Buchpreis: Essay Offene Kategorie

Von
Heike Christina Mätzing

Essay von Heike Christina Mätzing, Technische Universität Braunschweig

Fast scheint es, als hätte die Jury bei der Titelauswahl für die „offene Kategorie“ versucht, alle sie beschreibenden Kriterien abzuarbeiten: Von der Überblicksdarstellung bis zur theoretisch innovativen Studie ist mehr oder weniger alles dabei, selbstredend ohne zeitliche Begrenzung. Da verbietet es sich von selbst, einen inhaltlichen Bezug zwischen den fünf prämierten Titeln herstellen zu wollen, außer man wagte den kecken Versuch, aus der Zusammensetzung der erkorenen Bücher zu einer allgemeinen Reflexion über die Entwicklung der Disziplin in den vergangenen zwei Jahrzehnten kommen zu wollen. Denn außer Rüdiger Safranskis Buch „Romantik. Eine deutsche Affäre“, das mit 30 Punkten einen der beiden vierten Plätze belegt (Platz fünf wurde nicht vergeben), lassen sich die übrigen Titel sämtlich einem der in der jüngeren Vergangenheit geführten innerdisziplinären Diskurse zuordnen. Dies gilt für die ebenfalls mit 30 Punkten auf Platz 4 gelandeten Publikation von Aleida Assmann über „Geschichte im Gedächtnis“ wie für Doris Bachmann-Medicks „Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften“ (Platz 3) oder für den militärgeschichtlich ausgerichteten, von Dietrich Beyrau, Michael Hochgeschwender und Dieter Langewiesche herausgegebenen Band über „Formen des Krieges. Von der Antike bis zur Gegenwart“ (Platz 2). Erst recht gilt dies aber für den ersten Platz. 41 Punkte entfielen auf das Werk der Wissenschaftshistoriker Peter Galison und Lorraine Daston, die im vergangenen Jahr eine Publikation vorlegten, in der iconic turn und Geschichte der Naturwissenschaften eine beeindruckende Symbiose eingehen. Provozierend knapp und zugleich lockend trägt es den Titel „Objektivität“.

Laut Meyers Lexikon online meint „Objektivität“ den „erkenntnistheoretische[n] Begriff für die überindividuelle, unabhängig vom Einzelnen bestehende Wahrheit eines bestimmten Gegenstandes (Objekts), Sachverhalts oder einer Aussage [...].“[1] Nach Lektüre des Buches von Galison und Daston jedoch kann man dieser zeit- wie harmlos anmutenden Definition und der Annahme, dass doch zumindest in der Naturwissenschaft Tatsache gleich Tatsache sei, nicht mehr unbefangen gegenüber treten. Denn der in Harvard Physik und Wissenschaftsgeschichte lehrende Galison - sein 1998 mit Caroline Jones publizierter Band „Picturing science producing art”[2] thematisierte die Rolle des Visuellen in der Wissenschaft und trug damit wesentlich zur ikonischen Wende bei – und die Direktorin des Berliner Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte zeigen, dass Wissenschaft und Objektivität nicht immer ein Geschwisterpaar waren. Vielmehr hat die wissenschaftliche Objektivität eine, sogar noch recht junge Geschichte. Als Ideal entstand sie erst im 19. Jahrhundert bei dem Bemühen, der visuellen Darstellung von Wissen zugleich jede, aber auch jede Spur des Wissenden selbst zu tilgen, es gleichsam rein zu halten von allen individuellen, den Forscher betreffenden Attributen. Wie und warum dieses sogenannte „Blindsehen“ Einzug hielt in die Naturforschung und damit in die Existenz der Wissenschaftler selbst, das erzählt dieses Buch am Beispiel der wissenschaftlichen Atlanten und ihrer Schöpfer, den Atlasmachern. Aus solch einer Geschichte der „Wörterbücher der Augenwissenschaften“ ist zugleich eine Geschichte des wissenschaftlichen Sehens geworden, und nach Kenntnis der Autoren sind darin gelehrtes Selbst, Bild, Verfahren und Objekt in einer unauflöslichen Beziehung miteinander verbunden, die sich gleichwohl im Laufe der Zeit unterschiedlich präsentiert. Daston und Galison lassen die Arbeit der Atlasmacher, leider ohne weitere Begründung, im 18. Jahrhundert beginnen und beschreiben diese Phase als Zeit der „Naturwahrheit“. Wissenschaftliches Ideal sei die Wahrheit, oft auch die Schönheit gewesen, nicht aber die Objektivität, die es noch gar nicht gegeben habe. So beobachtete Carl von Linné (1707-1778) eine Vielzahl von Pflanzen, ehe er seinem Illustrator Georg Dionysios Ehret (1708-1770) mitteilen konnte, welche charakteristischen Merkmale die von diesem zu zeichnenden Objekte besitzen sollten. „Sehen mit vier Augen“ steht hier als Metapher für die enge Beziehung zwischen Wissenschaftler und Künstler, deren gemeinsames Handeln im Zeichen der Aufklärung ausgerichtet war auf die Vernunft, die sich manifestierte im Auswählen, Vergleichen, Beurteilten, Verallgemeinern und Abstrahieren. Vor allem unter den Farbabbildungen des Bandes finden sich dann auch, gleichsam als erholsamer Augenschmaus für die kompakten naturwissenschaftlichen Ausführungen, wunderbare Tier-, Blatt- und Blumenzeichnungen, kleine Meisterwerke der Lithographie und der Aquarellmalerei sowie des Kupferstichs, die die Symbiose von Wissenschaft und Kunst verdeutlichen und die uns Heutigen noch in jenen Bildtafeln begegnen, die in Arztpraxen aushängend typisierte Skelette, Muskeln und innere Organe abbilden. Denn die Geschichte der epistemischen Tugenden ist alles andere als eine Geschichte evolutionären Fortschritts. Vielmehr beschreiben die Autoren die verschiedenen Formen wissenschaftlichen Sehens als parallele und zum Teil auch in Konkurrenz zueinander stehende Versuche visueller Darstellungen und weisen anhand wissenschaftlicher Atlanten ganz unterschiedliche Vorstellungen von Wissen nach, die sich nicht immer mit Objektivität verbanden. „Wissenschaft ohne Objektivität kann es geben, hat es gegeben und gibt es.“[3]

