Titel
Sassoon. The Worlds of Philip and Sybil


Autor(en)
Stansky, Peter
Erschienen
Anzahl Seiten
312 S.
Preis
$35.00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Susanne Terwey, Berlin

Das englische „cousinhood“ lässt sich nur schwer ins Deutsche übersetzen. In der englisch-jüdischen Geschichtsschreibung jedoch umschreibt es spätestens seit der Monografie von Chaim Bermant 1 als fester Begriff jene Handvoll sehr wohlhabender jüdischer Familien, welche durch Heiraten verbunden, bis in das frühe 20. Jahrhundert hinein der englisch-jüdischen Gemeinschaft vorstanden, sie nach außen hin repräsentierten und zudem die restlose Akkulturationsfähigkeit von Juden in England – ohne Preisgabe der jüdischen Anbindung oder gar Taufe – personifizierten. Erst in den 1920er-Jahren wurden Mitglieder diese Familien allmählich durch ‚neue Männer’, wie Todd Endelman 2 sie nannte, mit junger Einwanderungsgeschichte aus Osteuropa in den jüdischen Institutionen, insbesondere ihrer Vertretung nach innen wie nach außen, abgelöst. Zu dieser Gruppe zählten neben den Familien Cohen, Rothschild, Salomon, Montagu, unter anderem auch die Sassoons.

Peter Stansky lehrt als Frances and Charles Field Professor britische Geschichte an der Universität Stanford. Er ist nun daran gegangen, die Lebenswelten zweier jüngere Mitglieder der Sassoonfamilie, Philip (1888-1939) und Sybil (1894-1989), nach zu zeichnen. Sein Interesse ist allerdings nicht gleich gewichtet, sondern gilt im Schwerpunkt dem, im Gegensatz zu seiner Schwester öffentlich agierenden, Philip Sassoon.

Grundlage der Studie sind verschiedene Familiennachlässe, Korrespondenzen, Tagebuchaufzeichnungen sowie mit Akribie aus Biografien berühmter Zeitgenossen von Philip und Sybil wie beispielsweise Winston Churchill zusammengetragene Kommentare und dort notierte Anekdoten. Stanskys Ansatz nicht die gesamte Dynastie, sondern nur zwei Mitglieder des Clans zu portraitieren ist neu im Feld ebenso wie seine Rückkehr zu den ‚rich and famous’, denn die englisch-jüdische Historiografie hat sich zuletzt mit Todd Endelman entschieden dem Mittelstand, den ‚einfachen’ Angehörigen und der ‚Masse’ der jüdischen Bevölkerung zugewandt.3 Wie der Klappentext erläutert, sollen die Leben der beiden Geschwister als Linsen benutzt werden, um unter anderem neue Einblicke zu gewinnen und zu bieten in britische Einstellungen zu Macht, Politik, altem versus neuem Geld, Geschmack, Stil, Homosexualität und Juden. In seinem einleitenden Kapitel stellt Peter Stansky allerdings nicht nur Philip, der eine politische Karriere machte, in den Vordergrund, sondern für seinen männlichen Protagonisten gerade auch einen ‚jüdischen Fragenkatalog’: Stansky möchte wissen, in wie weit die Tatsache, dass Philip Jude war, ‚sein Leben beeinflusst habe’, wie er sich selbst und wie seine Umwelt ihn wohl wahrgenommen hätte. Als Außenseiter? Hat Philip sein eigenes Judentum ignoriert und wurde seine Karriere dadurch - beziehungsweise durch die Einstellung seiner Umwelt, Stansky ist hier etwas ungenau - behindert oder kam er letzt lich so weit, wie es seine Talente ermöglichten?

