Historikertag 2021: Jüdische Geschichte

Von
Anna Michaelis, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Besprochene Sektionen:

Christliche Deutungshoheit über jüdische Riten und Inhalte

Interpretations of Paul and the Dynamic of Christian-Jewish Interaction in the Later Middle Ages and the Early Modern Period

Getäuschte Erinnerung: Innerjüdische Deutungskämpfe über die ‚Vorgeschichte‘ des Holocaust nach 1945

Erfahrung und Erinnerung. Israel, die deutschsprachige Linke und der Holocaust

Wessen Erbe? Deutungskämpfe um europäisch-jüdisches Kulturgut in Israel, den USA und Deutschland nach 1945

Die Sprache des Feindes: Deutschsprachige Akten in israelischen Archiven

Wirklich so besonders? Neue Ansätze und Erkenntnisse zur Geschichte der deutsch-israelischen Beziehungen

Contested Visions of Europe in Israeli History

Noch bevor das Schreiben am Querschnittsbericht über die Repräsentation der jüdischen Geschichte auf dem 53. Historikertag 2021 beginnt, sieht sich die Autorin zwei Herausforderungen gegenüber: Zum einen stellt sich einmal mehr die Frage, was denn eigentlich der Ort der jüdischen Geschichte ist[1], und in welchem Verhältnis sie etwa zur israelischen Geschichte, zur NS- und Holocaust-Forschung steht? Zu allen Feldern bot der Historikertag Sektionen an und die disziplinäre Abgrenzung dieser Forschungsfelder ist nach wie vor nicht abgeschlossen. Zum anderen muss die Autorin der schieren Unmenge von Notizen Herrin werden, die sich durch die Dokumentation zahlreicher Sektionen und Veranstaltungen auf dem digitalen Schreibtisch angesammelt haben. Denn es waren rund ein Dutzend Formate, in denen jüdische Themen verhandelt wurden, so dass zwangsläufig an der ein oder anderen Stelle ausgewählt und weggelassen werden musste, um den Rahmen eines Querschnittsberichts nicht überzustrapazieren. Geschuldet ist diese erfreuliche Präsenz jüdischer Geschichte im weiteren Sinne sicherlich auch dem Umstand, dass 2021 das Festjahr zu „1700 Jahren jüdischen Lebens in Deutschland“ war sowie der Wahl des Partnerlandes Israel für den diesjährigen Historikertag.

Um diesem besonderen Umstand der doppelt begründbaren Fokussierung des Themas Rechnung zu tragen, geht dieser Querschnittsbericht den unbequemen Weg, mit zehn Sektionen und Veranstaltungen fast sämtliche Formate zur jüdischen Geschichte abzubilden. Nach der Maßgabe, eine möglichst große Bandbreite von Aspekten jüdischer Geschichte zu berücksichtigen, werden Themen aus der jüdischen Geschichte in der Diaspora von Spätantike bis zur Gegenwart, der israelischen Geschichte wie der Geschichte der Judenfeindschaften behandelt. Die teilweise vollzogene disziplinäre Trennung von Jüdischen Studien, neuerdings auch Israel Studien, Holocaust- sowie Antisemitismusforschung und Jüdischer Geschichte wird hier also zugunsten des Gesamtpanoramas bewusst vernachlässigt.

Zwei Sektionen setzten sich durch ihren zeitlichen Bezug deutlich ab gegenüber dem Übergewicht der Geschichte nach 1945 in den übrigen Sektionen zur jüdischen Geschichte und sollen daher als erstes zur Sprache kommen. Die zeitlich übergreifende Anlage der Sektion „Christliche Deutungshoheit über jüdische Riten und Inhalte“ von Spätantike bis Gegenwart trug dem Umstand Rechnung, dass es seit der Entstehung des Christentums stets Versuche von christlicher Seite gab, das Judentum in seinen Texten und Praktiken umzudeuten und damit abzuwerten. Werden diese christlichen Konfrontationen in der Forschung zur christlichen Judenfeindschaft häufig als Ausweis dafür begriffen, dass das Christentum des Judentums als Negativfolie bedurfte, um seine eigene Identität zu festigen, so ging die Sektion über diese Deutung hinaus und nahm christliches Agieren als Kämpfe um die Deutungshoheit des Judentums ernst. Obgleich die jüdische Apologetik schon Gegenstand breiter Forschungen gewesen ist, stand dabei das Versprechen im (virtuellen) Raum, dass damit auch die jüdische Seite als Konfliktpartnerin stärker in den Fokus gerückt würde, denn für einen Kampf braucht es ja bekanntlich mindestens zwei Parteien. Welche Rolle nahm also in der von der Gesellschaft zur Erforschung der Geschichte der Juden e.V. (GEGJ) (vertreten durch die Sektionsleiter:innen Eva Haverkamp-Rott (München) und Andreas Brämer (Hamburg)) organisierten Sektion die jüdische agency ein?

ISRAEL YUVAL (Jerusalem) eröffnete mit seinem Vortrag über die spätantike Rivalität von Samstag und Sonntag als religiöse Ruhetage den Parforceritt durch die christlich-jüdische Geschichte seit der Spätantike bis in die Gegenwart. Vor dem Hintergrund, dass schon das frühe Christentum den Sonntag als Tag der Eucharistiefeier etablierte und Kaiser Konstantin den Sonntag als offiziellen Ruhetag eingeführt hatte, hob die christliche Kritik am Schabbat insbesondere darauf ab, dass dieser lediglich der körperlichen Ruhe, nicht aber wie der Sonntag im Christentum der spirituellen Sammlung diene. Jüdische liturgische Texte wie insbesondere das in größerer zeitlicher Nähe zum Sonntagsbeginn gesprochene Mincha-Gebet wiederum zeugten von dem Versuch den Schabbat gegenüber dem Sonntag aufzuwerten, indem seine tiefe Verwurzelung in der Geschichte des Volkes Israel herausgestellt wurde.

