Widerstand. Jüdische Literatur als Mittel gesellschaftlicher und politischer Teilhabe

Widerstand. Jüdische Literatur als Mittel gesellschaftlicher und politischer Teilhabe

Veranstalter
Gesellschaft für europäisch-jüdische Literaturstudien, Zentrum für Jüdische Studien an der Universität Basel, Buber-Rosenzweig-Institut an der Goethe-Universität Frankfurt
Veranstaltungsort
Universität Basel
PLZ
4057
Ort
Basel
Land
Switzerland
Findet statt
In Präsenz
Vom - Bis
10.02.2025 - 12.02.2025
Deadline
15.04.2024
Von
Judith Müller, Goethe-Universität Frankfurt

Die Gesellschaft für europäisch-jüdische Literaturstudien ruft zu Beitragseinsendung auf. Die nächste Konferenz mit dem Titel "Widerstand. Jüdische Literatur als Mittel gesellschaftlicher und politischer Teilhabe" wird vom 10. bis 12. Februar 2025 in Basel stattfinden.

Widerstand. Jüdische Literatur als Mittel gesellschaftlicher und politischer Teilhabe

Literatur als eine Form der Konfrontation mit der Wirklichkeit und zugleich der Entwicklung von Möglichkeitsräumen über diese Wirklichkeit hinaus, hat sich in der Moderne zu einem der zentralen und vielfältigen Mittel des Widerstands entwickelt. Der Kampf gegen politische, gesellschaftliche oder wirtschaftliche Missstände, wie er der klassischen Widerstandsliteratur eigen ist, wird in seinen Möglichkeiten und seiner Komplexität noch potenziert, wenn sich der Gestus des Widerstands aus einer Situation doppelter Defizienz heraus bildet. Der Status als Teil einer a priori ihrer Rechte nicht sicheren, zeitweise aktiv verfolgten Minderheit konnte und kann ebenso lähmend wirken, wie er andererseits die Notwendigkeit von Widerstand im Bewusstsein von jüdischen und jüdisch gelesenen Literatinnen und Literaten besonders deutlich hervortreten lassen konnte und kann.

Die Ambiguität des Widerstandsbegriffs in der europäisch-jüdischen Literatur hat denn auch zur Folge, dass sich der Ausdruck des Widerstands in ganz unterschiedlicher Weise ausdrückte – er konnte sich einfügen in allgemeine Widerstandsbewegungen wie die marxistische (etwa bei Anna Seghers oder Walter Benjamin), konnte aber gerade auch aufgrund der jüdischen Zugehörigkeit, bzw. Abstammung ein Alleinstellungsmerkmal und Inkompatibilität mit breiter formierten Widerstandsbewegungen markieren (etwa bei Heinrich Heine).

Mit dem Überhandnehmen totalitärer Systeme sowohl in Europa seit den 1920er und dann insbesondere in den 1930er Jahre, von denen gerade aus jüdischer Sicht die NS-Herrschaft in zunehmendem Masse als existenzbedrohend wahrgenommen wurde, erhielt der Begriff des Widerstands eine nochmals weit brisantere Bedeutung, sowohl was die Dringlichkeit wie auch was (v.a. im sich ausweitenden Machtbereich des Dritten Reiches) die Bedrohung betraf, die damit verbunden war. In den ersten Jahrzehnten der Nachkriegszeit wurden gerade bewaffnete oder in anderer Weise aktivistische Erscheinungsformen des Widerstands gegen den NS-Macht- und verfolgungsapparat von verschiedenen Systemen als Legitimationsgrundlage der Gesellschaft instrumentalisiert, was einer Anerkennung subtilerer Formen des Widerstands, wie sie literarisch u.a. in privaten Aufzeichnungen (Tagebüchern, Lyrik, Briefen, privaten Aufzeichnungen etc.) geleistet wurden, lange im Weg stand.

Die im Laufe der Geschichte erfolgte retrospektive «Privatisierung» des Widerstands soll aber nicht verdecken, dass es gerade auch im Umgang mit der Vergangenheit selbst – Widerstandsliteratur gibt, sei es gegen das «Gedächtnistheater» in Deutschland (Y. Michal Bodemann / Max Czollek), gegen die Reinwaschung eigener Nationalgeschichten in Ländern Osteuropas, aber auch gegen die Ausblendung von dunklen Flecken in der Geschichte Israels.