Im Herzen der City von London finden aufmerksame Spaziergänger etwas zurück gesetzt Bevis Marks, die älteste und sephardische Synagoge der britischen Inseln. Philip Sassoon, Abkömmling wohlhabender Bagdader jüdischer Händler, war hier sein Leben lang Mitglied, auch wenn er in der Gemeinde ansonsten nicht weiter in Erscheinung trat. Philip und seine Schwester Sybil waren die Kinder von Edward Albert Sassoon und Aline de Rothschild und gehörten somit der ersten Generation in England geborener Sassoons an. Ihr Vater war Geschäftsmann und Politiker und gehörte bald zum engsten Kreis jüdischer Geschäftsleute und Finanziers um den Prince of Wales und späteren König Edward VII. Denn der musste lange auf den Thron warten, genoss das Leben bis dahin und benötigte Geld weit über die Apanage hinaus. Da sorgten diverse Finanziers, mit welchen den Prinzen zuweilen enge Freundschaften verband, für Abhilfe. Sehr zum Ungemach nicht weniger Mitglieder der alten Aristokratie wurden auf diesem Wege wohlhabende Juden zum Teil der Londoner Gesellschaft, welche sich nun mal um das Königshaus drängte. 4 Dies sind die Kreise, in welchen sich Sybil und Philip von klein auf und ihr Leben lang bewegten. Mit ihnen tauchen die Leser und Leserinnen in eine Welt ein, in welche normal Sterbliche üblicherweise nur über die Einnahme von High Tea in vom National Trust verwalteten Landsitzen der Hocharistokratie Zutritt erlangen.

In seiner großzügig mit Illustrationen versehenen Doppelbiografie zeichnet Peter Stansky die Leben der beiden nach. Ein einleitendes Kapitel skizziert die Herkunft der Familie Sassoon aus Indien und Bagdad, um dann auf den Aufbau der Dynastie in England zu sprechen zu kommen.

Die Geschwister verloren früh ihre Eltern und dies innerhalb von zwei Jahren. Beim Tod seines Vaters war Philip 23 Jahre alt, was für die nun eingeschlagene politische Laufbahn wohl entscheidend, nämlich entscheidend zu früh, gewesen war. Philip konnte sich keine eigenen politischen Sporen verdienen und ihm gelang es nie, ein Netzwerk innerhalb der Fraktion oder Partei aufzubauen. Er folgte dem politischen Weg seines Vaters und übernahm dessen Wahlbezirk Hythe. Bis 1939 blieb Sassoon ein konservatives Mitglied des Unterhauses. Stansky verfolgt minutiös die politische Laufbahn des jungen Sassoon, welche ihn weit, aber nie so weit wie er es sich gewünscht hätte, nämlich an den Kabinettstisch, führte. Philip Sassoon blieb die zweite Reihe vorbehalten. Allerdings handelte es sich um die erste zweite Reihe: Sassoon war während des Ersten Weltkrieges der Sekretär des britischen Oberkommandierenden Sir Douglas Haig. Gerade dieses mittlere, den Jahren 1914-1918 gewidmete Kapitel erweist sich als Fundgrube für HistorikerInnen, welche sich mit dem Großen Krieg befassen. Auch wenn man sich stellenweise im Interesse der Lesbarkeit etwas mehr Zusammenfassung und weniger direkte Zitate aus Philips Korrespondenzen wünschte, so eröffnet Stansky direkten Zugang zu den Diskussionen hinter dem Blick und Ohr der Öffentlichkeit unter den führenden Militärs und Politikern der Zeit. Man erfährt zum Beispiel von einem gewissen Zynismus, welcher sich sicher nicht nur bei Philip im Laufe des Krieges eingestellt hatte und sich in seinem Kommentar zur Schlacht bei Amiens niederschlug. Diese bezeichnete er als ‚netten und billigen Erfolg’, die britische Seite hatte ‚nur’ 12.000 Tote zu beklagen. Nach dem Krieg kehrte Philip auf seinen Sitz im Unterhaus zurück, übernahm bald jedoch weitere Posten, unter anderem war er der Parlamentarische Sekretär von Premierminister David Lloyd George und etwas später wurde er zum Under-secretary of State for Air ernannt. Das Fliegen wurde eine Leidenschaft, der er sich dann auch privat widmete.