Ausgehend von der Untersuchung des Talmuds durch die kirchliche Inquisition in den 1240er-Jahren entfaltete ULISSE CECINI (Barcelona) eine christlich-jüdische Konfliktgeschichte, in der nicht nur christliche Theologen versuchten, den Talmud gegenüber einem christlichen Publikum abzuwerten, sondern ihn vielmehr auch Jüd:innen gegenüber als ein zur Thora heterodoxes Dokument zu vermitteln. Die Theologen konnten an den im Konflikt mit den Anhängern des Moshe ben Maimon bzw. Maimonides und dessen Gegnern ohnehin zur Disposition gestellten Status des Talmuds anknüpfen. Cecini schloss seine Ausführungen mit dem wichtigen Hinweis, dass die Debatten über die Zugehörigkeit des Talmuds zum orthodoxen Kanon also auch innerhalb des Judentums stattgefunden hätten, sich in der Deutung der Inhalte des Judentums also nicht nur Juden und Christen, sondern auch Juden und Juden gegenüberstanden.

In drei diachronen Schlaglichtern beschäftigte sich ROBERT JÜTTE (Stuttgart) mit der Geschichte der jüdischen Beschneidung (Brit Mila) als einem Beispiel für die Kontinuität der christlichen Versuche, Deutungshoheit über jüdische Rituale zu erlangen. In der Spätantike sei das in jüdischer Deutung Zeichen des Bundes zwischen Gott und dem Volk Israel theologisch angegriffen worden. Seit der jüdischen Aufklärung (Haskala) Ende des 18. Jahrhunderts sei die Beschneidung sowohl innerjüdisch, insbesondere jedoch auch in der Mitte des 19. Jahrhunderts unter nichtjüdischen Medizinern in die Diskussion geraten. Mit dem Urteil des Kölner Landgerichts von 2012 zur religiösen Beschneidung von Jungen vollzog die lange Geschichte der Einmischung seitens der christlich (geprägten) Umgebungsgesellschaft in jüdische Religionspraxis eine neue – diesmal juristische – Volte.

ANDREAS BRÄMER (Hamburg) definierte in seinem Vortrag die rechtliche Lage zum Tierschutz und zum religiösen Schlachten in der Bundesrepublik der 1950er- und 1960er-Jahre als „uneindeutige gesellschaftliche Realität, die auch weiterhin antijüdischen Befindlichkeiten Raum bot“. Der organisierte Tierschutz war der zentrale Akteur im Protest gegen das religiöse, in der frühen Bundesrepublik mangels muslimischer Bevölkerung, de facto jüdisch codierte Schächten. Nicht nur rechtlich sei nach dem reichsweiten Schächtverbot 1933 auf Kontinuitäten zu verweisen, da das Schächten zunächst nur in der britischen und amerikanischen Besatzungszone auf der Basis von Verordnungen erlaubt gewesen sei. Auch in den Tierschutzorganisationen gab es personelle Kontinuitäten aus dem Nationalsozialismus, so dass es nicht verwundert, dass jüdische Traditionen hier als fremd und nicht in der abendländischen Tradition verwurzelt exkludiert wurden. Mit dem Hinweis, dass das Schächten auch im aktuellen Tierschutzgesetz nur unter Ausnahmegenehmigung aufgrund von freier Religionsausübung gesetzlich erlaubt ist und somit die Zugehörigkeit von Judentum und Islam zur deutschen Gesellschaft nach wie vor einen prekären Status hat, schloss Brämer seine Ausführungen.

Mit der Schabbatruhe, dem Schächten und der Beschneidung referenzierte die Sektion drei Praktiken, die nach wie vor einen gesellschaftlichen Sonderstatus besitzen und deren Praktizierung im jüdischen Alltag immer wieder eine Herausforderung darstellen. Die Sektion entfaltete ihre interpretative Wucht also insbesondere dadurch, dass sie in dem Anspruch der christlichen bzw. christlich geprägten Hegemonialgesellschaft, jüdische Inhalte und Traditionen zu bewerten, zu normieren und gegebenenfalls zu sanktionieren eine historische Kontinuität zusprach. Damit schloss sie an Forschungen an, die eine Kontinuität religiös-kulturell fundierter Stereotypisierungen und Ressentiments gegenüber Judentum und Judenheiten betonen.

Die im Tableau des Historikertags unmittelbar folgende Sektion „Interpretations of Paul and the Dynamic of Christian-Jewish Interaction in the Later Middle Ages and the Early Modern Period“ schloss chronologisch wie thematisch an die Sektion zur christlichen Deutungshoheit an. Mit ihrem Fokus auf theologische Interpretationen der Lehren des Paulus von Tarsus bzw. des Apostel Paulus im Hinblick darauf, welche Rolle dieser den Juden in Vergangenheit, Gegenwart und der endzeitlichen Erwartung zusprach, deckte die Sektion ein beträchtliches Spektrum an Perspektiven ab.

JEREMY COHEN (Tel Aviv) verglich mit Thomas von Aquin (1225–1274) und Thomas Brightman (1562–1607) die Sicht des katholischen Scholastikers des Hochmittelalters mit derjenigen eines protestantischen Geistlichen der Frühen Neuzeit. Auch wenn sich beide in ihrer Bewertung der eschatologischen Rolle und des Schicksals der Judenheit bei Paulus unterschieden und damit ein Beispiel für die breite Varianz diesbezüglicher christlicher Sichtweisen darstellten (was bei einem Sprung von drei Jahrhunderten und unterschiedlichen Konfessionen nicht zwangsläufig verwundern mag), war ihnen doch gemeinsam, dass sie dem Judentum keinen inhärenten Wert zuschrieben.

