W. Böttcher (Hrsg.): Europas vergessene Visionäre

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Titel
Europas vergessene Visionäre. Rückbesinnung in Zeiten akuter Krisen


Herausgeber
Böttcher, Winfried
Erschienen
Baden-Baden 2019: Nomos Verlag
Anzahl Seiten
521 S.
Preis
€ 58,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Martina Steer, Universität Wien

Krisen und Umbrüche waren und sind Zeiten, in denen Menschen Visionen entwickeln. Dies gilt besonders auch für Europa. Angesichts der Kriegsrhetorik, derer sich in Zeiten von Corona die französische und andere europäischen Regierungen bedienen, sei an dieser Stelle nur an die berühmten Worte Jean Monnets erinnert, die er 1943 als Mitglied des Französischen Komitees für die Nationale Befreiung in Algerien formulierte: „Es wird keinen Frieden in Europa geben, wenn der Wiederaufbau der Staaten auf der nationalen Souveränität beruht […] Die Länder Europas sind zu klein, um ihren Völkern den Wohlstand und die soziale Entwicklung zu sichern, die erforderlich sind“.[1]

Sowohl der europäischen Führung als auch den Regierungen der europäischen Staaten scheint es derzeit an solchen Visionen für Europa zu fehlen. Anders sind die Orientierungslosigkeit und der Unwillen, echte und eingebildete Krisen auf europäischer Ebene zu bewältigen, nationale Alleingänge und Egoismen und die Zurückhaltung, alarmierende politische Entwicklungen in verschiedenen europäischen Staaten klar als vertragsbrüchig zu benennen und dementsprechend zu sanktionieren, kaum zu erklären. Ob es sich bei Letzterem um ein „feines Schweigen“ im Nietzscheschen Sinn handelt oder doch um ein banal feiges, mag jeder für sich entscheiden.

Jean Monnet und Friedrich Nietzsche finden sich auf jeden Fall beide bereits in Winfried Böttchers 2014 erschienenen Nachschlagewerk „Klassiker des europäischen Denkens“ wieder. Nun also widmet sich der emeritierte Professor für Politische Wissenschaften und Internationale Politik an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen „Europas vergessenen Visionären“. Wenn schon ein Klassiker wie Jean Monnet als Inspirationsquelle für die europäische Politik ausgedient zu haben scheint, so widmet sich die mit einem geeinten Europa aufgewachsene, und ja, derzeit ratlose Leserin umso neugieriger Winfried Böttchers neuem Band, der als „Rückbesinnung in Zeiten akuter Krisen“ angekündigt wird.

Der Schriftsteller Robert Menasse, der vor drei Jahren mit seinem Roman „Die Hauptstadt“ ein fiktives und dennoch intimes Porträt bürokratischer und menschlicher Verwicklungen in Brüssel vorlegte, steuert ein leidenschaftliches, pro-europäisches Geleitwort zu diesem Band bei. So wie Menasse in seinem preisgekrönten Europaroman, rekurriert auch Winfried Böttcher in seinem Vorwort auf Robert Musils Hauptwerk „Der Mann ohne Eigenschaften“. Dennoch sollte man „Europas vergessene Visionäre“ nicht mit „Die Hauptstadt“ in einer „Parallelaktion“ lesend zusammenbringen, möchte man sich des Glaubens an die Zukunft eines geeinten Europas nicht selbst berauben. Anders als in Menasses Roman, der vor seinen Leser/innen eine mögliche europäische Realität am Abgrund der Geschichte ausbreitet, zieht sich durch Winfried Böttchers Band als positiv gedachtes Leitmotiv „Möglichkeitssinn“ nach Musil, also die Fähigkeit, „alles, was etwas sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist“ (S. 15).

Der Hauptteil des Bandes ist chronologisch gegliedert, deckt 700 Jahre ab und umfasst 60 Biografien. Er spannt sich von einem der bedeutendsten Rechtsgelehrten des Mittelalters Bartolus de Saxoferrato (1313/14– 357) bis zu Guy Héraud (1920–2003), der sich 1974 als Kandidat der Parti Fédéraliste Européen de France erfolglos für die französische Präsidentschaft zu Wahl stellte. Die Unterkapitel „Auf dem Weg in die Frühe Neuzeit“, „Der Umbruch zur Moderne“, „Die Weltkatastrophen und die Zeit danach“ reihen sich aneinander; die behandelten Persönlichkeiten sind anhand ihres Sterbedatums gelistet. Dies kann man durchaus so machen, doch abgesehen von der immer wieder zu klärenden Frage nach der Sinnhaftigkeit von Epochengrenzen wäre es dann interessant gewesen zu erfahren, wo die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der in einem Epochenkapitel zusammengefassten Biografien und Visionen liegen. Auch anders begründete Zusammenstellungen wären möglich gewesen, etwa nach Berufsgruppen: Politiker, Juristen, Schriftsteller, Wissenschaftler etc. Ohne eine solche argumentative Erläuterung des Aufbaus hätte eine alphabetische Reihung der Persönlichkeiten, wie sie auch anderen biografischen Lexika zugrunde liegt, genügt.

