Umdeutungen und Sinnstiftungen krisenhafter Umbrüche im modernen Italien

Umdeutungen und Sinnstiftungen krisenhafter Umbrüche im modernen Italien

Organisatoren
Arbeitsgemeinschaft für Neueste Geschichte Italiens; Deutsches Historisches Institut, Rom; Universität des Saarlandes, Saarbrücken; Forschungszentrum Europa, Universität Trier
Ort
Saarbrücken
Land
Deutschland
Vom - Bis
18.09.2014 - 20.09.2014
Von
Amerigo Caruso, Historisches Institut, Universität des Saarlandes

Um Bewältigungs-, Anpassungs- und Transformationspotentiale bestandsgefährdeter Ordnungssysteme und existenzbedrohter Akteure zu untersuchen, bietet das Resilienzkonzept eine solide theoretische und analytische Grundlage. Von dem aktuell in der Geschichtswissenschaft eingeführten Begriff der Resilienz ausgehend, setzte sich die 17. Tagung der Arbeitsgemeinschaft für die Neueste Geschichte Italiens zum Ziel, Umdeutungen und Sinnstiftungen krisenhafter Umbrüche im modernen Italien zu diskutieren. Einleitend hob GABRIELE B. CLEMENS (Saarbrücken) hervor, dass die italienische Geschichte zwischen Französischer Revolution und Zweitem Weltkrieg vergleichbar viele disruptive Ereignisse aufwies. Auf die Herausforderung dramatischer Herrschaftsumbrüche und radikaler Veränderungsprozesse reagierte die italienische Gesellschaft meistens flexibel und produktiv, indem sie neue Deutungsoptionen und Handlungsstrategien entwickelte. Kohärent mit aktuellen Ansätzen der Resilienzforschung rückte die Frage in den Mittelpunkt der Tagung, welche bereits existierenden Ressourcen, Traditionen und Erfahrungen mobilisiert oder rekonfiguriert wurden, um politisch-institutionelle Krisen, soziale und kulturelle Transformationen einzuschätzen und zu verarbeiten.

Den chronologischen Auftakt übernahm MARCO CAVARZERE (München) mit einem Beitrag über Intellektuelle im Königreich Sardinien, die in Zeiten disruptiven gesellschaftlichen Wandels, mittels historischer Narrative diesen Prozess gleichsam zu entschleunigen versuchten. Sie entwarfen eine nationale Geographie, indem sie den Hof, die königliche Familie und die Feudalaristokratie eng miteinander verknüpften und den Besitz ihrer Territorien bis auf die römische Zeit zurückdatierten sowie juristisch legitimieren, so nahm die politische Funktionalisierung historiographischer und geographischer Konzeptionen in der Sattelzeit neue Dimensionen an. Am Beispiel der „umstrittenen Geographie“ zeigte Cavarzere nachdrücklich, wie durch die Erfindung neuer räumlicher und historischer Identitäts- bzw. Wahrnehmungskategorien die politischen und intellektuellen Eliten Piemonts institutionell-administrative Reformen und „regionale Nationalisierung“ glaubwürdig darstellten. In diesem Zusammenhang erhielten geographische Abhandlungen und Karten nicht mehr allein als exklusive Kunst- oder Kulturobjekte eine erhebliche Relevanz. Vielmehr spielten sie als monarchisch-patriotische Identitäts-, Kontinuitäts- und Legitimationsbasis eine zentrale politische Funktion. Dabei generierte die „politische“ Geographie primär ordnungs- und staatstragende Sinnkonstruktionen, die im Piemont eine erfolgreiche Stabilisierung und ambitionierte „regionale Nationalisierung“ ermöglichten.

