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Titel
Herrhausen. Banker, Querdenker, Global Player. Ein deutsches Leben


Autor(en)
Sattler, Friederike
Erschienen
München 2019: Siedler Verlag
Anzahl Seiten
811 S.
Preis
€ 28,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Joachim Scholtyseck, Institut für Geschichtswissenschaft, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Alfred Herrhausen war einer der bedeutendsten Manager der Bundesrepublik Deutschland und stieg an die Spitze der Deutschen Bank auf, in der man nicht mehr als „Bankier“, sondern zunehmend als „Banker“ bezeichnet wurde. Anders jedoch als Hermann Josef Abs, dessen Biographie von Lothar Gall vorgelegt worden ist[1], und von Jürgen Ponto, dessen Lebensbild aus der Feder von Ralf Ahrens und Johannes Bähr stammt[2], gibt es bislang – abgesehen von den wichtigen Studien von Andres Veiel und Andreas Platthaus[3] – noch keine befriedigende, über das Journalistische hinausgehende Darstellung, die auch das private und unternehmerische Archivmaterial heranzieht. Diese Lücke wird durch die umfangreiche Studie von Friederike Sattler geschlossen. Die Verfasserin beschäftigt sich seit vielen Jahren mit ihrem Protagonisten und hat bereits mehrere Aufsätze zu seiner Vita verfasst. Für das vorliegende Buch, das auf absehbare Zeit als Referenzwerk dienen wird, hat sie in 13 Archiven recherchiert, von denen das Historische Archiv der Deutschen Bank das wichtigste war. Darüber hinaus hat sie zahlreiche Zeitzeugengespräche geführt und Interviews herangezogen, die vom Historischen Archiv der Deutschen Bank geführt wurden. Hierdurch erlangte sie wichtige Hintergrundinformationen, die durch manche nüchternen und sogar nichtssagenden Sitzungsprotokolle nicht herauszufinden sind. Für Friederike Sattlers quellenbasierte Studie war zudem von Vorteil, dass der selbst- und verantwortungsbewusste Herrhausen eine Fülle von Ego-Dokumenten hinterlassen hat, die sein Denken und Wirken nachvollziehbar machen.

Herrhausen kann in mehrfacher Hinsicht als Ausnahmeerscheinung gelten. Viele bedeutende Persönlichkeiten seiner Generation hatten den klassischen Weg im Bankgewerbe genossen: Sie hatten das Handwerkszeug von der Pike auf gelernt und waren vom Banklehrling in die Vorstandsetagen aufgerückt. Herrhausen, 1930 geboren und aus einer bürgerlichen Familie stammend, hatte als Sohn eines Ingenieurs in Köln Betriebs- und Volkswirtschaft studiert und eine Dissertation geschrieben. Danach hatte er zunächst in der Industrie gearbeitet, unter anderem im Vorstand der Vereinigten Elektrizitätswerke Westfalen. Erst Anfang 1970, im Alter von fast 40 Jahren, wurde der industrielle Seiteneinsteiger durch Friedrich Wilhelm Christians, der das Potential dieses Außenseiters erkannte, zur Deutschen Bank geholt: Herrhausens schnelle Auffassungsgabe und ein Denken, das nicht auf die engen Bahnen der Wirtschafts- und Finanzwelt beschränkt blieb, waren wichtig, denn die Stellung der Deutschen Bank als „Branchenprimus“ vor Dresdner Bank und Commerzbank war gefährdet und ausländische Konkurrenten bedrohten zusätzlich die Stellung. Die Herausforderungen löste Herrhausen mit Bravour. Er bewährte sich in den folgenden Jahrzehnten als strategischer Denker und erfolgreicher Sanierer von Unternehmen in einer Zeit der Krisen und des ökonomischen Umbruchs. Das internationale Geschäft sollte, wie er einmal erklärte, auf „40 %“ gebracht werden (S. 263). Dieser Weg wurde vor allem durch den in der Mitte der 1970er-Jahre eingeleiteten Aufbau eines Netzes von Auslandsfilialen beschritten. Zu diesem Weg gehörte auch der wenig später erfolgte Schritt zum integrierten Investmentbanking. Dass Abs, der Grandseigneur der Bank im Hintergrund, anfangs ironisch und etwas herablassend von Herrhausen als „Elektriker“ gesprochen habe soll (S. 157), war rasch wieder vergessen.

Herrhausen trat mehr als andere in der Öffentlichkeit auf, er war auf Verbandsveranstaltungen präsent, er mischte sich in die Tagespolitik ein – ein Verzicht auf die vornehme Zurückhaltung und das übliche Understatement, was vielen seiner Standesgenossen fremd war und bisweilen zu Stirnrunzeln führte. In zahlreichen Institutionen engagierte er sich, um zum Beispiel im Bereich der Wissenschaftsförderung den Ideen einer offenen Leistungs- und Verantwortungselite in der vom Struktur- und Wertewandel gekennzeichneten Bundesrepublik Geltung zu verschaffen – aus dieser Perspektive erklärt sich der im Buchtitel erwähnte „Querdenker“. Herrhausens bis ins Philosophische gehende Einlassungen durchzogen sein Arbeitsleben wie ein Ariadnefaden.

