Cover
Titel
The Human Factor. Gorbachev, Reagan, and Thatcher, and the End of the Cold War


Autor(en)
Brown, Archie
Erschienen
Anzahl Seiten
512 S., 23 SW-Abb.
Preis
£ 25.00; € 29,90
Rezensiert für den Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung bei H-Soz-Kult von:
Peter Ridder, Berliner Kolleg Kalter Krieg, Institut für Zeitgeschichte München – Berlin

Michail Gorbatschow beschrieb mit der Bezeichnung „chelovecheskiy faktor“ (englisch: „The Human Factor“) einst die besondere Bedeutung der guten persönlichen Beziehungen zwischen ihm und westlichen Politiker/innen, die zum Ende des Kalten Krieges beitrugen (S. 4, Anm. 13). Archie Brown, 2005 emeritierter Professor an der Universität Oxford – einer der renommiertesten schottischen Politikwissenschaftler und bekanntesten Russlandexperten Großbritanniens –, greift diesen Quellenbegriff in seinem neuesten Buch auf und macht ihn zum Ausgangspunkt seiner Analyse. Er fragt, welchen Einfluss die zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen dem sowjetischen Generalsekretär, der britischen Premierministerin Margaret Thatcher und dem US-Präsidenten Ronald Reagan auf das Ende des Systemkonfliktes hatten. Sein Ziel ist es aufzuzeigen, wie wichtig individuelles Handeln in der Geschichte war und welche Wirkung der „menschliche Faktor“ in der internationalen Politik entfalten konnte. Mit diesem Ansatz wendet sich der Autor gezielt gegen die These der „realistischen Schule“ der 1990er-Jahre, wonach der Zusammenbruch der Sowjetunion primär strukturelle Ursachen hatte und unausweichlich war.[1] Brown hat bereits unzählige Bücher über die Sowjetunion und Russland veröffentlicht sowie zahlreiche Preise und Ehrungen für seine Forschungen erhalten. Diese konzentrieren sich seit Mitte der 1990er-Jahre vor allem auf Gorbatschows Reformpolitik und ihre Folgen.[2] Sein neuestes Werk trägt einen ähnlichen Titel wie seine erste, 1996 erschienene Studie „The Gorbachev Factor“. Diesmal greift Brown auf vierhundert Seiten die Ergebnisse früherer Arbeiten auf und stellt sie im Kontext der Dreiecksbeziehungen zwischen Gorbatschow, Thatcher und Reagan in ein neues Licht. Damit reiht sich seine Arbeit in eine lange Liste neuer und umfassender Monografien ein, die in den letzten Jahren veröffentlicht wurden und das Ende des Kalten Krieges untersuchen.[3]

Ähnlich wie schon in älteren Arbeiten beschreibt Brown in „The Human Factor“ nicht nur das Zusammenwirken der drei Staatsoberhäupter aus der Perspektive des auktorial erzählenden Historikers, sondern lässt immer wieder seine eigenen Erfahrungen als Zeitzeuge und beteiligter Akteur in ausführlichen Anmerkungen einfließen. Der Autor bereiste in den 1960er-Jahren als Gastwissenschaftler an der staatlichen Universität in Moskau mehrfach die Sowjetunion. Zudem unterhielt er persönliche Kontakte zu britischen (später auch ehemaligen sowjetischen) Diplomat/innen. In den 1980er-Jahren beriet er die britische Premierministerin Thatcher in ihrer Außenpolitik gegenüber der Sowjetunion.

Das Buch gliedert sich in drei Abschnitte. Im ersten Abschnitt erläutert Brown knapp die Entstehungsgeschichte des Kalten Krieges in den 1940er-Jahren. Das Narrativ bewegt sich entlang der wichtigsten Konferenzen, Krisen und Kriege jener Jahre und erklärt die Eskalation zwischen Ost und West aus Sicht Winston Churchills, Franklin D. Roosevelts, Harry S. Trumans und Josef Stalins. Anschließend widmet sich der Autor den Biographien seiner drei Hauptprotagonisten. Anschaulich zeichnet er die jeweils sehr unterschiedliche persönliche und politische Entwicklung Gorbatschows, Thatchers und Reagans von ihrer Kindheit bis zu ihrem Aufstieg ins höchste Staatsamt nach.

