A. Fléchet u.a. (Hrsg.): Music and Postwar Transitions

Cover
Titel
Music and Postwar Transitions in the 19th and 20th Centuries.


Herausgeber
Fléchet, Anais; Guerpin, Martin; Gumplowicz, Philippe; Kelly, Barbara
Reihe
Explorations in Culture and International History
Erschienen
New York 2023: Berghahn Books
Anzahl Seiten
XII, 307 S.
Preis
$ 135.00 ; £ 99.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sven Oliver Müller, Berlin

Ziel dieses Buches ist es, den Wandel der Musikkultur am Übergang vom Krieg zum Frieden zu untersuchen. Ausgangspunkt ist die „functional diversity“, das heißt die Untersuchung historischer, ästhetischer, kultureller und politischer Veränderungen. Musik wird in diesem Übergangsprozess nicht nur als Kunstwerk, sondern auch als Seismograph in der Gesellschaft verstanden, welcher Individuen und Gruppen half, mit ihren Sorgen und Hoffnungen im Alltag umzugehen. Die Schwierigkeit liegt darin, das konkret zu zeigen. 15 führende Historiker:innen, Musikwissenschaftler:innen, Politikwissenschaftler:innen und Psycholog:innen leisten hierzu ihren Beitrag; Jay Winter und Jessica Gienow-Hecht ergänzen diese durch ein Vor- und ein Nachwort.

Die vier Herausgeber:innen unterstreichen, dass die in diesem Band analysierten Herausforderungen auch in der Gegenwart Bedeutung hätten. Von einem scharfen Bruch zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Krieg und Nachkriegszeit könne keine Rede sein. Die musikwissenschaftliche wie die historische Forschung habe sich zu wenig um das Wechselverhältnis zwischen Demobilisierung, Musik und Gewalt gekümmert. Untersucht wird, wie in unterschiedlichen Situationen die Musik auch in Friedenszeiten Strukturen des Krieges ausbaut oder aber begrenzt. Ein Problem sei es herauszufinden, wann und wo Kriege anfingen oder endeten, ob die hier untersuchten Prozesse des Überganges überhaupt jemals abgeschlossen würden.

Die Bandbreite der Themen ist beachtlich. Sie reicht von der Analyse der Sicht musikalischer Fachzeitschriften auf die Situation Frankreichs nach der Niederlage im Krieg gegen Deutschland 1870/71 über die Rolle der Berliner-, Wiener- und Londoner Philharmoniker nach dem Ende des Ersten- wie des Zweiten Weltkriegs bis hin zu den Versuchen führender Komponisten wie Georges Bizet oder Paul Hindemith, unter andauernden Kriegsbelastungen weiter zu arbeiten. Herausgreifen möchte ich den Aufsatz von Friedemann Pestel. Er setzt sich kenntnisreich mit den vielfältigen Schwierigkeiten der Berliner- und der Wiener Philharmoniker 1947/48 auseinander, mit ihrer nationalsozialistischen Geschichte umzugehen. Manche Musiker in Wien scheuten nicht davor zurück, sich als Opfer zweier Besatzungsmächte zu bezeichnen – des nationalsozialistischen Deutschland 1938 und der Alliierten 1945.

Die zahlreichen Probleme, Situationen oder Akteure liefern Ausgangspunkte für spannende Vergleiche. Neues erfährt man über die verschiedenen Formen der Konflikte auf lokaler wie auf globaler Ebene. Aufschlussreich sind die oft gescheiterten Handlungen von Künstler:innen oder von Politiker:innen, die mit Hilfe von Musik versuchten, friedliche Begegnungen ehemaliger Feinde zu erleichtern. Auch an schwarzem Humor fehlte es nicht. Das zeigt der Beitrag von Martin Guerpin über den Zynismus in französischen Chansons zwischen 1871 und 1923. Hier mischten sich Spott und Rachegelüste gegenüber dem deutschen Feind. Sophie-Anne Letterier untersucht die Arbeit des französischen Lyrikers und Liedtexters Pierre-Jean de Béranger nach den verlorenen Napoleonischen Kriegen. Sein Ziel war es, die Franzosen mit einer geschönten und fast unterhaltenden Nationalgeschichte zu belehren.