Weitere Beiträge reflektierten über Vulnerabilität, Resilienzressourcen und Umdeutungsprozesse während krisenhafter Übergangsepochen im „langen“ 19. Jahrhundert. Als Folge sich überschlagender Herrschaftsumbrüche und Säkularisationsmaßnahmen wurde zwischen 1797 und 1816 ein bis dahin in Europa unbekanntes Ausmaß an Kunstobjekten verfügbar. HANNELORE PUTZ (München) rekonstruierte, wie insbesondere in Rom die politisch-militärischen Krisen um 1800 existenzbedrohende finanzielle Zwänge konstituierten, die zahlreichen alten Familien keine andere Wahl als den Verkauf eigener Kunstgüter ließen. Dabei reagierten die römischen Eliten auf die Bedrohung ihres Kunstbesitzes durch französische Beschlagnahmung und versuchten möglichst konstruktiv sowohl den wachsenden Preisdruck als auch die Exklusion der traditionell dominierenden reichen Briten vom römischen Kunstmarkt zu bewältigen. In einer Not- und Umbruchphase entwickelten die auf dem komplizierten römischen Kunstmarkt agierenden Akteure produktive Resilienzstrategien. Das galt für die zunehmend mächtigen Kunstagenten und für die unter beinah optimalen Bedingungen operierenden internationalen Käufer, aber auch für die Gewinner unter den römischen Eliten, die dank neuer Vernetzungen und Informationen die ungeheure Dynamisierung des Kunstmarkts optimal ausnutzten.

AXEL KÖRNER (London) fokussierte in seinem Vortrag die italienische Einigung und den Amerikanischen Bürgerkrieg als traumatische Umbruchserfahrungen. Die nordamerikanischen Staaten wurden auch im neu gegründeten italienischen Nationalstaat als Modell einer hypothetisch-utopischen Moderne diskutiert. Dabei dienten sie primär als emotionale und intellektuelle Projektionsfläche, um Unsicherheit und Diskontinuität zu verarbeiten. Betrachtet man die Vereinigten Staaten von Amerika als Katalysator von Ängsten und zunehmendem Orientierungsbedarf, so erklärt sich warum der „nationale“ Komponist Verdi ausgerechnet im Jahr 1859, als sich der italienische Einheitsstaat formierte, eine amerikanische Oper schrieb. Mit „Un ballo in maschera“ beschäftigte sich Verdi mit amerikanischen Themen, nicht nur weil die Zensurbehörden den ursprünglichen Plan zu einer Oper über die Ermordung des schwedischen Königs Gustav III. verhinderten, sondern auch weil der amerikanische Handlungshintergrund durchaus den Interessen des italienischen Publikums um 1860 entsprach. Wie auch eine damals äußerst beliebte Ballettfassung von „Onkel Toms Hütte“ demonstrierte, erwiesen sich amerikanische Themen insofern als sehr emphatisch und attraktiv, weil sie dem Publikum halfen, die eigene Erfahrung von Moderne zu verarbeiten.

Der Erste Weltkrieg generierte existenzgefährdende Krisenkonstellationen, die oft die Zivilbevölkerung genauso traumatisch und unmittelbar wie die Soldaten an der Front bedrohten. Die Vorträge von DANIELA LUIGIA CAGLIOTI (Neapel) über die Verfolgung der „enemy aliens“ und ALESSANDRA PARODI (Heidelberg) über die Gesundheitskrise in Italien thematisierten Resilienzressourcen und -prozesse in der dramatischen Zeit seit 1914. Fast ausnahmslos entschlossen sich die im Ersten Weltkrieg verwickelten Regierungen drastische Maßnahmen zu ergreifen, um EinwandererInnen und selbst ausländische TouristInnen, die aus einer gegnerischen Nation stammten, zu „neutralisieren.“ Die Gesetze gegen die „enemy aliens“ gingen rücksichtslos und undifferenziert von der vereinfachten Annahme aus, dass selbst erfolgreich integrierte AusländerInnen loyal zum Herkunftsland blieben und damit eine ernsthafte Bedrohung für die eigene Nation darstellten. Die Verfolgung dieser „Feinde im eigenen Land“ basierte auf reaktionären Ideen und wurde dementsprechend mit gesetzwidrigen Methoden realisiert. Gegen die „enemy aliens“ gingen die Regierungen und oft direkt das Militär, ohne parlamentarische oder demokratische Diskussion bzw. Mitbestimmung, vor. Am Beispiel der „enemy aliens“ demonstrierte Cagliotti, dass auch liberale Akteure und Institutionen nicht zögerten, grundsätzliche Verfassungsrechte zu missachten, wenn sich die Nation in einer existenzbedrohenden Notlage befand.

