Cover
Titel
Das Private im Ghetto. Jüdisches Leben im deutsch besetzten Polen 1939 bis 1944


Autor(en)
Haas, Carlos Alberto
Reihe
Das Private im Nationalsozialismus (3)
Erschienen
Göttingen 2020: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
370 S.
Preis
€ 32,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Anne-Christin Klotz, Pacific Regional Office of the German Historical Institute Washington, University of California, Berkeley

Das Tagebuch der Anne Frank zählt bis heute zu den weltweit bekanntesten Erlebnisberichten aus der Zeit des Holocaust. Die ungebrochene Anziehungskraft des Tagesbuches für Menschen auf der ganzen Welt ist dabei nicht zuletzt auf die ausgesprochen intimen Beschreibungen zwischenmenschlicher Beziehungen zurückzuführen. Genau diese Aspekte jedoch, die nach der individuellen Erfahrung fragen und den Bereich des Privaten berühren, wurden lange Zeit von der Forschung vernachlässigt. Erst im Zuge des durch Saul Friedländer eingeleiteten Paradigmenwechsels weg von den Tätern und strukturellen Fragen des Holocaust hin zur Perspektive der Opfer entstanden – zunächst im hebräisch- und englischsprachigen Raum – vermehrt Studien, die sich stärker mit einer Alltagsgeschichte des Holocausts befassten (S. 33).[1] Mit der Internationalisierung der Holocaust-Forschung sowie einer neuen Generation von Forschenden scheint sich in den letzten Jahren das Ansinnen Friedländers mehr und mehr durchzusetzen, was bereits zahlreiche innovative Forschungsvorhaben angestoßen hat.

Eine dieser Studien trägt den Titel Das Private im Ghetto. Jüdisches Leben im deutsch besetzten Polen 1939 bis 1944 und stammt von dem Münchener Historiker Carlos Alberto Haas. In dieser geht er der Frage nach, wie sich das private Leben von Jüdinnen und Juden in vier Ghettos – jenen von Warschau, Litzmannstadt (Łódź), Petrikau (Piotrków Trybunalski) und Tomaschow (Tomaszów Mazowiecki) – im vom nationalsozialistischen Deutschland besetzten Polen im Laufe der Jahre ihres Bestehens veränderte. Die Ghettos wählte er dabei so aus, dass sie sich in ihrer räumlichen Ausdehnung, ihrer Einwohnerzahl und schließlich auch in ihrem Grad der Abriegelung voneinander unterschieden, jedoch alle mindestens zwei Jahre ununterbrochen existierten.

Während in der Forschung lange Zeit die Frage vorherrschte, ob es in den Ghettos überhaupt einen jüdischen Alltag im klassischen Sinne gegeben hat, setzt Haas auf einer anderen Ebene an. Er fragt nicht „ob es einen Alltag im Ghetto“ (S. 22) gab, sondern vielmehr „wie“ sich dieser (aus)gestaltete. Wie erlebten die jüdischen Ghettobewohner/innen das Leben auf engsten Wohnraum? Und wie trugen sie familiäre Konflikte aus? Diesen und anderen Fragen geht Haas in seiner höchst innovativen und empathisch geschriebenen Studie nach.

Um die Frage nach der Transformation des Privaten, wie es vor und nach dem 1. September 1939 existierte, sowie der daraus resultierenden Errichtung zahlreicher Ghettos, angemessen beantworten zu können, stützt sich Haas primär auf die Verwendung von sogenannten Ego-Dokumenten von Jüdinnen und Juden, womit in der Regel Tagebücher und Briefe gemeint sind. Neben einem beeindruckenden Fundus mehrsprachiger Quellen (Jiddisch, Polnisch) ist insbesondere die methodische Herangehensweise beachtenswert: Haas wertet die Ego-Dokumente nicht nur auf ihre Inhalte hin aus, sondern untersucht diese darüber hinaus auf einer Metaebene. So analysiert er die Quellen stets auch in Hinblick auf die Frage, was der Schreibprozess selbst für die Verfasser/innen auf psychologischer Ebene bedeutete (S. 27). Dies erklärt auch, warum Haas unter Privatheit mehr versteht als das bloße „Recht auf Privatsphäre“. Stattdessen definiert er den Begriff als ein „Set sozialer Praktiken“, mithilfe dessen die jüdischen Ghettobewohner/innen aktiv und selbstbestimmt Nähe und Distanz zumindest teilweise und in Bezug auf verschiedene Akteur/innen immer wieder und in verschiedenen zeitlichen und räumlichen Kontexten neu herstellen konnten (S. 12).

