"Pseudo-Wissenschaft": Konzeptionen von Nicht-/Wissenschaftlichkeit in der Wissenschaftsgeschichte

"Pseudo-Wissenschaft": Konzeptionen von Nicht-/Wissenschaftlichkeit in der Wissenschaftsgeschichte

Veranstalter
Institut für Geschichte und Institut für Zeitgeschichte – Universität Wien, in Verbindung mit dem DFG-SPP 1143 "Wissenschaft, Politik und Gesellschaft" Gefördert durch die Fritz Thyssen-Stiftung
Veranstaltungsort
Universität Wien, Uni-Campus, Spitalgasse 2-4, 1090 Wien
Ort
Wien
Land
Austria
Vom - Bis
30.11.2006 - 02.12.2006
Von
Rupnow, Dirk

Die Geschichte der Wissenschaften war und ist gleichzeitig immer auch eine Geschichte des Nicht-Wissenschaftlichen, der Abwehrrhetoriken und Verteidigungsstrategien, der Definition und Markierung vermeintlich divergenter Praktiken als "unwissenschaftlich" und "pseudo-wissenschaftlich". Ist die Frage des Ein- und Ausschlusses von Wissen und Wissensträgern so alt wie die Wissenschaften selbst, so sind die Vorstellungen von dem, was jeweils den entscheidenden Unterschied konstituiert, dennoch häufig diffus. Auch in der neueren Wissenschaftsgeschichte sind Konzepte und Grenzziehungen, die sich sowohl auf wissenschaftssoziologischer als auch auf erkenntnistheoretischer Ebene bewegen, rar. Daß der Begriff des "Pseudo-Wissenschaftlichen" nicht all die komplexen Allianzen, Machtkonstellationen und Diskurssituationen, die bei der Aushandlung von Un-/Wissenschaftlichkeit von Relevanz sind, zu umfassen in der Lage ist, scheint ausgemacht zu sein. Jedoch fehlt es an alternativen Begrifflichkeiten, um Wissensbestände, die historisch als "pseudo-wissenschaftlich" verzeichnet wurden, zu verorten.

Die Veranstaltung hat zum Ziel, den Begriff der "Pseudo-Wissenschaft" zu theoretisieren und auf sein Erklärungspotential hin zu überprüfen. Um dies leisten zu können, scheint es sinnvoll, zwei bisher eher getrennt verlaufende wissenschaftsgeschichtliche Forschungsansätze – einen eher kulturwissenschaftlich und einen stärker politikgeschichtlich orientierten – zusammenzuführen und mit wissenschaftstheoretischen Überlegungen zu integrieren. Gerade auf Grund der Einsicht in den prekären Status der eigenen Konzepte und Praktiken soll der Blick nicht nur auf die Diktaturen und Totalitarismen des 20. Jahrhunderts und die damit verbundene Ideologisierung und Politisierung von wissenschaftlichen Diskursen (und die häufig gleichzeitige Verwissenschaftlichung von gesellschaftlichen und politischen Diskursen) beschränkt, sondern mit der Frage nach der Tradition historischer Kulturen von Wissenschaftlichkeit verbunden und auf das gesamte Spektrum von Wissenschaft in verschiedenen Gesellschaftsformen ausgedehnt werden. Eine historische Perspektivierung ist notwendig, um verschiedene, wechselnde Bedeutungen und Funktionen von Begriffen und Konzepten von "Pseudo-Wissenschaft" erfassen und die heutigen Forschungsdebatten einordnen zu können. Dies ist aber nur in der Analyse einzelner Beispiele und Zusammenhänge sinnvoll möglich, die allerdings auf ihre allgemeine Bedeutung hin ausgelotet werden sollen.

Programm

Donnerstag, 30.11.2006
Aula (Uni-Campus, 1. Hof)

18:00 – 20:00
Begrüßung durch die Universitätsleitung und die Historisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät

Grußworte: Friedrich Stadler, Rüdiger vom Bruch

Keynote Lecture: Michael Hagner
Bye-bye science, welcome pseudoscience?

