Titel
Works in Progress. Plans and realities on soviet farms 1930–1963


Autor(en)
Smith, Jenny Leigh
Reihe
Yale Agrarian Studies Series
Erschienen
Anzahl Seiten
XI, 272 S.
Preis
$ 85,00; £ 50.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Katja Bruisch, Deutsches Historisches Institut Moskau

Mit Ausnahme der Neuen Ökonomischen Politik und der Kollektivierung waren Landwirtschaft und Agrarpolitik in der Sowjetunion bislang nur punktuell Gegenstand der historischen Forschung. Vielfach sind Historiker dem urbanen Selbstverständnis der sowjetischen Eliten gefolgt und haben der ländlichen Ökonomie nur beiläufig Beachtung geschenkt. In “Works in Progress” fragt Jenny Leigh Smith nach dem Verhältnis von Anspruch und Wirklichkeit sowjetischer Agrarmodernisierung von der Kollektivierung bis in das Jahr 1963, als Getreideimporte aus den USA das Ende eines mehr als drei Jahrzehnte währenden Strebens nach landwirtschaftlicher Autarkie markierten. Die Autorin setzt sich zum Ziel, die Sowjetunion innerhalb des länderübergreifenden Trends zur Industrialisierung der Landwirtschaft zu verorten. Geleitet wird ihre Darstellung von der Frage, ob sich anhand des sowjetischen Beispiels grundlegende Einsichten über Programme zur ländlichen Modernisierung im 20. Jahrhundert gewinnen lassen.

Im ersten Kapitel (“Model Farms and Foreign Experts”) weist die Autorin nach, dass sich die dominierenden Vorstellungen von einer modernen Landwirtschaft in der Sowjetunion kaum von zeitgleich in anderen Staaten, allen voran den USA, vorherrschenden Ideen unterschieden: Großproduktion und effektives Management galten ideologieübergreifend als Schlüssel erfolgreicher Modernisierung. Anhand von Parteiberichten und den Aufzeichnungen zweier amerikanischer Spezialisten, die in den 1930er-Jahren als Berater auf sowjetischen Modellfarmen tätig waren, dokumentiert Smith die Kluft zwischen den ambitionierten Plänen und der Lebenswirklichkeit auf dem Dorf. Übereinstimmend machten sowjetische und amerikanische Beobachter im Unvermögen der Kolchosbevölkerung den entscheidenden Grund für die schlechte Bilanz der Agrarbetriebe aus. Diese Einschätzung, so Smith, zeuge jedoch vor allem von der Unkenntnis der Experten selbst. Tatsächlich hätten die Schwierigkeiten von den vielfach vernachlässigten natürlichen Gegebenheiten der Landwirtschaft gerührt.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sei die sowjetische Führung dann bemüht gewesen, ihren Einfluss über die ländlichen Regionen wiederherzustellen (“Restoring Control”). Besonders in den vormals besetzten Gebieten der Ukraine standen die Behörden vor der Herausforderung, die zur Subsistenzwirtschaft zurückgekehrten Bauern erneut in die staatlich kontrollierten Produktionsstrukturen einzubinden. Anders als während der Kollektivierung habe der Staat nun jedoch weniger auf Gewalt denn auf die Bildung von Institutionen gesetzt, mit denen die ländliche Bevölkerung notgedrungen kooperieren musste. Hinter der Einrichtung von Quarantänestationen, in denen zugereiste Experten Pflanzen und Tiere auf Schadstoffe und Schädlinge überprüften, habe demnach ein doppeltes Ziel gestanden: die Professionalisierung der Landwirtschaft und die Wiederherstellung der staatlichen Macht jenseits der urbanen Zentren.

