Buchpreis: Essay Kategorie Lehrbücher und Überblicksdarstellungen

Von
Eckhardt Fuchs

Essay von Romain Faure und Eckhardt Fuchs, Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung, Braunschweig

Aus der Fülle der zahlreichen Lehrbücher und Überblicksdarstellungen, die jährlich veröffentlicht werden, hat die Jury sechs Werke ausgewählt, die sehr viel gemeinsam haben. Während sich die Siegerliste im letzten Jahr aus einer thematisch breit gefächerten Auswahl zusammensetzte – von der Sozialgeschichte der BRD über eine Einführung in die Visual History bis hin zur Klimageschichte –, vereint sie in diesem Jahr, neben einer Geschichte der Männlichkeiten von Jürgen Martschukat und Olaf Stieglitz (Platz 2) und einer aktualisierten Einführung in die Historische Diskursanalyse von Achim Landwehr (Platz 5), eine Reihe von Büchern, die sich mit unterschiedlichen Facetten eines gleichen Phänomens beschäftigen: der deutschen bzw. europäischen Moderne und ihren viel erforschten Schattenseiten. So liefern zwei der ausgewählten Arbeiten neue Überblicksdarstellungen zur NS-Geschichte. Auf den ersten Platz gelangte die in der UTB-Reihe publizierte Geschichte des Nationalsozialismus von Michael Wildt, dessen Forschung zur Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung - Gewalt gegen Juden in der deutschen Provinz 2008 bereits den Publikumspreis von H-Soz-u-Kult erhielt. Die Einführung in die Geschichte des ‚Dritten Reiches’ von Winfried und Dietmar Süß gelangte auf den dritten Platz. Anders als die Monographie von Wildt ist sie als Sammelband mit Aufsätzen verschiedener Historiker konzipiert. Die Deutsche Kolonialgeschichte aus der Feder von Sebastian Conrad (Platz 4) und die Geschichte des Rassismus des Koblenzer Juniorprofessors Christian Geulen (mit Landwehr geteilter Platz 5) erweitern die Liste dieser thematisch verwandten Darstellungen.

Die bemerkenswerte Fülle neuer Lehrbücher und Überblicksdarstellungen ist nicht allein der Tatsache zu verdanken, dass die Studienreform und die damit verbundene Modularisierung und Standardisierung des Lehrstoffes das Bedürfnis der Studierenden nach Lehrmitteln, die übersichtlich und kompakt die neuesten Forschungserkenntnisse zusammenführen, geweckt hat. Darüber hinaus widerspiegeln sie einen Generationswechsel innerhalb der Geschichtswissenschaft, präsentieren sie doch überwiegend die Forschungsleistungen einer jüngeren Generation von Historikern. Sechs von den sieben Historikern, die dieses Jahr ausgezeichnet wurden, sind zwischen 1965 und 1973 geboren. Schließen deren Forschungen zwar weitgehend an zentrale traditionelle Themen der deutschen und europäischen Geschichte an, zeichnen sie sich aber durch neue methodische Verfahren, Sichtweisen und Fragestellungen aus. Alle bieten Erzählungen an, die sich mehr oder weniger explizit einer Kulturgeschichte zuordnen lassen, welche vom Diskursbegriff und dem linguistic turn maßgeblich geprägt ist. Dies überrascht nicht, denn der Begriff des Diskurses hat sich in der Geschichtswissenschaft stark eingebürgert, wie Achim Landwehr in seinem Buch feststellt. Laut Landwehr geht die Diskursanalyse davon aus, dass die Erzeugung von ‚Sinn’ und ‚Bedeutung’ und die Wege, wie sie zustande kommen, nicht mehr selbstverständlich sind. Daher gilt es, den Sinn als Problem oder besser als Gegenstand historischer Forschung zu verstehen. Diese Betrachtungsweise bildet die gemeinsame Grundlage der prämierten Darstellungen. Der Rassismus, der deutsche Kolonialismus und der Nationalsozialismus werden vorrangig als Sinnwelt aufgefasst, die der Historiker zu rekonstruieren und zu erklären versucht. Besonders die Geschichte des Rassismus und die Deutsche Kolonialgeschichte machen den Lesern deutlich, dass Diskurse konstruiert sind. Christian Geulen zufolge ist zum Beispiel der Rassismus „weder natürlich noch universal oder in anderer Weise metahistorisch, sondern ein Produkt menschlicher Kultur.“ (S. 7). Auch er hat eine Geschichte und ist als „Erbe […] unseres modernen Denkens“ (S. 8) zu verstehen, wie der Autor in dem Band überzeugend argumentiert. In dem Buch von Conrad wird der Historisierung der ethnologischen und geographischen Wissenschaften ein prominenter Platz eingeräumt. Ihre Entstehung wird zu Recht in enge Verbindung zum kolonialen Kontext gesetzt.

