Arbeitswelt im Wandel. Industrielle Arbeitsbeziehungen in „Mitteldeutschland“ – zwischen Klassenkampf, Tarifpartnerschaft, sozialistischer Betriebsgemeinschaft und sozialer Marktwirtschaft (1815-2015). VIII. Unternehmensgeschichtliches Kolloquium

Arbeitswelt im Wandel. Industrielle Arbeitsbeziehungen in „Mitteldeutschland“ – zwischen Klassenkampf, Tarifpartnerschaft, sozialistischer Betriebsgemeinschaft und sozialer Marktwirtschaft (1815-2015). VIII. Unternehmensgeschichtliches Kolloquium

Veranstalter
Sächsisches Wirtschaftsarchiv e.V.; Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Technischen Universität Chemnitz; Thüringer Wirtschaftsarchiv e.V.; Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung; Horst-Springer-Stiftung für Neuere Geschichte Sachsens in der Friedrich-Ebert-Stiftung
Ort
Leipzig
Land
Deutschland
Vom - Bis
01.04.2016 -
Von
Dr. Swen Steinberg

Das Sächsische Wirtschaftsarchiv e.V. veranstaltet am 21./22. Oktober 2016 in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Technischen Universität Chemnitz das mittlerweile 8. Kolloquium zur Unternehmens- und Wirtschaftsgeschichte. Die Tagung wird sich den industriellen Arbeitsbeziehungen in „Mitteldeutschland“ widmen. „Mitteldeutschland“ meint dabei einen Raum, der in etwa das Gebiet der heutigen Bundesländer Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt umfasst, regionalgeographisch verstanden wird und sich von der konservativ bis rechtsradikalen Verwendung des Begriffs in Westdeutschland nach 1945 dezidiert absetzt. Herzlich eingeladen sind dabei auch Referentinnen und Referenten, die einen allgemein-theoretischen Beitrag zum Thema präsentieren oder einen (inter-/transregional) vergleichenden Blick auf andere Regionen werfen möchten.

Der sächsisch-thüringische Raum gehört zu den Gebieten, in denen – für deutsche Verhältnisse – Industrialisierungsprozesse außergewöhnlich früh einsetzten: Bereits vor mehr als 200 Jahren waren hier die ersten Maschinenspinnereien entstanden. Insbesondere in Sachsen entwickelte sich in der Folge die gesamte Bandbreite industrieller Produktion, vom Maschinenbau über die verarbeitende Industrie bis hin zu Energie und Chemie. „Mitteldeutschland“ gilt zudem – und nicht zuletzt dadurch bedingt – als „Wiege der deutschen Arbeiterbewegung“. Doch gerade bei der historischen Erforschung der industriellen Arbeitsbeziehungen in den „neuen“ Bundesländern Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt besteht noch immer erheblicher Nachholbedarf. Aus diesen Vorüberlegungen ergeben sich für die Tagung folgende thematische Schwerpunkte:

1. Der Betrieb ist in neueren sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Ansätzen als sozialer Raum gedacht worden, in dem unterschiedliche Akteure interagieren. Es kann demnach hier etwa um den Zusammenhang zwischen der beruflichen, sozialen, funktionalen, ethnischen oder geschlechtlichen Zusammensetzung der Belegschaften und der Dynamik von innerbetrieblichen Gruppenbildungsprozessen gehen. Eine Schlüsselposition in der Strukturierung solcher Prozesse kommt naturgemäß den Unternehmens- und Betriebsleitungen zu, die betriebliche Hierarchien definieren, Arbeitsabläufe organisieren und Arbeitsordnungen formulieren. Auf der anderen Seite ist aber immer danach zu fragen, ob und in welcher Weise solche Setzungen in der lebensweltlichen Praxis von den betrieblichen Akteuren und Akteursgruppen akzeptiert, interpretiert, umgesetzt und unterlaufen wurden.

2. Industrielle Arbeitsbeziehungen können an den Strategien unternehmerischer Arbeitsmarkt- und Personalpolitik festgemacht werden:
– Die Rekrutierung von Arbeitskräften, ihre Einarbeitung und Weiterqualifizierung, ihre Bindung an den Betrieb oder ihre Entlassung vollzog sich im Zeitraum der letzten 200 Jahre unter wechselnden institionellen Rahmenbedingungen: Zunftverfassung, Gewerbe- und Vertragsfreiheit (mit mehr oder minder ausgeprägter arbeitsrechtlicher Einhegung), sozialistische Planwirtschaft. Zwischenzeitlich unterlagen die industriellen Arbeitsbeziehungen kriegswirtschaftlichen Ausnahmebedingungen, die für Arbeitgeber wie für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer starke Einschränkungen ihrer Handlungs- und Dispositionsfreiheit brachten – für die letzteren bis zum Extrem der Zwangsarbeit.
– In den Rahmen unternehmerischer Arbeitsmarktstrategien lässt sich auch die betriebliche Sozialpolitik einordnen. Man sollte hier sowohl nach den Motiven und Intentionen solcher Maßnahmen fragen als auch nach ihrem Erfolg. Stehen sie für einen paternalistischen Habitus oder wurden sie eher als pragmatische "Sozialtechnologie" verstanden? In welcher Weise wurden Leistungen und Angebote betrieblicher Sozialpolitik von den Arbeitern und Angestellten angenommen, genutzt, bewertet? Lässt sich der Bogen spannen von der betrieblichen Sozialpolitik kapitalistischer Unternehmen hin zu den „volkseigenen“ Betrieben, die mit ihren sozialen Dienstleistungen zum wichtigsten institutionellen Träger gesellschaftlichen und geselligen Lebens in der DDR wurden?