Der Band bietet verschiedene Ansätze zur weiterführenden Reflexion an. So ist bei vielen der behandelten Persönlichkeiten zu diskutieren, ob sie tatsächlich „Europäer“ im Geiste waren, die eine Europaidee explizit oder zumindest implizit verfolgten. Der vom Judentum zum Protestantismus konvertierte Schriftsteller Ludwig Börne (1786–1837) träumte als Republikaner beispielsweise von einer Vereinigung Frankreichs und Deutschlands. Visionär war Börnes Denken sicherlich, wenn man die Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg als Keimzelle eines friedlichen Europas sehen möchte. Aber imaginiert Börnes Vision tatsächlich Europa oder ist das eher eine Zuschreibung unserer Zeit? (S. 222–230) Ähnlich schwer fällt hier die Einordnung der vielen im Band aufgeführten Rechtsgelehrten, darunter Francisco de Vitoria (ca. 1483–1546), Francisco Suárez (1548–1617) oder Richard Zouche (1590–1661). Die meisten von ihnen gelten als frühe Vertreter eines Völkerrechts. Doch macht sie das zu Europäern im Denken (nur weil das Völkerrecht als supranationale Rechtsordnung zwischen gleichrangigen Staaten als Vorläufer für das Unionsrecht gelten kann und sie als Kinder ihrer Zeit nicht über Europa hinausdachten)? Was unter Europa, europäischem Denken und Visionen für Europa verstanden werden kann, darum ringt die Europaforschung immer wieder – und scheitert oft an klaren Definitionen. Aber ist nicht gerade dieses Ringen, was Europa war, ist und sein soll, Teil des europäischen Projekts? Der ohnehin gewichtige Beitrag dieses Bandes zu dieser Diskussion wäre mit einer vorangestellten Problematisierung noch größer gewesen.

Darüber hinaus regt der Band zum Nachdenken über das Vergessen an sich an. In der Tat werden selbst die belesensten Europaforscher/innen nicht alle der im Band behandelten Persönlichkeiten kennen und mit großem Gewinn über von ihnen bisher übersehenen Menschen lesen, die sich über Europa auf die eine oder andere Weise Gedanken machten. Doch sind solche Wissenslücken tatsächlich dem Vergessen geschuldet oder nicht doch Ausdruck unserer eigenen (sprachlichen) Grenzen im Kopf?

So mag der Aufklärer, Universalgelehrte und polnische Nationalist Stanisław Staszic (1755–1826), der den Zusammenschluss der slawischen Völker als Grundlage eines geeinten Europas sah, in Westeuropa gänzlich unbekannt sein. In Polen, so lernen wir aus dem Beitrag über ihn, zählt er hingegen zum nationalen Kanon polnischer Dichter und Denker. Seit der Zwischenkriegszeit ist er dort Zentrum einer nationalen Gedenkkultur (S. 195–202). Allen an kollektiver Erinnerung Interessierten sei empfohlen, 2026, im Jahr des 200. Todestages Staszics, nach Polen zu blicken. Gerade ein Band, der sich explizit der Mission eines friedlichen, geeinten Europa verschrieben hat, sollte daher über die eigenen blinden Flecken, Osteuropa beispielsweise, offen reflektieren und sich damit konstruktiv in die aktuellen Forschungsdebatten einbringen.

Wie wichtig es ist, das Vergessen zu problematisieren, zeigt besonders der Umgang des Bandes mit Frauen. Während das Vorgängerwerk über die „Klassiker des Europäischen Denkens“ immerhin noch vier Frauen mit eigenen Beiträgen würdigte, neben Germaine de Stael-Holstein und Bertha von Suttner waren das Rosa Luxemburg und Hannah Arendt, „vergisst“ der Band über die „vergessenen Visionäre“ fast vollends die Frauen. Kein einziger Essay ist einer Frau gewidmet. Selbst Frauen, deren Worte und Taten in ihrer Relevanz für Europa kaum zu überschätzen sind, finden allenfalls Erwähnung, um die Wichtigkeit der männlichen Europavisionäre zu unterstreichen. Dies wirkt bisweilen fast absurd. So findet etwa Queen Victoria nur Erwähnung, da der Vater des Politikwissenschaftlers Goldsworthy Lowes Dickinson ihr Fotograf war (S. 361). Kaiserin Maria Theresia, die nicht nur als „Schwiegermutter Europas“ ihre Vorstellung von Europa über die Heirat ihrer Kinder durchzusetzen suchte, sondern deren Judenpolitik darüber hinaus das Leben hunderttausender Juden und Jüdinnen in Europa strukturell prägte, findet sich ebenfalls nur als Randnotiz der Geschichte wieder, als sie an den Großvater Ludwig Börnes ein Privileg verlieh (S. 222).

Der Übergang zwischen Vergessen und Ignoranz ist oft fließend. Es gibt so viele Frauen, die gewichtige Worte und Taten zu Europa, gerade auch in Krisenzeiten, hinterließen, dass ihr Fehlen in solchen Werken nur inspirierend wirken kann: Jane Addams, Ljudmila Alexejewa, Fanny von Arnstein, Anita Augspurg, Martha (später Karl) Baer, Gertrud Bäumer, Minna Cauer, Gabrielle Duchéne, Natalja Estemirowa, Gizela Fleischmannová, Rosa Genoni, Emma Goldman, Ágnes Heller, Lida Gustava Heymann, Clara von Hirsch, Aletta Jacobs, Chystal Macmillan, Róża Melcerowa, Jeanne Mélin, Louise Michel, Bertha Pappenheim, Anna Politkovskaja, Marie Schmolková, Sophie Scholl, Gertrud van Tijn, Ljudmila Ulitzkaja, Simone Veil und Clara Zetkin – um nur die allerbekanntesten zu nennen.

Nach der Lektüre von Winfried Böttchers neuem Nachschlagwerk wissen wir nun, was weniger bekannte männliche Intellektuelle und Politiker über Europa dachten und schrieben. Der noch größere Verdienst des Bandes liegt darin, die Notwendigkeit einer Geschichte der visionären Europäerinnen offen an den Tag zu legen.

Anmerkung:
[1] Siehe https://europa.eu/european-union/sites/europaeu/files/docs/body/jean_monnet_de.pdf (15.04.2020).

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27.04.2020
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