Cover
Titel
Beyond Versailles. Sovereignty, Legitimacy, and the Formation of New Polities after the Great War


Herausgeber
Payk, Marcus M.; Pergher, Roberta
Erschienen
Bloomington 2019:
Anzahl Seiten
IX, 245 S.
Preis
$ 35.00
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Jost Dülffer, Historisches Institut, Universität zu Köln

„Beyond Versailles“ kann vieles heißen. Gemeint sind insgesamt die unterschiedlichen Pariser Friedensverhandlungen, von denen sich dieser Band absetzt, wenn er die Umsetzungen und Folgen mehr oder weniger „vor Ort“ in den entsprechenden Gebieten zum Thema macht. Gerade im Zentenar-Jahr 2019 sind solche Blickrichtungen immer wieder zur Sprache gekommen, so in den bedeutenden Gesamtdarstellungen von Conze, Leonhard und Schwabe[1], doch ist den Herausgeber/innen recht zu geben: Sie haben zumeist selten gewählte Perspektiven mit innovativen Studien vor dem Hintergrund der weit verzweigten Forschung erarbeitet. Und sie knüpfen an drei weitere Trends an: Sie gehen die Implementierung gleichsam von der Mikroperspektive an; sie berücksichtigen statt des lange dominierenden Blicks auf Westeuropa vor allem Ostmitteleuropa und einige über Europa hinausweisende Gebiete und schließlich gehen sie zeitlich deutlich über die Zeit der Pariser Verhandlungen hinweg – sowohl zuvor als auch danach. Damit tragen sie zwar nicht Eulen nach Athen, entdecken aber doch einige neue Verhaltensweisen wenig beachteter Eulenarten.

Im Mittelpunkt steht dabei „self-determination“ als Kernprinzip der legitimen Regierung, was von vielen Autoren explizit als „national self-government“ verengt wird, obwohl doch Marcus Payk und andere betonen, dass es dem US-Präsidenten Woodrow Wilson ursprünglich um (demokratische) Selbstverwaltung und nicht nationale Unabhängigkeit ging (S. 222 und öfter). Indem Selbstbestimmung damals aber als Legitimationsprinzip für Nationalstaaten angesehen wurde, gewann dieses juristische Gebilde jedoch 1919 Eigenwert und strukturierte Verhandlungen. Nicht erwähnt in dem Band wird etwa die Skepsis schon von Wilsons Secretary of State Robert Lansing, der Ende 1918 notiert hatte: „What effect will it have on the Irish, the Indians, the Egyptians, and the nationalists among the Boers? […] The phrase is simply loaded with dynamite. It will raise hopes which can never be realized. It will, I fear, cost thousands of lives. In the end it is bound to be discredited, to be called the dream of an idealist who failed to realize the danger until too late to check those who attempt to put the principle into force. What a calamity that the phrase was ever uttered! What misery it will cause!“[2]

Ganz so schlimm kam es dann doch nicht, aber es zeigte sich schnell, dass eine konkrete Umsetzung weit mehr und andere Faktoren ins Spiel der Politik brachte, wenn sie nicht schon zuvor virulent waren. Gelegentlich klingt es in dem Band so, als ob grundsätzlich demokratische Selbstbestimmung versus alte Großmachtpolitik gestanden habe. Doch machen einige Autoren, voran Brendan Karch bei einem Überblick über die wenigen Plebiszite, die Legitimität schaffen sollten, klar, dass diese recht schwierig umzusetzen waren. Gerade bei Oberschlesien kamen ganz andere Schichten hinzu und auch für das Gebiet um Teschen zeigt Isabelle Davion, dass die ethnischen Lagen unentwirrbar waren. Hinzu kamen hier, aber auch in anderen Fällen, Erwartungen an die künftige politische Rolle der möglichen neuen Nationen, kulturelle Zugehörigkeit, wirtschaftlicher Zusammenhalt, historische Bindungen – auch und gerade auf der Mikroebene über den Zusammenhang von Regionen. Schließlich kommen fast alle Autoren irgendwo am Rande dazu, dass die Interessen der Großmächte tatsächlich eine zentrale Rolle spielten. Dem Wilson‘schen Verständnis hingen Franzosen oder Briten sowieso nur sehr abgewandelt an.