Nach der Überwindung der Nachkriegskrise stand die Erhöhung des Lebensstandards, insbesondere des Fleischkonsums, im Fokus sowjetischer Agrarpolitik (“Animal Farms”). Ideologie und wissenschaftliche Expertise gingen eine enge Verbindung ein: Durch den Verweis auf die Lehre des in der Biologie zu höchstem Ruhm gelangten Trofim Lysenko verliehen Wissenschaftler, Parteivertreter und Kolchosmitarbeiter den meist simplen Maßnahmen zur Ausweitung der Fleisch- und Milchproduktion einen wissenschaftlichen Anstrich. Neben der Verbesserung von Futter und Unterbringung zeigte vor allem die Individualisierung der Tierpflege positive Resultate. Diese wurde nun als Beleg professionellen Sachverstands ausgewiesen. Lysenko, folgert die Autorin, habe zwar nie ein adäquates Modell zur Beschreibung von Vererbungsprozessen entwickelt. In der Tierzucht sei seine Theorie jedoch von einigem Nutzen gewesen; sie habe eine leicht verständliche Erklärung für den Zusammenhang zwischen Pflege und Zuchterfolg geliefert und avancierte somit zum Leitfaden für das Management von Arbeitskraft und Produktionsprozessen in der Landwirtschaft (S. 120).

Wirklich erfolgreich war die sowjetische Führung nach Auffassung Smiths jedoch weniger im Bereich der Agrarproduktion, sondern vielmehr in der Verarbeitung und Verteilung von Lebensmitteln (“Substituting Meat”). Fleischkonserven, die der Bevölkerung bereits aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges bekannt waren, halfen auch nach dessen Ende, saisonale Schwankungen im Lebensmittelangebot abzufedern und wurden bald zu einem regulären Bestandteil städtischer Ernährungsgewohnheiten. Zudem zeigte sich die sowjetische Bürokratie bei der Kompensation des allgemeinen Mangels an Verbrauchsgütern durchaus einfallsreich: Der direkte Zugriff auf die Erzeugnisse der Milch- und Zuckerindustrie erlaubte die Einrichtung zahlloser Verkaufsstände für Milchspeiseeis, das sich schnell als wichtiges Element sowjetischer Konsumkultur etablierte. Ebenso trug die Herstellung von verarbeiteten Produkten wie Pelmeni, Fisch- und später Gemüsekonserven zur Erweiterung des Lebensmittelangebots bei. Zumindest in den Städten, so Smiths Bilanz, habe sich die sowjetische Bevölkerung seit den 1950er-Jahren zunehmend vielseitiger ernährt. Die Beschaffung von Lebensmitteln blieb freilich immer mit einem hohen Aufwand verbunden: „Convenience, in a socialist food network, was in the eye of the beholder" (S. 187).

Die Arbeit schließt mit einer Fallstudie zur ländlichen Modernisierung im Irkutsker Gebiet (“The Old and the New”). Über Jahrzehnte hätten die Planer aufgrund ihrer Ignoranz gegenüber den Unterschieden zwischen Sibirien und Zentralrussland vergeblich versucht, die Produktivität der Landwirtschaft in der Region zu steigern. Der Bevölkerungszuwachs im Zusammenhang mit dem Bau des Bratsker Staudamms und der Erschließung von Rohstoffen habe die Abhängigkeit des Irkutsker Gebiets von Agrarprodukten aus anderen Landesteilen zusätzlich verstärkt. Programme zur ländlichen Entwicklung hätten erst in den 1960er Jahren Ergebnisse gezeigt, als die Behörden die lokalen Besonderheiten der ländlichen Ökonomie in ihre Pläne integrierten und die Pelzjagd förderten. Die Kolonisierung Sibiriens, so argumentiert Smith, sei immer dann erfolgreich gewesen, wenn der Staat auf lokales Wissen zurückgriff und von prestigeträchtigen Mobilisierungskampagnen absah.