Auf der Basis dieser historischen Entwicklung wollen wir folgende Aspekteins Zentrum unserer Konferenz stellen:

- Literatur als Erinnerung und als Widerstand gegen das Vergessen
- Literatur als Widerstand gegen kollektive Vereinnahmungs- und Klitterungsdiskurse
- Literatur als Mittel des Widerstands in totalitären Systemen (gegen das allgemeine Schweigen, gegen das eigene Verstummen)
- Jüdisch-literarische Einordnung in allgemeinere Aspekte des Widerstands (politische Richtungen, Pazifismus etc.)
- Jüdische Literatur als Mittel der Sperrigkeit gegen Kulturestablishments (Broken German, transmigrantisches Schreiben)
- Gesellschaftliche Teilhabe durch Desintegration

Wir bitten um die Einreichung von bis zu 500 Wörter umfassenden Abstracts bis zum 15.4.2024 an Kathrin Schwarz unter info@association-ejls.eu. Für Teilnehmende wird ein Beitrag von 70,- Euro fällig, der aber bereits zwei Jahre Mitgliedschaft in der EJLS inkludiert (regulärer Jahresbeitrag 40,- Euro).

Alfred Bodenheimer, Zentrum für Jüdische Studien an der Universität Basel
Judith Müller, Buber-Rosenzweig-Institut, Goethe-Universität Frankfurt am Main

Resistance. Jewish Literature as a Means of Social and Political Participation

Literature, as a form of confrontation with reality and at the same time as a chance to develop spaces of possibilities beyond this reality, has become one of the central and most diverse means of resistance in the modern age. The struggle against political, social or economic grievances, as it is inherent in the classical literature of resistance, increases in its possibilities and complexity when the gesture of resistance arises from a situation of double deficiency. Belonging to a minority that was a priori unsure of its rights and at times actively persecuted could and did have a paralysing effect, but on the other hand it could and did make the need for resistance particularly clear in the consciousness of Jewish and Jewish-read writers. The ambiguity of the concept of resistance in European-Jewish literature also meant that resistance could be expressed in very different ways - it could fit into general resistance movements such as the Marxist movement (for example, in Anna Seghers or Walter Benjamin), but it could also mark a uniqueness and incompatibility with broader resistance movements precisely because of Jewish affiliation or descent (for example, in Heinrich Heine). With the rise of totalitarian systems in Europe from the 1920s onwards and then especially in the 1930s, when the Nazi regime in particular was increasingly perceived as a threat to the existence of the Jews, the concept of resistance took on an even more explosive meaning, both in terms of its urgency and the threat it posed (especially in the expanding sphere of power of the Third Reich). In the first decades of the post-war period, armed or otherwise activist forms of resistance to the Nazi system of power and persecution were instrumentalised by various systems as a basis for legitimising society, which for a long time stood in the way of recognising more subtle forms of resistance, such as those expressed literarily in private records (diaries, poems, letters, private notes, etc.).
However, the retrospective "privatisation" of resistance that has taken place in the course of history should not obscure the fact that there is resistance literature, especially in dealing with the past itself, be it against the "theatre of memory" in Germany (Y. Michal Bodemann / Max Czollek), against the whitewashing of national histories in Eastern European countries, but also against the suppression of dark spots in the history of Israel.

On the basis of this historical development, we want to put the following aspects and questions at the centre of our conference:

- Literature as remembrance and as resistance to forgetting
- Literature as resistance against collective discourses of appropriation and stereotyping
- Literature as a means of resistance in totalitarian systems (against the general silence, against one's own being silenced)
- Jewish literary categorisation in more general aspects of resistance (political tendencies, pacifism, etc.)
- Jewish literature as a means of resistance against cultural establishments (Broken German, transmigrant writing)
- Social participation through disintegration

Please submit abstracts of up to 500 words (1-2 pages) to Kathrin Schwarz at info@association-ejls.eu by April 15, 2024. Participants are asked for a fee over 70,- Euros, which already includes the membership over two years (regular annual membership: 40,- Euros).

Alfred Bodenheimer, Centre for Jewish Studies at the University of Basel
Judith Müller, Buber-Rosenzweig Institute, Goethe University Frankfurt am Main

Kontakt

info@association-ejls.eu

https://association-ejls.eu/
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