Jugendopposition in der DDR

Titel
Jugendopposition in der DDR.


Rezensiert für H-Soz-Kult von
Danuta Kneipp, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

In dem kürzlich ausgestrahlten Dokumentarfilm „Tod im Stasiknast. Warum starb Matthias Domaschk?“ wird nicht nur der Stellenwert seines Todes, sondern vor allem die Einordnung dieses Ereignisses in die Landschaft von junger Opposition in den letzten 15 Jahren der DDR thematisiert. Auf eine sehr viel umfassendere Art und Weise behandelt das neue Online-Angebot „Jugendopposition in der DDR“ der Robert-Havemann-Gesellschaft – entstanden in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung und dem Institut Facts&Files – dieses Thema. Die Website passt sich in dieser Form der wachsenden Nachfrage und Bedeutung multimedialer Angebote auf dem Gebiet der Zeitgeschichte an. Sie bringt in ihrer Umsetzung neue Aspekte in die „Debatte über das Verhältnis von wissenschaftlichen Standards und mediengerechter Darstellungsweise“[1] ein.

Anhand zahlreicher Fotos, unkompliziert geschriebener Einführungstexte sowie verschiedener Zeitzeugengespräche wird den Nutzern die Situation protestierender Jugendlicher in den letzten 15 Jahren der DDR näher gebracht. Die Website konzentriert sich hierbei auf vier chronologisch geordnete Themenkomplexe: Sie behandelt die Biermann-Ausbürgerung; beschreibt die Ereignisse, die zur Bildung der unabhängigen Friedensgemeinschaft in Jena 1983 führten; schildert die Entstehung der Ostberliner Umweltbibliothek 1986 und betrachtet die friedliche Revolution von 1989, immer unter der Prämisse, dass es vielfach junge Menschen waren, die sich dem repressiven System entgegenstellten. Die vier Ereignisse werden anhand von 16 biographischen Portraits erhellt und durch rückblickende und erklärende Interviews mit den Zeitzeugen ergänzt. Das Sujet gewinnt mit diesem breiten Spektrum von Einzelschicksalen hohe Plastizität. Der Bogen spannt sich vom Tramper über den Musiker, den Zwangsausgebürgerten bis hin zur Bibliotheksfacharbeiterin oder der Angestellten in einem FDGB-Ferienheim. Dennoch verfolgen die Herausgeber keinen rein biographischen Zugang zu dem Thema.

Die Website richtet sich in erster Linie an Schüler, ihre Lehrer und generell historisch interessierte Erwachsene. Historiker erhalten Hinweise auf das vielfältige Material, welches z.B. das Matthias-Domaschk-Archiv in Berlin zur Verfügung stellen kann. Ein zusätzlicher Gewinn für Wissenschaftler ergibt sich, sobald die Zeitzeugeninterviews transkribiert und zur Auswertung unter verschiedensten Gesichtspunkten freigegeben werden. Dieser Schritt wird von den Bearbeitern geplant. Als Ausgangspunkt für historische Recherchen bietet sich die Website momentan nur für Schüler und Studierende an, da gerade auch die Literaturhinweise nur einen Ausschnitt darstellen.

Das hohe Maß an Interaktivität der Website kommt zeitgenössischen Nutzungsformen sehr entgegen. Es ist möglich, aus dem stringenten Aufbau heraus ergänzende Informationsangebote über den historischen Kontext, etwa internationale und innenpolitische Entwicklungen, wahrzunehmen. Besonders förderlich ist die Zeitleiste, mit deren Hilfe Informationen über die Ereignisse eines bestimmten Jahres abgefragt werden können. Man kann auch einfach ein wenig „stöbern“. Hervorzuheben ist, dass die Website nicht „nur“ Inhalte, sondern auch didaktische Materialien bietet. So kann auf Arbeitsblätter für den Schulunterricht zugegriffen werden. Diese Dokumente sind schnell und unkompliziert als PDF-Dateien herunterzuladen. Abgerundet wird das Angebot durch das – wenn auch kurze – Literaturverzeichnis und einen thematischen Index. Zusätzlich gibt es ein kleines Lexikon, das beispielsweise Begriffe aus dem MfS-Jargon erläutert, und eine Linkliste. Das Medium Internet wird mit all seinen Stärken genutzt. Auf der übersichtlichen und gut zu bedienenden Website lassen sich bei entsprechender Ausstattung Videos ansehen, die auch mit einem analogen Modem bzw. ISDN-Anschluss gut laufen. Generell sind Ladezeit und Stabilität des Servers gut. Im Gegensatz zu anderen Online-Angeboten, wie z.B. „Chronik-der-Wende.de“ oder „Gegen-Diktatur.de“, die jeweils unterschiedliche Schwerpunkte setzen, weist die Website „Jugendopposition in der DDR“ den großen Vorteil der Ausbaufähigkeit auf. Zum einen werden demnächst die Begriffe und Personen im Lexikon um jeweils 300 ergänzt und zum anderen die Anzahl der Fotos verdoppelt.