Während die kriegsbegeisterten Futuristen den Ersten Weltkrieg als „Kur“ definierten, erlebte Italien dagegen nach 1918 eine der schwersten Gesundheitskrisen seiner Geschichte. Die sogenannte Spanische Grippe bildete für die nach drei Kriegsjahren erschöpfte italienische Gesellschaft eine neue existenzielle Herausforderung. Weit davon entfernt, sich der fanatischen Suggestion der Futuristen anzuschließen, betrachteten zahlreiche Mediziner den Krieg nicht als Regeneration, sondern als „Vergrößerungslupe“ eines gravierenden italienischen Gesundheitsmangels, der nur durch Innovation und Bildung zu beseitigen war. Die europaweit verbreitete These, die den Krieg als Indikator bereits existierender hygienischer und medizinischer Probleme auffasste, generierte produktive Lern- und Diskussionszusammenhänge über Konzeption und Implementierung innovativer Strategien, um aus dem „kranken Italien“ endlich eine moderne Gesellschaft im liberalen Sinne zu machen.

RENÉ MOEHRLE (Trier) stellte im Spannungsfeld von Resilienz und Vulnerabilität sein abgeschlossenes Dissertationsprojekt über das Triestiner Judentum zur Diskussion. Seit dem Mittelalter etablierte sich in der adriatischen Küstenstadt eine starke jüdische Gemeinde, die, als im Laufe des 19. Jahrhunderts Triest zur zentraleuropäischen Handels- und Wirtschaftsmetropole aufstieg, fest zur finanziellen und industriellen Oberschicht gehörte. Das weitgehend emanzipierte und oft assimilierte Triestiner Judentum reagierte erfolgreich auf die zahlreichen Veränderungen und Herrschaftsumbrüche, indem es nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch und kulturell das Leben der Stadt prägte. Als der neue italienische Nationalstaat nach dem Ersten Weltkrieg die „Italia irredenta“ eroberte, übernahmen jüdische Bankiers, Industrielle und Bildungsbürger flexibel national-patriotische Konzeptionen. Um 1920 partizipierten sie an den ersten Mobilisierungs- und Organisationsformen der faschistischen Bewegung und passten sich nach 1922 gut an die neuen Machtverhältnisse des Mussolini-Regimes an. Spätestens mit den Rassengesetzen von 1938 und endgültig mit der nationalsozialistischen Besetzung Norditaliens fand diese Erfolgsgeschichte ein tragisches Ende. Die jahrhundertelange Diskriminierung als religiöse Minderheit und der soziale Neid auf die Juden Triests erreichten nach 1938 eine dramatische und extreme Bedrohungs- und Verfolgungsdimension, die nicht mehr zu bewältigen war.

Auch KILIAN BARTIKOWSKI (Lancaster) fokussierte in seinem Vortrag den deutschen und italienischen Antisemitismus. In den 1920er-Jahren kritisierten nationalsozialistische Beobachter die zu milde und unsystematische Rassenpolitik der faschistischen Diktatur. Zur großen Zufriedenheit des verbündeten NS-Deutschlands gewannen seit dem verbrecherischen Eroberungskrieg in Ostafrika (1935) auch in Italien rassistische und antisemitische Tendenzen endgültig die Oberhand. Bartikowski zeigte anhand der Wahrnehmung britischer Diplomaten wie die deutsch-italienische Annäherung im Rahmen biologisch definierter und gesetzlich kodifizierter Rassenkonzeptionen auch außenpolitisch eine erhebliche Relevanz hatte. Als in Deutschland die Pogrome vom November 1938 die britische Appeasement-Politik beendeten, führte im selben Jahr die radikale und weitgehend autochthone Entwicklung des italienischen Antisemitismus zur endgültigen Isolierung des Mussolini-Regimes von den westlichen Demokratien.

Als resiliente Einheit analysierte ANDREAS EBERHARD (Braunschweig) die Expansion und politische Legitimation der italienischen Staatsindustrie AGIP / ENI nach dem Zusammenbruch der faschistischen Diktatur. Die neu gegründete italienische Republik setzte die dirigistische Wirtschaftspolitik des Mussolini-Regimes mit anderen Mitteln fort. Nach 1948 stärkten die demokratisch gewählten Parteien die Staatsunternehmen und instrumentalisierten die Staatsindustrie für neue politische Ziele. Besonders über energiepolitische Themen blieb die Diskussion in den 1950er-Jahren erbittert und äußerst polarisiert. Unter anderem führten die politischen und medialen Legitimationsstrategien der Staatsindustrie AGIP / ENI zu einer grotesken Überschätzung inländischer Erdgas- und Erdölressourcen. Die Polarisierung medialer und politischer Debatten sowie die Überbewertung der heimischen Brennstoffvorkommen bildeten eine komplexe Konstellation, in der Resilienz und Expansion der italienischen Staatsindustrie vielmehr auf politisch-ideologischen als auf ökonomisch-sachlichen Überlegungen und Rechtfertigungsnarrativen basierten.

