Cover
Titel
La Loyauté à Tout Prix. Les Floués du "Socialisme Réel"


Autor(en)
Combe, Sonia
Reihe
Clair & Net
Erschienen
Anzahl Seiten
235 S.
Preis
€ 22,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Carola Hähnel-Mesnard, Faculté des Faculté des Langues, Cultures et Sociétés – Département d'Etudes germaniques, néerlandaises et scandinaves, Université de Lille

Die 2019 in Frankreich erschienene Studie der französischen Historikerin und Osteuropaspezialistin Sonia Combe (Loyal um jeden Preis. Die Betrogenen des Realsozialismus) widmet sich jenen Angehörigen der Gründergeneration der DDR, die – vorwiegend jüdischer Herkunft – nach dem Zweiten Weltkrieg als überzeugte Kommunist:innen aus dem Exil in die SBZ bzw. DDR zurückgekehrt waren, um dort ihr Ideal zu verwirklichen: den Aufbau eines sozialistischen Staates. Combe interessiert sich im Gegensatz zu vorangegangenen Studien zum Thema[1] weniger für die führenden Parteifunktionäre, sondern vorwiegend für die Intellektuellen, die anders als die kleine Gruppe der „misstrauischen Patriarchen“[2] in den Spitzenfunktionen des Staates einen oft kritischen Blick auf die Entwicklungen im Land warfen. Aus Gründen der Loyalität ihrem Ideal gegenüber brachten sie diese Kritik jedoch nie öffentlich zum Ausdruck. Die Gründe für dieses Schweigen stehen im Mittelpunkt der Untersuchung.

Ausgangspunkt der Überlegungen sind Oral-History-Interviews, die Combe zwischen 1982 und 1989 in der DDR mit Remigrant:innen über die Rolle der Erinnerung an den Nationalsozialismus in der ostdeutschen Gesellschaft durchgeführt hatte.[3] Weitere Quellen sind veröffentlichte Lebenserinnerungen sowie Archivmaterialien, unter anderem aus dem Georg-Lukács-Archiv in Budapest, dem israelischen Nationalarchiv, dem Leo-Baeck-Institut sowie der Tamiment Library in New York. Combes umfangreiche Kenntnis der Geschichte der Intellektuellen im gesamten Ostblock erlaubt darüber hinaus aufschlussreiche Vergleiche.

Zu Beginn ihrer in fünf Teile untergliederten Studie erläutert die Historikerin, inwiefern ihr das im Titel von Jürgen Kuczynskis Memoiren enthaltene Oxymoron, Ein linientreuer Dissident (1992), als Analysemittel dient, um auf den diese Generation charakterisierenden double bind zu verweisen: die Diskrepanz zwischen Überzeugungen und Einsichten einerseits und ihrer Haltung andererseits, wobei diese Spannung auch mit Leon Festingers Kategorie der kognitiven Dissonanz, die letztlich zu Handlungsunfähigkeit führe, beschrieben wird (S. 18). Georg Lukács und Jürgen Kuczynski sind dabei die „Idealtypen“ einer solchen in ihren Widersprüchen gefangenen Intellektuellenfigur: Kommunisten, Mitglied der Partei bzw. parteinah, autonom denkend, dank Autorenrechten und einer gesicherten Position im Wissenschaftsbetrieb über eigene Ressourcen verfügend und dadurch materiell von der Partei unabhängig. Ihre Loyalität beruht auf intellektuellen Überzeugungen, vorhandene Kritik am System wird nie öffentlich, sondern nur innerhalb der Partei bzw. staatlicher Institutionen geübt (S. 18f). In der DDR war die Mehrzahl dieser Intellektuellen Westremigranten und allein dieser Umstand erzeugte bei der aus dem Moskauer Exil zurückgekehrten Gruppe Ulbricht Misstrauen.