Ihren Höhepunkt erfuhr die Objektivität im 19. Jahrhundert, begünstigt durch das Aufkommen der (wissenschaftlichen) Photographie. Denn nunmehr wurde der Typus durch das Unikat abgelöst, und dieses konnte eins zu eins am besten durch die neue Technik abgebildet werden, die damit den Anspruch auf „mechanische Objektivität“ am besten erfüllte. Parallel dazu erhob der als Idealperson gedachte Forscher – die Autoren klassifizieren ihn in Abgrenzung zum „weisen Gelehrten“ der Naturwahrheit als „Arbeiter“ – das individuelle Exemplar zum Gegenstand der wissenschaftlichen Neugier; im Gegenzug avancierte die Objektivität zum leidenschaftlichen Ethos, die den eigenen Willen zu unterdrücken suchte. Damit aber, so die Autoren, sei sich der Wissenschaftler selbst zum größten Feind geworden. Um nun das wissenschaftliche Selbst so gut wie eben möglich in den Griff zu bekommen, bedarf es entsprechender Kontrollmechanismen, und auf diesem Wege hält die Beobachtung und mit ihr das protokollierende Tagebuch Einzug in die Forscherexistenzen. Welche Lust dies zugleich bedeutete, illustriert das Beispiel des Schweizer Naturforschers Charles Bonnet (1720-1793). Bonnet beschäftigte sich unter anderem mit Geburts-Tagen und Geburts-Stunden von Blattläusen und führte ausführlich Buch darüber. Ein bestimmtes dieser Tierchen beobachtete er einen Monat lang täglich von früh bis spät, und als es eines Tages verschwand, war er untröstlich ob des verlustig gegangenen Forschungsobjektes.[4] Die Forderung nach Objektivität und die zur selben Zeit entstehende Subjektivität sind damit für Daston und Galison zu Recht die zwei Seiten einer Medaille. Dabei habe zwar das erkenntnistheoretische Problem mit dem Erwerb und der Sicherung von Wissen, nicht aber mit den letzten Wahrheiten der Natur zu tun gehabt.[5]

Eine weitere Blume im Garten der Objektivität entwickelte sich mit Beginn des 20. Jahrhunderts, und im Grunde ist sie eine Reaktion auf das Unbehagen an der mechanischen Objektivität. Denn das „geschulte Urteil“ zeichnet sich gerade nicht mehr durch wissenschaftliche Selbstverleugnung aus, sondern setzt neben Erfahrung auf die kreative und intuitive Interpretation durch Experten. „Nur das einschätzende Auge konnte die pathologische Gewebeveränderung oder das bis dahin mehrdeutige Teilchen aus der verworrenen Bilderwelt der ‚normalen Variationen’ herauspicken. Mechanische Objektivität reicht dazu nicht aus.“[6] Der von dem Schweizer Psychoanalytiker Hermann Rorschach (1884-1922) entwickelte gleichnamige Test ist eines der Beispiele dafür, dass Kognitives und Affektives, „Objektives“ und „Subjektives“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Koexistenz eingingen und nicht mehr als Gegenpole verstanden wurden.

