Ariadne. Forum für Frauen- und Geschlechtergeschichte (2016), 69

Titel
Ariadne. Forum für Frauen- und Geschlechtergeschichte (2016), 69.
Weitere Titelangaben
FrauenBewegung. Geschlechtergeschichte und Sport


Hrsg. v.
Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung
Heft(e)
1
Erschienen
Umfang
82 S.
Preis
11,50
Herausgeber d. Zeitschrift
Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung
Erscheinungsweise
erscheint zweimal jährlich (Mai und November)
Kontakt
Ansprechpartnerin Publikationen: Laura Schibbe <schibbe@addf-kassel.de> Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung Gottschalkstraße 57 D – 34127 Kassel Tel.: +49 (0)561-989 36 70 Fax: +49 (0)561-989 36 72

Der Fund des abgedruckten Titelbildes in einer Bilddatenbank war das Initial zu dieser Ausgabe. Das Gruppenbild zeigt sechs nebeneinander stehende Frauen, fünf von ihnen in kurzen Trikots. Die Frau am linken Bildrand hält einen mittelgroßen Lederball. Die Trikots tragen das Abzeichen der Deutschen Turnerschaft, ein erster Hinweis auf eine organisierte Mannschaft. Sie lächeln, schauen gar belustigt in die Kamera, trotz der lockeren Stimmung wirkt die Körperhaltung jeder Einzelnen bestimmt und entschlossen. Die geschlossenen Fäuste vor dem Oberkörper von vier Spielerinnen tragen dazu bei und zeigen ihren Tatendrang. Die erläuternde Bildinformation weist die auf diesem Bild abgebildeten Frauen als die Faustballmannschaft des Männerturnvereins Lüchow im Jahr 1932 aus. Faustball? Eine organisierte Frauenmannschaft im Turnerschaftsdress? Und das in einer ländlichen Kleinstadt in der preußischen Provinz Hannover? Bei der Suche nach Antworten stellt sich heraus, dass Faustball eine der ältesten Sportarten der Welt ist. Seit den 1890er Jahren fand sie Verbreitung in Deutschland innerhalb der Turnerschaft.

Das Bild der Faustballerinnen zeigt, dass Frauen lustvoll und selbstbestimmt Sport treiben und das nicht erst seit der Neuen Frauenbewegung der 1970er Jahre. Diese Aussage scheint auf den ersten Blick nicht zu überraschen, allerdings offenbart ein Blick in die Geschichte, dass auch dieser Lebensbereich von Frauen und für Frauen erst erkämpft werden musste. Im 19. Jahrhundert herrschte ein rigides, bürgerliches Körperideal, welches Frauen in einengende und gesundheitsgefährdende Kleidung zwängte. Mediziner rieten vor zu viel Bewegung ab, da sie annahmen, dass die weiblichen Geschlechtsorgane Schaden nehmen würden. Dass sich diese Vorstellungen langsam änderten, hatte auch etwas mit der proletarischen und bürgerlichen Frauenbewegung zu tun, die medizinische und gesellschaftliche Vorurteile in Frage stellte. 1874 hielt bereits die Frauenrechtlerin Hedwig Dohm fest, dass es zur Athletin nur der "unausgesetzte(n) Uebung und Stählung der Muskeln" bedarf. "Man redet der Frau ein, daß sie kränklich sei und schwach und daher des männlichen Schutzes bedürfe; denn ahnte sie die ihr angeborene Kraft und Gesundheit, so könnte der souveräne Mensch in ihr erwachen".

Als sich die sogenannten Leibesübungen etablierten – maßgeblich innerhalb der Turnerbewegung – gehörten Frauen nicht zur Zielgruppe, denn deren Körper sollten nicht im Zentrum männlicher Aufmerksamkeit stehen. Turnen sollte der Körperertüchtigung junger Männer und der soldatischen Wehrtüchtigkeit dienen. Frauen hatten ihre patriotische Pflicht durch das Gebären von Kindern zu erfüllen – und diese Funktion sollte nicht durch körperliche Bewegung gefährdet werden, eine Einstellung, die sich erst im wilhelminischen Kaiserreich änderte. So etablierten sich erste Frauenturnabteilungen in den 1880/90er Jahren. Im Selbstverständnis der Turnerschaft aber durfte "das Turnen nicht am 'Schlepptau der ungesunden Frauen-Emanzipation' ziehen". Obwohl die frühen Turnerinnen sich nicht in der Frauenbewegung engagierten, hatten sie – wenn auch indirekt – einen Anteil an der sich vollziehenden Frauenemanzipation. Denn die eigene Körpererfahrung beförderte ein neues weibliches Selbstverständnis, eine veränderte Körperkultur, die neue Rollenbilder und neue Bewegungs-Freiheiten zur Folge hatte. Schrittweise und kontinuierlich wurden gesellschaftliche Werte und ganz praktische Hindernisse überwunden. Neue Sportarten wie Tennis schwappten von England auf den Kontinent und gaben auch Frauen nun die Möglichkeit zum Wettbewerb; eigene Vereine wurden gegründet und es gab Lösungen für die als unüberwindlich geltende Kleiderfrage.

Heute haben Frauen sowohl im Freizeit- als auch im Leistungssport Fuß gefasst. Traditionell männlich konnotierte Zuschreibungen und Verhaltensmuster wie Mut, Körperkraft, Risikobereitschaft, Aggressivität oder Konkurrenzverhalten wurden auch Teil eines emanzipierten weiblichen Selbstverständnisses, das sich nicht zuletzt im Sport ausdrücken kann. Ist daher nun alles erreicht?

