A. Németh: The Excerpta Constantiniana

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Titel
The Excerpta Constantiniana and the Byzantine Appropriation of the Past.


Autor(en)
András Németh
Erschienen
Anzahl Seiten
XIV, 338 S.
Preis
£ 75.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Raphael Brendel, München

Die konstantinischen Exzerpte gehören zu den Quellen, die von Altertumswissenschaftler/innen oft benutzt, aber fast nie eigens gewürdigt werden. Es handelt sich um eine im späteren 10. Jahrhundert entstandene Sammlung von Auszügen aus mindestens 27 griechischen Historikern, die auf 53 jeweils einem Thema gewidmete Bücher verteilt wurden. Erhalten sind fünf davon (Gesandtschaften der Römer, Gesandtschaften an die Römer, Taten und Untaten, Hinterhalte, Aussprüche), zwei sogar in der Originalfassung, während der Rest nur über Rekonstruktionen der Titel bekannt ist. Die exzerpierten Historiker decken nahezu die gesamte griechische Literaturgeschichte ab: Herodot und Thukydides sind die frühesten, Georgios Monachos aus dem 9. Jahrhundert der späteste. Die Bedeutung für die Rekonstruktion der Autoren ist unterschiedlich, da die Länge der Exzerpte variiert (von Zosimos und dem Kirchenhistoriker Sokrates liegen nur wenige Passagen vor, wohingegen Polybios mehrere hundert Seiten füllt) und der Überlieferungszustand der Vorlagen von vollständig erhaltenen Werken (Flavius Josephus) über unvollständig, aber durch mehrere Überlieferungszeugen erhaltene Schriften (Cassius Dio) bis hin zu praktisch nur aus den Exzerpten greifbaren Werken (Eunaps Historien) reicht. Somit haben auch Althistoriker/innen einen guten Grund, die publizierte Fassung der Dissertation Némeths (Central European University, Budapest 2010) mit Interesse zur Kenntnis zu nehmen, zumal sich diese auch als Beitrag zur Altertumswissenschaft versteht (S. 14).

Die Einleitung (S. 1–19) stellt Konstantin VII. (regierte 945–959), das auf ihn zurückgehende Projekt und dessen Vorlagen kurz vor, begründet die Notwendigkeit einer Studie zu den Ursprüngen und Methoden der Exzerpte, die sie in ihrem Entstehungskontext erfasst, und bietet eine Zusammenfassung der folgenden Kapitel. Im ersten Kapitel (S. 20–53) wird ein allgemeiner Blick auf das Umfeld geboten, in dem die Exzerpte entstanden. Behandelt werden die Projekte der Systematisierung von Wissen aus der jüngeren und älteren Vergangenheit, die Person Konstantins VII., die des Eunuchen und wichtigsten Entscheidungsträgers am Hof Basilios Lekapenos, für den Németh eine enge Verbindung zum Projekt der Exzerpte belegt, sowie die Außenpolitik des byzantinischen Hofes, die von der historischen Materialsammlung profitieren sollte.

Das zweite Kapitel (S. 54–87) bietet einen Überblick über Theorie und Praxis bei der Anfertigung der Exzerpte. Da Epitomai und Anthologien nicht den Ansprüchen genügten, wurde im Rahmen des Projektes eine andere Methode entwickelt, bei der Passagen vollständig kopiert und in thematisch geordnete Bücher übertragen wurden. Weiterhin diskutiert Németh die Methoden zur Ermittlung der Themen nicht erhaltener Bücher, die Hierarchisierung der Themen, die jedem Buch vorangestellten identischen Texte (Vorwort und Widmungsgedicht), den Hintergrund der 53 als Zahl der gewählten Themen und die praktische Umsetzung der Vorgaben am Beispiel des Prokopios.

Thema des dritten Kapitels (S. 88–120) ist die Frage nach dem Weg von den Texten der Handschriften zu den Exzerptsammlungen. Gegenüber der üblichen Annahme, dass zunächst ein Gebildeter den Text untergliederte und die Aufteilung in die einzelnen Bände festlegte, was dann durch einen Exzerptor geschah, der auch die Anfänge und Enden der einzelnen Abschnitte anpasste, schlägt Németh eine Modifikation vor: Nach der Unterteilung des vollständigen Textes wurden die Bindungen der Codices entfernt. Von den losen Blättern wurden Entwürfe kopiert, im Rahmen derer auch die notwendigen Modifikationen am Text vorgenommen wurden. Zuletzt wurden alle Entwurfkopien zu den Themen gesammelt und in die eigentlichen Handschriften der Bände kopiert. Der Hauptunterschied besteht somit darin, dass die Vorlagen der Exzerpte nicht geliehene (oder sonstwie beschaffte) Handschriften, sondern Abschriften derselben waren. Konkrete Belege dafür kann Németh nicht vorlegen, wohl aber allgemeine Überlegungen zu Kosten, Arbeitseffizienz, Problemen bei der Handschriftenbeschaffung sowie eine Fallstudie zu einem Abschnitt bei Arrian.

