Zwischen Fiktion und Realität: Der Norden in der Literatur von der Antike bis zur Renaissance

Zwischen Fiktion und Realität: Der Norden in der Literatur von der Antike bis zur Renaissance

Veranstalter
Prof. Dr. Klaus Geus; Dr. Gian Franco Chiai; Dr. Ekaterina Ilyushechkina
Veranstaltungsort
Simón-Bolívar-Saal Stabi - Potsdamer Straße 37
Ort
Berlin
Land
Deutschland
Vom - Bis
09.04.2014 - 11.04.2014
Von
Chiai, Gian Franco

Exposé von Klaus Geus und Gian Franco Chiai

In den antiken, mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Literaturen wird der Norden häufig mit einem phantastischen Ensemble an imaginären oder semirealen Völkern und Lebewesen bevölkert. Schon Herodot, der „Vater der Geschichtsschreibung“, erzählt im 5. Jh. v. Chr. von den gottgefälligen Hyperboreern, einem Volk, das „jenseits des Boreas (Nordwindes)“ wohnt. Solange die Griechen und Römer über diese Gebiete Europas und Asiens keine gesicherten Kenntnisse gewonnen hatten, entzog sich der Norden als geographischer Begriff ohnehin jeder exakten Festlegung und konnte damit als literarische „Leerstelle“ für unterschiedliche Vorstellungen eingesetzt werden. An der nördlichen Peripherie wurden so unterschiedliche Völker wie die Kelten, Germanen, Thraker oder Skythen lokalisiert. Der Norden stellte gegenüber der weit fortschrittlicher und zivilisierter empfundenen Oikumene oder „Mitte“ (die in den antiken Mittelmeerweltkulturen natürlich ebenfalls unterschiedlich definiert wurde) einen alter orbis, eine andere Welt, dar, die sich wegen der anderen klimatischen und naturräumlichen Bedingungen vom „Normalen“ bzw. „Gewohnten“ unterscheiden musste. Insbesondere die nordische Kälte stellte eine solche Eigenschaft dar: sie prägte nicht nur die Physis, sondern auch die Psyche der dortigen Einwohner, welche in der Regel als groß, blond und tapfer imaginiert wurden.

In Folge der Entdeckungsfahrten der Griechen und der militärischen Expansion Roms sowie dem damit einher gehenden Zuwachs an geographischen Kenntnisse verschoben sich die Grenzen des Nordens als imaginären Raumes immer weiter in Richtung Pol. Beispielsweise wurden die ursprünglich von den Hyperboreern bewohnten Regionen von dem Universalhistoriker Ephoros (4. Jh. v. Chr.) den Kelten zugewiesen, während die Hyperboreer selbst noch weiter nördlich verschoben werden – bis sie schließlich „aus Platzmangel“ auf einer fiktiven Insel im Ozean nördlich des Kontinents verortet werden mussten.

Der Norden wurde nicht nur im literarischen, sondern auch im wissenschaftlichen Diskurs thematisiert. Der hippokratische Traktat „Über die Umwelt“ stellt die erste antike Quelle dar, in der die geographischen und klimatischen Gegebenheiten des Nordens in Bezug zur Physis und zum Charakter der Menschen gesetzt und bewertet wurden. Diese Schrift hat sicherlich eine wichtige Rolle bei der Bewertung und Stereotypisierung der nördlichen Völker (Kelten, Germanen usw.) bei Schriftstellern wie Poseidonios gespielt. Die (pseudo-)wissenschaftliche Erklärung, dass die Menschen im Norden wegen der extremen Feuchtigkeit groß seien, weil die Feuchtigkeit die Körper von Menschen, Tieren und Pflanzen zum Wachsen veranlassen würde, wurde im ethnogeographischen Diskurs verwendet und diskutiert: So müsse, wie beispielsweise Ovid (Tristia 5, 7, 60: non hominis culpa, sed ista loci: „Schuld daran trägt nicht der Mensch, sondern der Ort“) behauptet, die Schuld für die grausamen Sitten der nördlichen Völker nicht den Menschen, sondern ihren Heimatländern zugewiesen werden.