Der zweite Abschnitt bildet den Hauptteil der Analyse. Brown beschreibt darin sehr detailliert jedes einzelne Treffen zwischen Gorbatschow, Thatcher und Reagan zwischen 1985 und Ende 1988 und arbeitet deren persönliche Verhältnisse zueinander heraus. Laut Brown entwickelten sowohl Thatcher als auch Reagan schon früh Sympathien für den neuen sowjetischen Generalsekretär und beide bestärkten sich gegenseitig darin, mit diesem zusammenzuarbeiten. Darüber hinaus ermutigte und unterstützte Reagan Gorbatschow darin, seine Reformen voranzutreiben. Thatcher diente dem Kremlchef hingegen vor allem als intellektueller Sparringpartner. Beide stritten oft leidenschaftlich, woraus sich eine auf gegenseitigem Respekt fußende persönliche Freundschaft entwickelte. Sie lernten voneinander und nutzten die Schlagabtausche, um ihre eigenen Argumente zu schärfen. Browns Analyse zeigt, dass Gorbatschow die entscheidende Position in diesem Beziehungsgeflecht einnahm. Obwohl Welten zwischen den bürgerlich-konservativen und neoliberalen Ansichten Thatchers und den von der westeuropäischen Sozialdemokratie inspirierten Ideen Gorbatschows lagen, gelang es dem Generalsekretär schnell, das Vertrauen der Premierministerin zu gewinnen. Auch den konservativen Antikommunisten Reagan konnte er nach kurzer Zeit von sich überzeugen. Dabei war sich Letzterer seiner intellektuellen Überlegenheit gegenüber dem US-Präsidenten stets bewusst und wusste diese geschickt zu kaschieren.

Wie gut Gorbatschow den „menschlichen Faktor“ einsetzte, zeigt sich auch im dritten Abschnitt, in dem Brown die neue Dreieckskonstellation zwischen Helmut Kohl, George H.W. Bush und dem sowjetischen Generalsekretär ab 1989 in den Blick nimmt. Bush und Kohl entwickelten schnell eine enge persönliche Freundschaft zueinander. Auch wenn beide anfangs mit dem sowjetischen Reformpolitiker fremdelten, gelang es Gorbatschow bereits Ende 1989, Bush und Kohl von sich zu überzeugen und eine solide Vertrauensbasis aufzubauen. Thatcher verlor in dieser Zeit hingegen ihren Einfluss, da sie sich mit ihrer persönlichen Abneigung gegenüber Kohl und Bush sowie ihrer ablehnenden Haltung zur Wiedervereinigung Deutschlands und zur Vertiefung der europäischen Integration selbst ins Abseits stellte. Ihre Freundschaft mit Gorbatschow trübte das allerdings nicht.

Im Anschluss bewertet Brown die strukturellen Auswirkungen der persönlichen Beziehungen zwischen den verschiedenen Akteuren auf das Ende des Kalten Krieges. Das Ergebnis überrascht nicht. Überzeugend legt er dar, dass die zwischenmenschlichen Kontakte zwischen den Staats- und Regierungschefs zwar den Lauf der Geschichte beeinflussten, für die Ereignisse von 1989/90 aber nur bedingt ausschlaggebend waren. Entscheidend waren nach Ansicht des Autors die mit viel Leidenschaft, aber mangelnder Vorausschau eingeleiteten Reformen Gorbatschows. Diese führten 1991 zum Zerfall des sowjetischen Imperiums. Dabei wurde Gorbatschow weder von der aggressiven Außenpolitik Reagans noch von der wirtschaftlichen Not seines Landes getrieben, sondern von seiner persönlichen Überzeugung, die Sowjetunion in ein demokratisches System zu transformieren.

