H. C. Mätzing: Georg Eckert 1912–1974

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Titel
Georg Eckert. 1912–1974. Von Anpassung, Widerstand und Völkerverständigung


Autor(en)
Mätzing, Heike Christina
Erschienen
Anzahl Seiten
589 S.
Preis
€ 48,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michele Barricelli, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München

Es gibt in Deutschland nur wenige Menschen, deren Name mit der Bezeichnung für eine international renommierte Forschungs- und Bildungseinrichtung quasi gleichgesetzt wird. Dies ist der Fall bei Georg Eckert. Doch was wissen wir heute eigentlich noch über diesen Ethnologen, Historiker, Pädagogen? Sein (nicht allzu langes) Leben zwischen Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Bundesrepublik Deutschland verlief ungewöhnlich, möglicherweise war seine Biographie, wie die Biographin Heike Christina Mätzing nun schreibt, sogar „einzigartig“ (S. 15). Er leistete Vieles und Vielfältiges, von dem Wissenschaft, Bildungspolitik und Geschichtsdidaktik heute noch profitieren. Er entwarf Pläne und Programme für einen demokratischen Geschichtsunterricht nach 1945 (die im restaurativen Gegenwind der Zeit nicht realisiert wurden). Er gründete als SPD-Mitglied das „Archiv für Sozialgeschichte“, aber ebenso, auf ganz eigene Faust und völlig unsicheren rechtlichen Grundlagen, das Internationale Institut für Schulbuchverbesserung (heute: Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung). Er war Präsident der deutschen UNESCO-Kommission – damals ein Amt von einigem Renommee. Sein ganzes Wirken galt Frieden und Völkerverständigung nach dem Zweiten Weltkrieg. Er starb den Bühnentod eines erschöpften Professors inmitten einer Vorlesung vor seinen Studierenden. Aber er wurde auch 1937 NSDAP-Mitglied. In den späteren Kriegsjahren indes war er als Leiter einer Marinewetterwarte im von Deutschland besetzten Griechenland eine Vertrauensperson der bedrängten Bevölkerung, vermittelte, half, warnte, trat vollends auf die Gegenseite über und wurde zum Zeugen der Auslöschung einer der vordem größten jüdischen Gemeinden Europas in Saloniki.

Georg Eckert jedenfalls hat nie die ihm gebührende wissenschaftliche und publizistische Würdigung erfahren, obgleich doch sein Name, gerade weil er für eine Art anderes Deutschland in finstersten Zeiten stand, an sehr vielen Orten der Welt bis heute einen ganz besonderen Klang besitzt. Dies nachzuholen hat sich also Heike Christina Mätzing, Historikerin und Geschichtsdidaktikerin an der TU Braunschweig, vermittels ihrer Biographie zum Ziel gesetzt.[1]

Mätzing hat während ihres Studiums in Braunschweig, wie sie in ihrem ansehnlichen Band an verschiedenen Stellen einfließen lässt, Eckerts „Visionen und sein[en] Esprit“ (S. 13) Jahre nach dessen Tod noch verspürt. Aber sie schreibt, wie sie ebenso betont, keineswegs aus einer Perspektive der besonderen Nähe oder tieferen Verbundenheit. Überhaupt umgab Eckert, der in seinem Leben kaum echte kollegiale Beziehungen aufgebaut hat, trotz des Anscheins von Jovialität eine gewisse Unnahbarkeit. Ein Urteil über ihn wird daher stets von einiger Distanz geprägt sein. Seit 1948/52 führte er den Professorentitel – freilich „nur“ an der auf NS-Vorläufern neu gegründeten Pädagogischen Hochschule Braunschweig, was weit entfernt anzusiedeln ist von einem Lehrstuhl oder einer ordentlichen Universitätsprofessur –, und zwar für „Geschichte und Methodik des Geschichtsunterrichts“. Eben deswegen, auch wenn Mätzing diese „mythenähnlich[e]“ Ahnenreihe nicht anerkennen mag (S. 387), waren es bislang vornehmlich Vertreter der Geschichtsdidaktik (darunter der Rezensent), die sich in ihren Schriften der Figur Eckerts annahmen.[2]

Mit „Anpassung, Widerstand und Völkerverständigung“ werden die drei großen, von außen rasch erkennbaren Lebensthemen im Untertitel des Werks sicher stimmig bezeichnet. Mätzing betrachtet sie chronologisch, liefert teils Unbekanntes zu Herkunft, Familie („kosmopolitisch“, S. 36) und aus seinem persönlichen Leben. Sie fügt, was gut gelingt, über den Band verteilt in sich geschlossene Exkurse zu politischen oder kollegialen Weggenossinnen und Weggenossen sowie der Ehefrau und „Kameradin“ Magda (geb. Lauffs) ein, wodurch für eine gewisse individuelle Multiperspektivität gesorgt wird.

