„Naturkatastrophen“ erforschen: Das Phänomen aus sozial- und kulturwissenschaftlicher Perspektive

„Naturkatastrophen“ erforschen: Das Phänomen aus sozial- und kulturwissenschaftlicher Perspektive

Organizer(s)
Kulturwissenschaftliches Institut Essen (KWI)
Location
Essen
Country
Germany
From - Until
15.06.2011 - 16.06.2011
Conf. Website
By
Gitte Cullmann / Florian Wittling, Center for Memory Research - Kulturwissenschaftliches Institut Essen

Der Klimawandel hat sich in den letzten zehn Jahren von einer kaum wahrgenommenen Bedrohung zu einem im gesellschaftlichen Diskurs allgegenwärtigen und brisanten Thema entwickelt. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler betonen, dass mit zunehmender Erderwärmung mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Häufung von Naturkatastrophen und ihrer Intensität droht. Der Workshop des Center for Interdisciplinary Memory Research (CMR) am Kulturwissenschaftlichen Institut (KWI) Essen mit dem Titel „Naturkatastrophen“ erforschen: Das Phänomen aus sozial- und kulturwissenschaftlicher Perspektive befasste sich mit diesem Wandel und den daraus resultierenden Risiken und Chancen für die betroffenen Gesellschaften. Um möglichst viele und verschiedene Perspektiven auf das Thema „Naturkatastrophen“ zu erhalten, war für den Workshop eine transdisziplinäre Zusammensetzung der Teilnehmer/innen gewählt worden.

Im Zentrum der Diskussionen und vorgestellten Arbeiten stand vor allem die Erforschung sozialer, kultureller und historischer Faktoren, die handlungsrelevant für Gesellschaften in Bezug auf klimabezogene Extremereignisse sind. Dies resultierte daraus, dass der menschliche und gesellschaftliche Aspekt bislang nicht genügend Raum in der Katastrophenforschung eingenommen hat.

Nach den einführenden Worten des wissenschaftlichen Geschäftsführers des CMR, Christian Gudehus, sowie des Projektkoordinators Franz Mauelshagen stellte sich die gastgebende Projektgruppe „Katastrophenerinnerung“, bestehend aus MAIKE BÖCKER, INGO HALTERMANN, GITTE CULLMANN und ELEONORA ROHLAND (alle Essen) vor. Sie erläuterten, dass es in dem Projekt der Katastrophenerinnerung vor allem um den Umgang von Gesellschaften mit Naturkatastrophen und deren soziale Konsequenzen geht. Dabei spielen die Erinnerung an und die Wahrnehmung/Deutung von Naturkatastrophen eine zentrale Rolle. Die Untersuchungen der Doktorandinnen und des Doktoranden des Projekts Katastrophenerinnerung wurden in vier Ländern durchgeführt und die einzelnen Forschungsarbeiten wurden jeweils kurz vorgestellt. Neben der Bundesrepublik Deutschland (Maike Böcker) zählen Ghana (Ingo Haltermann), Chile (Gitte Cullmann) und die USA (Eleonora Rohland) zu den untersuchten Kulturkreisen.

In den Vorträgen von OSKAR MARG (Bremen) und NICOLE KRONENBERG (Göttingen) standen die Betroffenen von (Flut-)Katastrophen und ihre Erfahrungen, Erinnerungen und Erwartungen an den Staat, im Zentrum. Durch den systematischen Rückzug des Staates aus der Hochwasser-Prävention stellte sich für Oskar Marg die Frage, wie resilient die betroffenen Teile der deutschen Gesellschaft sind und ob sich die Menschen überhaupt in der Lage sehen, adäquat auf Katastrophen reagieren zu können. Von besonderem Interesse war ihm bei seiner Forschung die Sicht der Betroffenen auf den gesellschaftlichen Trend zu mehr Eigenverantwortung, die Risikowahrnehmung der Betroffenen und deren Eigenvorsorge.

