S. Costa: Vom Nordatlantik zum "Black Atlantic"

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Titel
Vom Nordatlantik zum "Black Atlantic". Postkoloniale Konfigurationen und Paradoxien transnationaler Politik


Autor(en)
Costa, Sérgio
Anzahl Seiten
290 S.
Preis
€ 28,80
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Christina Oppel, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Ausgehend von Defiziten in der politischen Debatte um Bekämpfung von Rassismus in Brasilien legt Sergio Costa in seiner aus einer Habilitationsschrift entstandenen Monographie eine ambitionierte kritische Studie wesentlicher demokratietheoretischer und soziologischer Fragestellungen vor, die das Ziel verfolgt, eine Brücke zu schlagen zwischen maßgeblichen Diskursen der Postcolonial / Cultural Studies und der Soziologie.

Im Zentrum seiner demokratietheoretischen Fragestellung steht die Legitimierung transnational diskutierter Maßnahmen zur Bekämpfung von Rassismus und das Problem deren nationaler Implementierung. Auf makrosoziologischer Ebene unterzieht er die transnationale Vermittlung national und lokal konstituierter Soziabilitätsmuster einer Machtkritik und fragt (auf mikrosoziologischer Ebene) nach Übersetzungsmechanismen von Maßnahmen zur Bekämpfung von Rassismus, die nationalen Differenzen in unterschiedlichen nationalen Kontexten Rechnung tragen. Im Mittelpunkt steht hier die Frage nach den Verhandlungen kultureller Differenzen und der kulturellen und politischen Vermittlung zwischen transnationalen Foren und nationalem Kontext (S. 11), die, so Costa, im brasilianischen Diskurs nicht genügend wahrgenommen werden.

Mit dem Ziel, die kulturellen und politischen Verhandlungen zwischen dem Transnationalen und dem Nationalen zu erfassen, wendet sich Costa der Diskussion des Kosmopolitismus zu, die jüngst im Zuge der Globalisierungsdebatte neue Aktualität erlangt hat. Costa nimmt drei Kosmopolitismus-Konzepte unter die kritische Lupe: Jürgen Habermas’ postnationales Konzept der harmonischen Koexistenz kultureller Differenzen mittels weltweiter Umsetzung der Menschenrechte, Ulrich Becks „epistemologischen Kosmopolitismus“ in Becks und Giddens’ Ausführungen zur „reflexiven Modernisierung“ sowie postkoloniale, nicht eurozentristische Kosmopolitismus-Ansätze Homi Bhabas, Stuart Halls und Paul Gilroys. Der Fokus Bhabas, Halls und Gilroys liegt auf Minoritäten, die in Leitkultur geprägten, populären und wissenschaftlichen Mehrheitsdiskursen marginalisiert werden. Während im Mittelpunkt seines Blicks Identitätsverhandlungen marginalisierter Schwarzer (bzw. stärker differenzierter) Bevölkerungsteile Brasiliens stehen, untersucht Costa zunächst, mit welchen Mechanismen herkömmliche, eurozentristische Kosmopolitismus Konzepte die zwischen nationalen, ethnischen und geschlechtsspezifischen Grenzen lebenden Minoritäten in wissenschaftlichen und populären Diskursen an den Rand schreiben. Er begründet seine Auswahl mit der weiten Rezeption, Kanonisierung und analytischen Anwendung der Ansätze Habermas', Becks und Giddens' in Lateinamerika und untersucht ihre Eignung zur Beantwortung der genannten Kernfragen der Legitimation weltweiter Geltungsansprüche, der transnationalen Vermittlung von Soziabilitätsmustern und der Verhandlung von Identitätskonstruktionen.

Costas Argument gegen Habermas' kosmopolitisches Konzept der weltweiten Geltung der Menschenrechte bezieht sich auf Habermas' Konzeption einer von einem nordatlantischen Zentrum ausgehenden „unilinearen Entwicklung der Moderne“ (S. 259). Diese verorte Länder, in denen Menschenrechtsverletzungen (zum Beispiel Rassismus im Falle Brasiliens) praktiziert werden, implizit als rückständig. Wie Costa im zweiten Teil seiner Studie anhand einer Nachvollziehung der racial studies darlegt, ist Rassismus in Brasilien jedoch weder eine Folge einer fehlenden Modernisierung noch eines fehlenden Rechtsstaatssystems. Vielmehr griffen hier eine enthusiastischen Rezeption der racial studies und der Versuch der Etablierung eines ‚modernen’ Nationalbildes ineinander (S. 259).

