Buchpreis: Essay Kategorie Zeitgeschichte

Von
Konrad H. Jarausch

Essay „Die Dynamik der Zeitgeschichte“ von Konrad H. Jarausch, University of North Carolina

Die diesjährigen Gewinner des Wettbewerbs „Das Historische Buch“ zeigen die ungebrochene thematische und methodische Dynamik der Zeitgeschichte im deutschen und amerikanischen Sprachraum. Während einige der ausgewählten Titel sich weiterhin mit etablierten Themen wie der Entwicklung der Bundesrepublik oder dem Kalten Krieg beschäftigen, erschließen andere dagegen neue Arbeitsgebiete und exemplifizieren innovative Methoden. Unabhängig von dem Mediengetöse zu Jubiläen wie 1968 oder 1989, bringen sie grundsätzlichere Fragen in den Blick.

Wenn ein langer Essay von 140 Seiten den ersten Platz einnimmt, dann muss er schon ganz außerordentliche Qualitäten besitzen. Das von Anselm Doering-Manteuffel und Lutz Raphael gemeinsam geschriebene Taschenbuch „Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970“ ist eine solche Ausnahme, da es nichts weniger als eine Neuorientierung der gesamten zeithistorischen Forschung intendiert. Die Autoren unternehmen eine „strukturgeschichtliche Bestandsaufnahme der Gegenwart“ (S. 10), indem sie die Epochenwende untersuchen, die den gegenwärtigen „digitalen Finanzmarkt Kapitalismus“ (S. 9) hervorgebracht hat. Dabei gehen sie in drei Schritten vor: Aus sozio-ökonomischer Perspektive analysieren sie den in den 1970er Jahren einsetzenden Strukturbruch; aus metatheoretischer Sicht diskutieren sie die sozialwissenschaftlichen Diagnosen des Wandels; und mit methodischem Blick schlagen sie eine Reihe von neuen Themen einer Zeitgeschichte nach dem Boom vor. Der Band ist klar gegliedert und flüssig geschrieben, lädt also geradezu zur Lektüre ein. Die abgegebenen Diagnosen sind nicht immer ganz treffsicher, da sie vor der Finanzkrise formuliert wurden. So bleibt die Etikettierung der in die Gegenwart reichenden Phase noch etwas vorläufig; und zudem ist der Vergleich auf Westeuropa beschränkt, was zur Erklärung des Kollapses des Kommunismus wenig beiträgt. Auch wenn die Rhetorik der Empirie manchmal etwas vorauseilt, sind die Argumente bedenkenswert und als Agenda einer überfälligen thematischen Ausweitung der Zeitgeschichte ist die anregende Skizze nur zu empfehlen.

Den zweiten Platz nimmt Hans-Ulrich Wehlers fünfter Band seiner „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“ (Bundesrepublik und DDR 1949 – 1990) ein. Das scheint zunächst vor allem ein Zeichen des Respekts für sein imponierendes Lebenswerk zu sein und der Neugier darauf, welches Licht sein strukturgeschichtlicher Ansatz auf die Entwicklung der Bundesrepublik wirft. Im Gegensatz zu den geläufigen Erfolgsgeschichten von Heinrich August Winkler, Edgar Wolfrum oder Eckart Conze ist sein Fokus das irritierende Weiterbestehen von sozialer Ungleichheit in einem sich durch Wohlstand und Demokratie verändernden Westdeutschland, da er „die Sozialgeschichte der zweiten Jahrhunderthälfte [für] noch immer relativ unterentwickelt“ hält (S. XVII). Mit Ausnahme eines weiterführenden Einschubs zur Demographie, bleibt der Autor seinem Weberianischen Ansatz von Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und Kultur treu. Mit autoritativer Feder geschrieben, vermittelt diese Perspektive interessante Einblicke in die Hartnäckigkeit von sozialen Differenzen, verarbeitet enormes Faktenmaterial und bietet über Anmerkungen einen Einstieg in die Forschungsliteratur. Allerdings bleibt die Darstellung der Politikgeschichte wie die Periodisierung etwas konventionell. Bei einigen Streitfragen wie bei der Einschätzung der Auswirkungen von 1968 oder der Beschreibung des Islam nimmt die Polemik überhand und zur Entwicklung der DDR fehlt nahezu jeder emotionale Zugang, so dass diese Passagen fast zu einer Karikatur (unter anderem „Sultanismus“ als Erklärungsansatz) geraten. In jeder Hinsicht ist dies also ein weiterer „Wehler“, dem Beifall gebührt und der Widerspruch herausfordert.

