Politisch Verfolgte in Hamburg 1933-1945

Titel
Politisch Verfolgte in Hamburg 1933-1945.


Hrsg. v.
[Projektleitung] Martens, Holger; [Konzept/Redaktion] Vogt, Christian; [Grafik/Konzept/Programmierung] Fiedler, Sebastian
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Johannes Zechner, Berlin

Der biographische Zugang erfreut sich auch in der geschichtswissenschaftlichen Forschung zum Themenfeld Gegner und Verfolgte des Nationalsozialismus zunehmender Popularität. In der Anfangszeit der Widerstandsgeschichtsschreibung nach 1945 dominierten noch die in der Tradition der älteren Biographik stehenden Darstellungen zu Leben und Wirken ‚großer Männer’ des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus. Unter entgegengesetzten ideologischen Vorzeichen finden sich daher latent hagiographische Tendenzen in den frühen Biographien sowohl Ernst Thälmanns als auch Claus Schenk Graf von Stauffenbergs.[1] Mit der allmählichen Erweiterung des zuerst auf die KPD bzw. auf den 20. Juli 1944 verengten Widerstandsbegriffes kamen dann auch neue Gruppen von Gegnern des Nationalsozialismus ins Blickfeld der Forschung. Daneben suchten gruppenbiographische und ideologiegeschichtliche Studien, die Spielräume widerständiger Individuen im Spannungsfeld sozialer Prägungen wie intellektueller Einflüsse zu bestimmen.[2] Die zum 50. Jahrestag des 20. Juli 1944 erschienenen, inzwischen zu unverzichtbaren Hilfsmitteln avancierten Lexika zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus boten Basisbiographien zu den Mitgliedern einer Vielzahl widerständiger Gruppen.[3] Umfangreiche biographische Angaben zu bis dato weniger bekannten Gegnern und Verfolgten des Nationalsozialismus lieferten auch die in den letzten Jahren erschienenen Darstellungen mit regionalgeschichtlichem Fokus.[4] Die Vorteile einer virtuellen Präsentation schließlich zeigten sich im Internetauftritt der Berliner Gedenkstätte Deutscher Widerstand, wo knapp 200 Biographien samt Photographien und Literaturhinweisen zu Gegnern des NS-Regimes aus allen politischen und weltanschaulichen Richtungen online abgerufen werden können.[5]

Das hier anzuzeigende Multimedia-Personenlexikon „Politisch Verfolgte in Hamburg 1933-1945“ entstand in den letzten zwei Jahren als Projekt der Arbeitsstelle für Hamburgische Geschichte am Historischen Seminar der Universität Hamburg unter aktiver Mitwirkung von Studierenden. Von der schnell erfassbaren Startseite gelangt man wahlweise zu den Menüpunkten ‚Biographien’ oder ‚Glossar’, wo die Recherche mittels Schlagworten oder entlang des Alphabets möglich ist. Die in deutscher Sprache verfassten Biographien und Glossareinträge sind insgesamt übersichtlich aufgebaut, allerdings fehlen die sich im Medium Internet eigentlich anbietenden Funktionen für Download oder Druck. Ingesamt dominiert eine dem Thema angemessene, textorientierte und schlichte Gestaltung ohne überflüssige multimediale Applikationen. Leider haben es die Herausgeber versäumt, zumindest auf der Startseite auf die inhaltlichen Kriterien bei der Auswahl der porträtierten Personen einzugehen. Ebenso fehlt ein eigentlich wünschenswerter Einführungstext zur politischen Geschichte Hamburgs während der NS-Zeit mit Schwerpunkt auf der Verfolgung von politischen Gegnern.

Die fünfzig anwählbaren Biographien geben zu Beginn Auskunft über Lebensdaten, Zugehörigkeit zu politischen Parteien oder Organisationen sowie zu dem Hamburger Stadtteil, in dem die Porträtierten lebten oder politisch aktiv waren. Soweit verfügbar können auch zusätzliche Dokumente, Audiodateien mit Interviews sowie Quellenangaben und weiterführende Literatur abgerufen werden. Allerdings gibt es zu den Photos und Dokumenten weder Objektköpfe noch Mouse-Overs, so daß der Internetnutzer sich Datierung und Inhalt weitgehend selbst erschließen muß. Auch sind unverständlicherweise manche der weiterführenden Hinweise auf Internetquellen nicht verlinkt worden, womit einer der wesentlichen Vorzüge von Internetpräsentationen ungenutzt bleibt. Die teilweise sehr ausführlichen Lebensläufe schildern im Folgenden politische Tätigkeit und staatliche Verfolgung der Portraitierten, die ganz überwiegend aus dem Umfeld der Hamburger Arbeiterbewegung stammen. Bis auf wenige Ausnahmen wie etwa den Kommunisten Bernhard Bästlein oder den Liberalen Hans Robinsohn sind die hier porträtierten Personen in den einschlägigen biographischen Lexika bisher nicht vertreten, so dass deren erstmalige Würdigung ohne Zweifel eine Leistung dieser Homepage darstellt.