3. Industrielle Arbeitsbeziehungen strukturierten sich im oft konfliktreichen Interessenabgleich kollektiv organisierter „Arbeitsmarktparteien“. Auf der einen Seite beharrten viele Arbeitgeber seit der Einführung der Gewerbefreiheit auf dem Prinzip individueller Vertragsfreiheit zwischen dem Arbeitgeber und einzelnen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern – was faktisch einer einseitigen Festsetzung von Löhnen, Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen durch den Arbeitgeber gleichkam. Auf der anderen Seite forderte die organisierte Arbeiterschaft substantielle Mitspracherechte bei der Aushandlung kollektiver Arbeitsverträge und deren Umsetzung. Im Einzelnen erscheinen die folgenden Punkte von besonderem Interesse:
– Formen betrieblicher Mitbestimmung der Arbeitnehmer – etwa die Frage, seit wann und in welchem Ausmaß es in der „mitteldeutschen“ Industrie bereits vor 1914 Arbeiterausschüsse gab, wie diese innerhalb bestehender Hierarchien verfasst waren und welche Wirksamkeit sie in der betrieblichen Interaktion entfalteten
– Die Herausbildung von Gewerkschaften als Organisationen überbetrieblicher Interessenvertretung: Kann man hier in den von Verlagsbeziehungen geprägten Branchen eine Kontinuität zu den Handwerksinnungen erkennen? Besonders interessant für den „mitteldeutschen“ Fall erscheinen die Beziehungen zwischen gewerkschaftlicher und politischer Arbeiterbewegung. Hing etwa die frühzeitige Herausbildung der sozialdemokratischen Bewegung auch mit einer Schwäche der gewerkschaftlichen Organisation in den Betrieben zusammen?
– Wie reagierten die „mitteldeutschen“ Unternehmer auf die Entstehung und das Wachstum der gewerkschaftlichen und politischen Arbeiterbewegung? Verfolgten sie einen kompromisslosen "Herr-im-Haus"-Standpunkt oder setzten sie eher auf Verhandlung und Kooperation? Lassen sich etwa branchenspezifische oder regionale Unterschiede erkennen? Lässt sich etwa die Formierung von Arbeitgeberverbänden nur als Maßnahme zur Bekämpfung der organisierten Arbeiterschaft verstehen? Oder finden sich hier auch Ansätze zu einer kollektiven, überbetrieblichen Interessen- und Konfliktregulierung zwischen Unternehmern und Gewerkschaften?
– Kam es in der „mitteldeutschen“ Industrie überhaupt zur Ausbildung einer „Sozialpartnerschaft”? Oder fügten sich die Arbeitgeber nach 1918 nur gezwungenermaßen dem staatlich verfügten Flächentarifvertragssystem und der betrieblichen Mitbestimmung? Trug die Ablehnung der Weimarer Arbeitsverfassung womöglich zur frühzeitigen Annäherung vieler „mitteldeutscher“ Unternehmer an den Nationalsozialismus bei? Ging von dieser Entwicklung auch ein Impuls für die Reduktion der Gewerkschaften auf den sozialpolitischen Sektor – und die Steigerung des „Eigensinns“ in den Betrieben – der DDR aus? Kann man das weitgehende Fehlen einer sozialpartnerschaftlichen Tradition möglicherweise auch als Erklärung dafür heranziehen, dass nach 1990 in nicht wenigen „mitteldeutschen“ Unternehmen weder Tarifverträge abgeschlossen noch Betriebsräte installiert wurden?
– Letztere Frage verweist zudem auf die eingangs angesprochene Thematik der Erinnerungskultur wie auch das kulturelle/kollektive Gedächtnis in Bezug auf den Wirtschaftsraum „Mitteldeutschland“, der als solcher bereits im 19. Jahrhundert begrifflich gefasst wurde und durch unterschiedliche wirtschaftsbezogene Entwicklungslinien (Industrialisierung, Arbeiterbewegung) gekennzeichnet bzw. geprägt wurde. Wann allerdings dessen Historisierung einsetzte und welche Elemente dabei bewusst inszeniert wurden, ist bislang nicht systematisch untersucht worden und könnte durch wirtschafts- und sozialgeographische Zugänge offengelegt werden. Diese Entwicklungslinien weisen dann auch in die Zeitgeschichte nach 1989 und auf vor allem touristisch und identifikatorisch orientierte Projekte der „Industriekultur“.

Die Tagung findet am 21. und 22. Oktober 2016 in Leipzig statt und steht unter der Leitung von Prof. Dr. Rudolf Boch, Veronique Töpel, PD Dr. Michael Schäfer und Dr. Swen Steinberg. Kooperationspartner sind das Thüringer Wirtschaftsarchiv e.V., das Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung und die Horst-Springer-Stiftung für Neuere Geschichte Sachsens in der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Wir bitten bis zum 1. April 2016 um Themenvorschläge (Abstract von maximal 300 Wörtern und eine Kurzbiografie) für Referate von etwa 30 Minuten Länge an folgende Adresse:

Sächsisches Wirtschaftsarchiv e.V., Geschäftsführerin Veronique Töpel, Industriestraße 85-95, 04229 Leipzig, Tel.: 0341/919920, E-Mail: toepel@swa-leipzig.de

Eine Veröffentlichung der Tagungsbeiträge im Anschluss an die Veranstaltung ist geplant.

Kontakt
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Geschäftsführerin Veronique Töpel
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