Einführung und Moderation: Mitchell Ash

Freitag, 1.12.2006
Alte Kapelle (Uni-Campus, 1./2. Hof/Durchgang)

I. Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftstheorie
Chair: Dirk Rupnow

9:00 Begrüßung und einführende Bemerkungen
Veronika Lipphardt/Dirk Rupnow/Jens Thiel/Christina Wessely

9:30 – 10:20 Matthias Neuber
Rettung der Objektivität? Über den Sinn und Unsinn philosophischer Abgrenzungskriterien

10:20 – 10:50 Pause

II. Wissenschaft und Fiktion
Chair: Dirk Rupnow

10:50 – 11:40 Robert Matthias Erdbeer
Der Traum vom Od. Die "qualitas occulta" Reichenbachs und Fechners Psychophysik

11:40 – 12:30 Christina Wessely
Die Exaktheit des Fiktiven. Hanns Hörbigers Welteislehre

12:30 – 14:00 Pause

III. Parawissenschaften und Esoterik
Chair: Christina Wessely

14:00 – 14:50 Julia Mannherz
Neueste mathematische Forschung oder spiritistische Pseudowissenschaft? Geisterbeweise und die vierte Dimension im späten Zarenreich

14:50 – 15:40 Helmut Zander
Von der Weisheit zur Wissenschaft? Transformationen des hermetischen Denkens unter dem Druck des Empirismus zwischen dem 18. und dem 20. Jahrhundert

15:40 – 16:10 Pause

IV. Humanbiologie und Genetik
Chair: Christina Brandt

16:10 – 17:00 Veronika Lipphardt
Das "schwarze Schaf" der Biowissenschaftler. Ausgrenzungen und Rehabilitierungen der Rassenforschung im 20. Jahrhundert

17:00 – 17:50 Helga Satzinger
"Pseudowissenschaft" als rhetorische Figur. Die naturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Genetik und Rassenforschung im Nationalsozialismus, 1930-1950

Samstag, 2.12.2006
Alte Kapelle (Uni-Campus, 1./2. Hof/Durchgang)

V. Ideologie und Politik
Chair: Oliver Hochadel

9:00 – 9:50 Dirk Rupnow
"Pseudo-Wissenschaft" als Argument und Ausrede. Antijüdische Wissenschaft im "Dritten Reich" und ihre Nachgeschichte

9:50 – 10:40 Jens Thiel/Peter Thomas Walther
"Pseudo-Wissenschaft" im Kalten Krieg. Diskreditierungsstrategien in Ost und West

10:40 – 11:10 Pause

VI. Medizin und Verbrechen
Chair: Jens Thiel

11:10 – 12:00 Udo Schagen
Medizinische Forschung an der Berliner Fakultät während des Nationalsozialismus. Inhumane "Pseudowissenschaft" oder "Wissenschaft" trotz Inhumanität?

12:00 – 12:50 Sabine Schleiermacher
KZ-Experimente als "Pseudowissenschaft". Selbstreinigungsrituale der Medizin nach dem Nürnberger Ärzteprozeß

12:50 – 14:20 Pause

VII. Medizin und Utopie
Chair: Veronika Lipphardt

14:20 – 15:10 Heiko Stoff
The Medical Follies. Der Kampf um Wissenschaftlichkeit am Beispiel des "Verjüngungs- und Vitaminrummels" in den 1920er Jahren

15:10 – 16:00 Ina Heumann
"Biologische Utopien" und "schaurige Visionen". Das CIBA-Symposium "Die Zukunft des Menschen" in der deutschen und angloamerikanischen Rezeption

16:00 – 16:30 Pause

VIII. Physik und Weltformel
Chair: Veronika Lipphardt

16:30 – 17:20 Richard Dawid
Wenn Naturwissenschaftler über Naturwissenschaftlichkeit streiten. Die Veränderlichkeit des Wissenschaftsparadigmas am Beispiel der Stringtheorie

IX. Zusammenfassung und Kommentar
17:20 – 18:00 Mitchell Ash, Carola Sachse

Kontakt

Dr. Dirk Rupnow

Institut für Zeitgeschichte, Universität Wien

dirk.rupnow@univie.ac.at

http://spp1143.geschichte.hu-berlin.de/
Redaktion
Veröffentlicht am
13.11.2006
Beiträger
Klassifikation
Region(en)
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Sprache Veranstaltung