RAM BEN SHALOMs (Jerusalem) Vortrag über die Paulus-Interpretation von Profayt Duran Ende des 14. Jahrhunderts beleuchtet die Perspektive eines converso oder – im hebräischen Plural – der anusim, also unter den Zwangsbedingungen der Judenverfolgungen des Hochmittelalters auf der iberischen Halbinsel zum Christentum konvertierten Juden. Durans Schrift Kelimat ha Goyim (Schmach der Nichtjuden) von 1397 deutete Ben Shalom nicht als bloße antichristliche Polemik, sondern vielmehr als ein Kompass für die Orientierung der conversos in einer nach außen hin christlichen Lebensgestaltung. Indem Duran Paulus als einen darstellte, der dem Judentum treu geblieben war, und dessen Aufruf zur Konversion zum Christentum lediglich den Nichtjuden gegenüber gegolten habe, sei Paulus zu einem möglichen Vorbild für die anusim geworden.

Mit Salomon haLevi bzw. Paulus de Santa Maria (1352–1435) untersuchte YOSI YISRAELI (Jerusalem) einen Zeitgenossen Durans, der ebenfalls vom Judentum zum Christentum konvertiert war. Paulus de Santa Maria, der allerdings zum überzeugten Christen geworden war, referenzierte mit seiner „converso theology“, die den Juden bzw. conversos eine positive Rolle im Erlösungsprozess zuschrieb, sowohl ebendiese conversos als auch ein christliches Publikum. De Santa Maria betonte erstens, dass der paulinischen Lehre zufolge das Christentum nicht die Antithese zum Judentum sei, sondern sich das erste vielmehr gleichsam organisch aus dem zweiten entwickelt habe. Durch die Prägung Paulus‘ durch seine protorabbinische Lebenswelt sei die Expertise der in beiden Religionen orientierten conversos unverzichtbar für eine angemessene Interpretation der Lehren Paulus‘. Abschließend kehrte CLAUDE STUCZYNSKI (Tel Aviv) wieder zu einer christlichen Perspektive zurück und beschäftigte sich mit Antonio Vieira (1608–1697), einem portugiesischem Geistlichen und Missionar, der in Portugal und Brasilien wirkte. Vieira verband in seinem Denken lusozentrische, messianistische und prophetische Versatzstücke. So ging er davon aus, dass Portugal von Gott auserwählt sei, die Menschheit in die Endzeit zu führen, und dass im folgenden Erlösungsprozess Juden und Nichtjuden (im Sinne von Heiden) eine zentrale Rolle als „major agents of salvation“ zukäme.

Gemeinsam war den beiden Sektionen zu christlich-jüdischen Verhältnissen von Spätantike bis in die Gegenwart, dass hier den christlichen Perspektiven ein deutliches Übergewicht zukam. Das soll das Verdienst der durchaus fruchtbaren Versuche, auch jüdische Perspektiven zu integrieren, nicht schmälern. Es bleibt jedoch festzustellen, dass jüdische Präsenz auf diese Weise zwangsläufig als die Präsenz des Anderen thematisiert wird, was selbstredend auch zeitgenössischen Wahrnehmungen entsprach. Insofern befindet sich jüdische Geschichtsschreibung in dem anhaltenden (auch quellenheuristischen) Dilemma, einerseits jüdische Diskriminierungs- und Exklusionserfahrungen nicht kleinzuschreiben und andererseits neue Perspektiven einzunehmen, wie etwa die Ebene alltäglicher Kontakte und Kooperation einzubeziehen.

Die Erinnerung an den Holocaust und Verhältnis zu Israel bildete ein weiteres Querschnittsthema des Historikertags. Die von Anna Ullrich (München), David Jünger (Sussex) und Stefanie Schüler-Springorum (Berlin) geleitete Sektion „Getäuschte Erinnerung: Innerjüdische Deutungskämpfe über die „Vorgeschichte“ des Holocaust nach 1945“ richtete ihr Interesse auf die Frage, in welcher Weise das Wissen um Schoa/Holocaust die jüdische Erinnerung an die Zeit davor beeinflusst habe. Insbesondere die nachträgliche Beurteilung der eigenen Handlungsmächtigkeit – wurde etwa Widerstand geleistet, auf eine Flucht hingearbeitet? – , also der jüdischen agency nahm die Sektion in den Blick. Die Befunde der drei Vorträge zu den Fallbeispielen Deutschland, Jugoslawien und Rumänien fielen dabei sehr unterschiedlich aus. ANNA ULLRICH und DAVID JÜNGER hielten einen gemeinsamen Vortrag, nebenbei eine gelungene Abwechslung zu den üblichen Einzelreferaten, und beleuchteten ihre Forschung zum retrospektiven Blick deutscher Jüd:innen auf die 1930er-Jahre. Unter Bezugnahme auf Michael A. Meyers Diktum, dass das Wissen um Holocaust/Schoa einer teleologischen Geschichtsschreibung über die deutsch-jüdischen Verhältnisse vor 1933 Vorschub leiste[3] forderten sie, die jüdische Geschichtsschreibung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einer kritischen Revision zu unterziehen. Dieses rewriting sei sowohl in Bezug auf die 1930er-Jahre als auch in Bezug auf die Zeit vor der Machtübertragung geboten. Denn indem die jüdische Migration in der Regel teleologischer Fluchtpunkt der historischen Erforschung jüdischen Handelns im Nationalsozialismus sei, seien Aktivitäten, die nicht auf die Auswanderung gerichtet waren, vernachlässigt, im Fall der Versuche des Einwirkens auf NS-Regierung und Behörden sogar der Kollaboration verdächtigt worden. Hinsichtlich der Ausbildung von Erinnerungsnarrativen durch die Überlebenden selbst zeigten die Referent:innen am Beispiel von Vertreter:innen des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (CV), dass deren Erzählungen nach 1945 von dem Druck geprägt gewesen seien, ihr langes Verbleiben in Deutschland und ihre vorgebliche Verantwortung für das Bleiben vieler anderer Jüd:innen, bis es zu spät war, zu rechtfertigen.