Die Arbeit selbst gliedert sich nach der Einleitung in vier Hauptkapitel, die verschiedene Facetten, in denen sich das Private ausdrückte, abbilden. Dabei umfasst das erste Hauptkapitel, das in erster Linie die Vorkriegszeit und den Beginn des Zweiten Weltkrieges behandelt, zusätzlich mehrere sorgfältig ausgewählte Porträts von Verfasser/innen verschiedenster Ego-Dokumente, die gleichzeitig als Repräsentant/innen einer Generation, Klasse oder politischen Milieus fungieren. Dadurch gelingt es ihm anhand der verschiedenen Biographien – unter ihnen befinden sich neben bekannten Persönlichkeiten wie dem Pädagogen Janusz Korczak auch weitgehend unbekannte Personen wie die Schülerin Ruth Goldbarth aus Bydgoszcz – in hervorragender Weise die kulturelle, politische sowie religiöse Pluralität und Diversität der jüdischen Bevölkerung Polens vor 1939 abzubilden.

Die folgenden drei Hauptkapitel behandeln schließlich ausgewählte Kernthemen, anhand derer sich Privatheit in den Ghettos manifestierte, darunter die Aushandlung von zwischenmenschlicher Nähe und Distanz sowie Fragen nach der Möglichkeit des Alleinseins oder auch dem Verhältnis von Privatheit und Gemeinschaft. Dabei ziehen sich die Berichte der ausgewählten Personen wie ein roter Faden durch das Buch, was dazu führt, dass eine bisweilen besonders intime Nähe zum Lesenden hergestellt wird. Gleichzeitig eröffnen die ausführliche Beschreibung, Aneinanderreihung und der Vergleich einzelner, oftmals fast „banal“ erscheinender Episoden aus den Leben der verschiedenen Ghettobewohner/innen – wie etwa ein Streit zwischen Vater und Sohn – ein thematisch äußerst vielfältiges und breites Panorama. So zeigt sich, dass die jüdischen Bewohner/innen ihr Leben in den Ghettos, die Eingriffe und die Gewalt ganz unterschiedlich erfuhren und auch auf verschiedene Art und Weise verarbeiteten. Damit gab es zwar auf der äußeren Ebene eine kollektive Erfahrung, die sich jedoch in ihrer Tiefe immer weiter fragmentierte und individualisierte.

Beispielhaft dafür sind die Biografien der 1921 geborenen Ruth Goldbarth aus Bydgoszcz und des 1924 in Łódź geborenen Dawid Sierakowiak (S. 68, 70). Während erstere aus einer bürgerlichen, akkulturierten und kulturell deutsch sozialisierten Familie kam, stammte letzterer aus einer ärmlichen, chassidischen Familie und war dem Sozialismus zugeneigt. Ihre Erziehung sowie ihre soziale und politische Herkunft führten in den Ghettos zu einer unterschiedlichen Lebensqualität und -realität. Während sich Ruth Goldbarths Familie im Warschauer Ghetto auf Grund ihrer wirtschaftlichen Position (der Vater betrieb in der eigenen Wohnung eine Zahnarztpraxis) eine Mehrzimmerwohnung leisten konnte und zunächst, wenn auch mit einigen Abstrichen, eine weitgehende Trennung zwischen öffentlichen und privaten Raum aufrechterhalten konnte (S. 164–167), musste sich Dawid Sierakowiak in der elterlichen Wohnung im Ghetto in Litzmannstadt zwei Betten mit Vater und Schwester teilen. Nach der Deportation der Mutter im Dezember 1942 hatten sie das Holzgestell des dritten Bettes verbrannt, um die Wohnung im Winter wenigstens etwas beheizen zu können (S. 134, 188). Trotz dieser offensichtlichen Unterschiede litten beide auf ihre Weise unter ihren jeweiligen Lebens- und Wohnverhältnissen. So beschrieben beide wiederholt, wie bedrückend sie die räumliche Nähe zu ihren Verwandten empfanden und wie sehr sie unter den Stimmungen ihrer Väter litten (S. 170). Hinzu kamen Langeweile und Eintönigkeit (S. 113). Als Reaktion darauf entwickelten sie Strategien, um sich aus der eigenen erfahrenen Ohnmacht zu befreien. Neben dem Schreiben von Briefen und Tagebüchern gehörte dazu auch das Lesen von Belletristik. In diesen Tätigkeiten fanden sie eine temporäre Zufluchtsstätte und eine Praxis, die ihnen half, ihren Alltag wieder etwas Struktur zu geben (S. 95f., 107). Aber auch der Versuch, einstmals private Tätigkeiten, die früher drinnen stattfanden, nach draußen zu verlagern, schuf für viele eine Möglichkeit, Privatheit im öffentlichen Raum und damit außerhalb der familiären Enge zu finden (S. 107, 179).

