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Titel
Verantwortliche Redaktion. Zensurwerkstätten der DDR


Autor(en)
Siegfried Lokatis
Reihe
Leipziger Arbeiten zur Verlagsgeschichte
Erschienen
Stuttgart 2019: Hauswedell Verlag
Anzahl Seiten
576 S.
Preis
78,00 €
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hans Altenhein, Historische Kommission, Börsenverein des deutschen Buchhandels

Die Nachkriegs-Geschichte im östlichen Teil Deutschlands gilt, dank der nach 1990 offenliegenden Quellen, als ausreichend erforscht. Dazu hat nicht zuletzt der Verfasser dieses Buches beigetragen, siebzehnmal erscheint sein Name im Literaturverzeichnis, vor allem zu Themen wie Verlagspolitik, Wissenschaftsgeschichte, Leseforschung und Zensur in der SBZ/DDR. Ist der vorliegende Band eine Summe daraus?

Nach einer sehr persönlichen Einleitung Lokatis‘ beginnt er mit einer prinzipiellen Frage: Wie modern war die Buchzensur in der DDR? Zwar standen die traditionellen Begriffe von Verbot und Verhinderung am Beginn der Publikationskontrolle, die von sprachkundigen Kulturoffizieren der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) installiert wurde. Der inzwischen publizierte, interne Tulpanow-Bericht von 1947 beschreibt dieses operative Vorgehen in der Stalin-Ära. Bei der Säuberung deutscher Bibliotheken von der Erbschaft des Nationalsozialismus gab es so wenig Nachsicht wie bei militaristischer Literatur. Den Sperrmagazinen von DDR-Bibliotheken wie der Deutschen Bücherei in Leipzig gilt hierzu ein eigenes Kapitel, das auch die Erstellung von Verbotslisten nach deren Beständen behandelt. Es waren „bald über 50 Mitarbeiter insgesamt sieben Jahre mit genauerer Durchsicht beschäftigt“ (S. 150). Danach jedoch entstand in deutscher Zuständigkeit ein Zensursystem, das an allen Stellen der Literaturproduktion unter Berücksichtigung ideologischer, ökonomischer und außenpolitischer Interessen, also auch mit wechselnder Rigidität funktionierte, deutlich „moderner“ als die alte Literaturpolizei, in seiner Ausdifferenzierung allerdings auch aufwendiger, konfliktbeladener und komplizierter. Die Feststellung ist nicht ganz neu. Schon vor zwanzig Jahren hatte ein Insider auf den wesentlichen Unterschied zur Zensur der Weimarer Republik aufmerksam gemacht: Stand die Literatur dort Polizeibeamten und Strafjuristen gegenüber, so trafen hier auf beiden Seiten Angehörige der literarischen Intelligenz aufeinander.[1] Zensur versteht sich jetzt als positive Kulturpolitik und somit als „verantwortliche Redaktion“ in allen Instanzen des Literaturprozesses. Prinzipiell bedarf jedes Buch einer Druckgenehmigung der Zentrale. „Literaturentwicklung“ einerseits, Einhaltung der Parteilinie andererseits sind dabei die oft konkurrierenden Grundprinzipien. Den Kanon bildet die marxistische Literaturtheorie. Gutachten sind die bevorzugte Verkehrsform.

Die Arbeit begann mit der Neugründung von Verlagen in der SBZ durch die Parteien oder durch gesellschaftliche Organisationen (Kapitel I–III). Die Zulassung alter Verlagsunternehmen erfolgte unter strenger Kontrolle. Ein Kultureller Beirat übernahm ab 1946 im Auftrag der SMAD alle Aufsichts- und Genehmigungs-Funktionen. Noch konnte man darauf hoffen, später auch überregional in der Literaturpolitik tätig werden zu können, aber gesamtdeutsche Perspektiven erwiesen sich bald als Illusion. Mit der Etablierung eines Amtes für Literatur und Verlagswesen im Jahre 1951 (Kapitel IV), der späteren Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel des Ministeriums für Kultur (HV), begann in Ost-Berlin die Tätigkeit einer zentralen Behörde für die Planung und Leitung des gesamten Literatursystems der DDR. Die Kapitel V und VI stellen die Institutionalisierung, den Ausbau und die Arbeitsweise dieser für die Produktion von schließlich 78 lizensierten Verlagen, für Hunderte von Firmen des Volksbuchhandels, den Zwischenbuchhandel, den Antiquariatshandel und den Buchaußenhandel zuständigen Einrichtung dar, die aber auch mit vielen anderen Stellen und in letzter Instanz mit den Abteilungen des Zentralkomitees der SED zu kooperieren hatte. Zensurarbeit war ein zentraler Teil dieser umfangreichen Aufgabe.

