R.H. Tilly u.a.: From Old Regime to Industrial State

Cover
Titel
From Old Regime to Industrial State. A History of German Industrialization from the Eighteenth Century to World War I


Autor(en)
Tilly, Richard H.; Kopsidis, Michael
Reihe
Markets and Governments in Economic History
Erschienen
Anzahl Seiten
312 S.
Preis
$ 75.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Eva-Maria Roelevink, Historisches Seminar, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Die Entwicklung des modernen Wirtschaftswachstums zählt zu den fest etablierten Feldern wirtschaftshistorischer Forschung. Die Bewertung von Entstehung und Verankerung der deutschen Industrialisierung ist in diesem Feld Gegenstand vielfältiger Forschungsansätze und Interpretationen. Die Erforschung der Industrialisierung wurde, speziell seit den 1960er- und 1970er-Jahren, stark vom Wissen um die weitere deutsche Geschichte des 20. Jahrhundert beeinflusst. Die deutsche „backwardness“ (A. Gerschenkron), die damit verknüpfte These vom „deutschen Sonderweg“ und die Annahme eines „organisierten Kapitalismus“ waren dabei lange Zeit prägend. Diese Perspektiven einte der Versuch, den einen Industrialisierungspfad zu modellieren.

Michael Kopsidis und Richard Tilly zählen zu den profiliertesten Kennern und Forschern in dem Feld. Ihrem Buch, als Überblickswerk angelegt, gelingt deshalb zweierlei. Auf gut lesbaren 255 Seiten wird, erstens, die inzwischen hochdifferenzierte und insbesondere quantitative Industrialisierungsforschung dargelegt und die zentralen Forschungsergebnisse werden in allgemeinverständlicher Weise und in Hinblick auf die große Frage nach der Rolle für die „transition to modern economic growth“ bewertet. Auf diese Weise gelingt den Verfassern, zweitens, eine Einordnung der Forschungsergebnisse und damit eine Bestandsaufnahme dieses einschneidenden Prozesses. Damit wird nicht nur das Ergebnis der jüngsten quantitativen Forschungen vorgebracht, sondern es werden auch ältere Forschungsperspektiven gewürdigt und mit den neueren Erkenntnissen verknüpft. Und so gelingt ein Überblick über die Geschichte der Industrialisierung, ohne dass eine alte Leiterzählung hochgeschrieben oder eine neue Erzählung als ausschließlich und einzig richtig reklamiert wird. Denn, und das dürfte als wichtigstes Argument gelten: Ebenso wie sich die Industrialisierung schwerlich in die eine Leitperspektive gießen lässt, ebenso wenig ist es möglich, die eine Leiterzählung zu formulieren.

Chronologisch unterteilen Kopsidis und Tilly in vier Abschnitte. Sie starten mit den Vorbedingungen im „old Regime“ seit dem 18. Jahrhundert, darauf folgt die Entwicklung zwischen 1815 und 1848/49, in der ungleichgewichtigen Wachstumsphase bis in die 1870er-Jahre und in der Zeit zwischen den 1870er-Jahren und 1914. Innerhalb der Chronologie werden in 15 Unterkapitel die zentralen Wandlungen behandelt: Bevölkerungswachstum, Wachstumszentren, Transformationsprozesse, institutioneller Wandel, Marktintegration, Krisen, sektorale Entwicklung, Verhältnis von Kapital, Unternehmen und Arbeit, Finanzmärkte, Konjunkturen, weltwirtschaftliche Integration, Urbanisierung und soziale Folgen. Heuristisch bilden das Wachstum des Humankapitals und der technologische Wandel wichtige Ankerpunkte. Ihre Veränderung wird an die Regionen zurückgebunden, sodass hier ein differenziertes Industrialisierungsbild aufgespannt wird, aber keines, das etwa nur auf die preußische Entwicklung enggeführt würde.

Eine wesentliche Bedingung für den Übergang in eine marktorientierte Struktur war die Veränderung der Bevölkerungsentwicklung, wo inzwischen zwei demographische Übergänge und nicht nur einer identifiziert wurden. Bei längst herausgebildetem West-Ost- und West-Süd-Gefälle ist zudem die klassische Vorstellung einer Stadienabfolge von Abschaffung und Bedeutungsverlust der Zünfte und Entwicklungsschub durch die Protoindustrialisierung zu relativieren. Beide Prinzipien überdauerten und waren zentral für den institutionellen Wandel, so die Verfasser. Seit den 1760er-Jahren setzte eine Transformation der Landwirtschaft ein. Eher sekundär wirkten hier die politischen Reformen, wenn sie auch in Preußen – weniger aber in Baden, Württemberg und Bayern – Effekte auf die Eigentumsordnung hatten. Bis 1815 bildeten sich regionale Gewerbe- und frühindustrielle Verdichtungen heraus.

Diese regionalen Verdichtungen verbanden sich in der Phase der Frühindustrialisierung zwischen 1815 und 1848/49 insbesondere durch neue Transportbedingungen. Der Zollverein wirkte hier als marktbefördernde Instanz. Die moderaten Zölle ermöglichten die finanzielle Konsolidierung der Staaten nach 1815. Die Vertragserweiterungen auf weitere deutsche Staaten waren wesentlich, auch hatten die kleineren unter ihnen durchaus Verhandlungsspielräume, zumal Preußen sehr an der Verbindung von West und Ost gelegen war. Preußen fungierte hier als „agenda setter“, es wäre aber irrig, die Entwicklung des Zollvereins allein darauf zu reduzieren. Obgleich aus fiskalischen Motiven vorangetrieben, wirkte der Zollverein als Marktintegrationsinstrument, auch indem er die Adaption technischer Fertigkeiten aus dem Ausland erleichterte. Die Reduktion der Transportkosten und der Abbau von Handelshemmnissen waren dafür ursächlich.