Diese Effekte des backshadowing von Zeitzeug:innen, besonders auch durch Historiker:innen, hat Michael A. Bernstein bereits 1994 beschrieben und problematisiert, und es ist zu begrüßen, dass Historiker:innen der jüdischen Geschichte Überlegungen wie diejenigen Bernsteins und Meyers in ihre Forschung aufnehmen.[2]

Mit den Vorträgen von GAËLLE FISHER (München) und MARIJA VULESICA (Berlin) öffnete die Sektion ihren Blick nach Ost- und Südosteuropa. Fisher zeigte ausgehend von der besonderen Erfahrung der bukowinischen Juden des mit Deutschland alliierten Rumäniens ausgeführten Holocausts, dass sich spezifische bukowinisch-jüdische Erinnerungsnarrative ausbildeten, die eng mit Vergemeinschaftungsprozessen in Rumänien und später in Israel und Palästina zusammenhingen. In ihrem Vortrag zeigte sie Komplexitäten auf, die über ein „bloßes Backshadowing“ hinausgingen. Insbesondere rückten dadurch die Veränderungen der Erinnerung in Abhängigkeit von Faktoren wie dem zeitlichem Abstand zum Erlebten und dem kulturell-geografischen Kontext des Erinnerns in den Fokus.

Marija Vulesica (Berlin) stellte mit der jugoslawischen Judenheit eine Gruppe ins Zentrum ihrer Überlegungen, die bereits vor 1933 sehr stark zionistisch geprägt war und im Königreich Jugoslawien den Status einer selbstbewussten Minderheit einnahm. Welchen Einfluss diese Dominanz des Zionismus im jugoslawischen Judentum der Zwischenkriegszeit auf die späteren innerjüdischen Deutungskämpfen hatte, arbeitete sie in ihren folgenden Überlegungen heraus. Dabei kam sie zu dem Schluss, dass die zionistische Ausrichtung für die jugoslawischen Jüd:innen die Möglichkeit eröffnete, ihr Handeln während des Nationalsozialismus als kämpferisch und widerständig zu interpretieren. Diese Deutung, die es zuließ „mit sich im Reinen“ zu sein, bediente also kein Opfernarrativ, vielmehr wurde die Selbstwirksamkeit in den Verarbeitungsprozessen betont. Die Rückkehrenden aus Kriegsgefangenenlagern und aus dem Partisanenkampf arbeiteten überdies an einem Bild kultureller und institutioneller Kontinuität nach innen.

STEFANIE SCHÜLER-SPRINGORUM leitete im Anschluss an die Vorträge eine offene und ergebnisorientierte Diskussion ein, die sich mit den aus den Vorträgen abgeleiteten Forderungen an die Geschichtswissenschaften sowie der Frage widmete, inwiefern man im Falle von Rumänien und Jugoslawien von Deutungskämpfen über jüdisches Handeln sprechen kann bzw. warum die Deutungskämpfe in Bezug auf die deutsche Judenheit mit einer solchen Dramatik geführt worden seien. Einmütig schrieben die Diskutierenden der Besatzungssituation in den südostmitteleuropäischen Ländern eine wichtige Rolle zu. Während die deutsch-jüdische Bevölkerung während der Entfaltung der Situation in den 1930er-Jahren noch über ein gewisses Maß an agency verfügt habe, wurden die Judenheiten in den deutsch besetzten Gebieten unerwartet mit der Bedrohung durch Deportation und Ermordung konfrontiert. Schnell bildete sich des Weiteren der Konsens heraus, dass wenn vielleicht kein gänzliches rewriting, so doch eine kritische Überprüfung der diesbezüglichen Geschichtsschreibung gefragt sei. Historiker:innen seien jedoch dazu aufgerufen, sich der möglichen Effekte eines backshadowing während des historiografischen Erkenntnisprozesses stets bewusst zu sein und die eigene Forschung im Hinblick darauf zu hinterfragen.

Mit Jan Gerber (Leipzig) und Philipp Graf (Leipzig) leiteten zwei profilierte Mitarbeiter des Leibniz-Instituts für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow die Sektion „Erfahrung und Erinnerung. Israel, die deutschsprachige Linke und der Holocaust“, und damit die zweite der hier besprochenen Sektionen zur jüdischen Geschichte nach 1945. JAN GERBER stellte in seiner Einführung heraus, das viele der in der Sektion zur Sprache kommenden Protagonist:innen ihre Zugehörigkeit zum Judentum als eine durch die Erfahrung von Verfolgung und Holocaust erzwungene, eigentlich längst verworfene oder gar nie gelebte Selbstzuschreibung erlebt hätten. Aus der Perspektive jüdischer bzw. jüdisch gelesener Kommunist:innen, Sozialdemokrat:innen und Mitgliedern der Neuen Linken loteten die drei Vorträge der Sektion eine wichtige Dimension im Verhältnis der Linken zur Erinnerung an den Holocaust und zu Israel aus, nämlich die biografischen Prägungen, die hier jenseits von ideologischen und strategischen Fragen eine zentrale Rolle spielten. Insofern alle drei Referent:innen jüdische Perspektiven und Interessen sichtbar machten und stets in den Kontext von Partei-/Bewegungspolitiken und -diskursen integrierten, ist es in der Sektion gelungen, jüdische Geschichte nicht als eine Geschichte der Anderen, sondern als einen wesentlichen Faktor für den Verständnis der Geschichte der Linken zu markieren. Obgleich GERD KOENENs (Hamburg) Anmerkung im Kommentar zuzustimmen ist, dass die Erfahrungswelt linker Jüd:innen nach 1945 nicht nur durch Erinnerung an die Schoa und durch das Verhältnis zu Israel geprägt war, so lässt sich den Panelist:innen doch keine Komplexitätsreduktion vorwerfen – im Gegenteil beleuchteten sie die Vielfalt der politischen Positionen und des Art und Weise wie sich die Protagonist:innen zu ihrer jüdischen Herkunft ins Verhältnis setzten.

