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Titel
State Martyr. Representation and Performativity of Political Violence


Autor(en)
Scolari, Baldassare
Reihe
Media and Religion 2
Erschienen
Baden-Baden 2019: Nomos Verlag
Anzahl Seiten
417 S.
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Kevin Lenk, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Gewalt erklärt sich nicht von selbst. Sie muss ausgehandelt, gedeutet und in die Horizonte einer sinnhaften Welt eingeordnet werden, damit Menschen sich zu ihr verhalten können. Eine der schillerndsten, bekanntesten und langlebigsten Diskursfiguren, um aus Gewalt Sinn zu schöpfen, ist die des Märtyrers. War der Märtyrer eine ursprünglich anti-souveräne Figur des frühen Christentums, so schufen sich in der Moderne Nationalstaaten eigene, legitimierende Martyrologien.

Es sind jene titelgebenden Staatsmärtyrer, die Baldassare Scolari in seiner Dissertation interessieren und denen er nachspüren will. Als konkreten Untersuchungsgegenstand hat er sich den im Frühjahr 1978 von den Brigate Rosse (BR) entführten und schließlich ermordeten italienischen Politiker Aldo Moro ausgesucht. Dessen Martyrologisierung durch staatsnahe Akteure und Widerstände dagegen untersucht er in einer aus den diskursanalytisch arbeitenden Religionswissenschaften entsprungenen, sich aber gleichzeitig dezidiert transdisziplinär verstehenden Arbeit über die Grenzen von Geschichte und politischer Philosophie hinweg. Seinen Gegenstand versteht Scolari nicht unbedingt als Fallbeispiel, sondern als „point of departure for developing critical reflection on emergence, use and function of state martyrology and mythology in the modern and contemporary world“ (S. 9).

Scolaris dichte und konzeptuell anregende Arbeit gliedert sich in acht Kapitel. Kapitel 1 und 2 klären zunächst den Anspruch und konzeptuellen Rahmen seiner Arbeit. Dieser ist vor allem durch Konzepte Michel Foucaults und Stuart Halls sowie die Arbeiten Giorgio Agambens inspiriert. Im Anschluss an Foucault identifiziert Scolari mit den Narrativen der Souveränität und der Rebellion die beiden prinzipiellen „antithetical ways of referring to and giving meaning to political violence“ (S. 49). Diesen beiden Erzählweisen spürt Scolari sodann in klassischen Werken politischer Theorie nach und versucht mit einer dezidiert Agamben‘schen Lesart eine Theorie des Märtyrers zu entwickeln. Während das souveräne Narrativ politische Gewalt als existenzielles Böses aus der menschlichen Gesellschaft ausschließen müsse, um die souveräne Macht, die mythologisch verschleierte Kontrolle über das nackte Leben der Untertanen, zu legitimieren, unterlaufe die diskursive Figuration des Märtyrers diese Argumentationsstruktur durch die Sichtbarmachung jenes Unterwerfungszusammenhanges in der Kreatürlichkeit des Gemarterten. Um Essentialisierungen zu vermeiden, betont Scolari richtigerweise, dass die Lesbarkeit der Märtyrerfigur gleichsam auf den historischen Tiefenebenen vergangener diskursiver Verwendungen beruhe wie auch ihrer strategischen Nutzung in ihrem jeweils aktuellen diskursiven Kontext. Zu klären gelte es ebenfalls, wie aus dieser anti-souveränen Diskursstrategie des Martyriums die Figur eines Staatsmärtyrers entstehen konnte, die die Wirkweise des anti-souveränen Märtyrers legitimierend umdreht.

Diesem Problem nähert sich Scolari in Kapitel 3, in welchem er zunächst die Forschungsgeschichte zur Märtyrerfigur nachzeichnet, deren oft anthropologisierende Vorannahmen er problematisiert und mit seinem diskursanalytischen Zugriff konterkariert. Mit diesem Instrumentarium zeichnet Scolari ebenfalls überblickshaft nach, wie aus der ursprünglich genuin anti-souveränen Figur des frühchristlichen Märtyrers durch eine Reihe diskursiver Aneignungen die Figur des Staatsmärtyrers entstehen konnte.

In Kapitel 4 skizziert Scolari den historischen Erfahrungs- und Deutungsrahmen, in dem die Entführung Moros stattfand. Dafür spürt er martyrologischen Denkfiguren in den für den politischen Sinnhaushalt Italiens konstitutiven Phasen des Risorgimento und der Resistenza nach und skizziert die Politikgeschichte Italiens von 1948 bis 1978.

Scolari beginnt sodann in Kapitel 5 die Arbeit an seinem konkreten Untersuchungsgegenstand. Neben den kommunikativen Strategien der BR sowie dem Image Moros vor seiner Entführung legt er darin vor allem ausführlich dar, wie dieser von Beginn der Entführung an durch zahlreiche hochrangige Politiker und die Medien des Landes zum willentlichen Märtyrer für den italienischen Staat umgedeutet wurde. Scolari argumentiert, dass der Entführte als Homo Sacer aus der Sphäre des Politischen ausgeschlossen und in die Sphäre des Sakralen transponiert worden sei. Somit wurde Moro zum Symbol des italienischen Staates und eines vermeintlich geeinten italienischen Volkes, aus dem die BR durch die gleichzeitige Mythologisierung ihrer Gewalt ausgeschlossen wurde.

