M. De Groof (Hrsg.): Lumumba in the Arts

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Titel
Lumumba in the Arts.


Herausgeber
De Groof, Matthias
Erschienen
Anzahl Seiten
464 S.
Preis
€ 65,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Julien Bobineau, Neuphilologisches Institut, Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Seit geraumer Zeit bietet die historische Figur Patrice Lumumba (1925–1961) Grundlage für kontroverse Diskussionen um die belgische Kolonialvergangenheit in Afrika und den geschichtspolitischen Umgang mit der kolonialen Geschichte. Nachdem Lumumba als Teil der kongolesischen Unabhängigkeitsbewegung in den 1950er-Jahren politisch aktiv war und zum ersten Ministerpräsidenten der unabhängigen (Demokratischen) Republik Kongo[1] gewählt wurde, sorgte er während der Feierlichkeiten zur kongolesischen Unabhängigkeit am 30. Juni 1960 im damaligen Léopoldville für einen Eklat: Während eines Festakts sprach Lumumba in einer nicht vorgesehenen Rede vor dem belgischen König Baudouin I. über koloniale Ausbeutung, ungleiche Behandlung und rassistische Erniedrigung der Kongoles/innen während der belgischen Besatzung. Im Laufe seiner kurzen Amtszeit – am 12. September 1960 wurde Lumumba verfassungswidrig vom kongolesischen Präsidenten Joseph Kasavubu abgesetzt – plädierte er für das Prinzip der afrikanischen Selbstbestimmung, verfolgte eine moderate Außenpolitik der Blockneutralität und sah sich innenpolitisch mit den Sezessionsbestrebungen rohstoffreicher Provinzen konfrontiert. Die belgische Regierung schien brüskiert ob des abrupten Endes ihres Kolonialreiches, während die US-Amerikaner befürchteten, dass die Sowjetunion an Einfluss im Kongo gewinnen und Zugang zu militärisch wichtigen Rohstoffen erhalten könnte. Einige Wochen später wurde Lumumba inhaftiert und am 17. Januar 1961 in Katanga unter Aufsicht des belgischen Geheimdienstes exekutiert. Damit die Erinnerung an Lumumba vollständig ausgelöscht werden würde, wurden die leiblichen Überreste des ersten frei gewählten Ministerpräsidenten des Kongos vernichtet. Während in den USA – mehr oder weniger offen im „Church-Report“ (1975/76) – über die Mitwirkung an dem politischen Mord diskutiert wurde, leugneten die belgische Regierung und das Königshaus eine Beteiligung mit Vehemenz, bis der Soziologe Ludo De Witte die Verstrickung belgischer Politiker in seiner Studie De moord op Lumumba (1999) nachweisen konnte. De Wittes Publikation führte in Belgien zur Einrichtung einer parlamentarischen Untersuchungskommission, im Rahmen derer vier belgische Historiker im Jahre 2001 zu dem Ergebnis einer „moralischen Teilschuld“ Belgiens am gewaltsamen Tod Lumumbas kamen. Seitdem setzen sich vor allem zivilgesellschaftliche Vereinigungen in Brüssel und in anderen belgischen Städten für die Schaffung von Erinnerungsorten ein, um die historische Figur Lumumba und die belgische Verantwortung an dessen Ermordung im Gedächtnis zu halten. Nach jahrelangen Debatten um ein Denkmal im Brüsseler Stadtteil Ixelles hat der sozialistische Bürgermeister von Brüssel, Philippe Close, im Jahre 2018 schließlich eine „Place Lumumba“ eingeweiht, die am Eingangstor von Ixelles über Lumumbas Leben und Wirken informiert. In der Demokratischen Republik Kongo hingegen ist die Erinnerung an Lumumba etwas verblasst, aber dennoch räumlich, textlich und symbolisch präsenter als in der ehemaligen Kolonialmetropole Belgien. Dabei hat die Leerstelle, die aus der fehlenden Aufarbeitung des politischen Mordes und den zum Teil geschichtsklitternden Tendenzen resultierte, der symbolischen und ikonographischen Mythisierung der historischen Figur Lumumba in mancherlei Hinsicht überhaupt erst den Weg geebnet.