Ausgehend von dem Umstand, dass in israelischen Archiven aufgrund der Bedeutung der deutschen Sprache für die jüdische Geschichte zahlreiche deutschsprachige Bestände vorhanden sind, beschäftigte sich die Sektion „Die Sprache des Feindes: Deutschsprachige Akten in israelischen Archiven“ mit der Bedeutung dieser Quellen und den mit ihrer Bearbeitung gestellten Herausforderungen. Dabei griff die Sektion, ähnlich wie diejenige von Miriam Rürup (Potsdam) und Anna-Carolin Augustin (Washington, DC), auch die Frage nach der Provenienz und dem Zugehörigkeitsanspruch dieses jüdischen Erbes auf.

In dem Eröffnungsvortrag der Sektion beschäftigte sich TOM SEGEV (Jerusalem) mit den Archivalien aus dem Konsulat des Deutschen Reiches in Jerusalem, das, da mit der britischen Mandatsmacht in Palästina bis 1939 reguläre Beziehungen unterhalten wurden, bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges bestand. Nur 169 Dokumente aus dem Archiv sind erhalten und liegen mittlerweile im Israelischen Staatsarchiv. Sie geben Aufschluss über den deutschen Einfluss in der osmanischen und Mandatszeit, insbesondere auch über die Geschichte des Templerordens in Palästina. Segev arbeitete anhand unterschiedlicher Aktenbeispiele in erster Linie heraus, wie in der nüchternen Amtssprache die Diskriminierung deutscher Jüd:innen durch deutsche Behörden bis in die Emigration hinein zutage trat.

YFAAT WEISS‘ (Jerusalem/Leipzig) Vortrag zum Briefwechsel zwischen jüdischen Emigranten im Umfeld der geisteswissenschaftlichen Forschung gab Aufschluss über das Hadern und die kontrovers diskutierte Frage um ein Leben in Israel angesichts der bürgerkriegsähnlichen Zustände 1947 und des Krieges von 1948. Persönlichkeiten wie David Werner Senator, Salman Schocken und Robert Weltsch standen in engem brieflichen Austausch über verschiedene Standorte in USA, Palästina und Europa hinweg. Sie diskutierten über politische Themen, persönliche und familiäre Herausforderungen und immer wieder die Situation in der Emigration. Die Briefnachlässe sind als Teil der deutschsprachigen Bestände der National Library of Israel (NLI) und bergen, wie Weiss in ihrem Vortrag in beeindruckender Weise sichtbar gemacht hat, großes Erkenntnispotential für die Geschichte des intellektuellen deutschsprachigen Judentums nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Der in der NLI für die deutschsprachigen Nachlässe zuständige Archivar und Historiker STEFAN LITT (Jerusalem) thematisierte in seinem Beitrag den Konflikt um den Nachlass des Prager Kreises um Franz Kafka und Max Brod. Nach dem Tod von Esther Hoffe, der Sekretärin und Erbin des Nachlasses Max Brods, entfachte sich 2008 ein Rechtsstreit, der in erster Linie zwischen den Töchtern Hoffes und der NLI geführt wurde. In dessen Zuge traten gegensätzliche Interpretationen des Archivgutes zutage: Das Deutsche Literaturarchiv Marbach, das Interesse hatte, Teile des Nachlasses von den Hoffe-Erbinnen zu erwerben, rechnete das Archivgut der deutschen Literatur zu. Dagegen vertrat die NLI die Position, der Nachlass gehöre zum kulturhistorischen Erbe Israels und konnte sich damit letztlich durchsetzen. Zwischen 2016 und 2019 wurde der Nachlass in die NLI überführt.

Litts Thema bildete im besten Sinne ein Bindeglied zur folgenden Sektion zur Erbenschaft des deutsch-jüdischen Kulturguts. Die im Titel „Wessen Erbe? Deutungskämpfe um europäisch-jüdisches Kulturgut in Israel, den USA und Deutschland nach 1945“ schlagwortartig benannte Kernfrage im Umgang mit dem materiellen Erbe der in Holocaust/Schoa ermordeten Jüdinnen und Juden wurde von vier Expert:innen aus sehr heterogenen Perspektiven diskutiert. Den Anfang machte mit ANNA-CAROLIN AUGUSTIN eine sowohl in Wissenschaft als auch musealer Praxis profilierte Forscherin. Sie plädierte in ihrem Vortrag zum „Wettlauf um Zeremonialobjekte europäisch-jüdischer Provenienz nach 1945“ dafür, nicht nur die offiziellen Regelungen zur Restitution und deren offiziellen Wege zu betrachten, sondern auch und insbesondere inoffizielle und teils illegale Wege, weil diesen zentrale Bedeutung bei der weltweiten Verteilung von Kulturgütern zukam. Die Akteur:innen dieses Handels waren jüdische Überlebende sowie Nichtjüd:innen, die sich jüdische Zeremonialobjekte während des Nationalsozialismus angeeignet hatten (und sich im Nachhinein als Retter:innen des jüdischen Kulturguts stilisierten), weiter Zwischenhändler aus den USA und Israel und schließlich aufkaufende Institutionen wie das Israel Museum in Jerusalem oder das Jewish Museum in New York. Für jüdische Akteur:innen sei in ihrem Handeln oft die „aktive Rückaneignung“ eine ausschlaggebende Motivation gewesen.