Das umfängliche Glossar kann durch die Schlagwortsuche oder Verlinkungen in den Biographien erreicht werden und enthält vierzig Stichworte von ‚Aktion Gewitter’ bis ‚Wiedergutmachung’. Neben den wichtigsten Begriffen zum NS-Verfolgungsapparat wie etwa ‚Volksgerichtshof’ sind es vor allem Lemmata zu den politischen Gruppen und Organisationen, denen die Porträtierten angehörten. Besonders interessant fallen die Beiträge mit explizit regionalgeschichtlichem Bezug aus, etwa zum Hamburger ‚Konzentrationslager/ Polizeigefängnis Fuhlsbüttel’ oder zur ‚Hamburger Nebengruppe der Weißen Rose’. Bei weiteren Schlagworten ist aber deren Aufnahme nicht so recht nachvollziehbar: Welchen Bezug zum Thema der politischen Verfolgung in Hamburg während der NS-Herrschaft soll beispielsweise das ‚Godesberger Programm’ der SPD von 1959 haben? Auch sind einige der Glossarstichworte offensichtlich nicht auf den Kontext der Homepage zugeschnitten, wenn sich etwa unter dem Lemma ‚KPD’ von insgesamt fünfundsiebzig Zeilen zur Parteigeschichte ganze fünf den hier besonders interessierenden Jahren ab 1933 widmen.

Die Homepage „Politisch Verfolgte in Hamburg 1933-1945“ erleichtert durch ihre Textorientierung und den Verzicht auf technische Spielereien auch internet-ungeübten Nutzern einen ersten Einstieg in die Thematik. Durch die teils ausführlichen Biographien und Angaben zu weiterführender Literatur kann die Seite auch zum empfehlenswerten Ausgangspunkt historischer Recherche insbesondere für Schüler und Studierende werden. Gerade der gewählte Zugang über individuelle Lebensläufe und die regionalgeschichtliche Perspektive vermag es darüber hinaus, dem oft abstrakten Thema der politischen Verfolgung durch den NS-Herrschaftsapparat ein persönliches Gesicht zu geben.

Anmerkungen:
[1] vgl. paradigmatisch Willi Bredel: ErnstThälmann. Ein Beitrag zu einem politischen Lebensbild. Mit einem Vorwort von Wilhelm Pieck, Berlin 1948; Joachim Kramarz: Claus Graf Stauffenberg.15. November 1907 - 20. Juli 1944. Das Leben eines Offiziers, Frankfurt am Main 1965.
[2] vgl. als Gruppenbiographie Detlef von Schwerin: Die Jungen des 20. Juli 1944. Brücklmeier, Kessel, Schulenburg, Schwerin, Wussow, York, Berlin 1991; als ideologiegeschichtlich orientierte Biographie etwa Ulrich Heinemann: Ein konservativer Rebell. Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg und der 20. Juli 1944, Berlin 1990.
[3] Peter Steinbach/Johannes Tuchel (Hg.): Lexikon des Widerstandes 1933-1945, München 1994; Wolfgang Benz/ Walter H. Pehle (Hg.): Lexikon des deutschen Widerstandes, Frankfurt am Main 1994.
[4] vgl. als regionalgeschichtliche Darstellungen z.B. Karl Heinz Jahnke: Gegen Hitler: Gegner und Verfolgte des NS-Regimes in Mecklenburg 1933-1945, 2. erweiterte Auflage, Rostock 2000; Ernst Schmidt: Lichter in der Finsternis. Gegner und Verfolgte des Nationalsozialismus in Essen, Essen 2003; sowie umfassend Hans-Joachim Fieber (Hg.): Widerstand in Berlin gegen das NS-Regime 1933 bis 1945. Ein biographisches Lexikon, 8 Bände, Berlin 2002-2004.
[5] vgl. http://www.gdw-berlin.de

Zitation
Johannes Zechner: Rezension zu: Politisch Verfolgte in Hamburg 1933-1945, in: H-Soz-Kult, 20.05.2005, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-87>.
Redaktion
Veröffentlicht am
20.05.2005
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