Methodisch innovativer sind die drittplatzierten Bände zum „Jahrhundert der Bilder“ (Bd. 1: Bildatlas 1900-1949 /Bd. 2: 1949 bis heute), die von Gerhard Paul herausgegeben sind, die den Verlauf der „visuellen Revolution“ (S. 14) anschaulich dokumentieren. Auf rund 800 Seiten präsentieren allein im zweiten Band 80 ausgewiesene Experten aus unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen bekannte Bilder der zweiten Hälfte des Jahrhunderts aus Politik, Kultur, Werbung und Freizeit. Das Spektrum der über 500 Motive reicht von Fotos, Wahlplakaten, Zeitschriftentiteln, Werbemotiven, zu Filmstills und Screenshots. Manche dieser Fotographien haben, wie etwa die Aufnahme des brennenden World Trade Centers nach dem Aufprall der Flugzeuge, inzwischen ikonischen Status erreicht, weil sie sich in die kollektive Erinnerung eingebrannt haben, andere sind dagegen wie das „Uncle Sam-Wants-You“ Plakat eher Werbeprodukte, die durch dramatische Farbe und Linienführung eine politische Botschaft propagieren. Beeindruckend sind die problematisierenden Einleitungen des Herausgebers, der den Zweck der Edition als Zeitreise, Spiegel der Bildpraxis und Momentaufnahme des kollektiven Bildgedächtnisses erklärt, und eine interessante Kategorisierung von Medienikonen, Schlag- und Schlüsselbildern, TV Bildclustern und Internet-Bildern vorstellt (S. 9-10). Die eingehende Kommentierung durch Fachleute, die jeweils den historischen Kontext, die Entstehungs-, Rezeptions- und oft auch die Instrumentalisierungsgeschichte der Bilder erläutern, bietet Zugänge zur visual history, die auf eine „historisch-kulturelle Bildkompetenz“ hinzielt (S. 11). Dieser Ansatz verdeutlicht den Prozeß der Visualisierung des historischen Gedächtnisses, der von der Forschung stärker berücksichtigt werden sollte. Schon ein flüchtiges Anblättern könnte gefährlich sein, weil man sich an der Vielfalt der Angebote festlesen wird.

Konventioneller dagegen ist die Auswahl der deutschen Übersetzung von John Lewis Gaddis ursprünglich 2005 erschienener Synthese „The Cold War: A New History“, (-die deutsche Ausgabe erschien 2007 unter dem Titel „Der Kalte Krieg. Eine neue Geschichte-), für den vierten Platz der Rangliste. Dieses Buch ist „eine kurze, umfassende und zugängliche“ Zusammenfassung (S. 10) der über dreißigjährigen Beschäftigung dieses amerikanischen Historikers mit der Ost-West Auseinandersetzung, die aus einer Überblicksvorlesung an der Yale University entstanden ist. In sieben thematisch zugespitzten Essays stellt er den Kalten Krieg als eine amerikanisch-sowjetische Konfrontation dar, deren Übergang zum heißen Krieg nur durch die Nichteinsetzbarkeit der Atomwaffen verhindert wurde. Der elegant geschriebene Band ist auf das Handeln von Staatsmännern fokussiert und präsentiert letztlich eine Erfolgsgeschichte des Westens, der durch die Diskreditierung der kommunistischen Diktaturen den Konflikt schließlich gewonnen habe (S. 259 ff). Diese bipolare Perspektive reduziert Europa weitgehend zu einem Schauplatz der Auseinandersetzung ohne Eigeninitiative und vernachlässigt auch den Stellenwert der deutschen Frage in der Blockkonkurrenz. Einerseits bietet diese komprimierte Synthese eine souveräne Schilderung von komplexen Entwicklungen; andererseits spiegelt sie aber auch die intellektuelle Entwicklung des Autors von einem etwas kritischen Revisionisten zu einem Vertreter des „Reagan-Busch Triumphalismus“ – sie ist also selbst ein Ausdruck des sich verändernden amerikanischen Zeitgeistes. Schade auch, dass die deutsche Übersetzung mit zahlreichen Unzulänglichkeiten behaftet ist.