Mit der symbolischen und ikonographischen Repräsentation von Patrice Lumumba beschäftigt sich auch der Sammelband „Lumumba in the Arts“ von Matthias De Groof (Universität Antwerpen, Belgien). Im Fokus des interdisziplinären Werkes stehen verschiedene Imaginierungen, Ikonographien und sonstige Figurationen Lumumbas in Malerei, Fotographie, Kino, Literatur, Theater, Musik, Plastikkunst, Mode, Comic, Postwertzeichen und Geldscheinen, der Historiographie und dem urbanen Raum. Neben wissenschaftlichen Fachartikeln von internationalen Forschenden bietet der Sammelband eine Reihe von Interviews mit relevanten Kunstschaffenden. Der Aufbau des Buches folgt einer Einteilung in eine „Gallery Section“ und zwei übergeordnete Kapitel („Part 1“ und „Part 2“), wovon das zweite Kapitel nach Medienformen sortiert in insgesamt acht Unterkapitel gegliedert ist. Nach der Einführung von De Groof widmet sich „Part 1“ in Beiträgen von Isabelle de Rezende, Jean Omasombo Tshonda, Pedro Monaville, Christopher L. Miller und Elikia M’Bokolo – Letzterer im Interview mit De Groof und Julien Truddaïu – ausgewählten Aspekten der historiographischen Darstellung Lumumbas im Kontext von Kolonialgeschichte und Märtyrertum. Die anschließende „Gallery Section“ bietet ein breites und zum Teil kommentiertes Sammelsurium an Filmstills, historischen Bildern, Bilddokumenten von Aktionskunstwerken, Karikaturen sowie Abdrucken von Kunstwerken, Postern und Magazin-Titelblättern mit Bezug zu Lumumba. Hiernach markiert das Unterkapitel „Cinema“ den Beginn von „Part 2“: De Groof liefert einen allgemeinen Überblick über die ikonographische Darstellung im Spiel- und Dokumentarfilm, während sich Karen Bouwer im Anschluss an ein Interview mit Raoul Peck mit einer Analyse der Werke des haitianischen Filmemachers beschäftigt. Rosario Giordano bearbeitet Zeichnungen, Fotographien, Dokumentationen und Spielfilme aus Italien. Ein Künstlerinterview mit dem kongolesischen Filmregisseur Balufu Bakupa-Kanyinda schließt das Unterkapitel zum Film ab. Die folgenden Unterkapitel „Theatre“, „Photography“, „Poetry“ und „Comics“ bestehen aus jeweils einem Beitrag: Piet Defraeye analysiert verschiedene Theaterinszenierungen in Bezug auf Repräsentation von Lumumba; Mark Sealy kontextualisiert die fotographische Darstellung des kongolesischen Ministerpräsidenten durch Robert Lebeck; Mathieu Zana Etambala vergleicht Poesie aus der Karibik mit Texten aus Süd- und Nordamerika; Véronique Bragard begutachtet die Figuration Lumumbas im Comic „Les Jardins du Congo“ (2013) von Nicolas Pitz. In den beiden Beiträgen des Unterkapitels „Music“ werden darüber hinaus figurierende Formen der globalen Popmusik (Léon Tsambu) und Lumumba-bezogene Rapsongs von US-amerikanischen, französischen und belgischen Musiker/innen (Gert Huskens und Idesbald Goddeeris) näher betrachtet. Im anschließenden „Painting“-Unterkapitel widmet sich Bogumil Jewsiewicki der Analyse der Werke von Dominique Bwalya Mwando und dem räumlichen Bezug zu Haiti. Ein transkribiertes Gespräch zwischen dem bereits verstorbenen kongolesischen Populärmaler Tshibumba Kanda Matulu und dem Anthropologen Johannes Fabian folgt in der Sektion, ehe ein Interview mit der südafrikanischen Künstlerin Marlene Dumas und dem belgischen Maler Luc Tuymans einen Gegenwartsbezug herstellt. Das letzte Unterkapitel „Public Space“ beinhaltet Beiträge zu der Ikonographie Lumumbas auf Briefmarken und Geldscheinen (Pierre Petit), der zum Teil ambivalenten Berichterstattung über Lumumba in der belgischen Presse zwischen 1956 und 1961 (Julien Truddaïu), der Sichtbarkeit in urbanen Räumen (Robbert Jacobs) und Sven Augustijnens Fahrrad-Installation im Stadtpark von Gent (Piet Defraeye). Der Epilog von De Groof zum Monument am Ort der Hinrichtung Lumumbas nahe der kongolesischen Stadt Shilatembo rundet das Werk ab.

Der interdisziplinäre Sammelband bietet eine der umfang- und facettenreichsten Sammlungen an kulturellen Dokumenten, Künstlerinterviews und wissenschaftlichen Aufsätzen, die sich mit der Ikone Patrice Lumumba beschäftigen, und leistet einen wertvollen Beitrag zur afrikanistischen Ikonographie-Forschung. Dem Herausgeber ist es dabei außerordentlich gut gelungen, namhafte Beitragende aus verschiedenen kulturwissenschaftlichen Disziplinen in einem sehr anschaulichen Opus magnum zu vereinen. Die Beiträge beantworten größtenteils innovative Fragestellungen und nehmen neuere, zum Teil noch unbearbeitete Untersuchungsgegenstände in den Fokus. Dem Anspruch des Buches, ein über- und ineinandergreifendes Kaleidoskop der Lumumba-Ikonographie zu präsentieren, ist es zu verdanken, dass einige nachgedruckte Artikel ihren Teil zur inhaltlichen Ausgewogenheit des Buches beitragen. Die Anzahl der Autor/innen, die aus dem Globalen Süden stammen und/oder dort wissenschaftlich beziehungsweise künstlerisch tätig sind, ist positiv zu erwähnen, auch wenn das Genderverhältnis des von männlichen Autoren dominierten Sammelbandes durchaus ausgewogener hätte sein können.

Anmerkung:
[1] Zu unterscheiden sind an dieser Stelle die ehemalige französische Kolonie und heutige Republik Kongo mit der Hauptstadt Brazzaville sowie die ehemalige belgische Kolonie (Congo belge) und heutige Demokratische Republik Kongo mit der Hauptstadt Kinshasa (ehemals Léopoldville). Für Verwirrung mag dabei sorgen, dass der Congo belge am 30. Juni 1960 als „Republik Kongo“ unter Lumumba unabhängig wurde. Erst von 1964 bis 1971 und ab 1997 trägt der ehemalige Congo belge die Bezeichnung Demokratische Republik Kongo.

Redaktion
Veröffentlicht am
27.10.2020
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