Abschließend wurde noch einmal grundsätzlich über den Mehrwert des Resilienzkonzepts für die Geschichtswissenschaft diskutiert. AMEDEO OSTI GUERRAZZI (Rom) hob hervor, dass es zu differenzierten Forschungen etwa zum Widerstand gegen die faschistischen Diktaturen beitragen könne. Ein Überblick von Vorträgen und Diskussionen deutet darauf hin, dass das Resilienzkonzept vor allem dazu dient, epochenübergreifend zu fokussieren, was Menschen in ihrem sozialen Handeln und in ihren konkreten historischen Umständen in die Lage versetzt, auf existenzgefährdete Umbrüche, Notlagen oder Krisen produktiv zu reagieren. Mit diesem Analysemodell wird deutlicher, was historische oder gegenwärtige Gesellschaften und oder Individuen befähigt, situationsadäquate soziale, kulturelle und politische Handlungsoptionen zu entwickeln.

Konferenzübersicht:

Gabriele B. Clemens (Universität des Saarlandes), Begrüßung und thematische Einführung

Sektion I
Sektionsleitung: Wolfgang Schieder (Universität zu Köln)

René Moehrle (Universität Trier), Resilienz und das Triestiner Judentum

Hannelore Putz (Ludwig-Maximilians-Universität München), Wirtschaftliche Zwänge und Kunstbesitz – Logiken und Praktiken des römischen Kunstmarkts zwischen 1797 und 1816

Axel Körner (University College London), Italienische Einigung und Amerikanischer Bürgerkrieg als traumatische Umbruchserfahrungen?

Öffentlicher Abendvortrag
Daniela Luigia Caglioti (Università degli Studi di Napoli Federico II), Enemy aliens. Il trattamento dei cittadini di nazione nemica nella Prima guerra mondiale

Sektion II
Sektionsleitung: Christian Jansen (Universität Trier)

Marco Cavarzere (Ludwig-Maximilians-Universität München), Umstrittene Memoiren. Das Ancien Regime und die nationale Geographie in Piemont (1750-1800)

Pierangelo Gentile (Università degli studi di Torino), Die italienische Monarchie: Nationale Politik,
Institutionen und Kultur bis zur Ersten Republik

Alessandra Parodi (Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg), Krieg, Krankheit und Rückkehr zur Zukunft: Wenn der Resilienz nachgeholfen werden muss. Das kranke Italien nach dem ersten Weltkrieg

Kilian Bartikowski (Lancaster University), Der deutsche und italienische Antisemitismus im Jahr 1938 aus der britischen Wahrnehmung

Sektion III
Sektionsleitung: Christof Dipper (Technische Universität Darmstadt)

Andreas Eberhard (Technische Universität Braunschweig), Brennstoffe für den Dirigismo – Deutungen italienischer Gas- und Ölvorkommen und die politische Legitimation der Staatsindustrie AGIP / ENI in ihrer Expansionsphase 1949-57

Francesca Zilio (Freie Universität Berlin), „Zweitausendjährige Erfahrung mit der Existenzbedrohung hat Italien phantasievoll genug gemacht.“ Die Resilienz der Italiener aus der Sicht deutscher Diplomaten in den 1970er-Jahren

Markus Grimm (Justus-Liebig-Universität Gießen) Umdeutungen und Sinnstiftungen krisenhafter Umbrüche im modernen Italien. Die Reaktion der italienischen extremen Rechten auf den Zusammenbruch der "Ersten Republik"

DiskutantInnen:
Monica Cioli / Lutz Klinkhammer / Amedeo Osti Guerrazzi (Deutsches Historisches Institut Rom)


Redaktion
Veröffentlicht am
11.11.2014
Beiträger