Becks und Giddens' Konzept einer reflexiven Modernisierung mit ihrem Phasenmodell der ersten Moderne/Industrialisierung und der zweiten, reflexiven Moderne wiederum grenzen all solche Gesellschaften aus, die, so Costa, grundsätzlich in Opposition zur westlichen, eurozentristisch konzipierten Moderne standen und deren Institutionen in Zweifel zogen. Die Idee der reflexiven Moderne setzt darüber nicht nur voraus, dass die nordatlantische Moderne positiv rezipiert wird, sondern schließt ferner die im schwarzen brasilianischen Kontext zu beobachtende „Reafrikanisierung“ (vgl. das Beispiel Bahia, S. 164) und damit den Rekurs auf Traditionen aus.

Während Costa Habermas’, Giddens’ und Becks Beiträge somit an der Spannung zwischen Theorie und Empirie scheitern sieht und ihre Ansätze für nicht auf den Fall Brasilien übertragbar hält, weist er den postkolonialen Studien und insbesondere dem Konzept des Black Atlantic großes Potential zu. So macht sich Costa den postkolonialen Kulturbegriff zu nutze, der mit seiner Artikulierung kontingenter Differenzen eine optimale Voraussetzung für seine Untersuchung der (Re)konfigurationen von Identitätskonstruktionen im Zuge der Transnationalisierung des brasilianischen Antirassismus bietet. Innerhalb des Bereiches postkolonialer Kritik differenziert Costa zwischen Hybriditätsdiskurs und transnationalen, diasporischen Zusammmenhängen. Während sich Costa entschieden gegen den Hybriditätsdiskurs und insbesondere die Position Homi Bhabas wendet, befürwortet Costa Halls von Diversität und Differenz gekennzeichnete Repräsentationspolitik, die durch Zuspitzung von Differenz subversiv wirkt (S. 127). Costa argumentiert, dass Bhaba durch seine Formulierung eines „Third Space“ und „sites of enunciation“ nur eine weitere Lokalisierung und Verlagerung eines Diskurses vornimmt, der zwar konstruierte kulturelle Einheiten aufdeckt, jedoch nicht gegen Essentialismen gefeit ist. So könne der Hybriditätsdiskurs gleichzeitig Ideologien fördern, die, wie das Mestizaje-Konzept, „nationalistisch, homogenisierend und fremdenfeindlich“ sind (S. 121).

Halls Politics of Representation und Gilroys Black Atlantic hingegen bieten für Costa demgegenüber großes Potential. Halls Ethnizitätsbegriff als beweglicher Bezugspunkt, der innerhalb der Polarität von Schwarz/Weiß Platz für multiple Differenzen und Bedeutungsüberschüsse (différance) lässt, bietet Raum für die multiplen Formen des brasilianischen antirassistischen Diskurses, der sich nicht allein durch binäre Oppositionen repräsentieren lässt.

