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Titel
1967. Israels zweite Geburt


Autor(en)
Segev, Tom
Erschienen
München 2007: Siedler Verlag
Anzahl Seiten
797 S.
Preis
€ 28,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Rüdiger von Dehn, Bergische Universität Wuppertal

„Die klischeehafte Wahrnehmung Israels als ein ‚von Feinden umgebenes Land‘ entsprach der Wirklichkeit und spiegelte ein Gefühl des Eingeschlossenseins wider“ (S. 42) – treffender kann Tom Segev die Atmosphäre in Israel Mitte der 1960er-Jahre nicht beschreiben, um den Rahmen für den israelischen Präventivschlag im Sommer 1967 gegen Ägypten, Syrien und Jordanien zu schaffen. Aus der Finesse einer journalistisch sauber geführten Feder, kombiniert mit historischer Fachkenntnis, finden die angedeuteten Aspekte in diesem Buch auf sehr anschauliche Art und Weise einen neuen Platz in der Geschichtsschreibung zum Nahen Osten. Der israelische Journalist und Historiker hat 2005 zunächst auf Hebräisch die Geschichte einer Gesellschaft in drei Kriegen vorgelegt, die jetzt ins Deutsche und ins Englische übertragen wurde. Dabei wirkt seine Darstellung wie ein Gegenpart zu Michael B. Orens „Six Days of War“ oder der älteren Analyse des Nahostkonfliktes von Steven Spiegel.[1] Ein Kontrast zu der Überblicksdarstellung, wie sie Mejcher vorlegte, ist es allemal.[2]

Pünktlich zum 40. Jahrestag des Sechstagekrieges liegt nunmehr Segevs Studie über die Umstände vor, die zu diesem Krieg führten. Er legt offen, was für eine Zäsur dieser Waffengang für die weitere Entwicklung des Landes bedeutete. Hierzulande wurde dieser Krieg bisher nur sehr wenig von der Forschung aufgegriffen, obwohl dieser doch ein entscheidendes Fundament für die aktuellen Konflikte im Nahen Osten ist. In vier großen Teilabschnitten schildert Segev minutiös die Atmosphäre im Jahr 1966 und besonders im Juni 1967. Der Alltag wird zum tragenden Element der Darstellung, indem Segev Menschen und Einzelschicksale in den Vordergrund stellt. So verlieren die ansonsten doch immer sehr trockenen diplomatischen Zusammenhänge ihren Charakter des Unantastbaren. Geradezu bemerkenswert ist die Fülle des Materials, das aus nicht weniger als fünfundzwanzig Archiven – weltweit – zusammengetragen wurde und durch Briefquellen ergänzt wird. Durch die Reflexion der einschlägigen Zeitungsberichterstattung skizziert Segev das Leben im belagerten Staat und öffnet damit Einblicke in die israelische Mentalität der Zeit. Damit ist wahrlich eine gut lesbare Gesamtschau entstanden. Schon in den ersten beiden Teilen kündigt sich eine allumfassende Auswertung an, die einen tiefen Einblick in den Ursprung und den Verlauf des Nahostkonfliktes bis zur Gegenwart gibt und sicherlich das Potential eines Standardwerkes in sich trägt – sei es nun in Englisch oder Deutsch.

Eröffnet wird das facettenreiche Bild Israels mit der Betrachtung des Alltages in einem sich modernisierenden Land. Von Wohnungspreisen bis zu Lohnfragen wird das Leben der noch jungen Nation en détail beschrieben, wobei man sich nicht dem Eindruck entziehen kann, dass vielleicht nicht jedes Mosaikstück hätte aufgeführt werden müssen. Nichtsdestotrotz sind es aber gerade diese Elemente aus den Bereichen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung, die es erlauben, die Atmosphäre der Angst und des Zweifels am Fortbestand des israelischen Staates nachzuvollziehen. So tritt langsam die Furcht vor dem drohenden und schnellen Ende in der Konfrontation mit den arabischen Staaten hervor. Geradezu minutiös zeichnet Segev die Evolution der israelischen Gesellschaft nach, wobei es ihm gelingt, der Politik dieser Jahre ein Gesicht zu geben, indem er immer wieder auf die tiefen amerikanischen Merkmale darin hinweist. Gerade der erste Teil zeigt Israel als eine in sich zerrissene Einwanderergesellschaft. Die Zeichen der Zeit vor 1967 ließen keinen Zweifel daran, dass das Land immer noch auf dem beschwerlichen Weg zu sich selbst war. Die nationale Identität stand immer in Gefahr auseinanderzubrechen, was lediglich durch den immerwährenden Einfluss der Streitkräfte im Land verhindert wurde.

Eindringlich wird dabei die Beziehung der US-Regierung unter Johnson zu Jerusalem beschrieben. Dies wird dadurch untermauert, dass die USA in diesem Jahr wahrlich nicht nur auf Vietnam konzentriert waren. Das zweite politische Feld bildete so klar der Nahe und Mittlere Osten. Dies weiß Segev, in Abgrenzung zur am Potomac geplanten Innenpolitik, brillant zu vermitteln. Er lässt die Quellen für sich sprechen, in denen sich Staatsmänner, Journalisten oder aber auch einfache Soldaten als Beobachter und Akteure der Zeit abwechseln.

