Cover
Titel
Das kalte Herz. Kapitalismus: Die Geschichte einer andauernden Revolution


Autor(en)
Plumpe, Werner
Erschienen
Anzahl Seiten
800 S.
Preis
€ 26,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ines Prodöhl, Institut für Archäologie, Geschichte, Kultur- und Religionswissenschaft, Universität Bergen

1950 produzierte die Deutsche Film AG, kurz DEFA, ihren ersten Farbfilm, der damit auch zum ersten Farbfilm der noch jungen DDR wurde. Er hieß „Das kalte Herz“ und basierte auf dem gleichnamigen romantischen Märchen von Wilhelm Hauff aus dem Jahr 1827. Der Film rückte die Folgen von Geldsucht und Habgier ins Zentrum seiner Darstellung und schien – ganz im Sinne des real existierenden Sozialismus – gerade deswegen geeignet, Kindern die negativen Seiten kapitalistischen Handelns vor Augen zu führen.[1]

Es ist kein Zufall, dass der Frankfurter Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe seiner umfassenden Geschichte des Kapitalismus ebenfalls diesen Titel gab. Plumpe knüpft damit an Hauffs Erzählung vom Holländer-Michel an, rezipiert aber die Kapitalismuskritik, die ihr seitens marxistischer Interpretationen entgegengebracht wurde. Kapitalismuskritik ist denn auch der zentrale Ausgangspunkt für Plumpes Überlegungen. Bevor er zum Gegenstand seiner Untersuchung kommt, nämlich der Geschichte des Kapitalismus in Europa seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert, wendet er sich mit erfrischender Deutlichkeit von der gegenwärtigen Kapitalismuskritik ab, die eine Scheinwelt konstruiert habe, in der das „selbsterzeugte Gespenst Kapitalismus von den Kräften des Guten bekämpft wird – bisher leider recht erfolglos“ (S. 13).[2] Plumpe geht ausführlich auf die Ursachen der Kapitalismuskritik ein, benennt ihre Ursprünge, die weit länger zurück liegen als der Kapitalismus selbst, und entwirft dann seinen eigenen Zugang zum Thema.

Plumpes Darstellung umkreist die Frage, warum sich der Kapitalismus seit dem 17. Jahrhundert, ausgehend von den Niederlanden und England, nach und nach in ganz Europa und seit dem 20. Jahrhundert schließlich weltumspannend ausgebreitet hat. Er konzentriert sich auf den europäischen Kontinent, weil er die „einmalige Entwicklung Europas“ (S. 30f.) aufklären will. Gleichwohl stellt er ganz richtig fest, dass eine Geschichte des Kapitalismus eigentlich eine Geschichte der Weltwirtschaft sein müsste, wählt aber angesichts des Umfangs eines solchen Unterfangens einen pragmatischen Zugang, indem er sich von Europa ausgehend auf die Kernzonen des Kapitalismus konzentriert (S. 31). Das ist einleuchtend, aber neuere Studien gerade aus dem deutschsprachigen Raum zu genau der Frage nach der Globalität des Kapitalismus als Gegenstand historischer Analysen hat Plumpe wenig berücksichtigt.[3]

Stattdessen benennt er zwei Grundvoraussetzungen für die Entstehung des Kapitalismus: die Ausbreitung von marktwirtschaftlichen Strukturen bei gleichzeitiger kapitalintensiver Güterproduktion, also die Verbindung von Kapital und Massenproduktion. Kern und Bedingung der kapitalistischen Massenproduktion sei die Nachfrage der nichtvermögenden Menschen – sie bildeten nach und nach den Massenmarkt, der eine kapitalistische Produktion zugleich verlange und ermögliche. Damit gehören zu den Kennzeichen des Kapitalismus zum Beispiel auch Massenkonsum, Privateigentum oder soziale Ungleichheit und all diese Dinge können ihn sowohl bedingen als auch ihm folgen. Vor dem Hintergrund dieser nachvollziehbaren Definition stellt Plumpe die sich im 17. Jahrhundert verändernden wirtschaftlichen Verfahrensweisen als zentral für den Beginn des Kapitalismus heraus. Er entwirft den Kapitalismus als eine Form des Wirtschaftens, die auf dem Zusammentreffen verschiedener Ursachen beruhe und die sich zunächst im Verlagswesen und später im Rahmen der industriellen Produktion etabliert habe. Plumpe schließt sich damit der Einschätzung Max Webers an, der für die Herausbildung des Kapitalismus im Europa der Frühen Neuzeit einst von einer „Verkettung von Umständen“ sprach.