Das Fortleben dieser und ähnlicher antiken Traditionen zum Norden lässt sich über das Mittelalter bis zur Renaissance verfolgen. Die bei Paolo Giovio (De legatione Basilii Magni Principis Moschoviae, fol. 8) und Olaus Magnus (Historia 2, 11) überlieferten Erzählungen über die Lokalisierung des fabelhaften Volkes der Pygmäen im Norden bzw. in Skandinavien und in Grönland können zur Illustration dieser Aussage dienen. Dieser Mythos entstand wahrscheinlich auf Grund eines Vergleichs zwischen der Größe der Samen (Lappen) und der Pygmäen. Die Lokalisierung eines fantastischen Volkes wird in einem simplen Analogie- und Symmetrieverfahren vom Süden in den Norden gespiegelt. Dieses Beispiel zeigt paradigmatisch die Rezeption, Adaption und Transformation von klassischen Traditionen bei der Genese eines neuen (fantastischen) Bildes des Nordens in der frühen Neuzeit.

Die Tagung steht im Zusammenhang mit dem Projekt „Fiktionalität und Realität in den Darstellungen des Nordens von der Antike bis zur Renaissance“, finanziert im Rahmen der „Internationalen Netzwerkuniversität“ aus Mitteln des Centers for International Cooperation der Freien Universität Berlin und durchgeführt im Kontext der strategischen Partnerschaft mit der Universität von Sankt Petersburg.

Programm

Zwischen Fiktion und Realität: Der Norden in der Literatur von der Antike bis zur Renaissance

Mittwoch, 09.04.2014 (Topoi Haus Dahlem, Hittorfstr. 18, 14195 Berlin)

14.30 Uhr Eröffnung der Tagung, Begrüßung der Teilnehmer (Prof. Dr. Klaus Geus; Prof. Dr. Leonid Zhmud; Prof. Dr. Klaus Beck; Dr. Wolfgang Crom; Dr. Ekaterina Ilyushechkina; Dr. Gian Franco Chiai)

15.00 Uhr Prof. Dr. Patrick Gautier Dalché (Paris) –Eröffungsvortrag:
La connaissance des régions septentrionales de l'Europe et de leurs habitants au Moyen Age

16.00 Uhr Kaffeepause

Außerordentliche Sektion: Präsentation der neuen Entdeckungen aus Taman

16.30 Uhr Dr. Denis Zhuravlev (Moskau): Die griechische Kolonisation am Kimmerischen Bosporos 1: Neue Überlegungen aus archäologischer und geoarchäologischer Sicht

17.00 Uhr Dr. Udo Scholtzhauer (Berlin): Die griechische Kolonisation am Kimmerischen Bosporos 2: Neue Überlegungen aus geoarchäologischer und literarischer Sicht

17.30 Uhr Anschlussdiskussion zur Bedeutung der neuen Funde von Taman in Bezug auf die Darstellungen des Nordens bei den Griechen

18.30 Uhr Stehempfang

Donnerstag, 10.04.2014 (Simón-Bolívar-Saal der Staatsbibliothek Berlin, Potsdamer Straße 37)

Sektion: Die Kenntnisse des Nordens und seiner Völker
Leitung: Dr. Gian Franco Chiai

09.00 Uhr Prof. Dr. Askold Ivantchik (Moskau): Kimmerier, Skythen und Amazonen in der griechischen Literaturtradition: Fiktion und Realität

09.45 Uhr Prof. Dr. Stéphane Verger (Paris): Des Héliades aux Celtes. Une représentation occidentale du Nord chez les Grecs (VIIe-IIIe siècles avant J.-C.)