Kapitel 6 befasst sich damit, wie diese Strategie ins Wanken geriet und wieder abgesichert werden musste. Aldo Moro selbst begann in seiner Gefangenschaft Briefe zu schreiben, von denen seine Entführer einige veröffentlichten, in denen er sich seiner Opferung für die Staatsräson verweigerte und alte Weggefährten anklagte. Scolari versteht die Interventionen Moros als subversive Aneignung seiner Deutung als Märtyrer, mit der dieser sowohl die Performance der BR als auch die hegemoniale staatliche Erzählung des willentlichen Selbstopfers für das höhere Gut des italienischen Staates unterlaufen habe. Darauf reagierten wiederum die politischen Akteure Italiens mit der öffentlichen Negation von Moros politischer Persona. Die Zeitgenossen des politischen Italiens hätten Moro auf ein nacktes Leben ohne politische Existenz reduziert, das in der Gewalt seiner Entführer keine Hoheit mehr darüber hatte, was es schrieb. Diese Auslöschungsversuche waren jedoch nicht vollständig erfolgreich und in Kapitel 7 rekonstruiert Scolari konkurrierende Erinnerungspraktiken und Darstellungen Moros in verschiedensten Medien bis in die Gegenwart.

Scolari beschließt sein Buch damit, dass er in Kapitel 8 die Ausrichtung und Ergebnisse seiner Arbeit noch einmal resümiert und Letztere im Anschluss an die konzeptuellen Kapitel weiterzudenken versucht. In einer dezidiert politischen Passage fragt er danach, wie emanzipative Repräsentationen von Gewalt möglich seien, die tödliche Opferlogiken nicht weiterdächten und die mythische Legitimation souveräner Gewalt gleichsam konsequent verweigerten. Wenngleich er konzediert, dass Metaphoriken und Sprachbilder wie das Martyrium für die soziale Intelligibilität der Welt unverzichtbar seien, plädiert er doch leidenschaftlich dafür, den Kampf gegen hegemoniale Diskurse und instrumentelle Verwendungen solcher Sprachbilder aufzunehmen. Als Möglichkeit erblickt Scolari dafür ihre poetische Verwendung, also eine, die die Historizität und Kontingenz der verwendeten Metaphern und Rhetoriken sichtbar macht, statt sie als existenzielle Wahrheiten der souveränen Mythologie dienstbar zu machen.

Scolari hat mit seiner Dissertation ein konzeptuell anregendes, inhaltlich dichtes und dennoch gut lesbares Buch vorgelegt, das ein überzeugendes Instrumentarium anbietet, mit dem sich Märtyrerfiguren diskursanalytisch untersuchen lassen. Zu seinen Verdiensten gehört die berechtigte Kritik an in der Forschung immer noch reüssierenden anthropologischen Vorannahmen bezüglich Gewaltdeutungen wie der Märtyrerfigur, wobei er den Verzicht auf diese geschickt für seine Studie operationalisiert. Darüber hinaus zeigt er in seiner thesengeleiteten Analyse der Repräsentationen Moros als Märtyrer, was eine Diskursanalyse im Forschungsfeld von politischer Gewalt und staatlicher Gegengewalt leisten kann.

Gleichzeitig kommt man aber nicht umhin festzustellen, dass Scolaris Arbeit auch die Grenzen und Probleme eines rein diskursanalytischen Zugriffs auf seinen Forschungsgegenstand aufzeigt. Nicht nur sind die Ergebnisse, zu denen Scolari kommt, in Anbetracht bereits existierender Forschungen zur Repräsentation politischer Gewalt selten überraschend. Auch die spezifischen Interessen und Erfahrungen konkreter historischer Akteure bleiben zumeist blass und es scheint, als würden Scolaris Analyserahmen und die historische Akteursebene manchmal zusammenfallen. Dies führt dazu, dass für Scolari die prinzipiellen Akteure eher seine widerstreitenden hegemonialen bzw. subversiven Diskurse zur Deutung politischer Gewalt, deren diskursiven Pfadabhängigkeiten oder ein monolithisch gedachter Staat zu sein scheinen, als historisch konkrete, benennbare Individuen mit spezifischen Interessen. Als Beispiel seien hierfür Scolaris Ausführungen zu Moros Staatsbegräbnis genannt (S. 303). Insgesamt hätte es der Analyse ebenfalls gutgetan, bereits existierende historische Forschung zur transnationalen Repräsentation politischer Gewalt zu rezipieren. So spielen die in der Forschung in den letzten Jahren betonten intensiven transnationalen Wahrnehmungs- und Transferprozesse bezüglich terroristischer Gewalt und ihrer Repräsentation in den 1970er-Jahren in der Arbeit kaum eine Rolle.

Dies soll jedoch zwei Dinge keinesfalls überdecken: Erstens hat Baldassare Scolari ein konzeptuelles Instrumentarium für eine Diskursanalyse von Märtyrerfiguren vorgelegt, das es schafft, historische Tiefenebenen der Figur wie auch die konkreten hermeneutischen Kontexte ihrer jeweiligen Verwendung sichtbar zu machen, ohne auf problematische anthropologische Vorannahmen zu rekurrieren. Zweitens führt Scolaris kluges wie dezidiert politisches Abschlusskapitel paradigmatisch vor, was kritische Geisteswissenschaften gerade im Themenbereich der Deutung politischer Gewalt gesellschaftspolitisch leisten können und sollten. Beide Verdienste sollten von der weiteren Forschung in diesem Feld unbedingt gewürdigt werden.

Redaktion
Veröffentlicht am
12.12.2019
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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