Nicole Kronenberg sah in ihrem Vortrag über Vietnam ein großes Konfliktpotential zwischen dem Bürger/der Bürgerin und dem Staat. Die Menschen im Mekong-Delta nähmen die Fluten als Teil ihres Lebens und ihrer Arbeit wahr, da die Hochwasser wichtige Nährstoffe für die landwirtschaftlich genutzten Böden mit sich führten. Das Sprichwort „Shaking hands with the floods“ bezeichne am Besten den Umgang der Lokalbevölkerung mit der Flut. Der vietnamesische Staat hingegen sei an einer massiven Eindämmung der Fluten interessiert, da er diese als negativen Faktor für die Wahrung seiner ökonomischen Interessen ansehe. Dadurch entstünden Konflikte, die allerdings in den letzten Jahren etwas an Sprengkraft verloren hätten. Kronenberg zeigte, dass sich die Strategie der Regierung weg vom Versuch des absoluten Schutzes ohne Partizipation der Anwohner, hin zu einer Flutvermeidungsstrategie, bei der auch die Menschen im Mekong-Delta mit einbezogen werden, wandle.

Die journalistischen und künstlerischen Perspektiven auf Naturkatastrophen wurden von ULRIKE HEINE (Gießen), STEFANIE TRÜMPER (Hamburg) und FRAUKE PAECH (Hamburg) präsentiert. In diesen drei Beiträgen ging es um die mediale Übermittlung von Naturkatastrophen bzw. dem Klimawandel. Bilder, ob in Form von Fotographie oder Film, besitzen eine große Wirkung, so die Vortragenden, da sie die Beobachter, trotz geographischer und/oder zeitlicher Distanz, an dem Geschehen partizipieren lassen:

Die forschungsleitende Frage von Ulrike Heine bezog sich auf den theoretischen Zusammenhang zwischen den Eigenschaften des Bildmediums Fotografie und der Konstitution von Erinnerung. Dabei wurde vor allem auch die Wahrnehmungslücke zwischen der Bebilderung und dem Handeln in den Vordergrund gestellt. Die Bebilderung dient der medialen Übermittlung von Katastrophen, wie zum Beispiel Tschernobyl. Als Beispiel hierfür lieferte Ulrike Heine Bilder von Igor Kostin, die die einzigen Aufnahmen von der Kernschmelze zeigen. Sie gelten heute als Ikone der atomaren Gefahr. Ikonen dienen den Menschen als „visuelle Schlagwörter“, mit denen eine Kette von Erinnerungen und Erfahrungen verbunden ist. Darüber hinaus legte sie den Fokus auf eine Auswahl von Bildmaterial über den Klimawandel, bei denen konkrete Katastrophenerinnerungen aktualisiert und mit Katastrophenvisionen in einen narrativen Zusammenhang gebracht werden.

Die Forschungsinhalte von Frauke Paech bezogen sich auf die Sturmflut von 1962 in Hamburg. In ihrem Betrag zeigte sie Ausschnitte aus ihrem Dokumentarfilm „Flut 1962 - Erinnern. Gedenken. Erzählen.“ Sie ging der Frage nach, inwieweit die Sturmflut noch heute das Leben der damals betroffenen Menschen beeinflusst, wie sich daran erinnert wird und welche biographische Bedeutung dieses Ereignis hat. Das Erinnern wurde in diesem Zusammenhang innerhalb der individuellen Lebensgeschichte interpretiert. Es wurde deutlich, dass die Flut als biographischer Ankerpunkt gesehen wird und somit eine zentrale Rolle in der Familiengeschichte spielt. Die Ikonen der Sturmflut für die Betroffenen sind vor allem Fotos, die den Erinnerungsrahmen bilden. Neben biographischen Merkmalen lag ein weiterer Schwerpunkt von Paech vor allem auf der Theorie des kollektiven Erinnerns, welches durch den sozialen Prozess der Vergemeinschaftung aufgegriffen und analysiert wurde.