Diskurse sind aber nicht nur konstruiert; sie erschaffen auch die Welt. So konstatiert Conrad, dass sich der „koloniale Diskurs […] auf eine Reihe von binären Oppositionen, etwa die strikte Unterscheidung von ‚Weißen’ und ‚Schwarzen’“ stützte, die dazu beigetragen hätten, „Vorstellungen von ‚Rasse’, Klasse, Nation, Geschlecht und Sexualität als natürlich erscheinen zu lassen.“ (S. 13). Die Darstellungen der deutschen Gesellschaft im ‚Dritten Reich’ beruhen sowohl bei Michael Wildt als auch bei Dietmar und Winfried Süß auf dieser Überzeugung. So wird bei Letzteren die Rassenideologie als Faktor der Politisierung der sozialen Welt dargestellt. Bei Wildt konzentriert sich die Analyse auf den nationalsozialistischen Begriff der ‚Volksgemeinschaft’. Dieser Begriff wird nicht von vornherein als irreführend beiseite gelegt, sondern „als erfahrungsgeschichtlicher Begriff ernst genommen, der die Hoffnung und Erwartung umschrieb, die viele Deutschen an das Regime hefteten“ (S. 13 - 14). Der Diskurs der Volksgemeinschaft fungierte als ein Instrument inklusiver und exklusiver sozialer Prozesse und brachte zugleich die Vorstellung von einer klassenlosen, harmonischen Gesellschaft mit sich, von der viele träumten.

Die Schwerpunktsetzung auf die kulturalistische Ansätze hat zur Folge, dass manche früher grundlegenden Debatten in den Hintergrund getreten sind. So erscheint der Unterschied zwischen Imperialismus und Kolonialismus als überholt, zugunsten eines erweiterten Begriffs von Kolonialismus, der sich nicht nur auf die formale politische Herrschaft beschränkt. Die bei zahlreichen Studentengenerationen bekannte Debatte zwischen den Funktionalisten und den Intentionalisten ist für die Einführung in die Geschichte des Nationalsozialismus keine theoretische Grundlage mehr. Jenseits von solchen Problemen der Begrifflichkeit wird nun häufig eine akteursbezogene Darstellung vorgezogen, die sich konkreten sozialen Riten und Verhaltensweisen zuwendet. So spielt die soziale Gewalt bei der Darstellung von Wildt eine zentrale Rolle, während Conrad in seinem Überblickswerk etwa ‚Völkerschauen’ und Panoramen behandelt.

Auch die These des ‚deutschen Sonderwegs’ gerät in diesen Darstellungen in den Hintergrund. Auffällig ist, dass sowohl der Historiker des Kolonialismus als auch die Spezialisten der NS-Geschichte für eine geographisch ausgedehnte Einbettung der deutschen Moderne plädieren. So sehen Winfried und Dietmar Süß in der Geschichte des Nationalsozialismus einen Teil der „europäischen Gewaltgeschichte der Moderne“ (S. 9). Es ist naheliegend, dass diese These für die Geschichte des deutschen Kolonialismus auch zutrifft. Für Sebastian Conrad ist aber ein zweiter Fluchtpunkt dieser Geschichte auf der globalen Ebene zu finden. Wie er zu Recht betont, ist der Kolonialismus als Teil der Geschichte der Globalisierung zu betrachten. So ist das Interesse am kolonialen Zeitalter auch auf den Versuch zurückzuführen, die Vorgeschichte der aktuellen globalen Verflechtungen zu verstehen.

Die prämierten Bücher zeigen auf eindrückliche Art, dass sich die in der Geschichtswissenschaft seit geraumer Zeit vertretenen neuen methodischen Ansätze, Themen und Begriffe – wie etwa Postkolonialismus und Transnationalismus – nun auch in Lehrbüchern und in auf ein studentisches Publikum ausgerichteten Überblicksdarstellungen niederschlagen. Damit werden die älteren Standardwerke nicht obsolet, aber die Neuerscheinungen offerieren dem Studierenden und interessierten Laien vielfältige neue Perspektiven und Interpretationen der Vergangenheit.

Von der H-Soz-u-Kult Jury „Das Historische Buch 2009“ wurden in der Kategorie „Lehrbücher; Überblicksdarstellungen“ folgende Titel auf die vorderen Rangplätze gewählt:

1. Wildt, Michael: Geschichte des Nationalsozialismus, Göttingen: UTB 2008.
Rezension von Kim Christian Priemel, in: H-Soz-u-Kult, 23.10.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-4-070>.

2. Martschukat, Jürgen und Stieglitz, Olag: Geschichte der Männlichkeiten, Frankfurt/ Main (u.a.): Campus Verlag 2008.

3. Süß, Dietmar und Süß, Winfried (Hrsg.): Das „Dritte Reich“. Eine Einführung, München: Pantheon 2008. Rezension von Kim Christian Priemel, in: H-Soz-u-Kult, 23.10.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-4-070>.

4. Conrad, Sebastian: Deutsche Kolonialgeschichte, München: C.H. Beck 2008.
Rezension von Silke Hensel, in: H-Soz-u-Kult, 14.02.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=11478>.

5. Landwehr, Achim: Historische Diskursanalyse, Frankfurt/Main: Campus Verlag 2008.
Rezension von Marcus Otto, in: H-Soz-u-Kult, 11.07.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-3-027>.

5. Geulen, Christian: Geschichte des Rassismus, München: C.H. Beck 2007.
Rezension von Christian Koller, in: H-Soz-u-Kult , 16.05.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-2-113>.

Die Listen sowie detaillierte Angaben zur Jury und zum Verfahren können Sie auf dem Webserver von H-Soz-u-Kult <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/buchpreis> nachlesen.

Zitation
Buchpreis: Essay Kategorie Lehrbücher und Überblicksdarstellungen , in: H-Soz-Kult, 30.09.2009, <www.hsozkult.de/text/id/texte-1154>.
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Veröffentlicht am
30.09.2009
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