Der Beitrag von JAMES McSPADDEN (Reno, NV) über beschlagnahmte Bücher und NS-Raubgut in US-amerikanischen Bibliotheken fiel thematisch wie stilistisch – dem Publikum wurde eine große Varianz von Anschauungsmaterial präsentiert – ein wenig aus der Thematik der Sektion heraus. Ausgehend von der Erkenntnis, dass in US-amerikanischen Forschungs- und Universitätsbibliotheken zahlreiche Bücher stehen, die NS-Raubgut sind oder aus nationalsozialistischen Bibliotheken stammen, forderte McSpadden vehement eine bisher ausgebliebene konsequente Provenienzforschung an diesen Institutionen ein. Als Ursache für die starke Verbreitung von Büchern aus nationalsozialistischen Beständen benannte McSpadden die Library of Congress Mission to Europe, in deren Rahmen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs etwa zwei Millionen Bücher, Zeitungen, Landkarten, Film- und Tonaufnahmen in die USA gebracht und an verschiedene amerikanische Forschungs- und Universitätsbibliotheken verteilt wurden. Insbesondere problematisierte McSpadden auch, dass Bücher mit nationalsozialistischen und antisemitischen Inhalten aktuell offenbar von neonazistischen Bibliotheksbesuchern rezipiert und gar zur Vernetzung durch eingelegte Visitenkarten genutzt würde.

MIRIAM RÜRUP verwies in ihrem Vortrag auf die Beobachtung, dass in der Forschung die Auseinandersetzung mit geraubtem jüdischen Kulturgut in der Regel dort aufhöre, wo diesem wieder inhaltliche Geltung verschafft worden sei. Der Frage, wer der Adressat dieses Gehörverschaffens oder Sichtbarmachens sei und was die gesellschaftliche Motivation, würde in der Regel jedoch ausgewichen. Im Falle des jüdisch-archivalischen Erbe zum Hamburger Judentum fand im Laufe der 1950er-Jahre eine innerjüdische vergangenheitspolitische Diskussion statt, in deren Verlauf sich der Wandel von einer Befürwortung des Transfers nach Israel hin zum Verbleib in Hamburg abzeichnete. Schließlich wurde das gesamte Archivmaterial zur Hamburger jüdischen Geschichte mikroverfilmt und zweigeteilt, so dass die heutigen Central Archives for the History of the Jewish People (in Jerusalem) und das Institut für die Geschichte der deutschen Juden (in Hamburg) jeweils zur einen Hälfte die Originale und zur anderen Hälfte das Mikrofilmmaterial besitzen.

Der Vortrag von IRENE AUE-BEN-DAVID (Jerusalem) zu Bezugnahmen auf die Geschichte des deutschen Judentums nach der Schoa in den 1960er/1970er-Jahren musste bedauerlicherweise ausfallen. Er hätte die an den Vortrag von Miriam Rürup anschließende Problemebene, wer nach 1945 die Quellen zur Geschichte des deutschen Judentums letztendlich erforscht hat, vertieft. So blieb es an MOSHE ZIMMERMANN (Jerusalem), in seinem Kommentar die von den Sektionsleiterinnen aufgeworfene Frage mit der bedenkenswerten These zu beantworten, die einzigen authentischen Erben seien die heutigen Historiker:innen. Die Brüche durch Schoa, Emigration und die Gründung Israels hätten die Rückbindung des Erbes an eine distinkte Gruppe innerhalb der europäischen Judenheiten verunmöglicht. Den von Zimmermann in diesem Zusammenhang eingebrachten Begriff des Erbfolgekrieges band Miriam Rürup überzeugend zurück an die Beobachtung, dass es sich hier im Grunde um eine Auseinandersetzung aus der Kaiserreich und Zwischenkriegszeit handelt, nämlich die umstrittene Frage nach der nationalen Zugehörigkeit der Juden, die auf die gescheiterte deutsch-jüdische Symbiose verweise.

Die von Lorena De Vita (Utrecht) und Moshe Zimmermann (Jerusalem) geleitete Podiumsdiskussion „Wirklich so besonders? Neue Ansätze und Erkenntnisse zur Geschichte der deutsch-israelischen Beziehungen“ versprach schon durch die Suggestivfrage im Titel, die bisherigen Perspektiven auf das Verhältnis Deutschlands und Israels einer gründlichen Überprüfung zu unterziehen. MOSHE ZIMMERMANN stellte bereits in seinem Eingangsstatement das Diktum der besonderen Beziehungen als mögliche Floskel zur Disposition, denn schließlich sei ja jede bilaterale Beziehung irgendwie besonders. DAVID WITZTHUM (Jerusalem) interpretierte das Handeln David Ben Gurions im Kontext der gewalttätigen Proteste in Israel gegen die Aufnahme von diplomatischen Beziehungen mit Deutschland als gezielte Skandalisierung, um von der neuralgischen Sachfrage abzulenken. LORENA DE VITA (Utrecht) plädierte dafür, die Rolle Ostdeutschlands stärker zu berücksichtigen, und sprach daher folgerichtig von deutsch-deutsch-israelischen Beziehungen, die wiederum eingebettet gewesen seien in den globalen Kontext des Ost-West-Gegensatzes. HUBERT LEBER (Marburg/Haifa) widmete sich der Rolle der Rüstungspolitik im Verhältnis zu Israel und warf die These auf, dass die westdeutsche Waffenexportpolitik in einem höheren Maße zu Spannungen zwischen Deutschland und Israel beitrug als bisher gedacht. Bis zu Beginn der 1980er-Jahre habe es keine kontinuierlich privilegierte Behandlung Israels bei den deutschen Rüstungsexporten gegeben, erst der erinnerungspolitische Paradigmenwechsel in der Endphase der Regierung Schmidt habe einen Wandel verursacht. JEFFREY HERF (Washington, D.C.) schließlich bewertete das deutsch-israelische Verhältnis im Hinblick auf die strikt antizionistische Einstellung NS-Deutschlands als historischer Ausgangslage abgeklärt als das mögliche Optimum und plädierte somit dafür, das Meisternarrativ der Stunde Null auch hinsichtlich der deutsch-israelischen Beziehungen zu revidieren. In der lebhaft geführten Debatte, die geprägt war durch die unterschiedlichen, teils fast gegensätzlichen Perspektiven der Diskussionsteilnehmer:innen, kristallisierte sich ein Minimalkonsens heraus, den Moshe Zimmermann folgendermaßen zusammenfasste: Von besonderen Beziehungen könne man wenn überhaupt eigentlich erst für die Zeit ab den 1990er-Jahren sprechen, die in der Sektion allerdings nicht berücksichtigt wurde. Die Rückschau auf die deutsch-israelischen Beziehungen vor den 1990er-Jahren sei von einer retrospektiven Projektion geprägt. Zudem werde der Bruch von 1945 überbewertet, man könne nach 1945 zunächst am ehesten von einer Fortsetzung der Beziehungen vor 1945 sprechen.

