F. Falk: Gender Innovation and Migration in Switzerland

Cover
Titel
Gender Innovation and Migration in Switzerland.


Autor(en)
Falk, Francesca
Reihe
Palgrave Studies in Migration History 4
Erschienen
Anzahl Seiten
103 S.
Preis
€ 29,96
Barbara Lüthi, Abteilung für Nordamerikanische Geschichte des Historischen Instituts, Universität zu Köln

Als Elisabeth Pletscher (1908–2003) im Jahre 1973 nach einer Karriere als Cheflaborantin am Zürcher Unispital nach Trogen im Kanton Appenzell zurückkehrte, verlor sie auf kantonaler Ebene ihr Stimmrecht. Appenzell-Ausserrhoden führte als eine der letzten Kantone erst 1989 das Frauenstimmrecht ein. Das Erlebnis kommentierte sie mit den Worten, dass sie damit von einer „Voll-Bürgerin im Kanton Zürich seit kurzem [...] in eine 2/3-Bürgerin im Kanton Appenzell“ zurückversetzt worden sei.[1] Diese persönliche Migrationserfahrung war eine der ausschlaggebenden Gründe für ihr politisches Engagement in der Frauenbewegung der Schweiz. Dies ist nur eines von vielen Beispielen aus dem theoretisch anregenden Buch der Historikerin Francesca Falk, das verdeutlicht, dass Impulse für gesellschaftlichen Wandel und politisches Engagement in der Schweiz oftmals durch Migrationserfahrungen ausgelöst wurden. In Gender Innovation and Migration verfolgt die Autorin nicht nur die These, dass Migrationen wegweisend für die Entwicklung neuer Ideen und gesellschaftlicher Innovationen waren, sondern beleuchtet insbesondere auch die Rolle von Geschlechterkonstellationen und Frauen als historische Akteurinnen.

„Gender Innovation“ bedeutet in diesem Kontext eine Form der sozio-politischen Innovation mit Auswirkungen auf die Implementierung und Verbreitung neuer Lebensformen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen, die aber zugleich auch Folgen für Geschlechterkonstellationen haben. Das Buch fokussiert empirisch vor allem auf den Zugang zur Hochschulbildung für Frauen, das Erkämpfen politischer Rechte und der Aufbau einer Kinderbetreuungsinfrastruktur vor dem Hintergrund einer sich verändernden geschlechtlichen Arbeitsteilung in der Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg. Hierbei führt die Autorin unter anderem die Migrationsgeschichte mit dem Feld der Wissensgeschichte zusammen, eine Kombination, die erst seit einigen Jahren in der Forschung vermehrt Aufmerksamkeit erlangt hat.[2]

In einem ersten Teil zur Geschichte der Kinderbetreuungsinfrastruktur in der Schweiz zeigt Francesca Falk eindrücklich den Einfluss von Migration auf die Anfänge des Ausbaus von Kindertagesstätten vor allem seit den 1960er-Jahren. Da viele migrantische Frauen ebenso wie Männer aus ökonomischen Gründen gezwungen waren, Lohnarbeit nachzugehen, entwickelten sich Kindertagesstätten zu einer Notwendigkeit. Die Existenz dieser neuen Infrastruktur hatte nach und nach eine Breitenwirkung auf die Schweizer Gesellschaft bezüglich der ausserfamiliären Kinderbetreuung. Die Autorin verweist zudem für die Gegenwart auf Berichte, die nachweisen, dass nachschulische Betreuung zu verstärkter Teilzeitarbeit und vermehrter Kinderbetreuungsteilnahme auch bei Männern führt. Eine ebenso interessante These ist, dass der wachsende männliche Anteil von Krippenbetreuern mit migrantischem Hintergrund in einem bisher weiblich konnotierten Berufsfeld möglicherweise zu neuen Rollenmodellen und einer Neudefinition von Maskulinität führen könnte.

In einem zweiten Teil zu dem bereits gut erforschten Thema der Hochschulbildung für Frauen zeigt die Autorin auf, dass die Schweiz weltweit eines der ersten Länder war, in denen Frauen an Universitäten ein Studium absolvieren konnten. Jedoch waren die Mehrheit der Studentinnen wie auch die sich für ihre Anliegen einsetzenden Professoren und die ersten Professorinnen vorwiegend keine Schweizerinnen. Dies bestätigt die These, dass Migration eine wegweisende Rolle auch für Innovationen auf dem Gebiet der universitären Bildung spielte. Ein prominentes Beispiel stellt Marie Heim-Vögtlin dar, die von der ersten promovierten russischen Ärztin Nadeschda Suslowa inspiriert worden war. Dennoch blieb ihre Rolle bezüglich der Bildung von Frauen ambivalent, als sie etwa das Zürcher Universitätsrektorat aufforderte, Restriktionen für die oftmals politisierten Studentinnen aus Russland einzuführen, aus Angst, diese könnten einen negativen Einfluss auf die öffentliche Vorstellung von Studentinnen haben. Nichtsdestotrotz war die erste Ordinaria, Sophie Piccard, ebenfalls eine gebürtige Russin, die in den 1920er-Jahren in Folge der Russischen Revolution in die Schweiz geflohen war. Hier musste sie erneut einen Doktortitel erlangen, ehe sie einen Ruf auf einen ordentlichen Lehrstuhl für Geometrie erhielt. Das wissenschaftliche, politische, soziale und kulturelle Potential dieser ersten Generation von Akademikerinnen hat jedoch in der Forschung bisher wenig Aufmerksamkeit gefunden.