Naturwahrheit, mechanische Objektivität und geschultes Urteil, so die Autoren, haben trotz aller Unterschiede ein gemeinsames Ziel: die getreue Wiedergabe der Natur. So sei „Objektivität [...] nur eine von mehreren epistemischen Tugenden, nicht das A und O der Erkenntnistheorie. Objektivität ist weder ein Synonym für Wahrheit oder Gewissheit noch für Genauigkeit oder Präzision.“[7] Und stets seien alle drei Tugenden nur Annäherungen und Versuche gewesen, Ideale, die angestrebt aber nie vollständig erreicht worden seien.

Und heute, im Zeitalter des digitalen Bildes und der Möglichkeiten zu seiner Manipulation? Gilt da „die getreue Wiedergabe der Natur“ noch immer als epistemische Tugend? Anhand von Beispielen nanomanipulierter Bildergalerien zeigen die Autoren, dass das Sehen nun zum Machen wird, wie sie es bezeichnen. Wissenschaft und Technik gehen eine Symbiose ein, bei der nicht mehr nur dargestellt, sondern zugleich simuliert und manipuliert wird. Das „Bild ist das Werkzeug des Wissenschaftlers, das ihm erlaubt, Dinge herzustellen, auszuschneiden, zu bewegen, zu kombinieren, zu verschweißen oder in Gang zu setzen.“[8]

Wird der Mensch nun endgültig zum Schöpfer, der auf der Suche nach Erkenntnis jede Demut verloren hat? Die berechtigte Sorge relativiert sich etwas, wenn man bedenkt, dass die Menschheit bislang nur über knapp 5 Prozent der Materie Bescheid weiß. Und selbst wenn Anfang kommenden Jahres die Resultate des Teilchenbeschleunigers LHC vorliegen, rechnen die Physiker noch immer mit 75 Prozent verbleibender Unkenntnis.[9] „Das Denken ist nur ein Lichtschimmer mitten in einer langen Nacht [...], aber dieser Schimmer ist alles, worauf es ankommt.“[10] Das bild- und begriffsgeschichtlich überaus spannende „Bilderbuch“ von Lorraine Daston und Peter Galison legt Zeugnis davon ab, dass diese Worte des französischen Physikers und Philosophen Henri Poincaré (1854-1912) für nanomanipulierte Atlanten ebenso gelten wie für durch Mikrophotographie dokumentierte Schneeflocken oder in Kupfer gestochene Haubenmeisen - mit oder ohne Objektivität.

Anmerkungen:
[1]http://lexikon.meyers.de/meyers/Objektivitaet, zuletzt aufgerufen am 06.09.2008.
[2] Jones, Caroline A.; Galison, Peter (Hrsg.): Picturing science producing art, New York 1998.
[3] Daston, Lorrain; Galison, Peter: 2007, S. 394.
[4] Vgl. S. 254.
[5] Vgl. S. 227.
[6] Vgl. S. 366.
[7] Vgl. S. 394.
[8] Vgl. S. 439.
[9] Wir stoßen die Tür zum dunklen Universum auf. Ein Gespräch mit dem Teilchenphysiker Rolf-Dieter Heuer, in: F.A.Z. vom 12. September 2008.
[10] Poincaré, Henri: The value of Science. Essential writings of Henri Poincaré. New York 2001, S. 353, zitiert nach: Daston/Galison, 2007, S. 306.

Von der H-Soz-u-Kult Jury „Das Historische Buch 2008“ wurden in der Kategorie „Geschichte Frühe Neuzeit“ folgende Titel auf die vorderen Rangplätze gewählt:

1. Daston, Lorraine; Galison, Peter: Objektivität, Frankfurt am Main 2007.

2. Beyrau, Dietrich; Hochgeschwender, Michael; Langewiesche, Dieter (Hrsg.): Formen des Krieges. Von der Antike bis zur Gegenwart, Paderborn [u.a.] 2007.

3. Bachmann-Medick, Doris: Cultural turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften, Reinbek bei Hamburg 2006.

4. Assmann, Aleida: Geschichte im Gedächtnis. Von der individuellen Erfahrung zur öffentlichen Inszenierung, München 2007.
Rezension von Achim Saupe, in: H-Soz-u-Kult, 11.04.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-2-033>.

4. Safranski, Rüdiger: Romantik. Eine deutsche Affäre, München 2007.

Die Listen sowie detaillierte Angaben zur Jury und zum Verfahren können Sie auf dem Webserver von H-Soz-u-Kult <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/buchpreis> nachlesen.

Zitation
Buchpreis: Essay Offene Kategorie, in: H-Soz-Kult, 26.09.2008, <www.hsozkult.de/text/id/texte-1014>.
Redaktion
Veröffentlicht am
26.09.2008
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