Stefanie Trümper beleuchtete in ihrem Vortrag die Frage, welche diskursiven Verbindungen im regionalen Kontext zwischen historischen Naturkatastrophen und der heutigen Berichterstattung über Naturkatastrophen und den Klimawandel existieren. Ihre komparative Studie zu Medieninhalten, journalistischen Praktiken und Deutungsmustern stellte sie in den Kontext der beiden Sturmfluten 1953 in Holland und 1962 in Hamburg. In der Folge beider Katastrophen wurden groß angelegte technische Anpassungsmaßnahmen vorgenommen, die das Sicherheitsgefühl der Anwohner bis heute prägten. Dies stehe jedoch im zunehmenden Widerspruch zu den Bedrohungen durch den Klimawandel, was einen Diskurs über adaptive und mitigative Maßnahmen nach sich ziehe. Dieser Diskurs wurde durch die Erinnerung an die zurückliegenden Katastrophen geprägt, beeinflusst zum anderen aber auch den journalistischen Umgang mit der Erinnerung an zurückliegende Katastrophenereignisse. Es gelte somit die assoziativen und thematischen Verknüpfungen zu untersuchen, die Journalisten im jeweiligen regionalen Kontext zwischen der jeweiligen Katastrophe und dem Klimawandel ziehen.

FRIEDEMANN LEMBCKE (Potsdam) stellte in seinem Vortrag die Rolle von Katastrophen für die Kommunikation des Klimawandels in den Vordergrund, wobei er diese innerhalb sowie zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Subsystemen darstellte. Speziell die Wissenschaft und die Massenmedien stünden sich hierbei ambivalent gegenüber. Während in der Wissenschaft die Katastrophe zur Generierung von Leitbildern im Umgang mit dem Klimawandel genutzt wird, stellt sie zwar auch in der massenmedialen Repräsentation eine Art Orientierung hinsichtlich des Klimawandels dar, entbehrt mitunter jedoch jeglicher Wissenschaftlichkeit. Lembcke betonte, dass es dann problematisch wird, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse politische Entscheidungen verlangen, da es von der Kommunikation des Klimawandels in der massenmedial repräsentierten gesellschaftlichen Öffentlichkeit abhängt, wie der Klimawandel im spezifischen Kalkül wissenschaftlicher, wirtschaftlicher, politischer oder massenmedialer Kommunikation Anschluss findet. Um diesem Problem analytisch aus dem Weg zu gehen, plädierte er dafür, die Diskussion des Klimawandels systemtheoretisch hinsichtlich ihrer Funktion in Kalkül- und Katastrophenkommunikation zu unterscheiden.

Der Historiker MARTIN BAUCH (Darmstadt) stellte in seinem Beitrag auf historischen Quellen basierende Evidenz für eine Falschdatierung des historischen Vulkanausbruchs Kuwae 1453 durch die Natur- (bzw. Geo-)wissenschaften des 20. und 21. Jahrhunderts vor. Er zeigte somit in seinem Vortrag die Notwendigkeit einer disziplinübergreifenden Zusammenarbeit, um Naturkatastrophen historisch zu erforschen und sowohl die menschlichen Archive, als auch die Archive der Natur zu Rate ziehen und verstehen zu können. Er hielt fest, dass menschliche, sowie „natürliche“ Überlieferung (das heißt Eisborkerne, Seesedimente, Baumringe etc.) jeweils fragmentarisch blieben. Einerseits fehlten den Geisteswissenschaften Hinweise aus der Naturwissenschaft, um geschriebene Quellen nicht nur lesen, sondern auch richtig deuten zu können. Umgekehrt benötigten Naturwissenschaftler/innen die Einsichten und Kompetenz der Geisteswissenschaftler/innen im Umgang mit schriftlichen Quellen, um ihre Proben aus den Naturarchiven präziser einordnen zu können. Mit seinem Beitrag unterstrich Bauch die für eine historische Rekonstruktion von Naturkatastrophen unabdingbare Zusammenarbeit zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften.

An beiden Tagen fanden jeweils Abendvorträge statt. Am 15. Juni sprach MARTIN VOSS (Kiel), am 16. Juni DANIEL LEVY (New York).

