Contagion. Historical Views of Diseases and Epidemics

Titel
Contagion. Historical Views of Diseases and Epidemics.


Rezensiert für H-Soz-Kult von
Fritz Dross, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Universität Erlangen-Nürnberg

Kaum ein historisches Thema ist in der Lage, die soziale Konstruktion von Krankheit in einer Art zu verdeutlichen wie die Seuchengeschichte. Nicht zuletzt angesichts (scheinbar?) immer kürzerer Abstände zwischen dem Auftreten neuer Epidemien der letzten Jahrzehnte, erinnert sei an HIV / AIDS, die verschiedenen „Tier“-Grippen (Vogel-, Schweinegrippe), Ebola, nun das neue Corona-Virus (COVID-19) – stets begleitet von pandemischen Krisen-, wo nicht Panik-Diskursen, die stets aufs Neue einen „schwarzen Tod“ im Munde führen, erscheinen in kurzer Taktung Sammelbände und Monographien zur Seuchengeschichte. Derzeit und noch bis zum 10. Mai läuft eine sehenswerte Sonderausstellung im LWL-Museum für Archäologie Herne,[1] deren Katalog einen hervorragenden Überblick über den Forschungsstand vermittelt.[2]

Die Harvard Library präsentiert mit „Contagion“ eine virtuelle Sammlung von insgesamt 2.868 Objekten zur Seuchengeschichte aus den Jahren 1450 bis 1936, wobei 1936 für einen Nachdruck zweier Werke des Pioniers der Choleraforschung John Snow (1813-1858) steht. Die Harvard Library bietet verschiedene Zugänge zu ihren digitalen bzw. digitalisierten Beständen.[3] Neben dem Zugang über das Katalogsystem HOLLIS mit eigenen Recherchesystemen für Bild- (HOLLIS images) und Archivmaterial (HOLLIS Archival Discovery) können sich Benutzerinnen und Benutzer auch über „Collections & Exhibits“ thematisch organisiert zu digitalisierten Beständen der Bibliothek führen lassen; in diese Rubrik fällt auch „Contagion“.

Unter den Objekten dominieren Drucksachen, aber mit den einschlägigen Ausschnitten der Nachlässe von Benjamin Waterhouse (1754–1846), einem der Mitbegründer der Harvard Medical School und Pionier der Pockenimpfung in den Vereinigten Staaten, sowie von Lyman Spalding (1775–1821) finden sich auch hochinteressante handschriftliche Korrespondenzen, insbesondere zum Thema Pocken und (Pocken-) Impfung. Daneben sind 220 Bilder Bestandteil der digitalen Sammlung. Sie umfassen 123 Karikaturen vor allem aus dem frühen 19. Jahrhundert sowie 91 Fotografien aus dem Jahr 1911 aus China, die im Zusammenhang mit der dritten Pest-Pandemie entstanden sind. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg liegt der chronologische Schwerpunkt der virtuellen Sammlung. Für das Jahr 1911 finden sich einschließlich der 91 Fotografien insgesamt 118 Objekte, 1909 und 1910 zusammen wiederum 101 Objekte. Dem entspricht der Schwerpunkt auf Tuberkulose, daneben sind die Cholera und die Syphilis sowie Fragen der Pockenimpfung dicht dokumentiert.

Die Kollektion lässt sich zum einen durch eine Volltextsuche, zum anderen etwas systematischer nach den 12 Kategorien Creators/Contributors, Place of Origin, Publisher, Creation Date, Language, Genre, Materials / Techniques, Subjects, Series, Places, Digital Format und Repository erschließen. Sämtliche Kategorien lassen sich in eigenen Fenstern auflisten, dabei kann entweder die Anzahl der entsprechend kategorisierten Objekte, oder das Alphabet als Sortierkriterium dienen. Schaut man sich so etwa die Liste der Herkunftsorte an, ergeben sich als häufigste Einträge „England“ (483 Einträge) und „London“ (436), es folgen „New York (State)“ (413), „Massachusetts“ (335) und „New York“ (317). Bei den Drucksachen wurden mithin die Verlagsorte ohne weitere Zuordnung statisch übernommen, sodass die Suche nach Varianten der Ortsnamenbezeichnung (Bspl. Leipzig / Lipsiae oder Londini / London / London: Sold by J. Fletcher / London printed / Londres) immer notwendig ist. Auf die Idee, Venedig unter „I“ zu suchen („Impressum Venetijs“) muss man erst einmal kommen. Für nicht aus den USA stammende Ortsnamen sind in der Regel die Staatenangaben in englischer Sprache ergänzt (Bspl. England / London oder Pest / Hungary).

Besonders schwierig ist dies bei den archivalischen Quellen, denn hier erfolgte keine Einzelblattverzeichnung, sodass die Suche eines Namens bei „Creators / Contributors“ auf ein oder mehrere Briefkonvolute verweist, in denen die gesuchte Person ggf. nur in einem Stück als Korrespondent tatsächlich erscheint. So z. B. mit der Einschränkung auf „Jenner, Edward“, die eine Trefferliste mit 28 Dokumenten erzeugt, darunter zwar einen Brief von Thomas Jefferson an Benjamin Waterhouse, allerdings nur einen Brief von Jenner an Lyman Spalding sowie eine Abschrift eines Briefes von Jenner an Benjamin Waterhouse.

Die Harvard Digital Collection Contagion ist insofern für die konzise historische Recherche sicherlich keine ausschließliche oder hinreichende Quelle. Sie bietet aber, und das ist das große Verdienst der Sammlung, einen hochinteressanten ersten Anlaufpunkt. Die Möglichkeit zu stöbern und auf diesem Wege gerade auf solches Material zu stoßen, nach dem gerade nicht gesucht wurde, ist für die Forschung allemal enorm anregend.

Anmerkungen:
[1]https://pest-ausstellung.lwl.org/de/ (25.02.2020)
[2] Stefan Leenen, Alexander Berner, Sandra Maus, Doreen Mölders (Hg.): Pest! Eine Spurensuche, Darmstadt: wbg Theiss 2019 (Ausstellung LWL-Museum für Archäologie, Westfälisches Landesmuseum Herne 20. September 2019 - 10. Mai 2020).
[3] Vgl. https://library.harvard.edu/ (24.02.2020).

Zitation
Fritz Dross: Rezension zu: Contagion. Historical Views of Diseases and Epidemics, in: H-Soz-Kult, 29.02.2020, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-193>.