So aufschlussreich Stanskys Schilderungen von Philips politischer Laufbahn sind, so erweisen sich doch jene seiner gesellschaftlichen Rolle – Sassoon war einer der bedeutensten Gastgeber seiner Generation – als umso interessanter. Es gab im Grunde niemanden aus der politischen Führung seiner Zeit, den Philip nicht auf seinen beiden Landsitzen Port Lympne und Trent Park sowie dem Stammsitz der Sassoons in London, 25 Park Lane, bewirtete. Zu Sassoons Gästen zählten neben Lloyd George, Stanley Baldwin und Winston Churchill auch Mitglieder der Königlichen Familie, besonders der Prince of Wales mitsamt diversen Geliebten. Aber auch Künstler und Schriftsteller wie Charlie Chaplin, T. E. Lawrence, Thornton Wilder und Edith Wharton genossen häufig Philips Gastfreundschaft. Das Buch enthält detaillierte Schilderungen der Innengestaltung der drei Häuser des Philip Sassoon, an der unter anderem Rex Whistler und José Maria Sert beteiligt gewesen waren. Serts Wandmalereien in Park Lane sollten später, nach dem Tod Philips, vom Museum für Moderne Kunst in Barcelona aufgekauft werden. Es ist eine Stärke des Buches, dass er so viele Details aus Politik, Gesellschaft und Kunst zu einem Gesamtbild zusammen gefügt hat. Aber die eigentliche Höhepunkte finden sich in Nebensätzen: Hier nun erfahren wir beispielsweise, wie David Lloyd George seinen Privatsekretär rekrutierte. Wer nun glaubte, eine solche Unterredung würde persönlich und formell, gar in Downing Street, stattfinden, wird eines besseren belehrt. Es war vielmehr Lloyd Georges Geliebte Frances Stevenson, die voller Stolz der Nachwelt berichtet, ihr Liebster habe ihr gestattet, Philip von seiner Ernennung Kunde zu tun – bei einem privaten Besuch Stevensons in Abwesenheit von Lloyd George auf Sassoons Landsitz Trent Park.

Philip starb jung im Juni 1939. Seine Schwester Sybil hingegen lebte noch weitere 50 Jahre. Sybil hatte in eine der bedeutendsten Familien der englischen Hocharistokratie, die Cholmondeleys, eingeheiratet. Im Gegensatz zu ihrem Bruder führte sie ein privates Leben, wenn auch im Zentrum der Londoner Gesellschaft. Ihre Bekannten kamen jedoch weniger aus politischen, denn aus künstlerischen und musischen Kreisen. Während des Zweiten Weltkrieges trat sie – wie schon im Großen Krieg und zusammen mit 70.000 weiteren Britinnen – dem Women’s Royal Naval Service bei. Sybils Arbeitsplatz war das Hauptquartier, wo sie insbesondere mit Koordination und Administration befasst war. Mit dieser Tätigkeit machte Sybil erstmals in ihrem Leben und im Alter von 45 Jahren Bekanntschaft mit einem von außen geregelten Arbeitstag, was sie offenbar ebenso interessant wie ermüdend fand. Nach dem Krieg kehrte sie ins Privatleben zurück, widmete sich dem Landsitz Houghton und verschiedenen karitativen Projekten. Sie war wie Philip eine Förderin der Schönen Künste und lobte zur Förderung der Dichtung einen eigenen Preis aus. Letzenendes erfahren Leser und Leserinnen jedoch im Vergleich zu Philip wenig über Sybil, was nicht nur dem Interesse Stanskys, sondern natürlich auch den verschiedenen Rollen der beiden wie der Quellenlage geschuldet ist.