Im ersten Vortrag der Sektion „Contested Visions of Europe in Israeli History“ über das 1954 im israelischen Parlament erlassene Gesetz zum Verbot der Todesstrafe und den vor- und nachgelagerten Debatten arbeitete ORIT ROZIN (Tel Aviv) Ambivalenzen zwischen der teils gewalttätigen Praxis des israelischen Militärs an den Staatsgrenzen und dem an Europa orientierten Maximen der Zivilität heraus. JENNY HESTERMANN (Frankfurt am Main) beschäftigte sich mit dem Diskurs in der israelischen Öffentlichkeit der 1950er- bis 1970er-Jahre über die Frage, inwiefern Israel zu Europa gehörte oder gehören sollte. Ihres Erachtens waren die vielfältigen Haltungen hier von dem Schwanken zwischen der Ablehnung Europas als dem Kontinent der Täter:innen und der Anziehung sowie Wirksamkeit des europäischen Erbes geprägt. DANIEL MAHLA (München) widmete sich mit seiner Tour de force durch die Geschichte der israelischen Beiträge zum Eurovision Song Contest (ESC) einem nur an der Oberfläche rein popkulturellem Thema. Überzeugend arbeitete er unter anderem anhand von Äußerungen von Dana International, der ESC-Gewinnerin des Jahres 1998, heraus, dass es unmöglich sei, die israelischen ESC–Beiträge in einen homogenen politischen Diskurs einzuordnen. JOHANNES BECKE (Heidelberg) schließlich brachte mit seinem Beitrag zu einer Perspektive der creolization einen neuen Analyserahmen für die historische und aktuelle Verfasstheit der israelischen Gesellschaft ein. Sein Vorschlag trug dem Umstand Rechnung, dass durch die unmittelbare Nähe und den Austausch der Kulturen Europas, des Nahen Ostens und Nordafrikas in Israel eine neue Kultur entstanden sei.

In ihrem Fokus auf kulturelle Transfers und die Verflechtungsgeschichte berührte die Sektion eher Fragen der jüdischen Geschichte im weiteren Sinne, die zum Teil sicherlich auch in Bezug auf andere Länder hätten verhandelt werden können. Augenfällig ist, dass der Fokus auf Herausforderungen in Sachen Rechtsstaatlichkeit und kultureller Koexistenz die Perspektive des Historikertags auf Israel über sein Verhältnis zur Erinnerung an die Schoa und zu Deutschland hinaus erweitert hat.

Auch in der Gestaltung des Rahmenprogramms des diesjährigen Historikertages kam dem Partnerland Israel besondere Bedeutung zu. Zwei Veranstaltungen sollen hier kurze Erwähnung finden. Zum einen das als coffee table discussion konzipierte Gespräch anlässlich des 2024 anstehenden hundertjährigen Jubiläums der Historical Society of Israel. Unter dem Motto „Challenges and Retrospectives. The Historical Society of Israel approaching its Centennial“ diskutierten mit SHMUEL FEINER (Jerusalem), ORIT ROZIN, MUSTAFA ABBASI (Tel Hai) und TAMAR HERZIG (Tel Aviv) durchweg international renommierte Mitglieder der Historical Society über Herausforderungen der akademischen Geschichtsschreibung in Israel. Zu diesen gehörte unter anderem, dass israelische Historiker:innen auf Englisch publizierten, dagegen jedoch auf Hebräisch lehrten und mit der israelischen Öffentlichkeit in Austausch träten. Abgesehen vom Zwang zu diesem sprachlichen Doppelleben erschwerten zudem ein oft beschränkter Zugang zu neuralgischen Themen wie der arabisch-israelischen Geschichte sowie der insbesondere in diesem Feld häufig zutage tretende Konflikt zwischen Wissenschaft und politischen Interessen die historiografische Forschung.

Zum anderen moderierten MICHAEL BRENNER (München) und MIRJAM ZADOFF (München) ein Gespräch mit dem israelischen Schriftsteller David Grossman, u.a. Träger des Geschwister-Scholl- und des Man-Booker-Preises, das unter dem Titel „The Art of Storytelling and Historical Narratives“ stattfand. Grossman, der sich in seinen Büchern intensiv mit der Erinnerung an die Schoa sowie mit dem Nahostkonflikt auseinandergesetzt hat, verwies auf die komplementäre Rolle, die Geschichtsschreibung und Literatur beim Verständnis der Vergangenheit, insbesondere auch der Schoa spielen. Die Gesprächspartner:innen loteten gemeinsam aus, wie die Rezeption von Forschungsliteratur und Belletristik zu einem tieferen Begreifen der Vergangenheit im Sinne von Kognition und Empathie führen könnten.

