Titel
Scripta Paedagogica Online - SPO (Retrospektive Digitalisierung).


Rezensiert für H-Soz-Kult von
Edith Glaser

Mit ”Scripta Paedagogica Online (SPO)” eröffnen sich neue Perspektiven für historisch arbeitende ErziehungswissenschaftlerInnen: Nicht mehr wochenlang bei künstlichem Licht in den Lesesälen unter den kritischen Augen von Bibliothekaren alte Zeitschriften durcharbeiten, aus mehreren Bibliotheken die verschiedenen Jahrgänge einer Zeitschrift über Fernleihe bestellen, um dann nur teure Mikrofilme zu bekommen, die an veralteten Lesegeräten mit schlechter Bildauflösung gelesen werden müssen und von denen Kopien der einzelnen Artikel erst nach wochenlangen Wartezeiten gegen relativ hohe Gebühren zu bekommen sind. Stattdessen mit dem Notebook auf einer umbrischen Frattoria im Schatten einer Kastanie sitzen und dabei die zwischen 1852 und 1914 erschienenen 62 Bände der ”Allgemeinen deutschen Lehrerzeitung” bezüglich der Professionalisierung des Lehrberufs durcharbeiten. Stößt man auf erklärungsbedürftige pädagogische Sachverhalte, können diese im Reinschen ”Enzyklopädischen Handbuch der Pädagogik” oder in der Schmidschen ”Enzyklopädie des gesammten Erziehungs- und Unterrichtswesens” nachgeschlagen werden. Voraussetzung für diese Arbeitsform ist lediglich ein Internetzugang und eine Stromversorgung für das Notebook.

Es ist die Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung (BBF), eine in Berlin ansässige Abteilung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF), die mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft nun schon im zweiten Projektabschnitt an der Umsetzung dieser sonnigen Perspektiven für ErziehungshistorikerInnen arbeitet. In Berlin wird seit vier Jahren ein digitales Textarchiv zur deutschsprachigen Bildungsgeschichte aufgebaut. Dass gerade diese Institution sich zu dem Vorhaben entschlossen hat, ist vermutlich auf die Geschichte und den Stellenwert der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung zurückzuführen.

Neben der Comenius-Bibliothek in Leipzig war das Deutsche Schulmuseum in Berlin im 19. Jahrhundert der Ort, wo die Lehrervereine für ihre Mitglieder pädagogische Literatur sammelten. Nach einer wechselvollen Geschichte ist heute daraus die zweitgrößte pädagogische Spezialbibliothek in Europa mit über 700 000 Bänden geworden, die die Bestandspflege in den letzten Jahren intensivierte. Aus diesem Fundus von pädagogischen Zeitschriften, Zeitungen, Kalendern Schulprogrammen, Jahresberichten, Intelligenzblättern, Gesetzessammlungen, Lehrbüchern und Monographien schöpft nun das Projekt ”Scripta Paedagogica Online”.