10.30 Uhr Prof. Dr. Serena Bianchetti (Florenz): La "sfortuna" della concezione scientifica del Nord: da Pitea di Massalia a Antonio Diogene
11.15 Uhr Kaffeepause

Sektion: Reisen nach Norden
Leitung: Dr. Ekaterina Ilyushechkina

11.45 Uhr Prof. Dr. Alexander Podossinov (Moskau): Reisen im Nordozean in der antiken Dichtung, Wissenschaft und Novellistik

12.30 Uhr Dr. Denis Keyer (Sankt Petersburg): Northern Orientation in Ancient Greece

13.15 – 14.30 Uhr Mittagspause

Sektion: Die literarischen Konstruktionen des Nordens
Leitung: Prof. Dr. Bernd Roling

14.30 Uhr PD. Dr. Nicola Hömke (Berlin): Ein Deklamator am Ende der Welt. Die literarische Konstruktion des nördlichen und südlichen alter orbis in der lateinischen Deklamation der frühen Kaiserzeit

15.15 Uhr Dr. Gian Franco Chiai (Berlin): Jenseits der Oikoumene: Literarische Darstellungen des Nordens in der Frühkaiserzeit

16. 00 Uhr Kaffeepause

16.30 Uhr Dr. Anca Dan (Paris): Die Riphäen: Bemerkungen über den Mythos der nördlichen Berge

17.15 Dr. Ekaterina Ilyushechkina (Berlin): Metus septentrionalis im politischen Kontext Roms

19.00 Referentendinner

Freitag, 11.04.2014

Sektion: Kulturelle Begegnungen mit dem Norden
Leitung: Prof. Dr. Klaus Geus

09.00 Uhr Prof. Dr. Manuel Baumbach (Bochum): Bildung aus dem hohen Norden? Lukian von Samosata und die Umwertung des Nordens in der Zweiten Sophistik

09.45 Uhr Prof. Dr. Leonid Zhmud (Sankt Petersburg): Die Hyperboreer und Abaris in der pythagoreischen Tradition: Ein Treffen im Norden?

10.30 Uhr Dr. Maria Kasjanova (Moskau): The North in Ancient Greek Folk Mentality: the Example of the Greek paroemiai

11.15 Uhr Kaffepause

11.45 Uhr Prof. Dr. Dmitri Panchenko (Sankt Petersburg): The North in the Presocratics

12.30 Uhr Dr. Alexey Belousov (Moskau): Der imaginäre Norden in der literarisch-heroischen Welt des Flavius Philostratus

13.15-14.30 Uhr Mittagspause

Sektion: Darstellungen des Nordens im Mittelalter und in der Renaissance

Leitung: Prof. Dr. Karl Enenkel

14.30 Uhr Prof. Dr. Florentina Badalanova Geller (Berlin): The Darkness and the North in the Slavonic Medieval Tradition

15.15 Uhr Prof. Dr. Piotr Kochanek (Lublin): Literarische Topoi und Schemata des Nordens in der mittelalterlichen Kartographie

16.00 Uhr Kaffeepause

16.30 Uhr Prof. Dr. Bernd Roling (Berlin): Zion im Norden: Olaus Rudbeck der Jüngere und die biblische Stilisierung Lapplands

16.45 Uhr Dr. Andrej Doronin (Moskau): Russische Länder auf der Karte deutscher Humanisten, 1490-1530

17.30 Uhr Abschlussdiskussion

19.00 Uhr Referentendinner

Kontakt

Prof. Dr. Klaus Geus
klaus.geus@fu-berlin.de

Dr. Gian Franco Chiai
Gian.Franco.Chiai@fu-berlin.de

Dr. Ekaterina Ilyshechkina
ekaterina.ilyshechkina@fu-berlin.de

http://www.geschkult.fu-berlin.de/e/fmi/arbeitsbereiche/ab_geus/termine/Norden-Tagung.html
Redaktion
Veröffentlicht am
31.03.2014