Die Durchsetzung ursprünglich sowjetischer Muster von Literaturpolitik wurde von speziellen Faktoren im geteilten Land erschwert: die Existenz eines selektiv-gemeinsamen literarischen Erbes, die Entwicklung einer sozialistischen „National“-Literatur in Abgrenzung vom Westen und die bilateralen zur Bundesrepublik. Das galt insbesondere für die wissenschaftliche Literatur. Die Gründung eines eigenen Verlages der Akademie der Wissenschaften in Berlin (Kapitel XI) bezog sich ausdrücklich auf dessen Buch- und Zeitschriftenprojekte mit internationalen Autorenverbindungen und sicherte dem Verlag sogar eine Sonderstellung bei der Materialbeschaffung und bei Druckgenehmigungen. Auch die eigentlich systemwidrige Wiederzulassung wissenschaftlicher Privatverlage verdankte sich solchen Rücksichten. Meinungsverschiedenheiten mit der SMAD waren dabei unvermeidlich. Überhaupt blieb deren Aufsicht latent erkennbar: Die Entwicklung parteigeschichtlicher Standard-Publikationen wie der „Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“ vollzog sich nicht ohne Probleme im SED-eigenen Dietz Verlag, obwohl dieser dem ZK direkt zugeordnet war.[2] Dietz, als Nachfolger des KPD-Verlages „Neuer Weg“ 1946 gegründet, wurde auch der Verlag der theoretischen „Klassiker“ und stand so in komplizierten Beziehungen zur Partei, ihrem Institut für Marxismus-Leninismus und, bis 1950, direkt unter sowjetischer Zensur (Kapitel XIII).

Die Parteilinie war leitend, aber nicht immer eindeutig, wie ein Fall aus den 1950er-Jahren im Verlag Rütten & Loening zeigte (Kapitel XII), der die Begutachterin wie Verlagsmitarbeiter/innen in größte Verlegenheit brachte und die Frage nach der kulturpolitischen „Verantwortlichkeit“ auf allen Ebenen verstärkt stellte, selbst und gerade dann, wenn die Verantwortlichen selbstbewusste Genossen aus der Emigration waren. An diesem Fall, einer Geschichte der Kommune von 1871, macht Lokatis die Innenverhältnisse des Zensurbetriebs sichtbar. Bedenklich und immer dem Dekadenz-Verdikt ausgesetzt erschien aber auch die deutsche „literarische Moderne“ der Weimarer Zeit. Die von Fritz J. Raddatz begonnene und von Roland Links fortgesetzte Tucholsky-Ausgabe im Verlag Volk und Welt bedeutete da eine beispielhafte Leistung zwischen Zensur und Editionsphilologie (Kapitel XVII).

Die Zensur eingereichter Manuskripte stützte sich auf Gutachten. Insgesamt ging es nicht nur um Manuskriptstellen, sondern auch um Vor- und Nachworte, Titelformulierungen, die Höhe von Erst- und Nachauflagen und bis hin zur Steuerung von Rezensionen und Buchpräsentationen. Beteiligt waren neben Mitarbeiter/innen der HV auch Lektor/innen, Verlagsleitung, Parteiobere, und im Vollzug die Zollinspektion oder die Organe der Staatssicherheit. Und immer wieder dieselben kulturpolitischen Fragen: Was ist zu untersagen, was zu tolerieren, was zu fördern? Die deutlichste Beziehung zwischen Literaturpolitik und Literaturförderung materialisierte sich in der Geschichte des Mitteldeutschen Verlages (Kapitel IX). So bereitete sich bereits vor der Bitterfelder Konferenz von 1959 ein Programm vor, das den Kleinverlag in Halle bald zum Zentrum einer neuen „sozialistischen Gegenwartsliteratur“ machte, nicht selten mit durchaus kontroversen Themen und entsprechendem Verkaufserfolg. Auch sonst hatte die literarische Vorzensur deutlichen Einfluss auf die „Steuerung der Literaturströme“ und auf die Literaturproduktion im Detail. So sehr sie sich zunächst auf Autoren und Verlage richtete, blieb der künftige Leser im Auge, der ja nicht nur vor „falscher“ Lektüre geschützt, sondern auch mit „richtiger“ Lektüre versorgt werden sollte. Der pädagogische Tenor der Arbeit war unverkennbar. Und wie reagierten die Leser/innen auf Verbote? Im Unterkapitel „Unerlaubte Literatur“ benennt Lokatis die Zensur-Umgehungsversuche durch Beschaffung (und Lektüre) diskriminierter Bücher in den Sperrmagazinen, durch private Besorgung aus dem benachbarten Ausland, im Antiquariat oder auf Buchmessen. „Der heimliche Leser interessierte sich für Die Alternative, Angélique, Autoatlanten und Astrologie, für Wolf Biermann, Bild und Bravo, für Comics, China und Camus…“ (S. 115), durch Zollkontrolle hatte man höheren Orts einen Überblick. Abschriften oder gar Markierungen zensierter Textstellen wie im Fall von Christa Wolfs „Kassandra“-Vorlesungen führten die Zensur nicht selten öffentlich vor.