Für vorläufig drei Projektphasen, wovon die zweite mittlerweile kurz vor dem Abschluss steht, wurden über 100 pädagogische Zeitschriften und Nachschlagewerke aus den Jahren 1760 bis 1914 bzw. bis 1945 ausgewählt, digitalisiert und für die Internetnutzung aufbereitet. Ausgesucht wurden hierfür – so der Leiter der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung, Christian Ritzi, im Internetportal – ”gedruckte Texte, die besonders geeignet sind, die Dynamik des pädagogischen Wissens in ihrer Zeit wiederzugeben”. Bei der Auswahl der Zeitschriften und Nachschlagewerke folgten die Bibliotheksleitung und der Beirat zum einen den Auflagen des Geldgebers, der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Danach sollen nur jene schwer zugänglichen und häufig genutzten Bestände in elektronischer Form aufbereitet werden, die einen zentralen Stellenwert für die Disziplin haben. Zum anderen berücksichtigte man die Empfehlungen von BibliothekarInnen und FachwissenschaftlerInnen. Heraus gekommen ist dabei ein z.Zt. 91 Titel umfassendes Angebot an pädagogischen Zeitschriften aus dem Jahren 1766 (”Magazin für Schulen und die Erziehung überhaupt”) bis 1944 (”Zeitschrift für Kinderforschung”, 50. Jg.). Dass die verschiedenen Beilagen einzelner Zeitschriften separat mit der jeweiligen Laufzeit ausgewiesen sind, ist besonders hervorzuheben, da dieser Service die Suche wesentlich erleichtert. Hinzu kommen noch aktuell 15 Nachschlagewerke, die von Gottfried Immanuel Wenzels ”Pädagogische Encyclopädie, worin das Nöthigste, was Väter, Mütter, Erzieher, Hebammen, Ammen und Wärterinnen, sowohl in Ansehung der körperlichen Erziehung, als in Rücksicht der moralischen Bildung der Kinder, von der Geburtstunde an bis zum erwachsenen Alter, wissen und beobachten sollen” aus dem Jahr 1797 bis zum ”Lexikon der Pädagogik der Gegenwart”, welches 1932 erschienen ist, reichen. Dass diese digitale Bibliothek noch im Aufbau ist und ständig aktualisiert wird, darauf verweisen Markierungen der neu eingestellten Literatur.

Erschlossen werden die digitalisierten Bestände auf zwei Arten. Der sequentielle Zugang ist der virtuelle Gang zum Regal, in dem die Zeitschrift lagert, die Suche nach dem entsprechenden Band und die Durchsicht des Inhaltsverzeichnisses. Der Registerzugang ist vergleichbar mit der vereinfachten Suchmaske im Online-Katalog der Deutschen Bücherei. Hier kann über Autorennamen, über Titelstichworten und nach dem genauen Titel gesucht werden, wobei auch eine Verknüpfung der beiden ersten Suchfunktionen zur Präzisierung des Suchauftrags möglich ist. Suchfunktionen, die die Texte nach Personen, Orten oder pädagogischen Begriffen durchforsten, sind nicht möglich. Hier setzte die Texterfassung Grenzen. Die einzelnen Beiträge in den Zeitschriften und die Artikel in den Nachschlagewerken wurden nicht als Textdateien, sondern als Bilder digitalisiert. Die über die unterschiedlichen Suchfunktionen gefundenen Artikel können dann online gelesen, ausgedruckt oder in andere Textverarbeitungsprogramme überführt werden, wobei der Ausdruck und die Weiterverarbeitung mit einem Textverarbeitungsprogramm nicht immer funktioniert. Herkömmliche Papierkopien zu bestellen ist auf elektronischem Weg und gegen Kostenerstattung auch möglich. Neben den Zeitschriften-Altbeständen und den Nachschlagewerken werden in einer weiteren Unterabteilung von ”Scripta Paedagogica Online” die ”Mitteilungen des Freundeskreises der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung e.V.“ (seit 2000) und der ”Rundbrief der Sektion Historische Bildungsforschung in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft” (seit 1995) als Textdateien zur Verfügung gestellt. Die Recherchemöglichkeiten in diesem Bereich sind aufgrund der technischen Aufbereitung so umfangreich wie in einem Textverarbeitungsprogramm. Im Aufbau befindlich sind darüber hinaus noch die Bereiche ”Schulprogramme” und "Lehrerverzeichnisse und Daten von Lehrerinnen und Lehrer”. Über deren Gebrauchswert lässt sich zurzeit aufgrund der geringen zur Verfügung gestellten Datenmenge und des sequentiellen Zugangs noch nichts sagen.