Philip Sassoon galt einer Reihe seiner Zeitgenossen wie auch so manchem Forscher als homosexuell. Tatsächlich wissen wir nichts über etwaige Partner oder Partnerinnen. Philips Homosexualität war keine ausgesprochene oder angesprochene Tatsache. Deshalb kann Peter Stanskys Arbeit hierzu keine weiteren Informationen vorlegen, und es findet sich auch kein einziger Beleg für die (zeitgenössische) Homosexualitätsvermutung. Aus diesem Grund bietet die Studie, im Gegensatz zur Ankündigung des Verlages, letztlich auch keine neuen Einsichten über die Haltungen der britischen Gesellschaft zur mannmännlichen Liebe im frühen 20. Jahrhundert. 5 Ebenso enttäuscht werden Leser und Leserinnen, welche mit der englisch-jüdischen Historiografie vertraut sind und bei Stansky Neues erwartet haben. Es ist ein nicht neues Problem der englisch-jüdischen Geschichtsschreibung, dass es so gut wie keine Selbstzeugnisse englischer Juden und Jüdinnen als eben solche gibt. Dies erscheint bei Stanskys Protagonisten noch besonders ausgeprägt, zumal Sybil einen Nichtjuden heiratete und später konvertierte. Beide pflegten keine Kontakte mit jüdischen Kreisen, standen im Gegensatz zu anderen prominenten englischen Juden dem organisierten Judentum fern, und selbst Sybil sah ihre jüdische Verwandtschaft sehr selten. Dies offenbar, weil sie sich stark ihrer eigenen Familie, ihrem Ehemann und den drei Kindern und somit den der Hocharistorikatie angehörigen Cholmondeleys zuwandte. Was nun Philips Wahrnehmung durch Dritte als Juden und besonders die Frage etwaiger Vorurteile, welche seine Karriere und Akzeptanz behinderten, anbelangt, so finden sich in der gesamten Studie nur zwei Zitate, welche sich direkt auf Philip Sassoon beziehen: Eine Gartenarchitektin bezeichnete die Art, wie sie und ihr Begleiter von dem Hausherren begrüßt wurden – Sassoon winkte und ging weiter – als ‚sehr jüdisch’. Zum zweiten ein in der Forschung bekannter Kommentar der Schriftstellerin Virginia Woolf, welche Philip in einer privaten Korrespondenz als ‚unbred Whitechapel Jew’ bezeichnete. Leider bringt auch Stansky dieses Zitat ohne seinen Kontext, so dass offen bleibt, was Woolf damit eigentlich meinte. Mangels weiterer direkter auf Philip gemünzten seine jüdische Herkunft markierenden Kommentare, behilft sich Peter Stansky mit bekannten Kommentaren über andere reiche, aufsteigende Juden – so habe man wohl auch über Philip geredet und gedacht - sowie mit als solchen gekennzeichneten Vermutungen über Philips Verhältnis zu seinem Judentum. Dieser Mangel an eindeutigen Aussagen zu diesem Aspekt ist Peter Stansky nicht anzulasten, aber es fragt sich, warum er offensichtlich selbst nach Sichtung seines Materials dennoch gerade den oben als ‚jüdischen Fragenkomplex’ bezeichneten Ansatz eingangs so sehr in den Mittelpunkt seines Ansatzes rückt.

Dieser Einschränkungen ungeachtet legt Professor Stansky mit der hier vorgestellten Doppelbiografie ein farbenprächtiges Panorama der Londoner Gesellschaft in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sowie vielfältigen, mit Anektdoten prall angefüllten Einblick hinter die Kulissen von Whitehall und Kensington vor.

Anmerkungen:
1 Bermant, Chaim, The Cousinhood. The Anglo-Jewish Gentry, London 1971.
2 Endelman, Todd M., The Jews of Britain. 1656 to 2000, Berkeley 2002, Kap. 5.
3 siehe Anm. 2.
4 Vgl. Allfrey, Anthony, Edward VII and his Jewish Court, London 1991.
5 Harry Cocks hat kürzlich eine ebenso instruktive wie zugängliche Studie zu Homosexualität im Spannungsfeld zwischen Beschweigen und strafrechtlicher Verfolgung im viktorianischen England vorgelegt: Cocks, Harry, Nameless Offences. Homosexual Desire in the Nineteenth Century, London 2003.

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