Sammelrezension: Sammelrez: Holocaust-Mahnmal

[Redaktion] Jändl, Elisabeth; Neu, Doris; Frowein, Nicola <redaktion.heuteonline@zdf.de> (Hrsg.): Holocaust-Mahnmal - Gedächtnis aus Stein. : Zweites Deutsches Fernsehen (ZDF): Mainz, DE <http://www.zdf.de> Url: http://www.zdf.de/ZDFxt/module/holocaust/

Bundesministerium des Innern, Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Referat K 41: Bonn, DE (Hrsg.): Denkmal für die ermordeten Juden Europas. : Bundesministerium des Innern, Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Referat K 41: Bonn, DE Url: http://www.holocaust-mahnmal.de/

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Claudia Bade, Berlin

Das Internet dient häufig als Mittel zur publikumswirksamen Verbreitung von Informationen, und so ist es kaum verwunderlich, wenn auch aktuelle Themen wie Erinnerung und Gedächtnis gerade in diesem Medium präsent sind. Das Berliner Denkmal für die ermordeten Juden Europas ruft daher offensichtlich nicht nur die traditionelle Publizistik auf den Plan,[1] sondern wird auch verstärkt von Online-Redaktionen und Webdesignern als Präsentationsobjekt multimedialer und internetgerechter Elemente genutzt. Zwei dieser Internetauftritte sind in den letzten Monaten mit Preisen für online präsentierte Medien ausgezeichnet worden. Vor wenigen Wochen wurde die Website „Holocaust-Mahnmal – Gedächtnis aus Stein“ der ZDF- und heute-online-Redaktion mit dem jährlich verliehenen Grimme Online Award in der Kategorie „Wissen und Bildung“ prämiert, einem Preis für Angebote des Online-Journalismus. Auch die Site der „Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ ist bereits ausgezeichnet worden: Für ihre barrierefreie Gestaltung bekam die Website im Dezember 2004 den silbernen „Biene-Award“ der Aktion Mensch für barrierefreies Internet in der Kategorie „Kultur und Gesellschaft“. Auch dieser Preis wird jährlich vergeben. Prämiert wird die Zugänglichkeit einer Web-Präsentation auch für Menschen mit Behinderungen.[2]

Den beiden Websites liegen unterschiedliche Konzeptionen zugrunde. Während die Website der Stiftung vor allem als Selbstpräsentation und zur Information der Besucher gedacht ist, also einen eher sachlichen Zugang ermöglichen soll, ist das Web-Special der „heute.de“-Redaktion eine Multimedia-Präsentation, die den Nutzern einen „emotionalen und erfahrbaren Zugang“ zum Mahnmal bieten möchte.[3] Zugleich erfährt man aber auch etwas zur Geschichte und Bedeutung der Architektur, des Mahnmals selbst sowie über das Erinnern und Gedenken in Deutschland. Die Präsentation enthält kurze Einführungen zum Denkmal und seiner Architektur, Videobeiträge von unterschiedlicher Länge, die Befürworter und Kritiker des Mahnmals zu Wort kommen lassen, sowie Audiodateien und Fotos. Die meisten Videofilme sind bereits ausgestrahlte Fernsehbeiträge, größtenteils aus der „heute“-Redaktion, aber auch aus anderen ZDF-Sendungen. Die Site der Stiftung hingegen ist ein klassischer Webauftritt – wobei allerdings multimediale Elemente, abgesehen von vielen Fotos, ganz fehlen. Inhaltlich wird vor allem auf die Architektur und die Stelen sowie den Ort der Information eingegangen. Zudem können die User sich über die Geschichte des Ortes, die Mahnmaldebatte sowie über den Besucherservice informieren.[4] Eine kritische inhaltliche und künstlerische Auseinandersetzung mit dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas findet jedoch nicht statt.[5]