Von diesen Überlegungen ausgehend analysiert Plumpe die Geschichte des Kapitalismus in fünf chronologisch aufeinander aufbauenden Kapiteln. Angesichts des gewählten Bezugs auf den transatlantischen Raum sind Plumpes Narrative wenig überraschend. Das erste Kapitel widmet sich der Entstehung des Kapitalismus und stellt die wirtschaftlichen Veränderungen im 17. und 18. Jahrhundert heraus, wie etwa die zunehmende Rolle des Geldes, die sich zunächst in einzelnen europäischen Städten vollzogen. Das zweite Kapitel konzentriert sich auf die dynamischen Entwicklungen hinsichtlich Kapitalinvestitionen und Massenkonsum im langen 19. Jahrhundert und berücksichtigt als maßgebliche Faktoren für diese Entwicklungen die besseren und vor allem beschleunigten Transport- und Kommunikationsmöglichkeiten. Das dritte Kapitel fokussiert auf die krieg- und krisengeschüttelte erste Hälfte des 20. Jahrhunderts und das vierte Kapitel auf das „goldene Zeitalter“, wie Wirtschaftshistoriker die Periode zwischen dem Beginn der 1950er- und dem Ende der 1970er-Jahre in Europa bezeichnen. Hier wird die verstärkte Einmischung US-amerikanischer Akteure zugunsten der europäischen Wirtschaft im Kontext des Kalten Krieges thematisiert: Marshall-Plan, Massenkonsum und Strukturwandel sind die zentralen Themen. Das fünfte Kapitel konzentriert sich dann auf die Liberalisierung der Weltwirtschaft und den globalen Siegeszug des Kapitalismus seit den 1980er-Jahren. Ein Schluss, der die Aussagen hinsichtlich der Frage, warum der Kapitalismus seinen Ursprung in Europa nahm, zusammenführt, rundet das Buch ab.

Die Stärke des Buches liegt darin, dass jeder Abschnitt ausführlich in die jeweils zeitgenössischen Reflexionen über die kapitalistische Wirtschaftsform eingebettet ist. Es ist wahrlich beeindruckend, welche Fülle ökonomischen Denkens Plumpe versammelt, zumal sie ihm nicht als Erklärungsansatz dienen, sondern als historische Quelle. Er interpretiert sie im Kontext der Zeit.

Schließlich steht die Frage im Raum, an wen sich das Buch richtet. Mit weniger als 30 Euro sind die 800 Seiten ausgesprochen preiswert, was auf eine auflagenstarke Publikation und damit auf einen Absatzmarkt jenseits von Fachkreisen schließen lässt. Plumpe ist mit seiner umfangreichen Darstellung wahrlich ein „public intellectual“ – wer sich außerhalb der Zunft allerdings auf das Buch einlässt, dem wird einiges abverlangt, da die Erklärungen und Schlussfolgerungen mitunter sprachlich recht sperrig ausfallen.

Abschließend lässt sich festhalten, dass Plumpes Buch zwar keine Geschichte des globalen Kapitalismus ist, wie der Titel vermuten lassen könnte, sondern in erster Linie eine Geschichte der kapitalistischen Wirtschaftsweise in Europa und Nordamerika seit dem 17. Jahrhundert. Hier zeigt Plumpe Wandlungen auf, er kontextualisiert und kontrastiert Veränderungen und er untermauert seine Analysen schließlich mit den jeweils zeitgenössischen Reflexionen über die Ökonomie.

Anmerkungen:
[1] Den meisten Kindern, inklusive der Autorin dieser Rezension, dürften allerdings mehr die Brutalität und Grausamkeit der Inszenierung in Erinnerung geblieben sein. Vgl. Das kalte Herz, Regie Paul Verhoeven, DEFA Produktion 1950.
[2] Hier verbirgt sich freilich eine Anspielung auf das kommunistische Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels (1848). Es beginnt mit den Worten „Ein Gespenst geht um in Europa“, womit ironischerweise nicht das Gespenst des Kapitalismus gemeint ist, sondern das des Kommunismus.
[3] Im Literaturverzeichnis findet sich Jürgen Kocka, Geschichte des Kapitalismus, München 2013. Eine Auseinandersetzung mit dessen Lesart bleibt Plumpe aber schuldig. Nicht genannt wird hingegen Friedrich Lenger, Globalen Kapitalismus denken, Tübingen 2018.