Titel
Marsilius von Padua. Defensor Pacis/Der Verteidiger des Friedens, übersetzt, bearbeitet und kommentiert von Horst Kusch, neu eingeleitet und herausgegeben von Jürgen Miethke


Herausgeber
Kusch, Horst; Jürgen Miethke
Reihe
Ausgewählte Quellen zur Geschichte des Mittelalters. Freiherr-vom-Stein-Gedächtnisausgabe
Erschienen
Anzahl Seiten
CLXI, 1177 S.
Preis
€ 129,00 (€ 85,95 mit Mitglieder)
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Oliver Hidalgo, Institut für Politikwissenschaft, Universität Regensburg

Marsilius‘ (geboren zwischen 1275 und 1290 in Padua; gestorben 1342/43 in München) monumentales Werk über den Defensor Pacis (1324) zählt nicht nur unbestritten zu den Klassikern des politischen Denkens, sondern zu den Vorläufern und Grundlagenschriften der akademischen Politikwissenschaft überhaupt.1 Ausschlaggebend hierfür war zweifelsohne der Umstand, dass Marsilius, der in Paris in den ,freien Künsten‘ promoviert hatte und sich später auch durch Studien der Medizin und der Theologie auszeichnete, auf Basis des im Spätmittelalter wiederentdeckten aristotelischen Vokabulars einen neuartigen Begriff des Politischen prägte. Letzterer wurde dadurch von seiner zeitgenössischen Durchformung durch die Religion befreit und insbesondere gegenüber übersteigerten kirchlichen Ansprüchen verteidigt sowie auf ein konkretes Gemeinwesen jenseits eines theologischen Universalismus appliziert. Über die Emanzipation und Selbständigkeit des Politischen gegenüber dem Theologischen hinausgehend, regt Marsilius sogar eine unmissverständliche Unterordnung der geistlichen unter die weltliche Sphäre an.

Der zweite Teil des Defensor Pacis (S. 675ff.; 719ff.) führt diesbezüglich aus, dass für die Kirchen stets nur das rechtlich gelten könne, was ein „gläubiger Gesetzgeber“ (legislator fidelis) als bindend bestimme, sowohl was die Einsetzung der Priester, die Teilnahme an kirchlichen Konzilen etc. als auch die Verfügung über die Kirchengüter angehe. Nur dort, wo ein „ungläubiger Herrscher“ (legislator infidelis) die politischen Geschicke lenke (was vor allem in den Gemeinschaften der Urkirche der Fall gewesen sei), stünde Bischöfen oder Priestern gegebenenfalls die Vollmacht zu, „ohne Einwilligung und Wissen des Herrschers derartige „Amtseinsetzungen“ vorzunehmen. Die vorausgreifenden Anklänge an das Autoritätsdenken von Thomas Hobbes, demzufolge die legitim begründete, das heißt die vom (vernünftigen) Willen des Volkes abhängige staatliche Zwangsgewalt (S. 117–145) und nicht das göttliche Recht beziehungsweise das sakrale Amt über die Ausrichtung des Gemeinwesens entscheide (authoritas non veritas facit legem)2, sind hier unverkennbar.3 Doch obwohl Marsilius damit einen Meilenstein säkularen politischen Denkens gesetzt hat, führt er – wie das gesamte Mittelalter – im Kanon der Politischen Ideengeschichte bislang ein relatives Schattendasein neben all den renommierten antiken und neuzeitlichen Autoren, die in dieser Hinsicht traditionell in der ersten Reihe stehen. Jene verhältnismäßig nachrangige Bedeutung wird selbst im Rahmen der vorliegenden Würdigung von Marsilius performativ bestätigt, indem Aristoteles und Hobbes als die Referenzautoren ins Spiel gebracht wurden, zwischen denen der Paduaner ein plausibles Scharnier bildet.