Im ersten Teil ihres Buches („Die Hoffnung“) erläutert Sonia Combe die Gründe, die die Remigrant:innen zur Rückkehr in die SBZ/DDR bewogen hatten, was ihnen oft den Vorwurf einer Kompromittierung mit dem Regime einbrachte. Combe erinnert an einige bereits gut erforschte Aspekte wie die mit Privilegien werbende Kulturpolitik, stellt jedoch deutlich heraus, welche Optionen sich diesen Intellektuellen nach 1945 tatsächlich eröffneten. Dies erklärt sie besonders eindringlich am Beispiel der kommunistischen Emigrant:innen in den USA, die während der McCarthy-Ära bedroht waren und um ihre Aufenthaltsrechte fürchten mussten. Diesem Aspekt wird selten größere Aufmerksamkeit geschenkt, die Autorin unterstreicht unter Rückgriff auf FBI-Akten, dass es sich bei der Rückkehr in die SBZ nicht um eine „Falle“ handelte. So verließ der bis dahin gut integrierte Psychologe Alfred Katzenstein, Mitarbeiter von Bruno Bettelheim, die USA nach der Hinrichtung der Rosenbergs. Auf die Frage Combes, ob er von den Schauprozessen im Ostblock und dem Antisemitismus in der Sowjetunion nichts gewusst habe, antwortete Katzenstein 1988, er habe das für antikommunistische Propaganda gehalten, der Hinrichtung jedoch beigewohnt (S. 34). Solche Beispiele machen gerade in diesem ersten Teil die Stärke des Buchs aus, da hier konkrete Lebenserfahrung einer späteren moralischen Verurteilung gegenübersteht.

Im zweiten Teil erläutert Combe die Gründe der langsam eintretenden „Desillusionierung“ und Ernüchterung der remigrierten Intellektuellen. Sie erinnert zunächst daran, dass die kommunistischen Gesellschaften Osteuropas auf einem Schweigen errichtet worden waren, das im Namen der Rettung des kommunistischen Ideals gerechtfertigt schien und für die marxistischen Intellektuellen zu einer nicht mehr hinterfragten Disposition wurde (S. 88). Während jedoch spätestens nach Chruschtschows Geheimrede 1956 überall im Ostblock Rehabilitationen und öffentliche Debatten stattfanden, wurde in der DDR das Schweigen bewahrt: Weder die stalinistischen Säuberungsaktionen gegen antifaschistische Kommunisten im Exil noch die Auswirkungen des sowjetischen Antisemitismus in der DDR der 1950er-Jahre noch die stalinistischen Prozesse gegen die „roten Kapos“ von Buchenwald wurden öffentlich erwähnt. Am Beispiel von Anna Seghers erläutert Combe, wie gut die Autorin die Kunst des Ausweichens beherrschte und ihr Verhalten zwischen Schweigen und diskreten Wortmeldungen in den offiziellen Gremien schwankte (S. 121). Dass diese seitens der Macht wahrgenommen wurden, zeigt Seghers’ 1957 angelegte Stasiakte, in der der geringste Einwand registriert wurde und zahlreiche vom offiziellen Diskurs abweichende Stellungnahmen zu finden sind (S. 123). Dieses auch von anderen Intellektuellen praktizierte Verhalten liest Combe mit James C. Scotts Kategorie des Infrapolitischen (S. 135) als Teil eines „verborgenen Textes“, wobei die zum Beispiel in Versammlungen zum Ausdruck gebrachte Mimik und Gestik auch als Formen einer „theatralischen Performance“ interpretiert werden (S. 221).

Der dritte Teil ist den „Erben und Erbinnen“ dieser Gründergeneration gewidmet: einerseits den moralischen Erben aus der Aufbaugeneration (u.a. Heiner Müller, Christa Wolf, Franz Fühmann), für die die Remigranten wichtige Mentoren und Referenzpersonen waren und die deren Loyalität selbst verinnerlichten; andererseits der tatsächlichen „zweiten Generation“, den Kindern der Remigrant:innen, die Combe zum Teil ebenfalls interviewt hat und die den Traum der Eltern retten wollten (S. 160f.). Auch ein wichtiger Vertreter der Zwischengeneration, der 1925 in einer während der NS-Zeit verfolgten Familie geborene Philosoph Wolfgang Heise, wird hier vorgestellt. Als kritischer Intellektueller, der die Frankfurter Schule, Sartre und Foucault in der DDR bekannt machte, prägte er Generationen von Studierenden (darunter Bahro und Biermann) dank seiner immer gut besuchten Vorlesungen an der Humboldt-Universität, einer Form der Halböffentlichkeit.