Der Vergleich mit wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema Jugendprotest fällt schwer, da die verfolgten Ansprüche unterschiedlich sind. Es ist wenig sinnvoll, hauptsächlich wissenschaftsexterne Medien, wie diese Website, nach einem wissenschaftsinternen Maßstab zu beurteilen. Den Anbietern geht es nicht darum, neue Thesen zum Thema Jugendprotest in der DDR aufzustellen, sondern das Thema so aufzubereiten, dass heutige Jugendliche sich mit den damaligen Ereignissen auseinandersetzen können. Dies ist ohne Einschränkungen gelungen. Mit der Website wird ein nach wie vor aktuelles Thema für die politische Bildungsarbeit nutzbar gemacht, das aufgrund der annähernden Altersgleichheit der damaligen Protagonisten mit der Hauptzielgruppe gut für diesen Zweck geeignet ist. Ähnlich begründete die Jury ihre Entscheidung für die Verleihung des diesjährigen „Grimme Online Award Wissen und Bildung“: „Es gibt vielfach aufgewärmte und durchgekaute Themen im Internet, aber man kann auch das Gegenteil finden: Themen, bisher wenig durchleuchtet, mit einer unglaublichen Akribie aufbereitet und sogar noch überzeugend präsentiert. Ein solches Thema ist »Jugendopposition in der DDR«, eine Website mit exemplarischem Dokumentationscharakter.“[2] Dennoch soll hier etwas näher hingeschaut werden, inwiefern die Inhalte der Website die Debatten um Opposition und Widerstand in der DDR aufgreifen. Da wäre in erster Linie die Frage nach einer Kategorisierung politischer Gegnerschaft oder dem „methodisch ungebundenen Sammeln und Beschreiben“.[3] Noch immer beschäftigt sich die Forschung mit terminologischen Unklarheiten[4], die aus Sicht der Entstehung von Jugendopposition in der DDR nicht unmaßgeblich sind. Unter diesem Gesichtspunkt bietet die Website keine neuen theoretischen Erkenntnisse, sondern „sammelt und beschreibt“. Es wird die „Differenzierung unterschiedlicher sozialer Konstitutionsebenen [gesamtgesellschaftlich, institutionell und personal, D.K.], auf denen sich Prozesse sozialer Kommunikation vollziehen“[5], zu Grunde gelegt. Diese Ebenenunterscheidung fällt bei dem Online-Angebot „Jugendopposition in der DDR“ zu Gunsten der personalen Ebene aus, um die „Hintergründe oppositionellen Verhaltens“[6] zu beschreiben. Dabei wird auch deutlich, dass –besonders in den 1980er-Jahren- es vor allem Jugendliche waren, die sich zur Opposition entschlossen. Sie zeigten dadurch, dass sie nicht mehr willig waren, die „Diskrepanz zwischen offiziellem Selbstbild und Wirklichkeit“[7] zu ertragen bzw. mitzutragen. Gerade aus den Zeitzeugeninterviews geht hervor, dass durch die beschriebene Entschlossenheit zum Widerstand die „Wiederherstellung derjenigen Person“[8] erfolgen konnte.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass für die Bewertung dieses Online-Angebots wissenschaftliche Kriterien nicht im Vordergrund stehen. Vielmehr sind es die „Bilder“, die durch die unzähligen Fotos und Dokumente sowie die erzählten Geschichten bei den Nutzern entstehen und die Website so lebendig machen. Die Gestalter der Website haben es nicht nur geschafft, die Mischung aus Inhalt und entsprechender pädagogischer Begleitung durch die vielfältigen Materialen „wohl abzuschmecken“. Gerade durch die Verbindung von „les- und hörbarem“ Inhalt ist es gelungen, der Leser- und Nutzerschaft ein attraktives Angebot zu machen. Die durchgehende Übersichtlichkeit von www.jugendopposition.de ermöglicht auch internet-ungeübten Nutzern einen fundierten Einstieg in die Thematik.

Anmerkungen:
[1] Lindenberger, Thomas, Vergangenes Hören und Sehen. Zeitgeschichte und ihre Herausforderung durch die audiovisuellen Medien, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, 1 (2004), 1, online unter URL: http://www.zeithistorische-forschungen.de/13126041-Lindenberger-1-2004, Absatz 4.
[2]http://www.grimme-online-award.de/de/preistraeger/preistraeger_2005/jugend.htm (28.09.2005)
[3] Eckert, Rainer, Widerstand und Opposition: Umstrittene Begriffe der deutschen Diktaturgeschichte, in: Neubert, Ehrhart/Eisenfeld, Bernd (Hg.) Macht Ohnmacht Gegenmacht. Grundfragen zur politischen Gegnerschaft in der DDR. Bremen 2001, S. 27-36, hier 28.
[4] Vgl. z.B. Poppe, Ulrike/Eckert, Rainer/Kowalczuk, Ilko-Sascha (Hg.), Zwischen Selbstbehauptung und Anpassung. Formen des Widerstandes und der Opposition in der DDR. Berlin 1995; Neubert, Ehrhart, Geschichte der Opposition in der DDR 1949-89. Berlin 1997.
[5] Vgl. Pollack, Detlef, Kulturelle, soziale und politische Bedingungen der Möglichkeit widerständigen Verhaltens in der DDR, in: Neubert, Ehrhart/Eisenfeld, Bernd (Hg.) Macht Ohnmacht Gegenmacht. Grundfragen zur politischen Gegnerschaft in der DDR. Bremen 2001, S. 349-366, hier 349.
[6] Ebd., S. 350.
[7] Ebd., S. 365.
[8] Ebd., S. 366.

Zitation
Danuta Kneipp: Rezension zu: Jugendopposition in der DDR. , in: H-Soz-Kult, 30.09.2005, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-102>.
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Veröffentlicht am
30.09.2005
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