Titel
Sklaverei und Freilassung in der griechisch-römischen Welt.


Autor(en)
Herrmann-Otto, Elisabeth
Reihe
Studienbücher Antike 15
Anzahl Seiten
263 S.
Preis
€ 19,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sebastian Wirz, Institut für Geschichtswissenschaft, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

„Sklaverei und Freilassung in der griechisch-römischen Welt“ versteht sich als ein Studienbuch, das den Studierenden in die vielgestaltige und komplexe Materie der antiken Sklaverei einführen und ihn zugleich mit den aktuellen „Forschungsständen“ und „Forschungsdiskussionen“ vertraut machen möchte.

Das Buch ist in vier Teile gegliedert: die 25-seitige Einleitung bietet einen Überblick über die Thematik und die Forschungsgeschichte, behandelt Fragen der Definition und der Terminologie, beschäftigt sich aber auch mit der antiken Theorie (beispielsweise bei Platon, Philo von Alexandrien oder Augustinus) und mit ihrer neuzeitlichen Rezeption, entweder als Gegenstand der Wissenschaft, genannt seien exemplarisch Lorenzo Pignoria, Hugo Grotius, Karl Marx und Max Weber, oder als „Bestandteil des politischen Diskurses“ (S. 34). Es folgt ein historischer Abriss der „Sklaverei in der griechisch-hellenistischen Welt“ (S. 51-110), beginnend mit der mykenischen Palastwirtschaft und den homerischen Epen. Für die klassische Zeit, zugleich eine „Hochblüte der sogenannten klassischen (auf Kauf beruhenden) Sklaverei“ (S. 72), werden neben der reinen Darstellung unter anderem die wichtigen Fragen ausführlich diskutiert, ob die athenische Gesellschaft als „Sklaven(halter)gesellschaft“ (S. 73) oder neutraler als „Gesellschaft mit Sklaven“ (S. 88) zu charakterisieren sei, ob den Athener Bürgern eine „Sklavenhaltermentalität“ (S. 82) attestiert werden könne und wie sich das Verhältnis von (athenischer) Demokratie und Sklaverei grundsätzlich bestimmen lasse. Um zu diesen gewichtigen Fragen gebührend Stellung nehmen zu können, wird auf die politische, wirtschaftliche und soziale Geschichte der Stadt Bezug genommen; und es werden besonders die Reformen des Solon sowie der Peloponnesische Krieg behandelt. Immer wieder bemüht sich zudem die Autorin, realistische Sklavenzahlen zu ermitteln. Eine Gesamtwürdigung all dieser Faktoren lasse es – so die Folgerung – weder zu, von einer „Sklaven(halter)gesellschaft“ zu sprechen noch von einer „Sklavenhaltermentalität“. Auch die These, dass Demokratie und Sklaverei sich gegenseitig bedingten (S. 87), sei nicht gerechtfertigt. Obgleich im Einzelnen vieles komplex und strittig sei.

Der Abschnitt über die römische Sklaverei (S. 111-202) setzt mit einer Erläuterung von „Ursprung, Charakter und Verbreitung der Sklaverei in der römischen Republik“ (S. 111-125) ein. Greifbar ist der Begriff ‚servus‘ im heutigen Verständnis (ursprünglich = Hirte) in den Zwölf-Tafel-Gesetzen (etwa 450 v.Chr.). Bereits in der Frühzeit Roms konnten Sklaven hauptsächlich durch Kauf erworben werden, oder der römische Bürger erhielt sie als Beuteanteil nach siegreichen Kriegen zugeteilt. Die Gesamtzahl der Sklaven in der römischen Gesellschaft vor dem 3. Jahrhundert v.Chr. ist in der Forschung sehr umstritten. Moses I. Finley vertrat die Auffassung, dass bereits vor dem Beginn der großen römischen Eroberungen ein bedeutender Sklavenbedarf in Rom bestanden habe. Um diese These zu untermauern, formulierte er drei notwendige „wirtschaftliche“ Vorbedingungen (S. 117), die er als gegeben ansah: weite agrarische Flächen, funktionierende Märkte, Arbeitskräftemangel. Frau Hermann-Otto setzt sich mit diesen Behauptungen in der Folge eingehend auseinander.