Ohne jede Frage haben Mätzings Suche in den Archiven, die Sichtung des verstreut gelagerten und zu Teilen noch ungeordneten Nachlasses sowie Gespräche mit verschiedenen Zeitzeugen (weniger widmet sie sich der Re-Lektüre seiner Werke) Früchte getragen. So entsteht ein dynamisches Lebensbild in seinen Kontexten, ein historischer Wurf mit subjektiven Beimischungen, der manchmal sogar launige Details enthält. Die Gewichtung des biographischen Verlaufs scheint gleichwohl eigenwillig. Eckerts Jahre in Griechenland mögen von einer schillernden Persönlichkeit zeugen, seine Hilfe für Verfolgte (Partisanen, Juden, Zivilbevölkerung) beeindruckt. Aber trotz einer Darstellung der verwickelten Lage auf weit über hundert Seiten – manchmal setzt Mätzing dafür sogar die ethnographische Brille von Eckert auf, nämlich durch die Wiedergabe einer Vielzahl von Fotografien aus dessen Hand – wird zum tieferen Verständnis der deutschen Besatzung in dem geschundenen Land wenig beigetragen, schon weil die Archive lückenhaft und Widerstand oder Untergrund im Krieg per definitionem schlecht dokumentiert sind. Und selbstredend arbeitet sich Mätzing an jenem erratischen Block der NSDAP-Mitgliedschaft ab, der, ihrer Argumentation folgend, nun nicht mehr so leicht wegzurollen sein wird, wie ich es früher selbst noch versucht habe. Hier stößt unser Verstehen von Eckerts Handeln an seine Grenzen.

Eckerts Wirken nach 1946 bis zum Tod bekommt demgegenüber, so die hier vertretene Auffassung, zu wenig Platz beigemessen. Richtigerweise werden die Blicke auf sein einschlägiges Lebenswerk der Nachkriegszeit (nur) als „Schlaglichter“ bezeichnet (Titel des Kap. IV). Doch diese Einschränkung stimmt zum Glück nicht immer: Insbesondere reizt ungemein, was Mätzing zum Verhältnis zwischen Eckert und dem britischen Offizier Major Terence J. Leonard, der sich bei seiner eigenen Militärregierung wie bei deutschen Behörden ebenso vorbehalt- wie letztlich erfolglos für den „neuen Geschichtsunterricht“ und „Educational Disarmament“ (S. 424) eingesetzt hat, an Dokumenten und feinsinniger Erzählung aufbieten kann. Es scheint nun: Die kongenialen Brüder im Geiste, zivilisierte Soldaten, manische Idealisten, litten, über nationale Grenzen hinweg, unter ihren am Unheil des Kriegs bereits wieder zweifelnden Zeitgenossen. Dieses formidable deutsch-britische Zusammengehen in prekärsten historischen Momenten lässt uns, nebenbei gesagt, den Brexit noch einmal schmerzlicher erscheinen. Was sind denn die Einen ohne die Anderen?

