STADION. Internationale Zeitschrift für Geschichte des Sports 47 (2023) 2

Titel der Ausgabe 
STADION. Internationale Zeitschrift für Geschichte des Sports 47 (2023) 2

Erschienen
Baden-Baden 2023: Nomos Verlag
Erscheint 
halbjährlich
Anzahl Seiten
156 S.
Preis
Jahresabo inkl. Online-Zugriff: privat € 48,00; inst. € 98,00; Einzelhefte Print € 28,00

 

Schriftleitung STADION

Manfred Lämmer
Institution
STADION. Internationale Zeitschrift für Geschichte des Sports – International Journal of the History of Sport – Revue Internationale d’Histoire du Sport
Abteilung
Deutsche Sporthochschule Köln, Institut für Sportgeschichte,
Land
Deutschland
PLZ
50933
Ort
Köln
Straße
Am Sportpark Müngersdorf 6
Von
Markwart Herzog, Direktion, Schwabenakademie Irsee

Editorial der Herausgeber
Die zweite STADION-Ausgabe 2023 enthält Beiträge zur Geschichte des Sports in Frankreich und Deutschland sowie einen Aufsatz zur Diskussion um den religiösen Charakter des Fußballsports.
Die umfängliche Studie von Peter Tauber (München) zum Deutschen Turnfest 1923 befasst sich mit einem Thema, das in der Historiografie von Turnen und Sport bisher nur von Hajo Bernett vor über einem halben Jahrhundert behandelt wurde1. Der Verfasser schlägt eine Brücke zwischen Sportgeschichte und politischer Geschichte, indem er die Bedeutung der bis dato größten Massenveranstaltung des Sports auf deutschem Boden unter anderem für die Frühgeschichte der NSDAP rekonstruiert, auf die auch Bernett hingewiesen hat2. In der Allgemeingeschichte fand das Turnfest bisher keinerlei Beachtung. Dies ist vor allem deshalb erstaunlich, weil in Münchner Archiven eine reiche Überlieferung von Beständen vorliegt, auf deren Basis – wenig überraschend – neues Licht auf die Ereignisse im Juli 1923 geworfen werden kann. Dagegen hatte Bernett ausschließlich gedruckte Quellen und Literatur ausgewertet3. Sowohl für die Sport- als auch für die Allgemeingeschichte liefert Tauber neue Erkenntnisse. So korrigiert er einerseits das häufig in Schwarz-Weiß gezeichnete Bild einer sich schon frühzeitig der NSDAP und ihrem Jungpolitiker Adolf Hitler andienenden Deutschen Turnerschaft und hinterfragt andererseits kritisch den Beginn der Legalitätstaktik der NSDAP, der in der Historiografie des Nationalsozialismus bisher mit dem gescheiterten Putsch im November 1923 zu spät datiert worden sei.
Der Beitrag von Philipp Didion (Saarbrücken) beleuchtet mit dem Automobilrennsport ein weiteres bislang stark vernachlässigtes Feld der (sport-)historischen Forschung. Ihm gelingt dies anhand der deutsch-französischen Kontakte in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in transnationaler Perspektive, in die er auch die Entwicklungen in Großbritannien und Italien einbezieht. Parallel zur Normalisierung der diplomatischen Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland und der Reintegration Deutschlands in die internationale Staatengemeinschaft wurden automobilsportliche Begegnungen früher als nach dem Ersten Weltkrieg möglich gemacht. Nicht zuletzt aus wirtschaftlichem und industriepolitischem Interesse nahm der Motorsport hier eine Sonderstellung ein. Frankreich, vor allem Industrieminister Marcel Paul, versuchte das Know-how der deutschen Automobilindustrie abzugreifen4. Mit Recht hofft der Verfasser, dass nicht zuletzt von seinem Beitrag ein Impuls ausgeht, der diesem nicht nur sport-, sondern auch technik-, wirtschafts-, politik- und geschlechterhistorisch interessanten Feld zu stärkerer Beachtung verhilft.
Mit einem wissenschaftshistorisch und begriffsgeschichtlich argumentierenden Aufsatz leistet Christian Tagsold (Düsseldorf) einen Beitrag zu den Debatten rund um die Frage, ob und inwiefern der Fußballsport als Religion verstanden werden kann. Eine Schlüsselrolle weist er dabei dem Ethnologen Christian Bromberger zu, der mit seiner 1995 erschienenen Pionierarbeit Le match de football wichtige Weichen gestellt habe5. In den 1970er und 1980er Jahren sei eine derartige Fragestellung undenkbar gewesen. Die Ethnologie habe sich damals dem Fremden in anderen Ländern und entfernten Kulturen gewidmet. Der Religionsbegriff habe insofern eine „Scharnierfunktion“ ausgeübt, als er das Fremde und Exotische in der eigenen Kultur und Gesellschaft zu einem wissenschaftswürdigen Thema gemacht habe. Die Ethnologie, früher „Völkerkunde“ genannt, sei damit zu einer modernen Wissenschaft und einer Wissenschaft der Moderne geworden. Zugleich sei es möglich geworden, jene bunten, körperbetonten und irrational, mithin unzivilisiert erscheinenden Seiten der Fußball(fan)kulturen ernst zu nehmen, die sich in einer durchrationalisierten Zivilisation wie bizarre Sonderwelten und Fremdkörper ausnehmen. Damit sei der Weg frei geworden, das Exotisch-Fremde in der eigenen Kultur distanziert-wertfrei zu analysieren. Wissenschaftshistorisch interessant seien jedoch weniger die Antworten auf die Frage, ob und inwiefern Fußball religiös sei, sondern vielmehr, warum diese Frage überhaupt gestellt werde. Die Aktualität dieses Themas beweisen im deutschen Sprachraum nicht zuletzt die lebensweltanalytischen Feldforschungen von Hans-Ulrich Propst6 und das von Jochem Kotthaus herausgegebene, im Oktober 2023 erschienene Themenheft „Religion“ der Zeitschrift für Fußball und Gesellschaft7.
Schließlich führt Jean-Michel Faidit (Saint Chaptes) die Leser in die Geschichte des Sports und der Körperkultur Frankreichs im 19. Jahrhundert und mit Hippolyte Triat zu einem ihrer Gründungsväter. Die für diesen Aufsatz titelgebende „Methode“ bezieht sich auf den Pioniercharakter des von Triat entwickelten und geschickt vermarkteten Körpertrainings. Im Detail geht der Verfasser auf die von Triat gelehrten Übungen ein, indem er sie anhand der wenigen verfügbaren historischen Quellen mit dem Training und den Lehrmethoden von Zeitgenossen vergleicht. Gleichzeitig dekonstruiert Faidit Legenden, die sich um Triats Leben ranken. In historischer Perspektive kann dieser als einer der Vorläufer einer kommerzialisierten Fitnessbewegung gelten.
Besprechungen von Neuerscheinungen über Werke zur Sportaußenpolitik des „Dritten Reichs“ und der DDR beschließen diese Ausgabe.

