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Titel
Die Illusion vom Frieden. Die zweite Internationale wider den Krieg 1889–1919


Autor(en)
Von Lademacher, Horst
Erschienen
Münster 2018: Waxmann Verlag
Anzahl Seiten
658 S.
Preis
€ 79,00
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Gottfried Niedhart, Mannheim

Mit seinem 1910 in London erschienen Buch The Great Illusion warnte Norman Angell vor der Illusion, Krieg könne sich in irgendeiner Weise auszahlen. Frieden war auch ein Anliegen der Zweiten Internationale als Weltverband sozialistischer Parteien. Krieg wurde nicht nur delegitimiert. Die transnational operierende Arbeiterklasse sei auch dazu aufgerufen, einen Krieg zu verhindern. Wie diese selbstgestellte Aufgabe angegangen wurde, beschreibt Horst Lademacher, ein seit Jahrzehnten ausgewiesener Kenner der Materie. Auch er spricht von einer Illusion. Man sei einer „Illusion vom Frieden“ nachgejagt. Nicht etwa, weil Frieden trotz der Zuspitzung internationaler Großmachtkonflikte nicht erreichbar gewesen wäre, sondern weil die Internationale eher einer „Schimäre“ als einer „kampfbereiten Gemeinschaft“ geglichen habe (S. 234).

Schon den Gründungskongress in Paris 1889 sieht der Autor vom Krebsschaden des nationalen Denkens belastet, der die Idee der internationalen Solidarität zu einem Lippenbekenntnis machte. Mit der Kriegsthematik trat die nationale Orientierung von Beginn an als Bremsklotz in Erscheinung. Nicht zuletzt im Deutschen Reich waren die Arbeiter mitnichten „vaterlandslose Gesellen“, so dass die „solidarische Aktion“ eines „grenzüberschreitenden Generalstreiks“ keine realistische Option darstellte. Die „deklamatorische Stärke“ der Internationale, hinter der weltweit 12 Millionen Wähler standen und die in 200 Tageszeitungen zum Ausdruck kam, stand in krassem Gegensatz zur nur „schwach entwickelten Bindekraft innerhalb des Gesamtverbands“ (S. 48f.). Darum könne also kaum davon gesprochen werden, die Internationale sei 1914 zusammengebrochen.

Der erste Hauptabschnitt des Buches befasst sich mit den inneren Bruchlinien, die einer schlagkräftigen „Kampfeinheit“ (S. 222) entgegenstanden. Von sich reden machte die Internationale bei ihren regelmäßig stattfindenden Kongressen. Seit dem Amsterdamer Sozialistenkongress 1904 erörterten die Delegierten zunehmend die Fragen von Krieg und Frieden. Die in aller Ausführlichkeit referierten Diskussionen verwebt Lademacher mit Parteitagsdebatten einzelner Parteien, vornehmlich der SPD sowie mit den seit Marx und Engels angestellten Überlegungen, wie Krieg und kapitalistische Wirtschaftsordnung zusammenhängen. Zu wenig erfährt man über das organisatorische Gefüge, in dem sich die nationalen Parteien mit dem in Brüssel ansässigen Internationalen Sozialistischen Büro (ISB) als Anlauf- und Koordinierungsstelle bewegten. Lademacher konzentriert sich auf politische Programme, strategische Entwürfe, Argumentations- und Wahrnehmungsmuster.

Vor dem Hintergrund einer insgesamt heterogenen Parteienlandschaft waren die deutschen und französischen Sozialisten die „Hauptprotagonisten der Konfrontation“ (S. 87), in der es um die Form des politischen Kampfes, um politische Partizipation und die Mittel ging, die gegen die drohende Kriegsgefahr eingesetzt werden sollten. Die Kongresse in Stuttgart 1907, Kopenhagen 1910 und Basel 1912 ließen erkennen, dass wohlfeile Resolutionen den Wunsch nach Friedenswahrung betonten, dem aber kein genuin sozialistisches und länderübergreifendes Handlungskonzept an die Seite stellten. Stattdessen fanden Vorstellungen des liberalen Friedensdiskurses zunehmend Zuspruch, wie sie im Zeichen zunehmender wirtschaftlicher Verflechtung von der bürgerlichen Internationale und wie ein Fanal 1917 von Präsident Wilson anlässlich des amerikanischen Kriegseintritts formuliert wurden. Lademacher wundert sich zu Recht, dass die faktisch zur „bürgerlichen Friedensgesellschaft“ gewandelte Internationale überhaupt die Vorkriegszeit „überstand“ (S. 120, 127). Als der Krieg nicht verhindert werden konnte und die sozialistischen Parteien ganz überwiegend den Kurs ihrer jeweiligen Regierungen mittrugen, stellte sich die Aufgabe, wie der Krieg begrenzt beziehungsweise so schnell wie möglich beendet werden könnte. Diesem Themenkomplex und Möglichkeiten einer Wiederbelebung der Internationale widmet Lademacher den zweiten Teil seiner Darstellung. Erste Initiativen gingen von den Neutralen aus. Das ISB wich nach der deutschen Besetzung Belgiens nach Den Haag aus. Der Weg zur Wiederaufnahme breit angelegter Kontakte führte über individuelle Sondierungen und vereinzelte Konferenzen, die im Ergebnis aber zur förmlichen Spaltung der Arbeiterbewegung und zur Marginalisierung der Internationale bei der Wiederherstellung und Gestaltung des Friedens führten.