Das vierte Kapitel (S. 121–144) nimmt die Inhalte und Methoden der übrigen Traktate Konstantins VII. (De thematibus, De administrando imperio und De ceremoniis) in den Blick und zeigt, dass alle Werke einen Einfluss der Exzerpte aufweisen. Im fünften Kapitel (S. 145–164) befasst sich Németh mit den Wandlungen der Historiographie unter Konstantin VII.: Während in der jüngeren Vergangenheit ein starkes Interesse an Annalististik bestand (Georgios Synkellos, Theophanes Confessor), weisen die unter Konstantin VII. im Umfeld des Hofes entstandenen Geschichtswerke (Theophanes continuatus, Genesios, Leo Diaconus, Vita Basilii) einen biographisch ausgerichteten Schwerpunkt auf, auch wurde für sie auf die Exzerpte zurückgegriffen. Im sechsten Kapitel (S. 165–184) werden die literarischen Präferenzen, die über die Exzerptsammlungen sichtbar werden, herausgearbeitet: Zeitlich behandeln die meisten Werke die Geschichte der römischen Kaiserzeit, die des Ostens (vor allem Persien), die griechische mythische Geschichte oder den historischen Hintergrund der biblischen Ereignisse. Chroniken wurden in geringerem Ausmaß berücksichtigt und vor allem dann, wenn sie besondere Informationen oder zahlreiche Anekdoten aufweisen. Allgemein sind vor allem solche Werke aufgenommen, deren Struktur ihren Inhalt leicht zugänglich macht.

Im siebten Kapitel (S. 185–211) betrachtet Németh die Einordnung der Themen der Bücher in übergeordnete Kategorien, also Biographisches zu den Kaisern, Militärisches, Diplomatie, Moral und Unterhaltungslektüre, historische Epigramme, historische Briefe, Reden und Aussprüche. Das achte Kapitel (S. 212–237) nimmt die Mittel, mit denen den Leser/innen der Exzerpte das Auffinden von Informationen erleichtert werden sollte, in den Blick. Németh identifiziert hier Zwischenüberschriften, nummerierte Inhaltsverzeichnisse, Querverweise sowie Markierung von seltenen Worten und interessanten Aspekten. Eine Anordnung der Werke in den Bänden nach einem geplanten Schema sei hingegen nicht nachzuweisen. Im neunten und letzten Kapitel (S. 238–255) wird das Lexikon Suda als letzter nachweisbarer Benutzer der Exzerpte betrachtet. Laut Németh hat das zwischen den 960er- und 980er-Jahren entstandene Lexikon einige, aber nicht alle Bände der Exzerpte herangezogen und die historischen Texte aus diesen zitiert, umgekehrt aber auch über den Bestand der Exzerpte hinausgehende Werke verwendet. Ein Vergleich mit den Hilfstexten der Exzerpte zeigt, dass die Suda diese als Hilfestellung für die Ermittlung lexikalischer und biographischer Oberbegriffe verwendet hat. Das Schlusskapitel (S. 256–265) bietet eine allgemeine Charakteristik der Exzerpte und stellt eine Reihe ähnlicher Projekte im lateinischen Westen und in China vor. Bei den beiden Anhängen handelt es sich um eine Edition der S. 60–63 behandelten Einleitungstexte der Exzerpte (S. 266–269) und eine Liste der Handschriften der Exzerpte (S. 270–277). Es folgen Bibliographie (S. 278-321) sowie Register der Handschriften (S. 322–323), Namen (S. 324–335) und Sachen (S. 336–338).

Némeths Werk bedeutet in vielerlei Hinsicht einen Fortschritt. Die auf jeder Seite erkennbare hervorragende Kenntnis der Handschriften führt zu einer genauen und sorgfältigen Untersuchung vieler kaum beachteter Details. Auch ist die Forschungsliteratur umfänglich erfasst[1], und es lassen sich nur wenige Irrtümer ermitteln.[2] Problematische Thesen gehen vor allem auf die Schwierigkeiten des Materials zurück, da insgesamt weniger als zehn Prozent des ursprünglichen Werkes erhalten ist. Allerdings wäre es sinnvoll gewesen, die Frage danach, ob verschiedene Werke nicht in die Exzerpte aufgenommen oder in verlorenen Büchern berücksichtigt waren, eigens zu diskutieren, anstatt wiederholt darauf hinzuweisen, dass beide Optionen möglich sind (S. 8, 171 mit Anm. 20–21, 243 und 244), und so Indizienbeweise über das ganze Buch zu verstreuen. Auch die These zu 53 als bewusst gewählter Zahl der Bände (S. 71–77), die über christliche Numerologie und über Polybios begründet wird, erscheint übertrieben. Gewiss ist es denkbar, dass auf- oder abgerundet wurde, um durch geringfügige Veränderungen zu dieser Zahl zu gelangen. Ist es aber nicht eher anzunehmen, dass praktische Überlegungen an erster Stelle standen?

