Cover
Titel
Remaking Berlin. A History of the City Through Infrastructure, 1920–2020


Autor(en)
Moss, Timothy
Erschienen
Cambridge 2020: The MIT Press
Anzahl Seiten
448 S.
Preis
$ 50.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Daniel Mühlenfeld, Mülheim an der Ruhr

In der vorliegenden Monografie vermisst Historiker Timothy Moss die letzten einhundert Jahre Berliner Stadtgeschichte aus der Perspektive ihrer Infrastruktur, genauer gesagt: ihrer Leitungsnetze zur Ver- und Entsorgung mit bzw. von Elektrizität, Gas, Fernwärme, Wasser und Abwasser: „Taking a fresh and unusual look at something we all take for granted is what the book is all about.“ (S. 2) Daraus, so Moss, ergäben sich neue stadtgeschichtliche Erkenntnisse, denn die Ausgestaltung von Infrastruktur sei Ausdruck des politischen Gestaltungswillens insgesamt.

Insofern ist das Buch, das im Moment der Entstehung Berlins in seinen bis heute gültigen Stadtgrenzen mittels des „Groß-Berlin-Gesetzes“ vom April 1920 einsetzt, weniger eine Geschichte der Infrastrukturtechnik als vielmehr eine Geschichte des politischen Diskurses über Infrastruktur. Infrastrukturen in den Fokus historischer Betrachtungen zu rücken, hatte in den zurückliegenden Jahren Konjunktur.[1] Man darf vermuten, dass dies auch mit der sich in der Gegenwartsgesellschaft durchsetzenden Erkenntnis zu tun hat, dass die allzeit verlässliche Verfügbarkeit von Infrastrukturen womöglich nicht so selbstverständlich ist. Der Brückeneinsturz in Genua, jahrelang nicht sanierte, sondern nutzungseingeschränkte Autobahnbrücken in Deutschland, witterungsbedingte Stromausfälle im US-Bundesstaat Texas oder die nunmehr zwei Jahrzehnte andauernde Debatte um den für eine gelingende Energiewende in Deutschland notwendigen Netzausbau dürften eine solche Einsicht befördert haben.

In diesem Sinne ist das Buch unausgesprochen auch eine Geschichte des Wandels der politischen Vorstellungen von dem, was heute gemeinhin als Bereich (kommunaler) Daseinsvorsorge gilt[2], obwohl – oder gerade weil – die wettbewerbsrechtliche Liberalisierung der Energiemärkte seit Ende des 20. Jahrhunderts hier für gravierende Veränderungen gesorgt hat. Dieser Aspekt ist auch insofern von Bedeutung, als zwei Veräußerungen kommunaler Versorgungsinfrastruktur den zeitlichen Rahmen der Arbeit bilden. Dabei allerdings wird oft übersehen, dass die Anfänge etwa der Elektrizitätsversorgung oftmals auf privatwirtschaftliche Initiativen zurückgingen; so auch in Berlin, wo die Stadt 1915 nach Auslaufen des Konzessionsvertrags das Stromnetz von der AEG übernahm (S. 50). Verbunden war damit die Hoffnung, dass die seitens der öffentlichen Hand nun besser zu steuernde Weiterentwicklung der Infrastruktur entscheidend dabei helfe, Stadtentwicklungspolitik zu ermöglichen. Hinzu kam gewiss auch der Wunsch, dass die in Ihren Anfangsjahren hochprofitablen Unternehmungen dazu beitrügen, der Kommune dauerhaft Einnahmen zu sichern.

Dabei machte sich insbesondere während der 1920er-Jahre zunächst positiv bemerkbar, dass die spartenweise organisierten Versorgungsbetriebe privatrechtlich organisiert waren, weil ihnen dies in einer Zeit klammer kommunaler Kassen die Kapitalmarktfähigkeit erhielt. Dies ermöglichte es, jenseits des öffentlichen Etats Schattenhaushalte für Stadtentwicklungsmaßnahmen zu unterhalten. So konnte ein Mindestmaß an kommunalpolitischer Gestaltungsfähigkeit in wirtschafts- und sozialpolitisch unsteten Zeiten gewahrt werden, denn dank der gemeinhin als hoch eingestuften Profitabilität der Berliner Versorger vermochten es diese, ausländische Investitionskredite aufzunehmen (S. 79).

Statt dankbar für diesen fiskalischen Ausweg aus der kommunalen Finanznot zu sein, betrieb Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht ab Ende der 1920er-Jahre aus politischen Motiven die finanzielle Ausblutung der Kommunen, die sich im Falle Berlins angesichts einbrechender Steuereinnahmen bei gleichzeitig explodierenden Sozialausgaben mit Einsetzen der Weltwirtschaftskrise schließlich nur mit drastischen Tarifsteigerungen und dann, 1931, der weitgehenden Veräußerungen der städtischen Versorger zu helfen wusste (S. 92ff.). Dass es anschließend unter der nationalsozialistischen Herrschaft zu einer Rekommunalisierung kam, bei der zum Beispiel das Eigentum ausländischer Kapitaleigner an den Versorgungsbetrieben bei Kriegsbeginn faktisch eingezogen wurde (S. 124f.), darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden, denn es war, wie etwa der Fall der Berliner Zoologischen Gärten in Sachen Enteignung seiner Anteilseigner jüdischen Glaubens zeigt, kein Einzelfall.[3]