Die auf den fünften Platz gesetzte Studie über „Jews, Germans, and Allies. Close encounters in occupied Germany“ ist die einzige Monographie unter den Preisträgern, die ebenso wie Gaddis aus den Vereinigten Staaten kommt und sich in Neuland der Forschung bewegt. Die ausgewiesene Geschlechter-Historikerin Atina Grossmann untersucht hier die Gruppe der etwa 300.000 jüdischen Überlebenden aus Ostmitteleuropa, die in den ersten Nachkriegsjahren als displaced persons in Lagern ausgerechnet im Lande der deutschen Täter auf ihre Auswanderung warten mussten. Die neue Quellen erschließende, detailreiche Darstellung konzentriert sich auf das Spannungsverhältnis dieser Opfer des Dritten Reichs zu den Deutschen, die in Selbstmitleid über den Zusammenbruch versanken und sich gegen die Anerkennung ihrer eigenen Schuld wehrten. Die sich daraus ergebene Opferkonkurrenz ist ein Leitmotiv des interessanten Buches. Ein anderes Thema ist die komplexe Interaktion, in der zum Beispiel jüdische Überlebende einen Babyboom produzierten, und in Umkehrung der NS-Rassenbestimmungen nun deutsche Kindermädchen zur Pflege heranzogen. Ein letzter Topos ist die Schilderung der erheblichen Schwierigkeiten mit der Auswanderung durch die Blockierung von Amerika und Palästina, die sich erst langsam auflöste und einen Teil der Überlebenden sogar bewog, in Deutschland zu bleiben. Diese komplizierte entangled history faktenreich beschrieben und differenziert interpretiert zu haben, ist das große Verdienst dieser Studie. Deswegen fällt auch eine gewisse Asymmetrie der Darstellung, die von den Deutschen ausgeht, um sich schließlich auf die jüdischen Überlebenden zu konzentrieren, weniger ins Gewicht.

Insgesamt vermitteln diese fünf völlig verschiedenen Bücher ein facettenreiches Bild der Zeitgeschichte, die einerseits etablierte Themen wie den Nationalsozialismus oder die DDR weiter aufarbeitet, andererseits aber thematisch und methodisch zu neuen Ufern strebt. Wenn ihr vor allem der Versuch gelingt, zur Historisierung der Probleme der Gegenwart beizutragen und die visuelle Dimension der Vergangenheit erfolgreicher zu entschlüsseln, wird das Interesse an der Beschäftigung mit der jüngsten Vergangenheit, allen Unkenrufen zum Trotz, eher weiter wachsen.

Von der H-Soz-u-Kult Jury „Das Historische Buch 2009“ wurden in der Kategorie „Zeitgeschichte“ folgende Titel auf die vorderen Rangplätze gewählt:

1. Doering-Manteuffel, Anselm; Raphael, Lutz: Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2008. Rezension von Nils Freytag , in: H-Soz-u-Kult, 26.03.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-1-248>.

2. Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Bundesrepublik und DDR 1949 – 1990, München: C.H. Beck 2008. Rezension von Konrad H. Jarausch ,in: H-Soz-u-Kult, 29.09.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-3-207>.

3. Paul, Gerhard (Hrsg.): Das Jahrhundert der Bilder. Bildatlas 1900-1949 /1949 bis heute, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2008. Rezension von Wolfgang Ullrich ,in: H-Soz-u-Kult, 14.08.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-3-129>.

4. Gaddis, John Lewis: Der Kalte Krieg. Eine neue Geschichte, München: Siedler Verlag 2007. Rezension von Jost Dülffer , in: H-Soz-u-Kult, 01.04.2006,
<http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-2-001>.

5. Grossmann, Atina: Jews, Germans, and Allies. Close encounters in occupied Germany, Princeton [u.a.]: Princeton University Press 2007. Rezension von Luise Hirsch, in: H-Soz-u-Kult, 29.05.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-2-142>.

Die Listen sowie detaillierte Angaben zur Jury und zum Verfahren können Sie auf dem Webserver von H-Soz-u-Kult <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/buchpreis> nachlesen.

Zitation
Buchpreis: Essay Kategorie Zeitgeschichte, in: H-Soz-Kult, 28.09.2009, <www.hsozkult.de/text/id/texte-1159>.
Redaktion
Veröffentlicht am
28.09.2009
Weitere Informationen
Sprache Beitrag