Das digitale Textarchiv ”Scripta Paedagogica Online” kann aus unterschiedlichen Perspektiven bewertet werden. Aus bibliothekarischer Sicht ist es nur zu befürworten, dass über die Online-Aufbereitung die alten Bestände vor weiteren Beschädigungen durch unsachgemäße Behandlung bei häufiger Lektüre bewahrt werden. Aus der Sicht einer Benutzerin bietet dieses elektronische Angebot einen raschen Zugriff auf pädagogische Zeitschriften und Nachschlagewerke, unabhängig von den Öffnungszeiten der Bibliotheken. Für eine systematische Durcharbeitung einzelner Zeitschriften ist die Erschließung über die Inhaltsverzeichnisse ein praktikabler Weg. Die Autorensuchfunktion bietet, wenn der Name des Verfassers bekannt ist, eine schnelle Zugriffsmöglichkeit auf seine Beiträge, und stellt im Vergleich zur gedruckten Ausgabe, der kein Gesamtregister beigegeben ist, eine wesentliche Erleichterung dar. Dies trifft auch zu, wenn ich nur einen Zeitschriftentitel kenne ohne weitere bibliographische Angaben. Die Suche über Titelstichworte setzt –im Gegensatz zu von BibliothekarInnen vergebenen Schlagworten - bei historischen Werken immer Wissen um Bedeutung und Bedeutungsverschiebung, Wissen über den pädagogischen Kontext voraus. Daher ist dieses Angebot eher für ausgewiesene Fachleute als für den neugierigen Laien. Eine wesentliche Zeit- und Kostenersparnis bietet dieses Online-Angebot bezüglich der sonst üblichen Fernleihen und Mikrofilme. Aber um diese traditionellen Literaturbeschaffungsmaßnahmen kommt man auch nicht umhin, weil – trotz des weltweit größten Bestandes an deutschsprachigen pädagogischen Zeitschriften – die für Scripta Paedagogica Online digitalisierten Zeitschriften nicht immer mit allen Jahrgängen erfasst worden sind. Ob dies aus Bestandslücken in der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung oder noch nicht abgeschlossenen Digitalisierungsarbeiten resultiert, darüber werden in der Bestandsübersicht keine Angaben gemacht. Ebenso fehlt in diesem Zusammenhang der Hinweis auf die Vorgänger-Zeitschrift bzw. auf das Nachfolgeorgan. Außerdem vermisse ich in diesem Zusammenhang einen Hinweis oder einen Link auf die Zeitschriftendatenbank. Denn dort könnten die fehlenden Jahrgänge gleich bibliographiert werden.

Aus der Sicht einer historisch arbeitenden Erziehungswissenschaftlerin macht die Auswahl der Zeitschriften und Nachschlagewerke skeptisch. Die allgemein gehaltenen Auswahlkriterien der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Hinweis auf Empfehlungen der BibliothekarInnen und FachwissenschaftlerInnen werden leider nicht weiter konkretisiert. So ist es für mich beispielsweise nicht nachvollziehbar, warum nur die 2. Auflage der von Wilhelm Rein herausgegebenen Enzyklopädie digitalisiert wurde und nicht auch die 1. Auflage. Bei der Zeitschriftenauswahl wurden – um nur ein Beispiel anzuführen - die ”Zeitschrift für Kinderforschung” und die ”Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde”, aber nicht die ”Vierteljahresschrift/Zeitschrift für Jugendkunde” berücksichtigt. Die Berücksichtigung von Zeitschriften aus dem Spektrum der Reformpädagogik wirkt eher beliebig als systematisch.

Auch wenn die hier kritisierte Zeitschriftenauswahl in der dritten Projektphase vielleicht ausgeglichen werden wird, so muss doch in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam gemacht werden, wie auch über die Auswahl für digitalisierte Textarchive pädagogische Traditionsbildung und eine indirekte Forschungssteuerung betrieben werden kann. Und die eingangs skizzierten sonnigen Perspektiven für ErziehungshistorikerInnen und historisch arbeitende Studierende haben - auch wenn die Nutzung von „Scripta Paedagogica Online“ und der Suchfunktionen kostenfrei ist − finanzielle und technische Grenzen, nämlich dort, wo der Einzelne die Kosten für den Internetzugang, den PC und die Software nicht aufbringen kann oder wo ein phasenweise überlasteter Provider den Zugriff verweigert.

Zitation
Edith Glaser: Rezension zu: Scripta Paedagogica Online - SPO (Retrospektive Digitalisierung), in: H-Soz-Kult, 03.12.2004, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-66>.
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Veröffentlicht am
03.12.2004
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