Auf dem Historikertag 2021 ist jüdische Geschichte vor allem als Beziehungsgeschichte zum nichtjüdischen Gegenüber geschrieben worden. Das ist weder verwunderlich noch zu beanstanden, denn schließlich stand jüdische Geschichte in der Diaspora und letztlich auch in Palästina/Israel stets in unauflöslicher Relation zur nichtjüdischen Geschichte. Angesichts der naheliegenden wie zutreffenden Einsicht, dass jüdische Geschichte immer auch (jedoch nicht ausschließlich) eine Geschichte der Marginalisierungen ist[4], wurde vielfach der Blick auf das Judentum und die Judenheiten in der ihm zugeschriebenen Sonderexistenz gerichtet. Der Umstand, dass jüdische Themen fast ausschließlich in Sektionen mit jüdischen Themenschwerpunkten verhandelt wurden, spiegelt den separierten Status wieder, den jüdische Geschichte in der Gesamtgeschichte nach wie vor einnimmt. Zwar sind jüdische Themen im Jahr der 1700-jährigen jüdischen Präsenz in Deutschland dadurch im Tableau des Historikertags leicht identifizierbar gewesen.[5] Doch bleibt der 2004 von Miriam Rürup im Nachgang des Historikertages in Aussicht gestellten Vision, dass sich jüdische Geschichte künftig als integraler wie paradigmatischer Bestandteil thematisch unterschiedlichster Sektionen etablieren würde, nach 17 Jahren noch unrealisiert.[6] Umso hervorhebenswerter waren Versuche, die Geschichte der Judenheiten in eine allgemeine Geschichte einzubinden, so wie es auf der vom Dubnow-Institut organisierten Sektion zum Verhältnis jüdischer Linker zur Schoa und zu Israel geschehen ist.

Die starke Schwerpunktsetzung in der jüdischen Zeitgeschichte mit den naheliegenden Themen Holocausterinnerung und dem Verhältnis zu Israel ist durch Partnerland und Jubiläumsjahr nachvollziehbar. Trotzdem fehlten ebenfalls relevante Themen wie die Geschichte des vorstaatlichen Israels, also des Jischuws, sowie die mittlerweile ebenfalls historiografisch bearbeitbare jüdische Einwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland und Israel. Ebenso fehlten Vorträge zum für die jüdische Geschichte zentralen Zeitraum zwischen der Mitte des 17. und Anfang des 20. Jahrhunderts.

Erfreulicherweise nahmen einige Sektionen eine innerjüdische Perspektive ein und setzten einen Akzent auf jüdische Handlungsmächtigkeit sowie innerjüdische Konflikte und Vielfalt. Die Sektion zur jüdischen Erinnerung zur Vorkriegszeit sowie zum jüdischen Kulturerbe sind hier hervorzuheben. Jedoch auch die Sektionen zur älteren Geschichte gaben wiederholt Einblick in innerjüdische Diskurse und Debatten.

Ob die nächsten Historikertage wieder einen Querschnittsbericht zur jüdischen Geschichte nach sich ziehen, hängt sicherlich auch von der Entwicklung des Faches in Bezug auf die allgemeine Geschichte sowie seiner weiteren Ausdifferenzierung ab, nicht zuletzt aber auch von ihren Fragestellungen sowie den Entwicklungen der Geschichtswissenschaften und ihrer Motivation zur Bearbeitung jüdischer Geschichte als Paradigma für über sie hinausweisende Entwicklungen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. zu dieser Frage und auch den anhaltenden Fragen des Faches den bisher einzig vorausgehenden und qualitativ unübertreffbaren Querschnittsbericht zur jüdischen Geschichte von Miriam Rürup, 30.10.2004, https://www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-542 (05.01.2022).
[2] Vgl. dazu vor allem die Dissertationsschriften der Sektionsleiter:innen: David Jünger, Jahre der Ungewissheit. Emigrationspläne deutscher Juden 1933–1938 (= Schriften des Simon-Dubnow-Instituts, Bd. 24), Göttingen 2016 und Anna Ullrich, Von „jüdischem Optimismus“ und „unausbleiblicher Enttäuschung“. Erwartungsmanagement deutsch-jüdischer Vereine und gesellschaftlicher Antisemitismus 1914-1938 (= Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Bd. 120), Berlin/Boston 2019; ferner die Dissertationsschrift der Autorin dieses Berichts (Anna Michaelis, Die Zukunft der Juden. Strategien zur Absicherung jüdischer Existenz in Deutschland (1890–1917), Frankfurt am Main 2019) sowie die z.Zt. am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte des Historischen Instituts der Universität Duisburg-Essen entstehende Dissertation von Hendrik Schemann über den Kampf des CV um die deutsch-jüdische Zukunft 1929–1938.
[3] Michael A. Meyer, Juden – Deutsche – Juden. Wandlungen des Judentums in der Neuzeit, in: ders./Michael Brenner, Deutsch-Jüdische Geschichte in der Neuzeit. Zwei Vorträge, in: Leo Baeck Institut Information-Sonderheft 1998, S. 5.
[4] Vgl. Rürup, Jüdische Geschichte.
[5] Zutreffend bezeichnete der Publizist und Rechtsphilosoph Achim Doerfer diese 1700-jährige Existenz ob ihrer zahlreichen Unterbrechungen durch Verfolgung, Vertreibung und Mord als eine Bruttorechnung (https://www.deutschlandfunk.de/1700-jahre-juedischen-lebens-gespraech-mit-achim-doerfer-rabbi-autor-anwalt-dlf-beb124d5-100.html; 05.01.2022).
[6] Rürup, Jüdische Geschichte.

Zitation
Historikertag 2021: Jüdische Geschichte, in: H-Soz-Kult, 15.01.2022, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-5357>.