Trotz dieser Einwände dürfte die Monographie für Byzantinist/innen einen wertvollen Beitrag darstellen. Anders verhält es sich mit ihrer Bedeutung als Beitrag zur Altertumswissenschaft, obwohl der Autor ausdrücklich „Editors of the fragmented historians“ der Antike als seinen Adressatengruppe sieht (S. 14). Németh arbeitet heraus, dass die Exzerptoren die Vorlagen unverändert übernehmen und den vollständigen Text auf die einzelnen Bücher verteilen sollten (S. 68); sie mussten allerdings Anfang und Ende der Passagen anpassen (S. 78) und kleinere Veränderungen im Dienste der Verständlichkeit vornehmen (S. 83); insgesamt aber sind die Texte zuverlässig überliefert (S. 86). Einige Textstücke finden sich in unpassend erscheinenden Themen und einige in mehr als einer Sammlung, wobei dann eine Fassung verkürzt wurde (S. 68). Ebenfalls in reduzierter Form liegen Passagen vor, die ältere in den Exzerpten berücksichtigte Texte ohne wesentliche Änderungen reproduzieren (S. 69). Die Suda hat die historischen Werke nach den Exzerpten zitiert (S. 243). Dies ist allerdings alles längst bekannt, Németh präsentiert somit für die Altertumswissenschaft wenig Neues.

Das Urteil muss daher zwiespältig ausfallen: Byzantinist/innen werden die gehaltvolle und materialreiche Studie mit Interesse lesen.[3] Für Altertumswissenschaftler/innen, denen es darum geht, die Zuverlässigkeit der Textgrundlage fragmentarisch erhaltener Autoren zu erfahren, lohnt sich allerdings nur die Lektüre ausgewählter Partien (vor allem S. 60–71, 77–87, 115–120, 241–244 und 266–269). Dieser Gruppe käme Németh entgegen, wenn er seine über das Buch und seine weiteren Aufsätze (S. 310f.) verteilten Erkenntnisse zur Überlieferung der antiken Historiker systematisch in einem Aufsatz darlegen würde.

Anmerkungen:
[1] Ergänzen könnte man Editionen der letzten Jahre (S. 30, Anm. 47 und S. 278 Tartaglias Kedrenos), zum Titel der Suda (S. 240, Anm. 7) Peter Riedlberger, Again on the name Gorippus, in: Benjamin Goldlust (Hrsg.), Corippe. Un poète latin entre deux mondes, Lyon 2015, S. 243–269 (hier S. 259–265); den Nachdruck von Täublers S. 318 zitiertem Aufsatz (Eugen Täubler, Ausgewählte Schriften zur Alten Geschichte, Stuttgart 1987, S. 81–88, die Erstpublikation umfasst S. 33-40, Németh hat S. 33-42) und S. 8 mit Anm. 26 die Bemerkungen von Günther Christian Hansen in seiner Sokrates-Ausgabe (1995, S. XXXIX mit Anm. 2), die S. 286 auch erfasst ist, zur Bedeutung der Exzerpte für den Text des Autors.
[2] S. 6: „73/74“ (richtig: 74/73); S. 8, Anm. 25: Paschoud 2006 als Edition des Eunapios (Teilausgabe); S. 9, Anm. 30 und S. 278: „Fredno“ (Frendo); S. 13, Anm. 50 sollte sich die Bemerkung auf Büttner-Wobst 1906a, nicht auf 1905 beziehen; S. 25, Anm. 13, S. 26, Anm. 21 und S. 290: „Boudewijn Sirks“ (Sirks, da Boudewijn der Vorname ist); S. 48: „Porphyogenita“ (Porphyrogenita); S. 290: „Zweckehandschriftlicher“; S. 310: „Kontsnatinopel“.
[3] Bisherige Rezensionen von Thomas Michael Banchich, in: Bryn Mawr Classical Review April 2019, 18, https://bmcr.brynmawr.edu/2019/2019.04.18 (25.03.2020); Anthony Kaldellis, in: Sehepunkte 19 (2019), 11, http://sehepunkte.de/2019/11/33102.html (25.03.2020); Panagiotis Manafis, in: Medieval Review Juni 2019, 4, https://scholarworks.iu.edu/journals/index.php/tmr/article/view/27409 (25.03.2020).

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20.04.2020
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