Um nichtsdestoweniger einen Beitrag dafür zu leisten, dass der Verfasser des Defensor Pacis die Reputation erhält, die ihm nach Dafürhalten zahlreicher Experten der Epoche zusteht, hat sich die Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt entschlossen, eine aufwendige Neuausgabe von Marsilius‘ Hauptwerk vorzulegen. Als Band 50 der Freiherr-vom-Stein-Gedächtnisausgabe von ausgewählten Quellen zur Geschichte des Mittelalters konzipiert, wartet jene aktualisierte zweisprachige lateinisch-deutsche Fassung des Defensor Pacis in erster Linie mit einer neuen, ausführlichen Einleitung (S. XV–CLXI) auf, die Jürgen Miethke, der wohl ausgewiesenste Marsilius-Experte hierzulande, verfasst und zusammengestellt hat. Darin werden nicht nur äußerst kenntnisreich die turbulenten Lebensumstände des 1327 von Papst Johannes XXII. als Ketzer verurteilten Marsilius geschildert (S. XV–XLIII), sondern ebenso wertvolle Angaben zum Text und seiner Überlieferung getätigt (S. XLIII–XLVIII), Titel und Aufbau des Werkes erläutert (S. XLVIII–LII) sowie nicht zuletzt ein konziser Abriss der politischen Theorie von Marsilius entlang der drei Bücher (Diccios) des Defensor Pacis geliefert. Der Leser erfährt dadurch viel Wissenswertes über das zentrale Anliegen der Schrift, den in der Gegenwart gestörten politischen Frieden als Folge der prekären Konkurrenz zwischen weltlicher und kirchlicher Gewalt zu identifizieren.

Dazu bemüht sich Marsilius, die aus seiner Sicht fatale Interpretation der Inkarnation Christi als Legitimationsgrund für weltliche Ansprüche der Bischöfe und Päpste als „Ursache oder Wurzel“ allen Haders in der Gegenwart zu entlarven (S. 23, 25) und stattdessen gerade die Menschwerdung beziehungsweise den Tod Jesu als Belege anzuführen, dass der christlichen Kirche die vorbehaltlose Anerkennung der politischen Gewalt abverlangt werde, welche seinerzeit der römische Kaiser und sein Statthalter Pilatus in Judäa verkörperten. Der „wahre“ Auftrag von Jesus an seine Nachfolger sei es entsprechend gewesen, als gläubige Christen Gott und den Mitmenschen zu dienen und sich jeder politischen Macht- und Herrschaftsdemonstration zu enthalten (S. 309–319). Damit legt Marsilius nicht nur eine Art der Politischen Theologie vor, die ihr säkulares Politikverständnis direkt aus den christlichen Quellen deduziert4, sondern zugleich eine sehr fortschrittlich anmutende Historisierung der Bibel. Mit deren Hilfe wendet sich der Defensor Pacis vor dem Hintergrund einer an Aristoteles geschulten Methodik gegen die „opinio perversa“, aus dem „effectus mirabili“ der Menschwerdung Jesu (S. 18) falsche politische Schlüsse zu ziehen, und zwar lange nach Aristoteles, der sich zu diesem Aspekt folgerichtig gar nicht hatte äußern können, ein Manko, das der Verteidiger des Friedens zu beheben beabsichtigte.

Als durchaus weitsichtig kann es zudem gelten, dass Marsilius sein Buch Ludwig dem Bayern gewidmet hatte, der nach seiner nicht einhelligen Wahl zum „König der Römer“ im Jahr 1313 sukzessive in eine sich permanent verschärfende Auseinandersetzung mit der Kurie in Avignon geriet und nach seiner Weigerung, zur Legitimation seines Herrschaftsanspruchs die päpstliche Approbation abzuwarten, am Ende exkommuniziert wurde. Nachdem Marsilius 1326 seinerseits als Verfasser des anonym veröffentlichten, dezidiert antiklerikal gehaltenen Defensor Pacis bekannt geworden war, erleichterte dies ihm, sich einem drohenden Inquisitionsprozess zu entziehen und am Hof Ludwigs in München – zusammen mit seinem Freund Johannes von Jandun, dem damals (offenbar fälschlicherweise) eine Mitautorschaft an dem Werk unterstellt wurde – dauerhaft Zuflucht zu finden. Dabei ging Marsilius davon aus, mit seiner strikten Unterscheidung beziehungsweise Hierarchisierung von weltlicher und geistlicher Amtskompetenz dem Wittelsbacher König in dessen Konflikt mit dem Heiligen Stuhl wissenschaftlich fundierte Argumente an die Hand gegeben zu haben (S. XXIX; 23ff.), welche sich noch dazu theologisch aus der Bibel rechtfertigen ließen, bevorzugt durch das Motiv der Fußwaschung, das die Demut des Gläubigen und die untergeordnete Rolle der Kirche gegenüber dem weltlichen Herrscher eindrucksvoll illustriere (S. 317).