Dass Herrhausen geradezu ein Medienstar wurde, versinnbildlichte zugleich den Wandel des „rheinischen Kapitalismus“, der charakteristischen und zugleich nur schwer zu fassenden Variante der sozialen Marktwirtschaft mit betont sozialstaatlichen und gemeinwohlorientierten gesellschaftspolitischen Ambitionen bei gleichzeitiger Betonung der Leistungsbereitschaft und des Vertrauens in den Wettbewerb.[4] Herrhausen stand anfangs paradigmatisch für dieses Modell, denn er agierte an einer wichtigen Schnittstelle zwischen Industrie und Banken. Aber in einem langen Prozess entfernte er sich, je länger er an den Schalthebeln der Macht war, von manchen Grundsätzen dieses Denkens. Das hing, wie die Studie überzeugend zu zeigen vermag, damit zusammen, dass das „rheinische“ Modell angesichts der sich wandelnden globalen Rahmenbedingungen an Attraktivität verlor. Auch deshalb ging Herrhausen mit Macht an die Neuausrichtung der Deutschen Bank als globaler Universalbank, wie dessen Strategie analysiert wird: „Wenn sich die bundesdeutsche Industrie immer mehr internationalisierte und ihre Wertschöpfungsketten im europäischen und globalen Maßstab umbaute, dann musste ihr in seinen Augen die Deutsche Bank folgen, sofern sie eine Großbank bleiben und ihren Rang nicht an die amerikanische und japanische Konkurrenz verlieren wollte“ (S. 541). Natürlich stellt sich die Frage, ob Herrhausen als Repräsentant der „Deutschland AG“ und sein energisches Votum für den Weg ins Investmentbanking Mitverantwortung für den heutigen Zustand der Deutschen Bank trägt. Friederike Sattler weiß, dass diese Frage kaum zu beantworten ist, weil niemand weiß, wie Herrhausen auf den weiteren Gang der Dinge reagiert hätte.

Ihre Studie ist trotzdem kein Heldenepos. Die Grenzen Herrhausens werden vor allem im letzten Drittel des Buches sichtbar. Er war angesichts der mannigfachen Herausforderungen der globalen Finanzwelt und der Widerstände, die sein Kurs im eigenen Haus hervorrief, zermürbt und bisweilen niedergeschlagen. Bisher vertraute Netzwerke, das Milieu personaler Verflechtungen von Politik und Wirtschaft, das im Bonner „Treibhaus“ aufgeblüht war, verloren an Stabilität, weil die persönlichen Verbindungen zwischen Unternehmen und den Finanzinstitutionen, die als „Hausbanken“ fungierten, nachließen: Die ökonomische Habitusgemeinschaft löste sich langsam auf. Herrhausen, ebenso Schöngeist wie Finanzexperte, war in mancher Hinsicht ein Beispiel für dieses Phänomen. Er war davon überzeugt, mithilfe seiner intellektuellen Brillanz die Widersprüche einer sich differenzierenden Gesellschaft erkennen und auflösen zu können. Friederike Sattler zieht die Systemtheorie Niklas Luhmanns heran, um zu zeigen, warum das nur schwer gelingen konnte. Konsens über gemeinsame Wertsysteme herzustellen, sei angesichts der Vielzahl von Systemen und Subsystemen schwierig genug. Wer sich den Eigenlogiken nicht unterwerfe oder gar dagegen aufbegehre, könne leicht als Außenseiter und Querulant abgestempelt werden. In dieser Situation habe sich Herrhausen kurz vor seiner Ermordung befunden: Mit „großer intellektueller Kraft und Beharrlichkeit“ hatte er seiner Marschroute im globalen Bankgeschäft auf höchster Ebene Geltung zu verschaffen gesucht, nicht zuletzt durch seine Forderung nach einem Teilschuldenerlass für Entwicklungsländer und seine kompromisslosen Pläne für den von ihm als unabdingbar angesehenen Umbau der Bank und den Erwerb der britischen Investmentbank Morgan Grenfell im Herbst 1989. Die damit einhergehenden Querelen hatten jedoch, wie sich sein Nachfolger Hilmar Kopper erinnerte, eine „Palastrevolution“ (S. 555) zur Folge. Einige seiner Vorstandskollegen wären erleichtert gewesen, wenn Herrhausen die Deutsche Bank verlassen hätte.

Es ist in vielfacher Hinsicht tragisch, dass in der Öffentlichkeit vor allem das grausame Ende Herrhausens als Opfer des linken Terrorismus, wenige Wochen nach dem Fall der Mauer, in Erinnerung ist. Das Kapitel über dieses sinnlose Verbrechen wird von Friederike Sattler präzise nacherzählt, ohne von den eigentlich wichtigen wirtschaftlich-gesellschaftlichen Aspekten im Leben Herrhausens, der für die Entwicklung der „Bonner Republik“ von großer Bedeutung war, abzulenken. Die anspruchsvolle Studie versteht es, dem Leser diese Zusammenhänge umfassend und plausibel zu veranschaulichen. Sie ist eine faszinierende Intellektuellenbiographie und eine nüchterne Gesellschaftsgeschichte der Bundesrepublik zugleich.

Amerkungen:
[1] Lothar Gall, Der Bankier Hermann Josef Abs. Eine Biographie, München 2004.
[2] Ralf Ahrens / Johannes Bähr, Jürgen Ponto. Bankier und Bürger. Eine Biografie, München 2013.
[3] Andres Veiel, Black Box BRD. Alfred Herrhausen, die Deutsche Bank, die RAF und Wolfgang Grams, Stuttgart 2002; Andreas Platthaus, Alfred Herrhausen. Eine deutsche Karriere, Berlin 2006.
[4] Hans Günter Hockerts / Günter Schulz (Hrsg.), Der „Rheinische Kapitalismus“ in der Ära Adenauer, Paderborn 2016.

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Veröffentlicht am
18.06.2020
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