Anmerkungen:
1 Hajo Bernett, Das deutsche Turnfest in München 1923 als Politikum, in: ders., Untersuchungen zur Zeitgeschichte des Sports, Schorndorf: Hofmann, 1973, 7–37.
2 Ebd., 8–9.
3 Ebd., 8, 35.
4 Wolfram Pyta, Nils Havemann und Jutta Braun, Porsche: Vom Konstruktionsbüro zur Weltmarke, München: Siedler, 2017, 335–358.
5 Christian Bromberger, Le match de football: Ethnologie d’une passion partisane à Marseille, Naples et Turin, Paris: Éditions de la Maison des sciences de l’homme, 1995; vgl. bereits die eineinhalb Jahrzehnte früher veröffentlichte sozialbehavioristische Studie von Desmond Morris, Das Spiel: Faszination und Ritual des Fußballs, München und Zürich: Droemer Knaur, 1981; Originalausgabe The Soccer Tribe, London: Jonathan Cape, 1981.
6 Hans-Ulrich Probst, Fußball als Religion? Eine lebensweltanalytische Ethnographie, Bielefeld: transcript, 2022.
7 FuG – Zeitschrift für Fußball und Gesellschaft 4, Nr. 2 (2022).

Inhaltsverzeichnis

Editorial
Stadion, Bd. 47, 2/2023, S. 143–145, DOI: 10.5771/0172-4029-2023-2-143

Abstracts

Peter Tauber, Das Deutsche Turnfest in München und die Politik Hitlers im Krisenjahr 1923
Stadion, Bd. 47, 2/2023, S. 146–213, DOI: 10.5771/0172-4029-2023-2-146
The German Turnfest 1923 in Munich in July was the largest mass event of the year. And in Munich, the NSDAP under the leadership of Adolf Hitler had gained enormously in popularity since January. It constantly gained new members and increasingly influenced politics. Consequently, Hitler wondered how he could use the Turnfest to generate even more attention for his party throughout the Reich. After originally having planned to disrupt the event, the party decided, following Hitler’s instructions, to use the Turnfest for its own propaganda. The aim was to present the NSDAP as a strong national political power. But police largely blocked this plan. Hitler did not allow the conflict to escalate and refrained from further provocation, which proves that his legal course to power was already in action then and not just after the failed so called Beer Hall Putsch in November of the same year. The clashes between the police and Hitler’s followers did not go unnoticed by the public. Hitler received nationwide attention, but not in the way he had hoped. He nevertheless continued to mobilize his supporters knowing that his movement was still not strong enough to stand up to state power. He knew that he needed the support of the Landespolizei and the Reichswehr in order to succeed and in the following months tried to convince these armed forces of the Republic to support him. – Keywords: Beer Hall Putsch; Turnfest; Adolf Hitler; Legal Course; Tactic of Legality; Munich; NSDAP.