Der Fokus verschiebt sich dann auf die Rolle der Palästinenser und das Syrien-Syndrom, zwei Teilbereiche, die Segev nur zwei Kapitel wert sind. Durch die Beschreibung des Terrors der Fatah kristallisiert es sich bereits heraus, dass Israel in den Jahren 1966/67 nicht vor dem letzten Waffengang gegen die Araber stand. Dabei sticht einmal mehr die Rolle und Bedeutung der Medien hervor, die es verstanden, die Stimmung in der Öffentlichkeit gegen die Palästinenser weiter zu schüren. Passgenau fügten sie dort das journalistisch wiedergegebene Bild der arabischen Terroristen ein. Sprengungen von Häusern oder die Forderung nach einem Elektrozaun als Grenze zu den arabischen Staaten waren Reaktionen aus den Kreisen des Militärs, die Stärke zeigen wollten, ohne sich weiter „mit schwachen Politikern herumschlagen“ zu müssen (S. 190). Die Offiziere der Israeli Defense Forces, als tragende Säule des Staates, wollten diesen Krieg, der jetzt in rund 70 Seiten abgehandelt wird. Ganz im Sinne eines „New Historian“ greift Segev das heiße Eisen der Nuklearforschungsanlage bei Dimona und die damit verbundene Produktion eigener Atomwaffen auf. Eindeutig bezieht er Stellung, wenn von einem israelischen Rüstungsprogramm gesprochen wird (S. 201).

Die Angst vor dem weiter steigenden Druck aus den Reihen der eigenen Offiziere zwang letztlich Ministerpräsident Eschkol zum militärischen Handeln. Ein Schritt, gegen den er sich lange zu wehren versucht hatte, solange keine amerikanische Rückendeckung vorhanden war. Schon nach sechs Tagen wurden alle Zweifel von einem kaum fassbaren Siegesrausch abgelöst. So beginnt im dritten Teil die eigentliche Beschreibung des Krieges, der eine Zäsur in der Geschichte Israels darstellt und von Segev nicht klassisch militärhistorisch abgehandelt wird. Gleichzeitig verliert er die Frage nicht aus den Augen, mit welcher Motivation die USA sich nun in Israel politisch bemerkbar machten. Der Krieg bekommt damit immer wieder einen unverwechselbaren transnationalen Rahmen – abseits von grünen Tischen und der Regierungsebene.

Der vierte Teil ist fast wie ein Blick in die damals bevorstehende Zukunft – von 1967 bis heute – zu lesen. Die Herrschaft über das eroberte Land musste organisiert und strukturiert werden. Dies schien problematisch zu sein, da wenige Pläne für eine Besatzung der Territorien bereitlagen, die so schnell erobert worden waren. Ganz zu schweigen davon, ob nun ein Staat für die Palästinenser gegründet werden sollte oder nicht. Ohnehin überstrahlte jetzt der Glanz des wiedervereinten Jerusalems alle zu regelnden Probleme. Der große Traum vom Frieden sollte alsbald dahin sein. Bestens gelingt es Segev zu zeigen, inwieweit der Primat der Politik in Israel seit 1967 immer wieder hinter den Streitkräften zurückzustehen hatte. Ben Gurion selbst hatte ihnen einen Heiligenschein verliehen, weswegen sie auch in der Zukunft wenig Kritikfläche boten.

Mit „1967“ liegt jetzt eine Gesamtschau auf Israel vor, mit der die Einbindung des Landes in die Entwicklungen auf der großpolitischen Wetterkarte des Nahen Ostens seit 1945 einhergeht. Der große Wert der Arbeit liegt darin, dass es Segev gelingt, sehr genau die Gründe für den Nahostkonflikt offenzulegen, wobei Charakterstudien nicht zu kurz kommen. Sein Ansatz läuft dabei ganz und gar gegen das gängige israelische Selbstverständnis. Einige Abstriche sind jedoch zu machen. So wäre es sicherlich dienlich gewesen, wenn neben dem Personen- auch ein Sachregister den beschriebenen Themenkomplex wirklich vervollständigt hätte. Gleiches gilt für einen knappen chronologischen Abriss über die Jahre von 1948 bis zum Oktober 1973, da ein Leser, der das Thema noch nicht für sich entdeckt hat, sich verloren fühlen muss. Störend wirkt, dass die eine oder andere Belegstelle fehlerhaft im Anmerkungsapparat angegeben wurde.

Dennoch: Niemand aus den Reihen der Fachwelt wird sich der Lektüre entziehen können, die wahrlich mehr ist als ein Einstieg in den Sachzusammenhang und die bloße Reflexion von Basisfakten zu einer wichtigen Zäsur im Nahostkonflikt. Der Laie wird den Text wie einen gesellschaftskritischen Roman lesen. In den Reihen der Lehrenden und Forschenden wird die überaus detaillierte Darstellung unter Umständen zum Knotenpunkt eigener Betrachtungen und Untersuchungen avancieren. Wer die Hintergründe der Politik Israels verstehen will, das erst nach einem Krieg – fragwürdig begründet – zu sich selbst und der eigenen Position in der Weltpolitik fand, wird an Segevs Buch kaum vorbeikommen können. Die Provokationen reichen aus, um zu zeigen, dass auch in Jerusalem die Mitschuld zu suchen ist, wenn es einer Erklärung für die immer wieder ausbrechende Gewalt bedarf.

Anmerkungen:
[1] Oren, Michael B., Six Days of War. June 1967 and the Making of the Modern Middle East, New York 2003; Spiegel, Steven L., The Other Arab-Israeli Conflict. Making America’s Middle East Policy from Truman to Reagan, Chicago 1985.
[2] Mejcher, Helmut, Sinai, 5. Juni 1967. Krisenherd Naher und Mittlerer Osten, München 1998.

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27.11.2007
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