Der vierte Teil ist mit Jürgen Kuczynski einer Fallstudie gewidmet, die noch einmal konkret Einblick in das Denken und die inneren Widersprüche dieses „linientreuen Dissidenten“ gibt. In einem letzten Teil interessiert sich Combe für ein Thema, das immer wieder zu Debatten über die in die DDR remigrierten jüdischen Kommunist:innen führte:[4] die Frage nach der vermeintlichen Verdrängung ihrer jüdischen Herkunft. Die in den 1980er-Jahren durchgeführten Interviews zeigen, dass die kommunistische Identität zweifellos die jüdische Identität überlagert hatte, wobei letztere jedoch keineswegs verdrängt worden sei.[5] Dieses Verhalten ist bei den meisten Kommunist:innen dieser Generation in Ost- und Westeuropa festzustellen. Gründe dafür seien ein früher Bruch mit der Tradition bzw. Religion der Eltern, die Herkunft aus assimilierten jüdischen Familien, ein antifaschistisches, eine Opferposition ablehnendes Selbstverständnis, aber auch ein Schweigen über die Herkunft als mentale Überlebensstrategie (S. 203). Unter Rückgriff auf Michael Löwys Überlegungen zur Verbindung zwischen marxistischer Ideologie und jüdischem Messianismus als eine zu Beginn des 20. Jahrhunderts erkannte Wahlverwandtschaft erläutert Combe die so entstehende ideengeschichtliche „kulturelle Symbiose“. Die Tatsache, dass die jüdische Frage die ostdeutschen Intellektuellen nicht mehr zu betreffen schien, wird im Gegensatz zu üblichen Erklärungsansätzen nicht als Selbsthass oder Folge einer Instrumentalisierung durch die Macht interpretiert, sondern als Konsequenz einer kommunistischen Kultur, die die Unterschiede verwischt habe und in Form einer besonderen deutsch-jüdischen Symbiose als Schicksalsgemeinschaft gelebt wurde.

Sonia Combes Studie ist wichtig, da sie noch einmal eine DDR-Generation in den Mittelpunkt stellt, der seit 1989 im Diskurs über die DDR-Vergangenheit wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde und die mit Kriterien analysiert wurde (Feigheit, Kompromittierung mit der Macht, jüdischer Selbsthass), die ihrer existentiellen Problematik kaum gerecht werden. Das Schweigen zu den Missständen in der DDR war ihr Tribut an das sozialistische Ideal, das sie seit ihrer Jugend begleitete. Zahlreiche Intellektuelle stimulierten das kritische Denken im privaten Kreis oder auch parteiintern, verhinderten durch ihr Schweigen in der Öffentlichkeit jedoch das Aufkommen einer Opposition und fanden nach 1989 kaum noch Resonanz in der ostdeutschen Gesellschaft.

Die Studie verweist außerdem auf Forschungslücken, so auf die kaum erforschte Person Wolfgang Heises. Aber auch über andere Figuren der Gründergeneration fehlen, wenn man einmal von den bekanntesten Intellektuellen absieht, noch genauere Untersuchungen. Insofern ist Sonia Combes Buch auch eine Aufforderung, die Geschichte der Intellektuellen in der DDR weiterzuschreiben und dabei einen nuancierten Blick auf ihre Prägungen und Haltungen zu werfen.

Anmerkungen:
[1] So z.B. Catherine Epstein, The Last Revolutionaries. German Communists and Their Century, Cambridge 2003.
[2] Vgl. Thomas Ahbe / Rainer Gries, Gesellschaftsgeschichte als Generationengeschichte, in: Annegret Schüle / Thomas Ahbe / Rainer Gries (Hrsg.), Die DDR aus generationengeschichtlicher Perspektive. Eine Inventur, Leipzig 2006, S. 475–571.
[3] Die Interviews sind in der Pariser Bibliothek BDIC archiviert, die sich vor 1989 besonders auch für die Entwicklungen im Ostblock interessierte.
[4] Siehe dazu auch Karin Hartewig, Zurückgekehrt. Die Geschichte der jüdischen Kommunisten in der DDR, Köln 2000.
[5] Vgl. dazu auch Sonia Combe, „Hier können die Faschisten nichts unternehmen“, in: Deutschland Archiv, 01.04.2021, https://www.bpb.de/330704 (07.06.2021).

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Veröffentlicht am
18.08.2021
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