Der Soziologe und Katastrophenforscher Martin Voss stellte in seinem Vortrag „Aus Desastern und Katastrophen lernen“ den Prozess des Lernens ins Zentrum. Ein Schwerpunkt seines Vortrags war die Definition des Begriffs der Katastrophe. Während der Begriff umgangssprachlich inflationär gebraucht werde, so ist für Voss ausschließlich solches als Katastrophe zu bezeichnen, was eine historisch gewachsene kulturelle Ordnung ins Wanken bringt. Bei destruktiven Prozessen ohne Kollaps der Sinnesstrukturen sollte man wissenschaftlich aber eher von Desastern sprechen. Weiterhin ging es vor allem um die Frage, was Lernen ist und welches Wissen geschaffen wird. Zusätzlich wurde der räumlich/zeitliche Kontext von Lernen thematisiert. Abschließend ging Martin Voss darauf ein, welche Barrieren Lernprozesse im Hinblick auf Naturkatastrophen blockieren und erörterte dabei, dass Katastrophen als solche schon das Scheitern kultureller Lernprozesse bedeuten können.

Daniel Levys Vortrag „Memories of Catastrophes: The Mediat(iza)ion of the Future“ behandelte den Umgang und die Vermittlung mit bzw. von Erinnerungen an vergangenen Naturkatastrophen in der Zukunft und wie sie diese beeinflussen. Dabei untersuchte Levy im globalen Kontext die Verknüpfung zwischen Erinnerungen und der Darstellung von Katastrophen. Die Wechselwirkung zwischen nationalen und globalen Erfahrungen im Umgang mit Naturkatastrophen spiele dabei eine zentrale Rolle, so Levy. Er betonte darauf aufbauend, dass einerseits weltweite Desaster-Erfahrungen nationale Erwartungen formen können und andererseits aber auch umgekehrt nationale Wahrnehmungen von Katastrophen globale Wahrnehmungen beeinflussen können.

In der von Maike Böcker und Gitte Cullmann moderierten Abschlussdiskussion zeigte sich, dass es schwierig werden würde, eine einheitliche, für alle Disziplinen gleichsam anwendbare Definition des Katastrophenbegriffs zu formulieren. Ingo Haltermann betonte unter Hinweis auf Fälle, in denen die „Katastrophe“ der Alltag sei, dass der Begriff analytisch nicht sehr tragfähig sei und schlug vor, den Risikobegriff stärker zu machen.

Es scheint mitunter schwierig, eine Tagung gewinnbringend zu gestalten, wenn so viele verschiedene Disziplinen an einem Tisch sitzen. Vor allem dann, wenn in den einzelnen Disziplinen häufig ebenfalls keine eindeutige Forschungsmeinung herrscht. Gerade in dem Bereich der globalen Erwärmung und der Katastrophenforschung wird aber diese transdisziplinäre Zusammenarbeit immer dringlicher, da wir uns mit den weltweiten Folgen des Klimawandels gemeinsam auseinandersetzen müssen. Die Tagung hat einen Anreiz dazu gegeben, die transdisziplinäre Katastrophenforschung voranzutreiben. Allgemein wurde von den Teilnehmenden eine sehr positive Bilanz aus der zweitägigen Zusammenarbeit gezogen und es wurden eine Fortsetzung des Tagungsformats sowie das Aufrechterhalten der Kommunikation über eine Mailingliste oder Internetplattform vorgeschlagen.

Konferenzübersicht:

Oskar Marg (Bremen): Private und staatliche Verantwortung gegenüber Flutkatastrophen aus der Sicht Geschädigter und Betroffener

Ulrike Heine (Gießen): Die perpetuierte Katastrophe: Erinnerung und Vision in der Katastrophenfotografie

Frauke Paech (Hamburg): Bilder-Sprache einer Naturkatastrophe - Zur individuellen Erinnerung und kulturellen Bewältigung der Hamburger Sturmflut von 1962

Martin Voss (Kiel): Aus Desastern und Katastrophen lernen

Stefanie Trümper (Hamburg): Katastrophenerinnerung im Journalismus als Dimension des öffentlichen Klimawandeldiskurses

Friedemann Lembcke (Potsdam): Kalkül versus Katastrophe - Die Kommunikation des Klimawandels

Martin Bauch (Darmstadt): Trügerische Erinnerung - der Ausbruch des Vulkan Kuwae im 15. Jahrhundert

Nicole Kronenberg (Göttingen): How to assess Disaster Response on flood events during the 20th century - a conceptional framework and its application in Vietnam and Germany

Daniel Levy (New York): Memories of Catastrophes: The Mediat(iza)ion of the Future


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