Wie Lokatis zeigt, veränderten sich die Kriterien der Zensur wie die Lückenlosigkeit ihrer Anwendung im Laufe der Jahre, meist im Zuge innen- und außenpolitischer Kursänderungen. Der beginnende Exodus von reglementierten Autor/innen nach Westdeutschland, die „internationale Autorität“ einer Autorin wie Christa Wolf und der bilaterale, valutaträchtige Handelsverkehr über Lizenzen und Druckleistungen mit dem Westen verlangte immer wieder Zugeständnisse und erweiterte den engen Kanon der ersten Jahre zunehmend. Ein spezielles Problem stellte die bei der Leserschaft so beliebte ausländische Literatur dar, ein großer Stamm genre- und übersetzungserfahrener Lektor/innen und Gutachter/innen traf die Auswahl nach literarischen wie politischen Kriterien und keineswegs immer „bündnisgetreu“. Das Pensum war gewaltig. Das Übersetzungsprogramm von Volk und Welt umfasste Literatur aus dem sozialistischen wie aus dem westlichen Ausland. Literatur aus der Bundesrepublik war dem Verlag für Internationales jedoch ab 1964 im Rahmen der Verlags-Profilierung entzogen und dem Aufbau-Verlag zugewiesen worden. Erst indem die Bundesrepublik als Ausland zu betrachten war, konnte Volk und Welt mit großer Verspätung wegen anhaltender innerdeutscher Differenzen 1986 Die Blechtrommel von Günter Grass herausbringen. Wie vielfältig und zugleich vielsagend die Motive der Zensur sein konnten, zeigt Lokatis mit einem Archivfund. In einem Nachtrag zur Liste der auszusondernden Schriften von 1948 werden auch die übersetzten Schriften von Trotzki, Bucharin und Sinowjew zusammen mit anderen linken Abweichlern indiziert (Abbildung S. 120): der Auftakt zur inner-ideologischen Zensur.

Das Ende der Geschichte beginnt vor dem Ende der DDR. Lektor/innen wie Sigrid Töpelmann, Gutachter/innen wie Christine Horn (für DDR-Literatur), Gerhard Dahne oder Klaus Selbig taten sich in der „Rettung“ von Manuskripten hervor, die beiden letzteren wurden deswegen aus der HV versetzt und hätten eine Erinnerung verdient.[3] Selbst der geschäftsführende Vertreter des Ministeriums für Kultur, Klaus Höpcke, geriet schließlich wegen gewisser Zugeständnisse in Schwierigkeiten mit der Parteileitung. Ihm ist das vorletzte Kapitel gewidmet. Bereits im Juli 1986 – ein Klima „kritischer Öffentlichkeit“ hatte sich um einige Autoren schon gebildet – zeigt eine Gesprächsnotiz, dass die Blockierungen im Bereich der Belletristik durch das zuständige ZK-Mitglied Kurt Hager die Arbeit des stellvertretenden Ministers Höpcke und seiner HV zusehends erschwerte (S. 534). Im Zusammenwirken mit Hermann Kant und nach dem öffentlich gemachten Plädoyer gegen Zensur des Schriftstellers Christoph Hein auf dem Schriftstellerkongress von 1987 drängte Höpcke auf „Vereinfachung“ des Druckgenehmigungsverfahrens. Das geschah in aller Stille, indem man die Verantwortung den Verlagen übertrug. Ein „Themenplan“ trat an die Stelle der Einzelprüfung. Was bis 1989 blieb, war die politische Verantwortung aller Beteiligten, sowie eine Reihe von Klauseln. Was daraufhin folgte, war das Erscheinen einer Serie „kritischer“ Bücher in einer sich verwandelnden DDR.