Gewiss gab es einen „legalistic approach“ (Payk, S. 220), doch viel mehr waren es machtpolitische Interessen eben der siegreichen Großmächte, die eine bestimmte Linie – auch der Legitimation – durchsetzten. Das galt für die Freie Stadt Danzig, die geschaffen wurde, um polnischen Interessen entgegenzukommen, eben keine freie Selbstbestimmung der deutschen Einwohner zuließ, wie Payk selbst sehr klar an der Frage der polnischen Post zeigt. Das gilt aber auch für Oberschlesien, wo es vielleicht nicht ganz ausreicht, wenn Karch meint, die Mächte hätten formal ja nur ein „advisory plebiscite“ (S. 27) eingefordert und die Teilung daher nach einem gewissen politischen Gutdünken vollzogen. Die Crux aller Selbstbestimmung – und das kommt in dem Band nicht vor – lag damals (und bis heute) in der Frage, wer es warum durchsetzte, in welchem Gebiet und von welchen Menschen über Selbstbestimmung votiert werden sollte.[3] Dies gesagt, würde der Rezensent auch nach diesem Band die machtpolitischen Interessen der neuen Staaten vor Ort, stärker aber noch die der Großmächte als konstitutiv, nicht nur als Relikt gegenüber neuen, legalistisch legitimierenden Politikansätzen ansehen, die es gewiss gab.[4]

Von der Radikalisierung ethnonationaler Ansprüche handelt Jesse Kaufman nicht nur auf deutscher, sondern auch auf der polnischen Seite bei dem einflussreichen Leon Wasilewski für den ganzen bilateralen Grenzbereich – bis 1939: Auch bei dem Polen klangen völkische Töne an. Für den neuen österreichischen Staat versucht sich John Deak überzeugend an einem Perspektivwechsel, wenn er nicht so sehr von einem zusammengebrochenen Habsburger-Reich, sondern von einem sich wie auch sonst in der Region neu ausbildenden Nationalstaat, hier bei der Zuschreibung von Staatsbürgerschaft seiner Beamten, ausgeht. Bei den neuen Territorien Italiens nach Versailles handelte es sich einerseits um das Trentino und Südtirol, schon im Krieg als Beute für den Kriegseintritt zugesagt und kaum mit Selbstbestimmung zu rechtfertigen. Das ist bekannt, aber Roberta Pergher versteht es, diese Erweiterung innovativ mit den relativ gleichberechtigten Abkommen Italiens mit Tripolis und Cyrenaica zu verbinden, die sogar von Mussolini pro forma als neue Provinzen honoriert wurden.

