Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 71 (2023), 1

Titel der Ausgabe 
Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 71 (2023), 1

Erschienen
München 2023: Oldenbourg Verlag
Preis
Jahresabo: € 59,80; Stud.abo: € 34,80; Mitgl.abo. hist. u. pol. Fachverbände: € 49,80; Online-Zugang: € 49,00; Print+Online-Abo: € 72,00

 

Kontakt

Institution
Institut für Zeitgeschichte München-Berlin
Abteilung
Redaktion Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
Land
Deutschland
PLZ
80636
Ort
München
Straße
Leonrodstraße 46 B
Von
Florian Hoppe, Geisteswissenschaften, De Gruyter Oldenbourg

Zu ihrem 70. Geburtstag präsentieren sich die Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte in neuem Gewand und mit neuen Herausgeber:innen. Zum Jubiläum ist das gerade erschienene Januarheft bis Ende des Monats frei zugänglich. Wir wünschen anregende Lektüre.

Inhaltsverzeichnis

Aufsätze

Frank Grelka, Wo Arbeit kein Weg war. Judenräte und Zwangsarbeit in den Städten des Generalgouvernements 1939 bis 1941
Zwar ist die nationalsozialistische Judenverfolgung wiederholt als Geschichte des Raubs beschrieben worden, jedoch sind die konkreten Praktiken der Zwangsarbeitswirtschaft bislang nur ansatzweise erforscht. Frank Grelka geht davon aus, dass die Arbeits- und Finanzpolitik der Regierung des Generalgouvernements keiner ökonomischen Rationalität folgte, sondern dass sie am Beginn des Holocaust in Polen stand. Dazu analysiert er am Fallbeispiel Częstochowa und im Vergleich zu Warschau und Lublin, wie die dortigen Judenräte mit den schwindenden Ressourcen ihrer Gemeinden versuchten, der Verfolgung durch lebensgefährliche Zwangsarbeit zu widerstehen. Sie rekrutierten in der Regel nur die bedürftigsten Gemeindemitglieder für die deutschen Zwangsarbeitslager, und es ging ihnen gerade nicht darum, für Beschäftigung zu sorgen, um so Leben zu retten.

Frank Grelka, Where Work Was No Way Out. Jewish Councils and Forced Labour in the Cities of the General Government, 1939 to 1941
While the National Socialist persecution of the Jews has repeatedly been described as a history of robbery, the concrete practices of an economy based on forced labour have only been researched to some extent. Frank Grelka argues that the labour and financial policy of the government of the General Government did not follow an economic rationality, but rather that it formed the beginning of the Holocaust in Poland. To demonstrate this, he analyses the example of Częstochowa in comparison to Warsaw and Lublin in order to show how the local Jewish Councils attempted to resist persecution by way of life-threatening forced labour with their communities’ diminishing resources. They generally recruited only the most underprivileged members of the community for German forced labour camps and their aim was explicitly not to create employment to save lives.

Andreas Brämer, Tierschutzrecht und religiöse Schlachtpraxis. Schächten als umstrittenes Ritual in der Bundesrepublik Deutschland
Der Aufsatz wendet seine Aufmerksamkeit den Diskussionen zu, die in Westdeutschland nach 1945 um die jüdische Schlachtpraxis geführt worden sind. Untersucht wird insbesondere eine Phase der Geschichte Westdeutschlands, in der sich der Streit über die Betäubungspflicht warmblütiger Tiere nahezu ausschließlich an der Glaubenspraxis der nur etwa 20.000 bis 25.000 Menschen umfassenden jüdischen Gemeinschaft entzündete. Wenn der Autor dabei die unterschiedlichen Akteure in den Blick nimmt, die sich für und gegen die Koscherschlachtung aussprachen, schenkt er jüdischen Positionen besondere Aufmerksamkeit. Es geht also darum, nicht nur Einstellungen in der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft zu deuten, son¬dern zugleich jüdische Handlungsspielräume auszuloten.

Andreas Brämer, Animal Welfare Law and Religious Slaughter Practice. Shechita as a Contentious Ritual in the Federal Republic of Germany
The article considers the discussions which were conducted regarding Jewish slaughter practices in Western Germany after 1945. In particular, it investigates a period during which the dispute about the requirement to stun warm-blooded animals practically only related to the religious practices of about 20 000 to 25 000 adherents of the Jewish community. In reviewing the different actors in this debate for and against kosher slaughter, the author devotes particular attention to Jewish positions. The analysis is not only about interpreting the attitudes of post-war West German society, but also about establishing the extent of Jewish room for manoeuvre.

Jonathan Schilling, Mehr als Heimatfilm. Ruth Leuwerik, „Die Trapp-Familie“ und der Publikumsgeschmack der Adenauer-Zeit
Anhand bisher unbearbeiteter Quellen beleuchtet der Autor die Vorlieben des Kinopublikums der 1950er Jahre. Im Mittelpunkt stehen dabei Ruth Leuwerik als die beliebteste Schauspielerin und „Die Trapp-Familie“ als der meistgesehene Film dieser Zeit. Dass hingegen der sogenannte Heimatfilm – wie es ein verbreitetes Vorurteil will – das populärste Genre jener Jahre gewesen sein soll, muss anhand der Befunde relativiert werden. Jonathan Schilling zeigt, dass dieses Klischee auch auf die linke Filmpublizistik der 1950er und 1960er Jahre zurückgeht, die ein Zerrbild des Heimatfilms als Kulisse für ihre Polemik benutzte. Ein differenzierter Blick auf das Thema ist geeignet, den Film der 1950er Jahre in neuem Licht zu sehen.