Die monographischen Kapitel des Buches schöpft Lokatis aus der gewaltigen Fülle von Zensurakten, Gutachten, Zweitgutachten und Gegengutachten, die die DDR hinterlassen hat. Ablehnungen, Rettungsversuche, Wiedervorlagen, Verbesserungsvorschläge, Bedenken und Zustimmungen bestimmen den Zensurprozess, „verantwortliche Redaktion“, das herrschende Selbstverständnis der meist akademisch gebildeten, zum Teil promovierten oder habilitierten Gutachter/innen, bedeutet Lese- und vor allem Schreibarbeit. Siegfried Lokatis ist beim Studium dieser Texte an den Methoden der Literaturzensur ebenso interessiert wie an deren Motiven. Den Exzessen, Lücken und Paradoxien des Zensurverfahrens gilt seine besondere Aufmerksamkeit, das umfangreiche Archivmaterial bietet ihm dazu Beispiele im Überfluss. Gelegentlich erliegt er seinem Material, so im ausgedehnten Kapitel über die Theorie-Zeitschrift Einheit. Einige Verlagsgeschichten sind in sich chronologisch nachzuverfolgen. Was in den Lektoraten zur Erlangung von Druckgenehmigungen geschah, zeigt exemplarisch das umfangreiche Kapitel über das Germanistik-Lektorat von Volk und Welt. Dass dies alles Fall für Fall, induktiv und auf der Basis früherer Arbeiten herausgearbeitet wird, macht den prismatischen Eindruck des Buches aus, lässt zwangsläufig auch Wiederholungen entstehen, hebt es aber zugleich aus der Institutionen- oder Ereignisgeschichte in den Bereich politischer Einsichten hinaus und bereitet so den Weg von der Mikro- zur Makrogeschichte vor.

Die besonderen Probleme der Kulturpolitik im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands und der DDR sind in den letzten Jahren immer wieder erörtert worden. Die Arbeiten von Jan Foitzik und Nikita W. Petrow fehlen im Literaturverzeichnis, David Pike und Robert Darnton werden hingegen zitiert.[4] Bei aller Eigenwilligkeit der deutschen Verhältnisse bleibt die latente Auseinandersetzung der deutschen Literaturpolitik mit der sowjetischen Deutschlandpolitik ein durchgehendes Thema des Buches. Dass Siegfried Lokatis sich auf das Buchwesen konzentriert, hat den Vorteil einer gründlichen Systemuntersuchung, zugleich aber auch den Nachteil, dass Querverbindungen zu anderen Mediensystemen wie Theater, Film, Presse und Rundfunk offenbleiben, obwohl sie als begleitende Zensurprozesse nicht zu übersehen sind.

Dieses Buch, als Nachschlagewerk oder Lehrbuch weniger geeignet, gleicht einem wissenschaftlichen Reiseführer durch unwegsame medienhistorische Landschaften. Geduldige Leser/innen werden entschädigt durch unerwartete Einsichten, durch Alltagszeugnisse eines untergegangenen Herrschaftssystems und seiner internen Interessenkonflikte. Vor solchen Akteneinsichten versagen die allgemeinen Begriffe aus dem Arsenal des deutschen „Kalten Krieges“.

Anmerkungen:
[1] Werner Mittenzwei, Die Intellektuellen. Literatur und Politik in Ostdeutschland 1945–2000, Leipzig 2001; ähnlich argumentiert: Dietrich Löffler, Buch und Lesen in der DDR. Ein literatursoziologischer Rückblick, Berlin 2011.
[2] Parteieigentum waren, wie sich später herausstellte, zwanzig weitere Verlage, darunter Volk und Welt.
[3] Zur geheimdienstlichen Überwachung der HV siehe auch: Joachim Walther, Sicherungsbereich Literatur. Schriftsteller und Staatssicherheit in der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1996, S. 793–801.
[4] Jan Foitzik (Hrsg.), Sowjetische Kommandanturen und deutsche Verwaltung in der SBZ und frühen DDR, Berlin 2015; Nikita W. Petrow, Po szenariju Stalina (Nach Stalins Szenarium), Moskwa 2011; David Pike, The Politics of Culture in Soviet-Occupied Germany 1945–1949, Stanford 1992.

Redaktion
Veröffentlicht am
19.11.2019
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