Die 1840er-Jahre verdienen auch in wirtschaftlicher Hinsicht die Bezeichnung „krisenhaft“. Drei Krisen verbanden sich hier zu einem hochproblematischen Cocktail: die europäischen Hungerkrisen 1845 bis 1847, eine veritable Handels- und Finanzkrise sowie schließlich die Revolution als Ausdruck einer Legitimitätskrise. Insgesamt handelte es sich dabei nicht um eine strukturelle, sondern um eine aus dem Agrarsektor in die anderen Wirtschaftsbereiche übergesprungene Krise. Die einhergehende Verelendung war ein europäisches und gesamtdeutsches Problem, sie traf die einzelnen deutschen Regionen aber in unterschiedlicher Weise. Unterschiedlich waren auch die interventionistischen Eingriffe der Staaten. Der institutionelle Wandel infolge der Revolution bedeutete die Aufnahme des vormals außenstehenden Bürgertums in die politische Arena. Der dadurch angestoßene Wandel betraf indes die wirtschaftliche Entwicklung deutlich weniger als die politische Ordnung.

Bereits in den krisenhaften 1840er-Jahren hatte sich das privatwirtschaftliche Engagement erheblich gesteigert. Auch der erste moderne Wirtschaftssektor entfaltete sich maßgeblich in den Krisenjahren. Das wirtschaftliche Wachstum und die sich weiterhin steigernde Marktintegration verliefen aber keineswegs kontinuierlich oder regional gleichmäßig. Getragen wurde dieses Wachstum vom intersektoralen Zusammenspiel der Schwerindustrie, in dessen Zentrum die Eisenbahn vor- und nachgelagertes industrielles Wachstum stimulierte. Zunehmend wirkten nun Konjunkturzyklen, die sich bereits in den 1840er-Jahren angedeutet hatten. Eisenbahn, Kohlenbergbau und Eisenindustrie wuchsen stärker als die restliche Wirtschaft, sodass von ihnen auch Schwankungen auf die Gesamtwirtschaft übertragen wurden. Da die Weltmarktintegration bereits sehr hoch war, importierte dieser Komplex 1857 eine Krise, die in einer Depression mündete. Erst 1866 kam es zur Stabilisierung; der anschließende Boom wurde dann durch den Deutsch-Französischen Krieg unterbrochen. Die Bevölkerung wuchs in dieser ersten post-malthusianischen Phase rasant, sie explodierte regelrecht. Das zwang viele zur Wanderung und zwar in aller Regel in die nächstgrößere Stadt. Dieser Zuzug stimulierte wiederum eine weitere agrarökonomische Entwicklung.

Besonders die Entwicklungen zwischen 1870/71 und 1914 wurden von der Forschung mit vielen Etiketten versehen. Für Kopsidis und Tilly maßgeblich waren die Hinwendung zum Protektionismus, die Schaffung einer staatlichen Sozialversicherung, die Zunahme der Interessenorganisationen, die Herausbildung von Großunternehmen sowie die Urbanisierung. Nur in der oberflächlichen Betrachtung ist die Wirtschaftsentwicklung zwischen 1870 und 1914 die einer Blüte. Auch in dieser Phase verlief die Wirtschaftsentwicklung keineswegs gradlinig, sondern in hohem Maße diskontinuierlich. Die Gründerkrise löste nicht nur das Ende vieler just gegründeter Aktiengesellschaften und junger Aktienbanken aus, sondern förderte zudem eine Konzentrationswelle, an deren Ende wenige Großbanken übrigblieben und die in Form der Universalbank eine spezifisch deutsche Ausprägung fand. Die Funktion und Rolle der Großbanken für die Entwicklung der deutschen Unternehmen ist nicht zu unterschätzen, wenn auch ihre Bedeutung für die Geschäftspolitik der Unternehmen seit den 1880er-Jahren abnahm. Das sich damit ausbildende deutsche Finanzsystem gilt in der Forschung mit einigem Recht als „bank based“, während das angloamerikanische System als „market based“ bezeichnet werden kann. Auf die Gründerkrise folgte eine Depression bzw. Stockungsperiode, deren Dauer Gegenstand vieler Forschungsanstrengungen war. Nach neuerem Verständnis war sie weder ein rein deutsches Phänomen noch traf sie alle Sektoren gleich. Die Ausbildung großer Unternehmen, wenn sie auch die deutsche Wirtschaft, im Übrigen bis heute, nicht charakterisieren, fiel ebenfalls in diesen Abschnitt. Kartelle und Interessengemeinschaften entwickelten sich im Zuge dessen zu einer spezifischen Ausprägung des deutschen Kapitalismus. Der Integration der deutschen Wirtschaft in die Weltwirtschaft, die durch eine zunehmende Interdependenz charakterisiert war, gehen die Verfasser über die Betrachtung der deutschen Exporte und der deutsch-britischen Konkurrenz, der Importabhängigkeit der deutschen Wirtschaft, der Ausbildung des Protektionismus, der deutschen Kapitalexporte und der Entwicklung zum Einwandererland nach. Der Abschnitt schließt mit einem Kapitel über die Arbeits- und Sozialpolitik.

Mit der eingängig strukturierten Zusammenstellung der quantitativen wirtschaftshistorischen Forschung gelingt es Kopsidis und Tilly, die deutsche Industrialisierung in ihrem Facettenreichtum zu synthetisieren. Den inzwischen zahlreichen Rezensenten ist zuzustimmen: Das Buch eignet sich wunderbar für den Einstieg in die Wirtschaftsgeschichte der Industrialisierung und es gehört in jede gut sortierte Bibliothek.

Redaktion
Veröffentlicht am
24.03.2022
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