Gut sieben Jahrzehnte später war die Veräußerung kommunaler Versorgungsbetriebe in Berlin wieder das politische Mittel der Wahl, um ein ausuferndes Defizit des öffentlichen Haushalts einzuhegen. Dass dieser vermeintlich alternativlose finanzpolitische Sachzwang im Gegensatz zur Situation während der Weltwirtschaftskrise in hohem Maße hausgemacht war – Stichwort Berliner Bankenskandal –, änderte an der Entscheidung nichts. Allerdings half auch dieses Mal der Verkauf nicht, den strukturell aus dem Lot geratenen öffentlichen Haushalts der alten und neuen deutschen Hauptstadt zu sanieren; im Gegenteil: „Yet by selling off such substantial shares the city forfeited annual income from the two profitable utilities.“ (S. 287)

Auch im Falle der zweiten Privatisierung der Berliner Versorger setzte kaum zehn Jahre später eine massive Rekommunalisierungsdebatte ein, die diesmal von einer breiten gesellschaftlichen Bewegung getragen war, die den Rückgewinn der öffentlichen Kontrolle über einen Kernbereich der Daseinsvorsorge verlangte. An deren Ende steht just in diesen Tagen die Entscheidung des Berliner Senats, das Stromnetz für 2,14 Milliarden Euro vom schwedischen Energiekonzern Vattenfall zurückzukaufen.[4] In diesem Zusammenhang hätte die Liberalisierung der deutschen Energiewirtschaft seit den späten 1990er-Jahren seitens des Autors mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt (nur knappe Bemerkung auf S. 308).

Dieses Manko bleibt aber ein ebenso seltener wie letztlich den Gesamteindruck der Arbeit nicht trübender Einwand. Denn die Darstellung der Infrastrukturentwicklung Berlins gerade über die politischen Zäsuren von 1933, 1945/1949 und 1989 hinweg zeigt eindrucksvoll, wie politische und infrastrukturelle Entwicklung ineinander verwoben waren. Besonders frappierend erscheint dabei, dass bestimmte Entwicklungen bzw. Ideen unter teils diametralen politischen Vorzeichen Auftrieb erhielten, dabei aber für gänzlich unterschiedliche politische Zielstellungen instrumentalisiert wurden.

So war das Bemühen, Biogase aus Kläranlagen energetisch zu nutzen, schon in den 1930er-Jahren aufgekommen. Dabei ging es zeitgenössisch vor allem um die Erreichung wirtschaftlicher Autarkie im Dienst von Aufrüstung und Wehrhaftmachung. Ähnliche Bemühungen nach der Wiedervereinigung dienten dann vor allem der Umwelt- und Ressourcenschonung. Lehrreich sind auch die Reflexionen über die Interdependenzen von West-Berliner Insellage und eines entsprechend auf Selbstversorgung abgestellten Energiesystems inklusive synthetischer Stadtgaserzeugung, Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen zur kombinierten Strom- und Wärmeerzeugung und der entsprechenden Verbreitung von Fernwärme sowohl in West- wie auch in Ost-Berlin. Und das Thema der Belieferung West-Berlins mit sowjetischem Erdgas macht deutlich, dass eine Infrastrukturgeschichte Berlins bis auf die Ebene internationaler Diplomatie wirkmächtig ist (S. 21ff.).[5]

Zu wünschen wäre, wenn vergleichende Studien zu weiteren Städten oder Regionen in West- und Ostdeutschland entstünden, um die von Moss herausgearbeiteten Erkenntnisse vergleichend zu ergänzen. Denn eingedenk der letztlich unvergleichlichen politischen Rahmenbedingungen, unter denen Berlin und seine Infrastruktur(en) insbesondere zwischen 1945/49 und 1989 existierten, gilt es im Vergleich jene teilungsbedingten Eigenheiten in der Entwicklung abzuschichten. Lohnen würde sich dabei auch ein Blick auf weitere Erscheinungsformen von daseinsfürsorgerischer Infrastruktur – wie etwa den ÖPNV. Doch diese infrastrukturgeschichtlichen Desiderata aufzuzählen, heißt nicht, den Ertrag der vorliegenden Arbeit schmälern zu wollen. Im Gegenteil. Timothy Moss hat eine lesenswerte Arbeit vorgelegt, die vor allem den Vorzug besitzt, ihr Thema in der Darstellung bis an die unmittelbare Gegenwart herangeführt zu haben.

Anmerkungen:
[1] Dirk van Laak, Alles im Fluss. Die Lebensadern unserer Gesellschaft. Geschichte und Zukunft der Infrastruktur, Frankfurt am Main 2018.
[2] Jens Kersten, Die Entwicklung des Konzepts der Daseinsvorsorge im Werk von Ernst Forsthoff, in: Staat 44 (2005), S. 543–570.
[3] Clemens Maier-Wolthausen, Ein Zoo für die Hauptstadt, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 9 vom 01.03.2021, S. 11–17, hier S. 13.
[4] Alfons Frese, Berlin kauft Stromnetz von Vattenfall zurück, in: Tagesspiegel, 27.04.2021, https://www.tagesspiegel.de/berlin/fuer-2-14-milliarden-euro-berlin-kauft-stromnetz-von-vattenfall-zurueck/27134592.html (30.07.2021).
[5] Hier sei auch verwiesen auf die einschlägige Studie von Dietmar Bleidick, Die Ruhrgas 1926 bis 2013. Aufstieg und Ende eines Marktführers, Berlin 2017, bes. S. 317f., die Moss in seiner Darstellung allerdings nicht zurate zieht.

Redaktion
Veröffentlicht am
03.08.2021
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