, die nicht nur einen wichtigen Baustein für eine umfassende Biographie Hans Delbrücks liefert, sondern auch zahlreiche Details zur Entwicklung der politischen Kulturgeschichte und Geschichtspolitik der Weimarer Republik bietet. Ein klarer Aufbau erleichtert dabei den gezielten Zugriff, um die Einzelergebnisse, die Lüdtke hinsichtlich der vielen rekonstruierten Debatten (Fürstenabfindung, Flaggenfrage, Arbeit im Reichstagsuntersuchungsausschuss etc.) bietet, auch für Forschungsvorhaben jenseits der Person Delbrücks zu berücksichtigen.

Anmerkung:
[1] Vgl. etwa Anneliese Thimme, Hans Delbrück als Kritiker der wilhelminischen Epoche, Düsseldorf 1955; Andreas Hillgruber, Hans Delbrück, in: Hans-Ulrich Wehler (Hrsg.), Deutsche Historiker, Göttingen 1973, S. 416–428; Sven Lange, Hans Delbrück und der „Strategiestreit“. Kriegführung und Kriegsgeschichte in der Kontroverse 1879–1914, Freiburg im Breisgau 1995; Wilhelm Deist, Hans Delbrück – Militärhistoriker und Publizist, in: Militärgeschichtliche Zeitschrift 57 (1998), S. 371–383.

Redaktion
Veröffentlicht am
05.12.2019
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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