Der dritte Teil beschäftigt sich mit dem langen Weg zum Frauenstimmrecht. Während die männlichen Schweizer Stimmberechtigten und der Staat hier im Vergleich zu anderen Ländern über Jahrzehnte eine hartnäckige Resistenz zeigten, kann Francesca Falk anhand von Beispielen wie der bereits erwähnten Elisabeth Pletscher oder Iris von Roten (1917–1990) verdeutlichen, dass das Erkämpfen des Wahlrechts für Frauen eng mit deren Migrationserfahrungen verknüpft war. Deutlich macht sie am Beispiel der ersten schwarzen Nationalrätin Tilo Frey zugleich auch, dass Rassifizierungen und der rechtliche Status eine ebenso wichtige Rolle bezüglich Migrationserfahrungen und Frauenrechten spielten. Besonders spannend ist im Weiteren das Unterkapitel über die Einladung von nigerianischen Studierenden im Jahre 1958 durch eine Schweizer NGO mit dem Ziel, ihnen „demokratische Werte“ nahezubringen – dies trotz der Tatsache, dass im südlichen Nigeria zu dieser Zeit Frauen schon wählen konnten. Die Tatsache, dass Nigerianerinnen auf einer langen Tradition der politischen Mobilisierung aufbauen konnten, änderte nichts daran, dass das Land und seine Menschen im Vergleich zur Schweiz – ungeachtet ihrer verspäteten Demokratie bezüglich der Frauenrechte – in einer kolonialen Tradition als politisch unterentwickelt galten.

Differenziert zeigt sich die Argumentationsweise der Autorin in verschiedenen Hinweisen, etwa dass nicht jede Migration innovative oder progressive Effekte hat, sondern von sozialen Abstiegen, etwa im Falle von hochqualifizierten Migrantinnen, bis hin zu einem wachsenden Konservatismus von Migranten reichen kann. Dennoch verdeutlicht das Buch eindringlich die zahlreichen Facetten von Migrationsprozessen, die Vielfältigkeit von Migrationserfahrungen und deren oftmals innovativen gesellschaftlichen Auswirkungen. Damit schreibt Francesca Falk sich in eine neuere Generation von Forschungen ein, die ein differenzierteres Licht auf das soziale, politische und auch ökonomische Potential von Migration wirft und zudem – aus einer intersektionalen Perspektive – auch die sich wandelnden Dimensionen von Geschlecht in Migrationsprozessen verdeutlicht. Während die empirischen Beispiele teilweise eher knapp gehalten sind, könnten weitere Forschungen aufbauend auf ihrer These noch ausführlicher untersuchen, wie und welche konkreten Aspekte von Migration – basierend etwa auf der historischen Emotionenforschung oder der Frage von „social imaginaries“ – Innovationsprozesse hervorbringen. Auch gibt es bezüglich „queer migrations“, wie die Autorin selbst betont, weiteren Forschungsbedarf, der vor allem die in Migrationsprozessen wichtigen Machtregimes bis hin zu Gewaltformationen gerade auch bezüglich Geschlecht noch weiter differenzieren müsste. Aber mit ihrem Plädoyer für eine „Migrantisierung“ unseres Verständnisses der Vergangenheit macht sie deutlich, wie sehr Migration in verschiedene Facetten gesellschaftlichen Lebens hineinspielt – angefangen bei Demokratisierungsprozessen bis hin zu Geschlechterfragen. Migration, so Francesca Falks Fazit, sei per se weder gut noch schlecht, sondern es seien die von Menschen und Staaten geschaffenen Bedingungen, unter denen Migrationsprozesse stattfinden, und die damit zusammenhängenden Wahrnehmungen und Repräsentationen von Migration, die Gesellschaften prägen. In Zeiten von meist negativ konnotierten Vorstellungen von und überpolitisierten Debatten über Migration in der Schweiz und Europa stellt Gender Innovation and Migration ein besonders lesenswertes Buch dar.

Anmerkungen:
[1] Elisabeth Pletscher, Rückblick auf selbsterlebte „Emanzipation der Frau“ (KVT-Mitteilungen, 52), Trogen 1973, S. 44–45.
[2] Siehe unter anderem Simone Lässig / Swen Steinberg, Knowledge on the Move. New Approaches Toward a History of Migrant Knowledge, in: Geschichte und Gesellschaft 43 (2017), S. 313–346. Ebenso den “Migrant Knowledge”-Blog des Deutschen Historischen Institutes, https://migrantknowledge.org/blog/ (06.10.2020) und insbesondere Andrea Westermann, Migrant Knowledge. An Entangled Object of Research, https://migrantknowledge.org/2019/03/14/migrant-knowledge/ (06.10.2020).

Redaktion
Veröffentlicht am
07.10.2020
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann und Philippe Rogger). http://www.infoclio.ch/
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