Der umfassende Einleitungsteil der Neuausgabe wird schließlich durch eine breite Auswahlbibliographie (S. CXLI–CLXI) abgerundet. Was überdies den philologischen Mehrwert der Neuausgabe betrifft, so übernimmt diese zwar die Übersetzung von Horst Kusch5 genauso wie dessen eingeschobenen sprachlichen Vorbemerkungen (S. XCIV–CXXXVIII) als nützliche Einführung in das Latein der spätmittelalterlichen Scholastik (S. XIII), ergänzt jedoch im Anhang sorgfältig aktualisierte Literaturhinweise sowie kommentierende Anmerkungen, die den Leser mit dem aktuellen Stand der Marsilius-Forschung und der historischen Kontextualisierung seines Werks vertraut machen. Weitere im Anhang gegebene hilfreiche Informationen wie das Namens-, Wort- und Sachregister sowie eine Aufstellung der von Marsilius hypostasierten Bibel- und Autorenzitate folgen zwar ebenfalls weitgehend der Ausgabe von Horst Kusch, die dieser bis kurz vor seinem Tod im Auftrag des Ostberliner Verlages Rütten & Löning verantwortete, doch hatte Kusch damals seinerseits den Anmerkungsapparat beziehungsweise das Register der kritischen Ausgabe beibehalten, die Richard Scholz 1932–1933 zuvor in Leipzig für die Monumenta Germaniae historica edierte. Die von Miethke lancierten Hinweise auf die kommentierenden Anmerkungen von Richard Scholz (S. 1109–1128) gewährleisten daher zugleich, dass das Verständnis der übernommenen Übersetzung sowie der Anmerkungen von Kusch im Prinzip nunmehr unabhängig von der Ausgabe von Richard Scholz erfolgen kann.

Insgesamt ist an der Publikation zu loben, dass mit dem Defensor Pacis die politisch-ideengeschichtlich wichtigste Schrift des Spätmittelalters, die großen Einfluss auf die konziliare Bewegung im 15. Jahrhundert sowie die während der Reformationszeit ausgebildeten staatskirchlichen Auffassungen ausübte, nunmehr in einer wissenschaftlich adäquaten (Neu-)Fassung vorliegt. Diese wird der Marsilius-Forschung im deutschsprachigen Raum mit Sicherheit wertvolle Impulse verleihen.

Anmerkungen:
1 Wilhelm Bleek / Hans J. Lietzmann (Hrsg.), Klassiker der Politikwissenschaft, München 2005, S. 38–42.
2 Thomas Hobbes, Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Staates, Frankfurt am Main 1984, S. 212.
3 Ausführlich hierzu Bettina Koch, Zur Dis-/Kontinuität mittelalterlichen politischen Denkens in der neuzeitlichen politischen Theorie. Marsilius von Padua, Johannes Althusius und Thomas Hobbes im Vergleich, Berlin 2005.
4 Zur Erläuterung siehe Oliver Hidalgo, Politische Theologie. Beiträge zum untrennbaren Zusammenhang zwischen Religion und Politik, Wiesbaden, S. 36–41.
5 Siehe Marsilius von Padua, Defensor Pacis/Der Verteidiger des Friedens, Leipzig 1958.

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