Damit sind wir bei vier weiteren Beiträgen angelangt, die bisweilen nur lose mit der Verrechtlichung durch die Pariser Konferenzen verbunden sind. Ägypten – das ist John Culangs These – lässt sich als Beispiel kolonialer Gouvernementalität heranziehen. Er behandelt ein ganzes Jahrhundert seit etwa 1840, sieht sich arabische und osmanische Vorstellungen von Staatlichkeit an und vermag zu zeigen, wie mit dem Weltkrieg im Nahen Osten selbst eine bis dahin informelle britische Herrschaft in das Instrument des formalen Protektorats überführt wurde, nicht zuletzt staatsrechtlich an die Auflösung des Osmanischen Reiches gebunden. Offenbar von portugiesischem Hintergrund aus legt Caio Simoes de Araujo dar, wie Wilsonianismus „was profoundly wedded to racial and civilizational hierarchies“ (S. 166). Damit setzt er die – in Paris selbst verhandelte – gescheiterte japanische Rasseerklärung voraus und widmet sich dem Panafrikanischen Kongress von Paris und vor allem dem weiteren Wirken von W.E.B. Du Bois: „Racial equality in a world of Empires“, heißt eine der Überschriften; die US-Situation der Rassentrennung wäre hier einzubeziehen. Persischem Nationsdenken widmet sich schließlich Timothy Nunan mit dem Publizisten Sayyid Hassan Taqīzādeh, der im Ersten Weltkrieg eine in Berlin publizierte Zeitschrift herausgab, die sich dezidiert gegen die Briten (und Russen) wandte. Der Verfasser sieht, wie sich die nationalen Vorstellungen seines Autors im Kriegsverlauf (und danach) gerade auch aufgrund konkreter Politik anderswo (z.B. Ukraine) wandelten, sodass er verbal auch eine deutsche Hegemonie in Kauf nahm, ebenso wie das bolschewistische Modell eine gewisse Faszination ausübte. Das sind für ihn Varianten des Internationalismus im Vergleich zum herkömmlich nur genannten Wilson‘schen Internationalismus; ob das ein sinnvoller Oberbegriff ist, sei dahingestellt. Der Beitrag selbst öffnet neue Perspektiven.

Was bleibt? Über einen recht homogenen Kreis von sechs Kapiteln hinaus wird ein nur noch lose mit Versailles (oder Paris) zusammenhängendes je innovatives Panorama von weiteren vier Kapiteln entworfen. Insgesamt wird der Wilsonianismus „as an informal dynamic combination of various related promises, practises and proclamations“ angesehen. Die Verträge selbst hätten sich vielfach als dysfunktional erwiesen, aber ältere Vorstellungen von Souveränität und Legitimität hätten sich mit Vorstellungen von öffentlicher Zustimmung, Bevölkerungspolitik und Verantwortung von Staaten wie allgemeiner Interdependenz gemischt (Einleitung, S. 5). Dass sie damit zumindest zugleich gezeigt hätten, wie eine stabile neue internationale Ordnung künftig arbeiten solle (ebd.), mag ja sein. Leider scheinen die aufgeworfenen und differenziert dargelegten Faktoren und Probleme – siehe Lansing oben – aber heute noch recht akut zu sein. Die Diagnose von „alt“ versus „neu“ als wertendes Verlaufsmodell bleibt problematisch.

Anmerkungen:
[1] Eckart Conze, Die große Illusion. Versailles 1919 und die Ordnung der Welt, München 2018; Jörn Leonhard, Der überforderte Frieden. Versailles und die Welt 1918–1923, München 2018; Klaus Schwabe, Versailles. Das Wagnis des demokratischen Friedens, 1919–1923, Paderborn 2019; vgl. darüber hinaus: Jost Dülffer, Erster Weltkrieg und prekärer Frieden. Neue Bücher zum Jahrestag der Friedensschlüsse, in: Osteuropa 1/2 (2019), S. 177–194.
[2] Robert Lansing, The Peace Negotiations. A Personal Narrative, Boston 1921, S. 97f.
[3] Jörg Fisch, Das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Die Domestizierung einer Illusion, München 2010.
[4] Vgl. dazu ausführlicher: Jost Dülffer, Selbstbestimmung, Wirtschaftsinteressen und Großmachtpolitik. Grundprinzipien für die Friedensregelung nach dem Ersten Weltkrieg, in: Mathias Beer (Hrsg.), Auf dem Weg zum ethnisch reinen Nationalstaat. Europa in Geschichte und Gegenwart, Tübingen 2004, S. 41–67; ders., Die Diskussion um das Selbstbestimmungsrecht und die Friedensregelungen nach den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts, in: Jörg Fisch (Hrsg.), Die Verteilung der Welt. Selbstbestimmung und Selbstbestimmungsrecht der Völker, München 2011, S. 113–139.

Redaktion
Veröffentlicht am
09.01.2020
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/