Philipp Didion, Viel Kontinuität, wenig Neuanfang? Akteure und Diskurse im französischen und westdeutschen Autorennsport der frühen Nachkriegszeit 1945–1955
Stadion, Bd. 47, 2/2023, S. 214–238, DOI: 10.5771/0172-4029-2023-2-214
Franco-German relations in car racing in the period after World War II have so far been in academic obscurity. Little is known about the resumption of sporting contacts in that field. This article therefore aims to explore some of the routes of the history of French-West German relations in this sport for the first post-war decade (1945–55). The focus is on – in chronological order – the resumption of car racings in both countries, the first appearance of German drivers and brands at racing events in France, personal continuities, and cross-border contacts in this discipline as well as the 1955 Le Mans disaster. Like football, car racing can also be described as a symbol for diplomatic relations between France and the Federal Republic of Germany. The political and social conditions of the time were clearly reflected in this context. For example, the resumption of sporting contacts after 1945 also took place more quickly here than after the First World War. However, motorsport in general and car racing in particular had a somewhat exceptional status – especially regarding its systematic promotion in the French occupation zone as well as their very present international character. – Keywords: Car Racing; Post-War Period; Le Mans; Reims; Mercedes; Silver Arrows; Alfred Neubauer; Charles Faroux.

Christian Tagsold, Football and Faith: A Critical Perspective on Interpreting Sport as Religion
Stadion, Bd. 47, 2/2023, S. 239–254, DOI: 10.5771/0172-4029-2023-2-239
Comparing football and its fan culture to religion has become a common trope in the last decades in newspapers, sports magazines, and scientific papers. The colorful stagings of fans, their often unruly behavior, and their display of passion resemble religious rituals and creeds. Thus, the analogy seems to explain actions that otherwise might appear strange if not irrational from the outside.
However, as I will argue, attempts to analyze football as a religion tend to overlook that the concept of religion itself has undergone many permutations in the last centuries. Once, religion was a category reserved for Christianity. However, with colonialism, sociologists, scholars of religion, and cultural anthropologists began to subsume many creeds and rituals outside Europe under the category of religion. In a similar fashion, religion has helped social scientists come to terms with football fans as untypical modern subjects. Fans are loud and unruly, but when social scientists analyze their actions and social codes through the prism of religion, they suddenly appear less puzzling.
However, with that in mind, I will ask whether analyzing football as religion might signify further changes in understanding the latter instead of offering an apt tool for understanding the former. In postmodern fashion, even football can be interpreted as religion, which may tell us more about religion’s broadening semantics than football’s sacralization. – Keywords: Religion; Football (Soccer); Ritual; Olympic Games; Football Fans; Émile Durkheim; Pierre de Coubertin.

Jean-Michel Faidit, La méthode du plancher d’Hippolyte Triat: Genèse ettransmission
Stadion, Bd. 47, 2/2023, S. 255–287, DOI: 10.5771/0172-4029-2023-2-255
Hippolyte Triat’s floor method has remained famous in the history of gymnastics. We see it appear in the title of the booklet written by Nicolas Dally to present the Parisian Gymnasium launched with Triat in 1847: Milonian Society for the exploitation of gymnastics “according to the method of Mr. Triat of Nîmes”. But what is the genesis of this method, the shaping of which probably began when Triat settled down with the opening of its first gymnasium in Liège in 1838? And what was its diffusion before falling into oblivion? It seems to be linked to the progress of its author from his performances of acrobatic gymnastics with Paul Mathevet during the 1830s. Starting from documentary material from the press of the time and helped by recent historiography relating to the sport and physical activity from a social perspective, the spectacle of acrobatic gymnastics played a driving role in the creation of the first civilian gymnasiums. The practice of gymnastics then responds to new objectives of health, educational value and bodily beauty. This study shows how the Triat method was disseminated by several articles by the writer Paul Féval and partially illustrated by Dr. Jules Massé in La Santé universelle: Guide médical des familles in 1853–54, then transmitted after his death by his students like A. Personne who still practised it in 1917 and had it stenographed by Victrix of the sports newspaper L’Auto, and by his disciples like Edmond Desbonnet who often referred to in his journal La Culture physique or in his works. This stenography not having been published, from the descriptions contained in L’Education Introduite dans les Masses par la Régénération de l’Homme by A. Personne, published by Dubreuil in Paris in 1905, and the Traité de gymnastique d’application by Pierre Schmitz, published in Liège in 1871, compared to the articles of Jules Massé, our problem is to reconstruct in theory the chronology of the exercises of this forgotten Triat floor method, in the hope that gymnastics instructors put it into practice with a tutorial recording promoting its dissemination. – Keywords: Hippolyte Triat; Gymnasium; Gymnastics; Acrobatic Gymnastics; Bodily Beauty; Sports History; Physical Education.

Reviews
Hans Joachim Teichler, Internationale Sportpolitik im Dritten Reich, Baden-Baden: Academia, 2. aktualisierte und erweiterte Auflage, 2022 (Andreas Höfer)
Daniel Lange, Turnschuhdiplomatie: Die internationalen sportpolitischen Beziehungen der DDR nach Afrika als besonderer Bestandteil ihrer Außenpolitik (1955–1990), Berlin: Deutsche Hochschule für Gesundheit und Sport (DHGS), 2022 (Volker Kluge)
Stadion, Bd. 47, 2/2023, S. 288–297, DOI: 10.5771/0172-4029-2023-2-288

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