H.-W. Retterath (Hrsg.): Germanisierung im besetzten Ostoberschlesien

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Titel
Germanisierung im besetzten Ostoberschlesien während des Zweiten Weltkriegs.


Autor(en)
Retterath, Hans-Werner
Reihe
Schriftenreihe des Instituts für Volkskunde der Deutschen des östlichen Europas 20
Erschienen
Münster 2019: Waxmann Verlag
Anzahl Seiten
307 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stephan Lehnstaedt, Lander Institute, Touro College Berlin

Die deutsche Schlesienforschung hat die Zeit des Nationalsozialismus weitgehend ausgeklammert und beendet ihre Studien gewöhnlich 1933 bzw. beschränkt sie auf die Reichsgrenzen von 1937. Ostoberschlesien mit Kattowitz / Katowice, aber auch Auschwitz werden damit gewissermaßen externalisiert, was durchaus als Exkulpationsstrategie zu verstehen ist: die Schlesier und Schlesien als Opfer der Entwicklungen nach 1945. Wesentliche Untersuchungen, auch und gerade anhand der reichhaltigen Überlieferung im Staatsarchiv Katowice, stammen vor allem aus dem Umfeld von Ryszard Kaczmareks Lehrstuhl an der dortigen Universität sowie dem staatlichen Institut des Nationalen Gedenkens (Instytut Pamięci Narodowej), die nur vereinzelt ins Deutsche übersetzt wurden.[1]

Umso mehr ist es zu begrüßen, dass das Freiburger Institut für Volkskunde der Deutschen des östlichen Europa nun mit einem Sammelband eine exemplarische Tiefenbohrung vornimmt und sich der „Germanisierung“ Ostoberschlesiens annimmt. Tatsächlich ist der Fokus sogar weniger regional als vielmehr lokal, denn sechs der insgesamt zehn Beiträge sind der „Aktion Saybusch“ gewidmet, der Vertreibung von annähernd 18.000 Polen aus dem gleichnamigen Kreis, die zwischen 22. September und 12. Dezember 1940 durch etwa 3.200 Bukowina-Deutsche „ersetzt“ wurden. Wie sehr dieser Auftakt zur Schaffung von „Lebensraum“ im Osten in Vergessenheit geraten ist, zeigt nicht zuletzt die Tatsache, dass die Aktion nicht mal einen deutschsprachigen Wikipediaeintrag hat – obwohl ihr in der gleichen Gegend die Vertreibung weiterer 30.000 Polen und die „Einsiedlung“ von nochmals rund tausend deutschstämmigen Siedlern etwa aus Wolhynien folgte.

Żywiec – so der polnische Name von Saybusch – und die dort erfolgte „Germanisierung“ stehen zwar im Zentrum des Bandes, aber eine Kontextualisierung etwa innerhalb des „Generalplans Ost“ und innerhalb der Eindeutschungsbestrebungen in Ostoberschlesien erfolgt durchaus. Mirosław Sikora etwa analysiert die Wahrnehmung der „Volksdeutschen“ durch den Sicherheitsdienst der SS und kann zeigen, wie sehr die Apologeten des deutschen Schlesiens ihre Bemühungen als Fehlschlag sahen, weil dort nach wie vor die polnische Sprache dominierte, vielfach sogar unter denjenigen, die auf Heimaturlaub von der Wehrmacht zurückkamen.

Der konzise Blick der hier versammelten, vorwiegend deutschen und polnischen Expert/innen speist sich aus jahrelangen Archivstudien und großer Expertise. Erfreulich auch, dass diese Kompetenzen sogar interdisziplinär sind, etwa wenn der Jurist Łukasz Iluk die Rechtsprechung des Amtsgerichts Saybusch diskutiert. Mitnichten handelte es sich dabei um gewöhnliche Juristerei, sondern wegen der Polenstrafrechtsverordnung um eine höchst politische Tätigkeit. Die deutsche Justiz leistete so ohne Skrupel ihren Beitrag zur Verfolgung von Polen und zur Durchsetzung der rassischen Stratifikation des Nationalsozialismus. Aus kulturgeschichtlicher Warte belegt der Herausgeber Hans-Werner Retterath in seinem Text zu den Erntedankfesten in Saybusch, wie dank des nationalsozialistischen Feierkalenders „die deutsche ‚Volksgemeinschaft‘ gottesdienstgleich zelebriert und das Zusammengehörigkeitsgefühl der Teilnehmer gestärkt und sie auf ihre völkische Aufgabe eingeschworen“ (S. 195) wurden.