Im Zentrum des Bandes aber steht die Gnadenlosigkeit in den Nachkriegszeiten, denn viele Gruppen nutzten Musik, um Hass und Gewalt zu erzeugen. Fraglos ist die Brutalität während und nach den Kriegen nicht nur ein modernes Phänomen. Doch im 20. Jahrhundert erweitern sich manche Formen der Gewalt. Ein furchtbares Beispiel dafür wird im Aufsatz von Benjamin Chemouni und Assumpta Mugiraneza angesprochen. Sie behandeln den Massenmord an den Tutsi während des Bürgerkrieges in Ruanda (1990–1994) und werfen die furchtbare Frage auf, welche Art von Liedern in der Nachkriegszeit überhaupt eine Auseinandersetzung mit diesen Verbrechen ermöglichen konnten. Manchmal verstummten Schmerz und Trauer.

Die Geschichte der Demobilisierung lässt sich auch als Emotionsgeschichte fassen. Jessica Gienow-Hecht unterstreicht in ihrem Nachwort, dass der Einfluss der Musik auf die „postwar transitions“ ohne die Wirkung der „postwar emotions“ kaum zu verstehen sei (S. 291). Tatsächlich entstanden durch Musik und entsprechende Diskurse emotionale Begegnungsräume. Die Autor:innen demonstrieren die Ängste und den Hass der Menschen, ihre Suche nach Sicherheit im persönlichen Umfeld wie ihre Hoffnung auf staatlichen Schutz. Die Emotionen waren ein Mittel der Verständigung innerhalb der sich verändernden Strukturen in den Nachkriegsgesellschaften. Sie gehören zu denjenigen Kategorien, auf welche die Forschung unterschiedlicher Disziplinen immer häufiger zugreift. Im Unterschied zur naturwissenschaftlichen Forschung bietet es sich an, Gefühle nicht allein als festgelegte körperliche Impulse zu untersuchen. Die Analyse von Emotionen hilft vielmehr, die Handlungen mancher Akteure zu entschlüsseln, etwa die Veränderungen politischer Praktiken oder kultureller Deutungen. Das gilt in diesem Band gerade für die Entstehung oder den Fortbestand von Konflikten. Dazu zählen etwa der Beitrag von Pablo Palomino über die aggressive Kommunikation im Musikleben Mexikos zwischen 1910 und 1930 oder derjenige von Jean-Sébastien Noël über das Wechselverhältnis von Widerstand und Trauer in der Arbeit von Komponisten nach 1945.

Die vielfältigen Formen der Musikkultur und ihre Deutungsoffenheit verursachen aber auch analytische Probleme. Augenscheinlich verzichten manche Autor:innen darauf, das Phänomen der „Musik“ trennscharf zu bestimmen. Selbst die vier Herausgeber:innen verlieren sich in ihrer Einleitung ohne Bescheidenheit in Allgemeinplätzen wie diesem: „Music can reflect the postwar transition processes as they happen, and at the same time, can play an active role in these processes.“ (S. 5). Leider bestimmen sie auch den zeitlichen Rahmen solcher Prozesse nicht näher, und manche Abschnitte lesen sich wie eine „histoire totale“: „Music and Postwar Transitions offers a first synthesis of all these subjects by situating them in the context of the nineteenth, twentieth, and twenty-first centuries“ (S. 12).

Die größte inhaltliche Stärke des Bandes liegt darin, dass Forscher:innen unterschiedlicher Disziplinen die laufenden Debatten über die Demobilisierung durch die oben genannten und oft übersehenen Einzelthemen bereichern. Leider entstehen dadurch methodische Grenzen. Die Herausgeber:innen wählen einen viel zu großen Ansatz. Sie stellen eine ganze Reihe wichtiger Fragen, die es aber genau deshalb den Autor:innen schwer machen, sie trennscharf zu beantworten. Manche Beiträge sind reine Beschreibungen über die jeweiligen Akteure in spezifischen Situationen. Der Eindruck entsteht, dass die Herausgerber:innen wie die Autor:innen nach Zusammenhängen häufiger suchen, als diese zu erklären. Doch der Band macht insgesamt neugierig. Ein Potential für die weitere Forschung läge in einem bescheideneren Konzept. Es wäre ein Gewinn, nicht zu versuchen, alle Probleme der Demobilisierung in 200 Jahren in einem Buch zu behandeln, sondern sich stattdessen stärker auf wenige ausgewählte Fragen und Probleme zu beschränken. Das würde auch den Zusammenhang zwischen dem Ansatz und den einzelnen Beiträgen erhöhen.

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