Jonathan Schilling, More than Heimatfilm. Ruth Leuwerik, “The Trapp Family” and Popular Taste during the Adenauer Years
Using hitherto unused sources, the author illuminates the preferences of the West German film-going public of the 1950s. The focus is on Ruth Leuwerik as the most popular actress and “The Trapp Family” as the most viewed film of this period. However, the findings suggest that the common preconception that the Heimatfilm was the most popular genre of the period has to be relativized. Jonathan Schilling shows that this cliché predominantly stems from left-wing film criticism of the 1950s and 1960s, which created a caricature of the Heimatfilm as a backdrop for its polemics. A differentiated view of the topic allows for a review of 1950s film in a new light.

Moritz Fischer, Die Neue Rechte im letzten Jahrzehnt der Bonner Republik. Armin Mohler, Franz Schönhuber, Hellmut Diwald und die Gründung des „Deutschlandrats“ 1983
Der 1983 gegründete „Deutschlandrat“ stellt in der Geschichte der Bundesrepublik einen der bedeutendsten Versuche der Neuen Rechten dar, sich zu organisieren und eine gemeinsame Gesprächsplattform zu bilden. Ihm gehörten unter anderem Armin Mohler, Hellmut Diwald und Franz Schönhuber an, die große Hoffnung in das Vorhaben setzten. Der Aufsatz wirft einen Blick hinter die Kulissen dieses Projekts und ordnet es in die Geschichte der Neuen Rechten in der Bonner Republik ein. Dabei zeigt sich, dass der „Deutschlandrat“ ein Projekt war, wieder Einfluss auf den bundesdeutschen Konservatismus zu gewinnen, der sich in den 1970er Jahren liberalisiert hatte. Der Versuch, der Marginalisierung neurechter Positionen im Kontext der bundesdeutschen Identitätsdebatte entgegenzuwirken, scheiterte letztlich. Resigniert und enttäuscht wandten sich unter anderem Mohler und Diwald daher der Parteipolitik zu und engagierten sich für das Unternehmen ihres Freunds Schönhuber, der mit den 1983 gegrün¬de¬ten Republikanern neurechte Ideologie in praktische Politik verwandeln wollte.

Moritz Fischer, The New Right in the Last Decade of the Bonn Republic. Armin Mohler, Franz Schönhuber, Hellmut Diwald and the Foundation of the “Deutschlandrat” in 1983
The “Deutschlandrat” founded in 1983 was one of the most important attempts of the New Right to organise itself and create a common discussion platform in the history of the Federal Republic. Among its members were Armin Mohler, Hellmut Diwald and Franz Schönhuber, who had high hopes for this endeavour. The article takes a behind-the-scenes view and places it within the history of the New Right of the Bonn Republic. This shows that the “Deutschlandrat” was a project to regain influence on West German Conservatism, which had liberalised itself during the 1970s. The attempt to counter the marginalisation of the positions of the New Right in the West German debates about identity ultimately failed. Feeling resigned and disappointed, Mohler and Diwald as well as others turned towards party politics and got involved with the project of their friend Schönhuber, who wanted to use the Republikaner party founded in 1983 in order to turn New Right ideology into practical politics.

Dokumentation

Andrea Löw, Die „Hölle“ bezeugen. Frühe Berichte überlebender deutscher Jüdinnen und Juden aus Riga
Im Herbst 1941 begann die systematische Deportation der deutschen Jüdinnen und Juden „nach Osten“. Einer der Zielorte war Riga; zwischen dem 27. November 1941 und dem 6. Februar 1942 fuhren zwanzig Transporte mit insgesamt etwa 20.000 Menschen zum Güterbahnhof Riga-Skirotava. Die Insassen des ersten Transports aus Berlin erschossen SS- und Polizeikräfte direkt nach der Ankunft, die Menschen in den folgenden Zügen gelangten an verschiedene Orte in und bei Riga: das Lager Jungfernhof, das Getto von Riga und das Lager Salaspils. Unmittelbar nach dem Krieg zeichneten manche Überlebende auf, wie sie nach der Deportation an Orten überlebt hatten, die sie zuweilen als „die Hölle“ bezeichneten. Einige dieser Zeugnisse sind hier dokumentiert.

Andrea Löw, Testifying to “Hell”. Early Reports of Surviving German Jews from Riga
The systematic deportation of German Jews to “the East” began in autumn 1941. One of the destinations was Riga; between 27 November 1941 and 6 February 1942, twenty transports with a total of about 20 000 people arrived at Riga-Skirotava goods station. Those on the first transport from Berlin were shot by SS and police directly after arrival, while the people in the following trains were taken to various places in and around Riga: the Jungfernhof Camp, the Riga Ghetto and the Salaspils Camp. Immediately after the war some survivors recorded how they had survived after the deportation in places which they sometimes referred to as “hell”. Some of these testimonies are presented here.

Notizen

Zum Wechsel in der Herausgeberschaft der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte

Die Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte im achten Jahrzehnt
Erfolgreiche Tradition und neue Impulse

17. Aldersbacher Schreib-Praxis
Ein anwendungsorientiertes Seminar des Instituts für Zeitgeschichte und des Verlags De Gruyter Oldenbourg (24. bis 28. Juli 2023)

VfZ-Online

Neu: Zwei weitere Beiträge in der Rubrik „VfZ Hören und Sehen“ und ergänzende Materialien zu Amanda Eubanks Winklers Aufsatz in der Oktober-Ausgabe 2022

Rezensionen online

Abstracts

Autorinnen und Autoren

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