Die Praktiken der symbolischen „Germanisierung“ des ostmitteleuropäischen Raumes können kaum überbewertet werden – und stellen gerade im Vergleich zum Vorgehen im Reich ein wichtiges Desiderat dar, das die Forschung trotz zahlloser jüngerer Studien zur „Volksgemeinschaft“ bislang zur Gänze ausgeblendet hat. In diesem Sinne ist der Band ein Plädoyer nicht nur für deutsch-polnische Perspektiven auf die gemeinsame Geschichte, sondern auch dafür, deutsche Geschichte nicht auf das Gebiet der heutigen Bundesrepublik zu beschränken: Leider ist in den letzten Jahren vielfach zu beobachten, dass sich weder die Osteuropahistoriker/innen noch die nicht geographisch spezifizierten Lehrstühle für Neuere Geschichte für die polnischen West- bzw. deutschen Ostgebiete interessieren.

Das gilt in ähnlicher Weise auch für die deutschen Minderheiten in und aus Osteuropa, die ebenfalls von der Forschung hierzulande marginalisiert werden. Mit Jan Iluk und Gaëlle Fisher sind es bezeichnenderweise Kolleg/innen aus Polen und England, die sich dieses Themas annehmen. Iluk untersucht den Heimatkalender 1941 des Beskidenkreises – wie der Kreis Saybusch offiziell genannt wurde –, der sich explizit an die Umsiedler wandte und ihnen ihre neue Heimat ebenso wie die Blut-und-Boden-Ideologie der Nationalsozialisten nahebringen sollte. Er lieferte Begründungen für den Anspruch der „Volksdeutschen“ auf dieses Land, schürte den Hass auf die Polen und verkündete allenthalben die eigene Überlegenheit, wobei die zeitgenössische Kritik wiederum der Ansicht war, dass der Text „stilistisch zu hoch für die Siedler sei“ (S. 152).

Das war die Überheblichkeit gegenüber den „Volksdeutschen“, die die „Reichsdeutschen“ oft nur als Deutsche zweiter Klasse und als Konjunkturritter sahen, denen man erst noch Kultur beibringen müsse. Wie sehr diese Sichtweisen nachhallen, zeigt auch Gaëlle Fishers Beitrag zur Erinnerung der Bukowinadeutschen an ihre Umsiedlung nach Saybusch. Sie belegt, wie deren spätere Flucht nach Deutschland einen Diskurs über die „Heim ins Reich“-Politik erschwerte: „Die Verfahrensweise der Nationalsozialisten in Frage zu stellen, kam einer Infragestellung der Gegenwart gleich, und gerade Erzählungen über die Vergangenheit sollten dazu dienen, die Gegenwart zu bewältigen und abzusichern“ (S. 302). Um eine Integration zu erreichen, galt es nach 1945, die eigene Identität und das eigene Schicksal möglichst nicht von dem der anderen Deutschen abzuheben.

Die lokale Perspektive dieses Sammelbands bietet zahllose Anknüpfungspunkte und zeigt vernachlässigte Forschungsfelder auf, bei denen interdisziplinäre und internationale Kooperationen ebenso notwendig wie ertragreich sind. Dank qualitativ hochwertigen, empirisch dicht belegten Beiträgen liegt hier ein anregendes und weiterführendes Buch vor.

Anmerkung:
[1] Vgl. etwa Ryszard Kaczmarek, Polen in der Wehrmacht, München 2017; Mirosław Sikora, Die Waffenschmiede des Dritten Reiches. Die deutsche Rüstungsindustrie in Oberschlesien während des Zweiten Weltkrieges, Essen 2014. Im Schöningh-Verlag soll dieses Jahr eine Übersetzung von Mirosław Węckis Biografie über den Gauleiter Fritz Bracht erscheinen, polnisch u.d.T.: Fritz Bracht (1899–1945). Nazistowski zarządca Górnego Śląska w latach II wojny światowej, Katowice 2014.

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Veröffentlicht am
14.04.2020
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