Argumentativ wird dabei vor allem auf die Stadtgeschichte des Livius Rückgriff genommen, die Samnitenkriege werden hinsichtlich von möglichen Gefangenen ausgewertet, und die römisch-karthagischen Verträge geben Indizien über den Stand der Wirtschaftsentwicklung. Allgemein stellt sich ferner die Frage nach den Anbauformen und den dazu erforderlichen Arbeitskräften. Im Ergebnis wird der These Finleys zugestimmt, obschon vor konkreten „Statistiken“ über Sklavenzahlen (S. 122) zu warnen sei. Ein Schwerpunkt des Kapitels liegt auf den Sklavenaufständen in der späten Republik und hier besonders auf dem des Spartacus (73-71 v.Chr.). Eingehend behandelt wird aber auch die Verwendung von Sklaven in der Landwirtschaft (S. 144-160) und in städtischen Privathaushalten (S. 160-177). Die Darlegung endet mit einer Darstellung über Sklaven und Freigelassene in „öffentlichen“ Verwendungen während der Kaiserzeit (S. 177-190) und mit einer Betrachtung des „römischen Modells der Freilassung“ (S. 190-202). Die Aussagen hierzu sind allgemeiner und grundsätzlicher Natur, juristische Aspekte dominieren.

„Wege in die Freiheit“ ist der letzte Teil des Buches (S. 203-225) überschrieben. Schon in den vorangegangenen Kapiteln behandelte Frau Hermann-Otto die Möglichkeiten und Formen der Freilassung bzw. des gesellschaftlichen Aufstiegs von Sklaven innerhalb der thematisierten Zeit. Nun wird die Spätantike traktiert. Untersucht werden vor allem das Verhältnis von jüdischer und besonders christlicher Religion zur Sklaverei und die Möglichkeit und die Formen von Freilassung. Welche Vorstellung hat beispielsweise das frühe Christentum von Sklaverei entwickelt und inwiefern hat diese Sichtweise auf die gesellschaftliche Verfasstheit eingewirkt? In groben Zügen wird zugleich eine Geschichte der Sklaverei in der Spätantike skizziert. Die wirtschaftlichen und sozialen Umbrüche, die Barbareneinfälle, all dies zeitigt auch Veränderungen innerhalb der Erscheinung Sklaverei. Der Wandel ist nicht nur auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet erfassbar, sondern auch in rechtlicher Hinsicht. Die Gesetzgebungen der Kaiser Konstantin und Justinian werden eingehend besprochen. Das Gesetzeswerk des letzteren sei in bedeutenden Teilen seiner „Sklavengesetzgebung“ vom „favor libertatis“ (‚im Zweifel für die Freiheit‘) geprägt.

Auf die fünfseitige Zusammenfassung (S. 226-230) folgt schließlich ein sehr ausführliches Literaturverzeichnis (S. 231-249), unterteilt in Quellensammlungen und Kommentare, Bibliographien und Forschungsberichte sowie Forschungsliteratur. Ein ausführliches Orts-, Personen- und Sachregister schließt den Band ab.

Frau Hermann-Otto gelingt es in sehr anschaulicher, verständlicher und strukturierter Weise, den Leser durch die umfangreiche Geschichte der antiken Sklaverei zu führen und die wichtigen Entwicklungen darzustellen. Wirtschaftliche, soziale, politische und rechtliche Aspekte werden in ihrer Bedeutsamkeit und in ihrer „Verschränkung“ aufgezeigt und analysiert, die Arbeit beruht daher auf vielen Säulen und wird somit der antiken Wirklichkeit in ihrer Gänze vollkommen gerecht. Die souveräne Disposition, die Quellenbeherrschung und die Forschungsdiskussionen, die stets die wesentlichen Argumente benennen, lassen auf Schritt und Tritt erkennen, dass die Autorin sich seit 30 Jahren mit dieser Thematik eingehend beschäftigt. Ihr selbstgesetztes Ziel, „ein ausdifferenziertes Bild des vielgestaltigen Phänomens der Sklaverei zu präsentieren“ (S. 7), wird vollkommen erreicht. Als „Studienbuch“ kann es jedem an der antiken Gesellschaft Interessierten, also nicht nur dem angehenden Historiker, uneingeschränkt empfohlen werden.

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