Wie schlecht es um die Einheit der sozialistischen Internationale stand, zeigte sich im ersten Kriegsjahr, als die neutrale Schweiz zum Schauplatz von Zusammenkünften der revolutionären Linken wurde, zunächst mit den Konferenzen der sozialistischen Fraueninternationale und der Internationalen Sozialistischen Jugend in Bern und dann mit der Konferenz von Zimmerwald. In diesem kleinen Ort südlich von Bern traf sich abgeschirmt von jeglicher Öffentlichkeit die internationale Vorhut der Fundamentalopposition gegen den Krieg und gegen die Haltung der Sozialisten, die die Kriegskredite bewilligten und für einen Burgfrieden eintraten. Umstritten war allerdings, ob einem Frieden die Revolution und Zertrümmerung des Kapitalismus vorangehen müsse oder ob es vorrangig darum gehen sollte, die Waffen zunächst zum Schweigen zu bringen. Ersteres forderte die Zimmerwalder Linke mit Lenin an ihrer Spitze, die die alte Internationale für tot erklärte und die „gedanklichen Grundlagen für die russische Revolution“ (S. 338) legte. Auch das nächste Treffen im April 1916 in Kiental führte nicht dazu, dass von dieser Gruppierung des „Tadels und Zweifels“ (S. 413) mehr ausging als die „Empörung gegen den Krieg“. Es fehlte die „Kraft zur Entscheidung über die Methoden, den Krieg zu bekämpfen und den Frieden herbeizuführen.“ (S. 428) Die 45 Teilnehmer ergingen sich in der dörflichen Stille der Schweizer Berge in unendlichen Diskussionen, für deren Ausbreitung Lademacher eine überaus geduldige Leserschaft voraussetzt.

Bei den Neutralen im ISB, das eine Spaltung der Arbeiterbewegung verhindern wollte, trafen die Zimmerwalder auf Ablehnung. In die Diskussion um Wege aus dem Krieg kam neuer Schwung, als sich mit der Februarrevolution in Russland 1917 die internationalen Rahmenbedingungen veränderten. Die skandinavischen Sozialdemokraten drängten nun zusammen mit den Niederländern auf eine allgemeine Konferenz zur Erneuerung der Internationale. Das ISB verlegte seinen Sitz nach Stockholm. Dorthin wurden alle sozialistischen Parteien eingeladen, um die Chancen für eine allgemeine sozialistische Friedenskonferenz mit dem Ziel eines Verhandlungsfriedens auszuloten. Was als Stockholmer Konferenz geplant war, hat freilich nie stattgefunden. Zu stark war die „Zerrissenheit der Internationale“ (S. 571), die Lademacher vor dem Hintergrund der Polarisierung der Kriegsgegner und der Parteispaltungen und nicht zuletzt der fortschreitenden Radikalisierung in Russland beschreibt. Den Friedensinitiativen des Epochenjahrs 1917 widmet Lademacher nur halb so viel Aufmerksamkeit wie den Zimmerwaldern der ersten Kriegsjahre. Das mag daran liegen, dass Letztere wenigstens konzeptionell der Idee des „Universalismus“ am nächsten kamen.[1] Aber vielleicht auch daran, dass Stockholm nur die älteren – jetzt noch durch die Kriegssituation verstärkten – kommunikativen Blockaden bestätigte. Es wird aber auch deutlich, dass eine umfassende Analyse der Stockholmer Vorgänge noch aussteht. Lademachers Referierung von Gesprächsprotokollen und Positionspapieren verdiente eine Erweiterung. Stockholm mobilisierte Regierungen ebenso wie Parteiführer unterschiedlichster Couleur, Reformer ebenso wie Revolutionäre. Es wurde zu einem weltpolitischen Laboratorium und Testgelände, wo auch ein politisch ungebundener Privatmann wie Gustav Mayer als Beobachter und Nachrichtenübermittler „ins Spiel“ (S. 535) kam.[2]

Horst Lademacher will sein großes Werk als „Beitrag zur Friedensforschung“ verstanden wissen. Frieden sei „machbar“ und Krieg gehöre „an den Pranger“. Davon ausgehend schreibt sich Lademacher seine Enttäuschung über den „eklatanten Fehlschlag“ (S. 15f.) der Zweiten Internationale von der Seele.

Anmerkungen:
[1] Sebastian D. Schickl, Universalismus und Partikularismus. Erfahrungsraum, Erwartungshorizont und Territorialdebatten in der diskursiven Praxis der II. Internationale 1889– 1917, St. Ingbert 2012.
[2] Was dies bedeutete, hätte Lademacher konkretisieren können: Gustav Mayer, Als deutsch-jüdischer Historiker in Krieg und Revolution 1914–1920. Tagebücher, Aufzeichnungen und Briefe. Hrsg. von Gottfried Niedhart, München 2009.

Redaktion
Veröffentlicht am
16.10.2019
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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