In diesem Heft wenden wir uns den vergangenen und den noch aktuellen Kämpfen um Gleichstellung von Frauen im (Profi)Sport zu. Die Sporthistorikerin Gertrud Pfister betrachtet in ihrem Überblicksartikel die Erfolge und die Rückschritte dieses Aneignungsprozesses in den letzten 100 Jahren. Sie kann zeigen, dass diese – zumindest in Europa – eine sich immer weiter ausbreitende Anerkennung von Frauen im Sport gebracht haben, auch wenn die mit Sport verbundenen Attribute immer noch stark männlich konnotiert sind. Die Öffnung des Profisports für alle Geschlechter (jenseits von Mann und Frau) und die Eroberung besonders auch des Leistungssports als diskriminierungsfreien Raum werden schon länger von der LGBTI-Bewegung gefordert. Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Intersexuelle haben sich eigene Großveranstaltungen wie die Gay Games geschaffen, die 1982 in San Francisco das erste Mal stattfanden. So stellt die Kulturwissenschaftlerin Tatjana Eggeling in ihrem Essay generelle und persönliche Überlegungen vor, welche Wechselwirkungen, Hindernisse und Herausforderungen im gesellschaftlichen Umgang mit Homosexualität und Sport auch heute noch zu finden sind und welche Barrieren für einen offenen Umgang mit Homosexualität im (Profi)Sport abgebaut werden müssten.

In den sich anschließenden drei Artikeln wird auf die Etablierung 'neuer' Sportarten eingegangen. Merle Büter beschreibt die Etablierung des Frauenfußballs in Deutschland im Dreiklang von "Toleranz – Verbot – Akzeptanz". Der Aerobic-Boom der 1980er steht im Zentrum des Beitrags von Melanie Woitas, die den massenhaften Zustrom von Frauen ab den 1970er Jahren zu dieser Sportart darstellt und den vermeintlich emanzipatorischen Anspruch von Aerobic herausarbeitet, der aber letztlich eine Zementierung weiblicher Rollenklischees bedeutete. Merit Petersen erinnert in einem kurzen Beitrag an den Aufschwung der Marathon-Bewegung für Frauen: Vor knapp 40 Jahren lief die erste Frau beim Boston Marathon und veränderte damit diese Sportart nachhaltig.

Ebenfalls drei Artikel befassen sich mit der Geschichte von Frauen im Alpinsport. Die Historikerin Martina Gugglberger nimmt die LeserInnen mit auf die Reise in den Himalaya zu den Frauenexpeditionen der letzten Jahrzehnte. Sie beschreibt die Schwierigkeiten und die Diskriminierung von Frauen in gemischtgeschlechtlichen Teams und die Herausforderung, die es bedeutet, in Frauenteams den Berg zu ersteigen. Ein Porträt der österreichischen Bergsteigerin Liselotte Buchenauer zeichnet Ute Sonnleitner mit Hilfe der Kategorien Geschlecht, Bergsport und Erinnerung. Sie kann zeigen, dass bergsteigende Frauen nicht selbstverständlich ihre eigenen Erfahrungen für sich nutzen können.

Frauen eroberten sich aber nicht nur die Berge, sondern auch die Lüfte. Die "Höhen und Tiefen des Frauen-Skispringens" stellt die Sportwissenschaftlerin Annette Hofmann dar und führt damit eine Sportart vor, in der bis vor kurzem immer noch die Mär verbreitet wurde, dass bei Skispringerinnen möglicherweise die Gebärmutter platzen könne.

In allen Beiträgen wird deutlich, dass der freie Zugang zu Körpererfahrungen nicht selbstverständlich war und ist. Insbesondere die Pionierinnen in einer Sportart waren mit vielen Hindernissen und Vorurteilen konfrontiert. Ihr Mut, ihre Risikobereitschaft und insbesondere ihr Durchhaltevermögen haben erst zur heutigen Präsenz von Frauen in vielen verschiedenen Sportarten geführt. Immer wieder wurden die geschlechtsbezogenen Vorurteile, gleich ob medizinisch, biologisch oder moralisch, offengelegt und zur Revision herausgefordert.

Das Heft kann über den Buchhandel oder direkt beim Archiv der deutschen Frauenbewegung bestellt werden. Siehe: http://www.addf-kassel.de/shop/shop-kategorien/categories/ariadne/

INHALTSVERZEICHNIS

Gertrud Pfister:
Hürdenlauf. Frauen erobern den Sport
S. 6–15

Merit Petersen:
Der lange Lauf der Gleichberechtigung
S. 16–17

Tatjana Eggeling:
Sport und Homosexualität – ein Team?
S. 18-25

Merle Büter:
Toleranz– Verbot – Akzeptanz. Zur Geschichte des Frauenfußballs in Deutschland
S. 26–33

Melanie Woitas:
Vom männlichen Elitetraining zum weiblichen Breitensport. Aerobic im Spannungsfeld geschlechtlicher Aneignungsprozesse in den USA
S. 34–41

Kerstin Wolff / Barbara Wagner:
Sport-Bestände im Archiv der deutschen Frauenbewegung. Die Gymnastikschule Schwarzerden und der Casseler Frauen-Ruder-Verein
S. 42–45

Martina Gugglberger:
"A woman's place is on top". Frauenexpeditionen in den Himalaya
S. 47–55

Ute Sonnleitner:
Geschlecht, Bergsport und Erinnerung. Ein Porträt der österreichischen Bergsteigerin Liselotte Buchenauer 1922–2003)
S. 56–63

Annette R. Hofmann:
Frauen erobern sich die Lüfte. Höhen und Tiefen des Frauen-Skispringens
S- 64–71

Zitation
Ariadne. Forum für Frauen- und Geschlechtergeschichte (2016), 69. in: H-Soz-Kult, 02.08.2016, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-9817>.
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Veröffentlicht am
02.08.2016