Die Lektüre dieses Buches ist zweifelsohne ein Gewinn. Dass Smith die sowjetische Agrarmodernisierung als einen von zahlreichen Versuchen zur Etablierung einer industrialisierten Landwirtschaft interpretiert, ist anregend und leuchtet unmittelbar ein, auch wenn Handarbeit und tierische Zugkraft die Produktion in den kollektivierten Betrieben über Jahrzehnte bestimmten. Die Autorin vermeidet den Kurzschluss, die regelmäßigen Agrarkrisen der Sowjetunion ließen sich allein als Folge ideologischer Irrtümer werten. Stattdessen führt sie Fehlschläge auf Probleme zurück, die auch in anderen politischen und ideologischen Kontexten häufig zum Tragen kamen: eine mangelnde Bereitschaft der Eliten, die Vielfalt naturräumlicher Gegebenheiten angemessen zu berücksichtigen und eigene Irrtümer einzugestehen. Darüber hinaus kann Smith überzeugend belegen, dass die Agrargeschichte der Sowjetunion mehr war als eine Abfolge von Katastrophen. Auch wenn die Ergebnisse staatlicher Politik nie den Visionen der Technokraten entsprachen, konnte die Sowjetunion durchaus Erfolge verbuchen. Dieser Befund stellt einige geläufige Annahmen über die sowjetische Agrarwirtschaft auf den Kopf und könnte einer neuen Debatte über ländliche Entwicklung im Sozialismus Auftrieb verleihen.

Die vorgelegte Interpretation wirft jedoch auch Fragen auf. Der Akzent auf die systemübergreifende Vision einer industrialisierten Landwirtschaft verstellt bisweilen den Blick auf die Besonderheiten des sowjetischen Falls. Zum einen bleiben die eigentlichen Planungsabläufe in der Darstellung außen vor, so dass die weitreichenden Aussagen über die sowjetische Bürokratie etwas pauschal wirken. Zum anderen zielte sowjetische Agrarpolitik beileibe nicht nur auf die technische und organisatorische Modernisierung der Landwirtschaft; vielmehr ging es immer auch um eine soziale Transformation auf dem Dorf und die Eingliederung der ländlichen Regionen in die Machthierarchien des sowjetischen Staats. Dies wirkte sich nicht nur unmittelbar auf die Lebenswirklichkeit der Bevölkerung, sondern auch auf das wirtschaftliche Potential der Landwirtschaft aus. So standen die administrative Gängelung, mangelnde Entscheidungskompetenzen vor Ort und das andauernde Misstrauen gegenüber der privaten Produktion Produktivitätssteigerungen mindestens ebenso sehr im Wege wie die andauernden Engpässe der Planwirtschaft oder die Widrigkeiten des Klimas. Zugleich gelingt es der Autorin nur teilweise, den einleitend postulierten Anspruch einer Verbindung aus Umwelt- und Agrargeschichte einzulösen. So thematisiert sie zwar das sich wandelnde Umweltverständnis der Eliten und die vielfältigen geographischen Bedingungen der Landwirtschaft in den unterschiedlichen Regionen der Sowjetunion. Die ökologischen Folgen sowjetischer Agrarentwicklung werden allerdings nicht konsequent thematisiert. Dem komplexen Wechselverhältnis zwischen Mensch und Natur wird die Studie daher nur bedingt gerecht.

Davon abgesehen ist Jenny Leigh Smith jedoch ein sehr gut lesbares und aufschlussreiches Panorama sowjetischer Agrargeschichte von der Kollektivierung bis in die frühen 1960er-Jahre gelungen. Die einzelnen Kapitel liefern nicht nur wertvolle Einblicke in die unterschiedlichen Phasen sowjetischer Agrarmodernisierung. Die Einbindung der Fallstudien in längerfristige historische Trends erlaubt es zudem, diese auch als eigenständige Studien zu lesen. Die überzeugende Verknüpfung von regionalen und globalen Entwicklungen macht einen besonderen Reiz der Darstellung aus. Jenny Leigh Smith hat somit ein Buch verfasst, das bei künftigen Forschungen zur sowjetischen Landwirtschaft nicht ohne Weiteres ignoriert werden kann.

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