Gorbatschow nutzte seine Fähigkeit, auf Menschen zuzugehen und deren Sympathie zu gewinnen, um sich international die nötige Unterstützung für seine Reformen zu sichern. Er war seinen westlichen Gesprächspartner/innen durch seinen Charme, sein Einfühlungsvermögen und seine Menschenkenntnis überlegen, doch half ihm das am Ende nicht, seine unterlegene Verhandlungsposition auszugleichen. Perestroika und Glasnost entwickelten laut Brown ab 1989 eine Eigendynamik, die fortan die politische Entwicklung bestimmte und die Stellung der Sowjetunion in der Welt schwächte. Diese Ergebnisse widersprechen der offiziellen russischen Darstellung, wonach Gorbatschow ein naiver Idealist war, der sich von westlichen Politiker/innen habe übervorteilen lassen.[4]

Browns neues Buch bietet Einblicke in die zwischenmenschlichen Beziehungen wichtiger Persönlichkeiten. Leider verliert sich der Autor dabei in den ausführlichen und zuweilen anekdotenhaften Beschreibungen einzelner Treffen. Eine zugespitzte Analyse findet sich erst am Ende und wirkt eher additiv. Ein gut informiertes Fachpublikum wird in diesem Buch auf keine neuen Erkenntnisse stoßen, sondern nur die Thesen bestätigt finden, die Brown seit 25 Jahren vertritt und die heute kaum noch in Frage gestellt werden.[5] Neue Ansätze, die die Bedeutung der Menschen auf den Straßen in Ost und West für das Ende des Kalten Krieges in den Blick nehmen oder die Aus- und Rückwirkungen auf den bzw. im globalen Süden beleuchten, sucht man hingegen vergeblich.[6]

Anmerkungen:
[1] Brown bezieht sich hier vor allem auf den öffentlichen Diskurs in den USA, beispielhaft dafür ist u.a. John Lewis Gaddis, The Cold War. A New History, New York 2005.
[2] Hier eine Auswahl: Archie Brown, The Rise and Fall of Communism, London 2009; ders., Seven Years that Changed the World. Perestroika in Perspective, Oxford 2007; ders., The Gorbachev Factor, Oxford 1996.
[3] Exemplarisch: Kristina Spohr, Post Wall, Post Square. Rebuilding the World after 1989, London 2019; Jeffrey A. Engel, When the World Seemed New. George H.W. Bush and the End of the Cold War, Boston 2017; Hal Brand, Making the Unipolar Moment. U.S. Foreign Policy and the Rise of the Post-Cold War Order, Ithaca 2016; James Graham Wilson, The Triumph of Improvisation. Gorbachev’s Adaptability, Reagan’s Engagement, and the End of the Cold War, Ithaca 2014; Mary E. Sarotte, 1989. The Struggle to Create Post-Cold War Europe, Princeton 2009.
[4] Diese Darstellung stammt nicht zuletzt von Gorbatschow selbst; siehe: Paul Katzenberger, „Gorbatschow fühlt sich durch den Westen hintergangen“, Interview mit William Taubman, in: Süddeutsche Zeitung, 10.02.2020, https://www.sueddeutsche.de/politik/deutsche-einheit-gorbatschow-1.4792392 (20.11.2020).
[5] Susanne Schattenberg, Rezension zu: Archie Brown, Seven Years That Changed the World. Perestroika in Perspective, Oxford 2007, in: H-Soz-Kult, 19.02.2010, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-12159 (13.01.2021).
[6] Exemplarisch: Detlef Pollack, Das unzufriedene Volk. Protest und Ressentiment in Ostdeutschland von der friedlichen Revolution bis heute, Bielefeld 2020; Matthew Evangelista, Unarmed Forces. The Transnational Movement to End the Cold War, Ithaca 1999; Bernhard Blumenau / Jussi M. Hanhimäki / Barbara Zanchetta (Hrsg.), New Perspectives on the End of the Cold War. Unexpected Transformations?, New York 2018; Artemy M. Kalinovsky / Sergey Radchenko (Hrsg.), The End of the Cold War and the Third World. New Perspectives on Regional Conflict, London 2011.

Redaktion
Veröffentlicht am
21.01.2021
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit dem Arbeitskreis Historische Friedens- und Konfliktforschung. (Redaktionelle Betreuung: Jan Hansen, Alexander Korb und Christoph Laucht) http://www.akhf.de/
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