Eckert war Berliner, wozu die Heimat der Familie der Mutter im östlichen Europa gut passt. In das (spätere) Niedersachsen verschlug es ihn immer wieder: 1933, als er im Hildesheimer Elternhaus eines Reichsbanner-Kameraden Unterschlupf fand, im September 1945, als er mit einem britischen Lazarettzug in Goslar eintraf, schwerer leidend als ihm selbst bewusst war, und eben Braunschweig, dem er durch seine rastlosen Aktivitäten auf dem Gebiet der wahrhaft internationalen Schulbuch- und Lehrplanrevision seinerzeit sogar ein wenig Weltläufigkeit verlieh. Man wird indes mit Mätzing urteilen müssen, dass ihm politischer Einfluss nur so lange beschieden war, wie die britische Militärverwaltung das Bildungswesen im Land Niedersachsen wesentlich kontrollierte. Sobald die Landesregierung in Hannover immer mehr Befugnisse auf diesem Gebiet reklamierte, schwand sein Ansehen. Mätzing führt diese langsame Verdrängung auf eine Reihe unterschiedlicher Faktoren zurück: Dem PH-Dozenten Eckert fehlte die korporative Bestätigung, seine wissenschaftlichen Meriten lagen lange eher auf dem Gebiet der Ethnologie. Sein historisches Interesse, das sich auch in den gescheiterten Lehrplanentwürfen und seinen Schriften für den Schulunterricht niederschlug, vereinte das Gebiet der politischen Geschichte mit der Arbeitergeschichtsschreibung, die beide in Deutschland bis dato als wenig opportun angesehen wurden. Er verfügte eben – worüber er sich womöglich selbst täuschte – als „Nobody“, wie ihn Mätzing mehrmals tituliert, nicht über den Zugang zu jenem inner circle der niedersächsischen Entscheidungsträger, die schon gleich nach Kriegsende sich in geschlossenen Runden trafen, um Zukunftspläne zu schmieden. Auch sein Übertritt zu den Partisanen hing ihm nach, seine glänzenden Beziehungen zu Tagespresse und Bildmedien galten in seinem Stand eher als anrüchig. Schließlich beeinträchtigte ihn seit 1945 sein labiler Gesundheitszustand. Oder war vieles nur Ausrede? Oft genug hielt Eckert Kollegen in Verbänden und Redaktionen lange hin, lieferte zugesagte Texte spät oder gar nicht. Mätzing geht auf Letzteres kaum ein, bietet vielmehr die Erklärung an, Eckert habe sich regelmäßig, wenn er ein Engagement trotz „fiebrige[n] Tempo[s]“ (S. 435) an einer bestimmten Stelle als verloren ansehen musste, sogar ohne erkennbaren Groll, nächsten, womöglich besseren Aufgaben zugewandt. Ob das als Lebensweisheit taugt?

Angemerkt werden soll, dass der Sprachstil dieses Bandes hin und wieder allzu familiär anmutet („ein ungewöhnliches Elternhaus, in das der kleine Georg hineingeboren wurde“, S. 36; ein „Quentchen Chuzpe“, S. 68, „Herz gefährdende junge Dame“, S. 344). Manche Metaphernbildung aus Musik und Theater („Ouvertüre“, „Zwischenakt“) bleibt ohne Bezug, viele der Sinnbilder sind unnötig bemüht („Spinne im Netz“, S. 14; „Koffer ohne Griff“, Titel Kap. IV.3). Vielleicht hat sich Heike Christina Mätzing einfach zu viel Vorsicht und Ausgewogenheit auferlegt. Ein „einzigartiges“ Leben gehört eben auch mit dickem Pinselstrich vorgetragen. Aber die (frühe) bundesdeutsche Geschichte, die hier mit all ihren gleichzeitigen, einander bedingenden Bezügen sowohl in die weite Welt wie in eine verbrecherische Vergangenheit anhand einer im ursprünglichen Wortsinn leidenschaftlichen Person erzählt wird, die sich Heilung von Krieg und Gewalt durch historisches Lernen (und ergo Geschichtsunterricht) versprach, ist, gerade heute, jede Aufmerksamkeit wert.

Anmerkungen:
[1] Die Autorin ist außer mit Vorarbeiten zu Georg Eckert – vgl. besonders Dieter Dowe / Eckhardt Fuchs / Heike Christina Mätzing / Steffen Sammler (Hrsg.), Georg Eckert. Grenzgänger zwischen Wissenschaft und Politik. Studien des Georg-Eckert-Instituts zur internationalen Bildungsmedienforschung, Göttingen 2017 – unter anderem mit Schriften zu Geschichtswissenschaft und Geschichtsunterricht in der DDR sowie der Darstellung der DDR im Geschichtsschulbuch hervorgetreten.
[2] Michele Barricelli, Didaktische Räusche und die Verständigung der Einzelwesen. Georg Eckerts Beitrag zur Erneuerung des Geschichtsunterrichts nach 1945, in: Wolfgang Hasberg / Manfred Seidenfuß (Hrsg.), Modernisierung im Umbruch. Geschichtsdidaktik und Geschichtsunterricht nach 1945, Berlin 2008, S. 261–290; Ulrich Mayer, Demokratischer Geschichtsunterricht. Georg Eckerts Beitrag zur Geschichtsdidaktik seit 1945, in: Dowe u.a., Georg Eckert, S. 151–176.

Redaktion
Veröffentlicht am
21.02.2019
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