Letztlich kann Haas zeigen, dass die jeweiligen Erfahrungen stark geprägt waren von den unterschiedlichen Lebensrealitäten der jüdischen Ghettobewohner/innen und dass sich diese je nach Zeit, Ort und Kontext immer wieder verändern konnten, weshalb auch immer wieder neue Strategien erprobt werden mussten. Darüber hinaus gelingt es Haas auf beeindruckende Weise herauszuarbeiten, dass individuelle Handlungsspielräume und Grenzen im Hinblick auf ein selbstbestimmtes Leben im Ghetto stets auch durch die Kategorien Race, Class, Age und Gender determiniert wurden.

Als einziger Kritikpunkt wäre anzumerken, dass der Studie eine stärkere Verankerung im aktuellen Forschungskontext gutgetan hätte. Zwar bietet der Forschungsstand einen guten Überblick über die Entwicklungen in den Holocaust und Jewish Studies, nur selten werden die Ergebnisse der Studie jedoch mit anderen Forschungsergebnissen diskutiert. Gerade weil Haas insbesondere dem Schreiben und Lesen als soziale Praxis so viel Bedeutung zumisst, hätte ein Abgleich mit der bereits vorliegenden Literatur zu anderen Ghettos nicht geschadet.[2] Ähnliches gilt für die Erfahrung und Wahrnehmung von Zeit und Raum oder orthodox-jüdischen Reaktionen auf den Holocaust – beides bisher wenig beachtete Aspekte der Forschung, zu denen nichtsdestoweniger bereits einige wichtige Arbeiten vorliegen, deren Erkenntnisse hätten einfließen können.[3]

Abschließend bleibt zu sagen, dass die Studie einen wichtigen Beitrag zur deutschsprachigen Geschichtswissenschaft darstellt, trägt sie doch im hohen Maße dazu bei, die Arbeit mit Ego-Dokumenten für die Erforschung des Holocaust weiter aufzuwerten, was zumindest in der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft noch immer weitgehend ein Novum ist. Die NS-Forschung war hierzulande über viele Jahrzehnte nicht nur stark täter- und strukturzentriert, sondern neigte auch dazu, die Opfer des Holocausts, insbesondere jene im besetzten Ost- und Ostmitteleuropa als eine „amorphe Opfermasse, die passiv erduldete, was geschah“[4], zu konstruieren. Hierin, also in der Aufwertung jüdischer Perspektiven auf den Holocaust sowie der Wiederhörbarmachung jüdischer Stimmen und damit der Zugänglichmachung verschütteten Wissens, liegt die besondere Stärke der Arbeit.

Anmerkungen:
[1] Andrea Löw, Juden im Getto Litzmannstadt. Lebensbedingungen, Selbstwahrnehmung, Verhalten, Göttingen 2010.
[2] Vgl. z.B. Miriam Intrator, The Theresienstadt Ghetto Central Library, Books and Reading: Intellectual Resistance and Escape During the Holocaust, in: LBI Year Book 50 (2005), S. 3–28; Guy Miron, From „Public Space“ to „Space of Writing“: Jewish Diarists in Nazi Germany, in: Yearbook for European Jewish Literature Studies 6/1 (2019), S. 90–107.
[3] Vgl. z. B. Steven T. Katz u.a., Wrestling with God. Jewish Theological Responses during and after the Holocaust, New York 2006, S. 353–375.
[4] Andrea Löw, Handlungsspielräume und Reaktionen der jüdischen Bevölkerung in Ostmitteleuropa, in: dies. / Frank Bajohr (Hrsg.), Der Holocaust. Ergebnisse und neue Fragen der Forschung, Frankfurt am Main 2015, S. 237–254, hier S. 237.