Wer in die Site „Gedächtnis aus Stein“ einsteigt, kann sich zunächst zwischen einer Modem/ISDN- und einer DSL-Version entscheiden, die sich vor allem durch den stärkeren Einsatz von Flash-Animationen unterscheiden. Modem-Besitzer können die Site allerdings im Grunde nicht mit Gewinn benutzen, da die Ladezeiten zu lang sind und die Videos leider nicht vollständig übertragen werden. Bei beiden Versionen kann eine kurze Präsentation von Bildern und O-Tönen aus der NS-Zeit und aus dem Frankfurter Auschwitz-Prozess oder der Einstieg in den eigentlichen Informationsbereich angewählt werden. Die Startseite zeigt ein computeranimiertes Bild aus der Mitte des Stelenfeldes, sodass man als Nutzer das Gefühl hat, mitten in dem Feld zu stehen. Es zeigt aber auch, wie stark die Macher der Site Eisenmans Architektur und der Ästhetik des Stelenfeldes folgen. Das Webdesign insgesamt ist recht auffällig, aber durchaus ansprechend und die Technik beeindruckend. Die fünf Haupt-Menüpunkte können direkt angesteuert werden, wobei es kaum interne oder externe Links gibt. Eine Suchfunktion innerhalb der Site existiert nicht, ebenso wenig eine Sitemap oder Funktionen zum Herunterladen oder Drucken einzelner Dateien. Das Webspecial ist demnach nicht dafür gedacht, nach Informationen zu suchen. Offenbar soll man der Navigation eher intuitiv folgen. Aufgrund der knappen Texte findet man sich auch schnell zurecht. Inhaltlich ist die Navigation aber nicht immer stimmig, was die Vermutung nahe legt, dass nicht nur die Besucher der Website intuitiv surfen sollen, sondern auch die Macher eher intuitiv vorgegangen sind. So bleibt beispielsweise unverständlich, warum die recht kritischen Äußerungen von Salomon Korn zum Denkmal in der Rubrik Architektur eingeordnet sind und nicht etwa unter dem Menüpunkt „Debatte“.
Zudem wird nach einiger Zeit die Klaviermusik im Hintergrund schwer erträglich – ebenso, wie die virtuellen Kamerafahrten durch und über das Stelenfeld, die zumindest bei der DSL-Version nicht zu umgehen sind. Letztlich bleibt das natürlich Geschmackssache, aber der Verdacht liegt doch nahe, die Grimme-Jury habe diese Web-Präsentation lediglich aufgrund der vielen Flash-Animationen prämiert. So heißt es auch in der Begründung: „Das Special (…) nutzt gezielt die multimedialen Möglichkeiten des Mediums Internet. Neben diesen gestalterischen Aspekten spielt auch der sinnvolle Einsatz neuester Flash-Technologien eine wichtige Rolle.“[6]

Inhaltlich hat das ZDF-Special weit weniger zu bieten. Das ist etwas bedauerlich, denn da es sich dabei um eine journalistische Site handelt, sollte ein solches Webspecial ja auch informieren. Es wird nicht ganz klar, an welche Zielgruppe es sich richtet, aber angesprochen werden in jedem Fall Menschen mit Interesse an technischen Spielereien. Man erfährt zwar auch etwas über die Architektur und die Entstehungsgeschichte des Mahnmals, vor allem durch die Videoausschnitte. Dies wird auch halbwegs ausgewogen dargestellt. Da es sich aber lediglich um „Informationshäppchen“ handelt, gelingt es nicht wirklich, ein komplettes Bild über die Debatte selbst und ihre Dimension für die „Erinnerungskultur“ zu gewinnen. Auch wer Informationen über den Holocaust sucht, ist hier falsch aufgehoben. Zwar werden die wichtigsten „Eckdaten“ der nationalsozialistischen Judenverfolgung aufgeführt, aber auch das noch wesentlich knapper als im „Ort der Information“ auf dem Gelände des Mahnmals. Grundsätzlich ist zudem zu bemängeln, dass die Quellenangaben der einzelnen Filmbeiträge äußerst rudimentär sind. Lediglich die „heute“-Beiträge sind mit Quellenangaben und Sendedatum versehen. Auch fehlen Angaben darüber, wie umfangreich die Video- und Audiodateien bzw. wie lang die Abspielzeiten sind. Besonders auffällig wird der Mangel an Information beim letzten Menüpunkt „Das Gedenken“. Unter „Erinnern in Deutschland“ und „Mahnmale weltweit“ sind Fotos aus verschiedenen KZ-Gedenkstätten mit sehr knappen Informationen zu dem jeweiligen Lager zu finden; Kontaktmöglichkeiten wie Adressen oder Ansprechpartner fehlen allerdings.

Die Website der „Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ ist hingegen was Webdesign und Technik angeht recht schlicht gehalten. Schwarz und weiß sind die dominierenden Farben, die Navigation und das Logo der Stiftung verwenden die Signalfarbe rot. Die Site ist wohl zu Recht für ihre Barrierefreiheit ausgezeichnet worden: Sie ist frei von Frames, und alle Links, Navigationselemente sowie Bilder sind mit einem Alternativtext unterlegt. Es liegen Zusammenfassungen der Inhalte der Site in „einfacher Sprache“ und auf einem Video in Gebärdensprache vor. In der Rubrik „Kontrast“ kann man das Erscheinungsbild der Site verändern, indem beispielsweise auf eine größere Schrift oder auf schwarz-gelbes Schriftbild umgestellt werden kann. Auch die Navigation ist vorbildlich: Die Bezeichnungen im Navigationsbereich sind selbsterklärlich und man weiß immer, an welcher Stelle der Site man sich befindet. Das wird zum einen deutlich an der Pfadangabe, zum anderen ist das jeweils angeklickte Navigationselement rot und sticht somit klar hervor. Zusätzlich verdeutlicht ein roter Balken neben den Navigationsbuttons, wo man sich befindet. Wichtige Elemente sind jederzeit und von überall aus erreichbar: unten die Druckversion einer jeden Seite und das Impressum, oben der Zugang zu den „barrierefreien“ Elementen, die Hilfe, die Suche, der Umschaltbutton für die englische Version und das Inhaltsverzeichnis. Letzteres beinhaltet sowohl eine klassische Sitemap als auch ein alphabetisches Register, was leider viel zu selten im Internet zu finden ist. Auf diese Art und Weise sind unterschiedliche Zugänge auf die verfügbaren Informationen möglich. Die interne Suchmaschine unterstützt eine Volltextsuche. Die gefundenen Ergebnisse werden in der Reihenfolge ihrer Relevanz aufgelistet, wobei nicht immer klar wird, wie die Beurteilung der Relevanz zustande kommt. Da der Suchbegriff aber bei der Ausgabe der Ergebnisse hervorgehoben wird, kann man relativ schnell den jeweiligen Text nach dem Suchwort durchkämmen, um selbst die Relevanz der Treffer zu beurteilen.

Inhaltlich werden vor allem Informationen zum „Ort der Information“ und zum Stelenfeld geboten; unter dem Menüpunkt „Besucherservice“ finden sich Hinweise zu Öffnungszeiten und dem museumspädagogischen Service, Informationen für Gruppen sowie Kontaktadressen. Die Informationen zum Stelenfeld und zur Architektur sind relativ ausführlich. Leider kommt die Geschichte der Entstehung des Denkmals dabei etwas kurz, ebenso der erste und zweite Wettbewerb mit seinen verschiedenen Entwürfen. Der Streit um den Degussa-Graffitischutz wird – im Gegensatz zum Webspecial „Gedächtnis aus Stein“ – nicht erwähnt. Relativ viel Raum nimmt naturgemäß der „Ort der Information“ ein, repräsentiert er doch den historisch-dokumentarischen Teil des Mahnmals. Sehr informativ sind daher die konzeptionellen Gedanken für diesen Komplex und die Beschreibung der einzelnen Räume. Nach dem Anschauen des ZDF-Webspecials ist man außerdem direkt dankbar, mehr als drei aufeinander folgende Sätze lesen zu können und nicht ständig Schwindel erregenden virtuellen Kamerafahrten ausgesetzt zu sein. Allerdings wäre es wünschenswert gewesen, dort, wo in der Ausstellung selber auch tatsächlich Informationen gegeben werden – beispielsweise im Raum der Familien – diese Informationen hier auf der Website auch anzuführen oder sogar weiter zu führen. Schade ist, dass die Datenbank der Namen der Gedenkstätte Yad Vashem nicht ausführlicher vorgestellt wird.[7]

Eher ärgerlich ist, wie auch schon beim ZDF-Webspecial, das angekündigte Portal der Gedenkstätten. Gibt es im „Ort der Information“ selbst auf dem Mahnmalgelände immerhin noch die Möglichkeit, sich auf (allerdings schlecht funktionierenden) Touchscreens über Gedenkstätten weltweit zu informieren, so fehlt diese Möglichkeit an dieser Stelle der Website der Stiftung fast ganz. Lediglich die Linkliste entschädigt: Hier wird man auf die größten KZ-Gedenkstätten, aber auch auf Forschungs- und Dokumentationseinrichtungen sowie Museen zum Thema in Deutschland und weltweit hingewiesen. Sicherlich ist die Linkliste nicht vollständig; es fehlen kleinere Gedenkstätten und Initiativen. Dafür finden sich auch unverständliche Links wie derjenige zur „Jewish Agency for Israel“. Eigenartig ist außerdem die Zusammenstellung der „häufigsten Fragen“. Man fragt sich unweigerlich, wie es zur Auswahl ausgerechnet dieser sechs Fragen kam – und ob es nicht noch andere Fragen gibt, die häufig gestellt werden. Die Beantwortung der ersten Frage („Warum ist das Denkmal nur den ermordeten Juden gewidmet?“) bleibt erstens unzureichend und gehört zweitens nicht an diese versteckte, sondern an eine zentralere Stelle.

Beide Websites sind eher für die Gestaltung als für den Inhalt ausgezeichnet worden. Dennoch ist vor allem die ZDF-Site inhaltlich enttäuschend, da bei einer Auszeichnung für publizistische Leistung, wie sie der Grimme Online Award darstellt, doch etwas mehr Information sowie ein kritischerer Umgang mit dem Gegenstand erwartet werden kann. Dass die Stiftung in ihrer Webpräsentation nicht unbedingt auf generelle Alternativen zum Berliner Mahnmal hinweist oder allzu kritisch damit umgeht, ist noch halbwegs verständlich. Doch eine renommierte Auszeichnung wie ein Grimme-Preis sollte doch zumindest mehr Informationen aufweisen. Dies schafft allerdings die Website „Mahnmale in Berlin“, die in einem Kapitel beispielsweise auf die „Orte des Erinnerns“ im Bayerischen Viertel in Berlin-Schöneberg eingeht, aber auch auf andere Versuche, mit dem Holocaust in künstlerischer Weise umzugehen. Doch da hier kaum internetspezifische Gestaltungselemente wie etwa Links zu finden sind, bleibt offen, ob und wie das Thema Gedächtnis und Erinnerung im Internet dargestellt werden kann – und dabei dem Medium auch wirklich gerecht wird.[8]

Anmerkungen:
[1] Vgl. die Rezension aktueller Bücher zum Thema von Christian Saehrendt, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-2-218>.
[2] Vgl. dazu <http://www.biene-award.de/award/>.
[3] Vgl. die Beschreibung auf http://www.grimme-institut.de/event/goa/de/preistraeger/preistraeger_2005/holocaust.htm (25.07.2005).
[4] Ähnlich strukturiert ist die Website des „Förderkreises Denkmal für die ermordeten Juden Europas e.V.“, die in stark verkürzter Form über den Sinn und Zweck des Denkmals sowie des Förderkreises selbst informiert. Zentral sind auf dieser Site die Informationen über die Möglichkeiten einer Spende – vor allem für den Raum der Namen. Vgl. Website des Förderkreises Denkmal für die ermordeten Juden Europas e.V., <http://www.holocaust-denkmal-berlin.de>, Herausgeber: Förderkreis Denkmal für die ermordeten Juden Europas e.V.
[5] Das leistet beispielsweise die Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst mit ihrer Website zum Thema. Vgl. Website „Mahnmale in Berlin“, <http://www.hgb-leipzig.de/mahnmal/>, Herausgeber: Prof. Dr. Dieter Daniels, Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig.
[6] Vgl. Begründung der Jury auf der Grimme Online Website, siehe Anm. 3.
[7] Es wird lediglich ein Link zu Yad Vashem gegeben: <http://www.yadvashem.org/>. Die Datenbank selbst ist unter <http://names.yadvashem.org/wps/portal/IY_HON_Entrance> zu finden.
[8] Einen Ansatz dazu bietet z.B. der Themenschwerpunkt zum Holocaust-Mahnmal: <http://www.zeitgeschichte-online.de/md=Holocaust-Mahnmal-Inhalt>.

Zitation
Claudia Bade: Rezension zu: in: H-Soz-Kult, 06.08.2005, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-95>.
Redaktion
Veröffentlicht am
06.08.2005
Beiträger
Klassifikation
Region(en)
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Sprache Publikation
Sprache Publikation