Stellvertretend für Konzeptionalisierungen der Black Diaspora nutzt Costa Gilroy’s Konzept des Black Atlantic als empirisch beschreibende Kategorie, die den permanenten (Re)Konstruktionsprozess schwarzer Kulturen innerhalb der Black Diaspora umfasst, sich gegen afrozentristische und schwarze nationalistische Konzepte wendet und weniger eine vereinende afrikanische Herkunft als eine Pluralität von Identitäten hervorhebt, die die symbolische und materielle Beziehung zwischen Kontinenten umfasst. Costas Bevorzugung des Black Atlantic fußt auf Gilroys politisch-normativer Verwendung des Black Atlantic als Gegenkultur zur Moderne, die letztere einer Reinterpretation unterzieht. Der Black Atlantic, so Costa, markiere dabei weder eine „Apologie der Zugehörigkeit“, noch eine „Homogenisierung multipler Erfahrungen“ (S. 131), sondern integriere vergleichbare Ausgrenzungserfahrungen. Hier unterliegt Costa jedoch der Widersprüchlichkeit des Black Atlantic: als politisch-normative Gegenkultur (anstelle eines Gegendiskurses) zur Moderne formuliert, handelt es sich bei Gilroys Konzeption des Black Atlantic um ein Gegenkonzept, das in der fluidity des Atlantiks wiederum nur einen "third space" schafft, der in diesem Falle historisch verortet ist. Durch seine Rückführung des Black Atlantic auf eine vereinende Vergangenheit, die Sklaverei, betreibt Gilroy in seinem Konzept eine Politik der Erinnerung, die ganz entgegen seinem eigenen Vorhaben, multiple Erfahrungen der Ausgrenzung (wie zum Beispiel die der deutschen schwarzen Diaspora) integrieren zu wollen, diese unter der Symbolik des Black Atlantik (dem Dreieck des Sklavenhandels) subsumiert. Wenngleich der Black Atlantik für den brasilianischen Kontext geeignet sein mag, so handelt es sich doch nicht um ein universell für die Diversität schwarzer Erfahrungen einsetzbares Konzept.

Ausgehend von den fragmentarischen Strukturen des „schwarzen Brasilianischen Kontextes“ zieht Costa das differenzorientierte Konzept der Diaspora Habermas' und Becks Konzepten der Weltbürger- und Weltrisikogesellschaft nicht zuletzt deswegen vor, da letztere Machtasymmetrien reproduzieren anstelle sie aufzuheben. Costa zieht hier jedoch nicht in Erwägung, dass auch Konzeptionalisierungen der Schwarzen Diaspora nicht frei von der Reproduktion von Machtasymmetrien sind. Insbesondere Konzepte wie der Black Atlantic, die eine historische Erfahrung (die der Sklaverei) als vereinendes Moment formulieren, marginalisieren und hierarchisieren implizit Bereiche der Diaspora, die auf ganz anders gearteten kolonialen und auch nicht-kolonialen Geschichte(n) rekurrieren.

Aufbauend auf seine Kritik nordatlantischer postnationaler und -kolonialer Konzepte analysiert Costa (sozial)wissenschaftlichen (Anti-)Rassismusdiskurse in Brasilien. Auch hier verwendet Costa große Sorgfalt darauf, dem wissenschaftlichen Diskurs einschließlich nicht postkolonial verorteter Ansätze gerecht zu werden. Costa markiert die Unzulänglichkeiten der brasilianischen racial studies sowie deren Kritiker, hebt die Vorzüge postkolonialer Ansätze gegenüber herkömmlichen Argumentationen hervor und schafft so notwendige theoretische Grundlagen. Wie Costas selbst konstatiert, handelt es sich hier nur um eine „vorläufige Antwort“ (S. 262) darauf, wie sich von den antirassistischen Politiken spezifische, für den brasilianischen Kontext adäquate Perspektiven entwickeln lassen, nicht um die Darlegung einer solchen. In diesem Sinne kann die vorliegende Studie als wertvoller Anstoß und Ausgangspunkt für zukünftige Projekte dienen, deren Basis jedoch, und das ist zu hoffen, eine empirische sein sollte. So führt Costa reale Beispiele lediglich zur „Illustration“ der im Mittelpunkt der Argumentation stehenden Dynamiken und Prozesse an (S. 147). Zweifellos wäre es spannend zu sehen, zu welchen konkreten Ergebnissen postkoloniale Fragestellungen im brasilianischen Kontext im Einzelnen führen: Welche Übersetzungsmechanismen, -strategien und Identitätsverhandlungen lassen sich am konkreten Exempel vollziehen? Wie manifestieren sich Momente der différance und décalage, das heißt welche Bedeutungsüberschüsse, Unübersetzbarkeiten, Lücken und Diskrepanzen entstehen im Dialog mit der Diaspora? Nicht zuletzt in diesen Bedeutungszugewinnen manifestiert sich die brasilianische Schwarze Diaspora als eigenständig. So verweist Costa zwar an vielen Stellen auf Weiterentwicklungen des Gilroyschen Konzeptes, macht sie sich jedoch (noch) nicht weiter zu nutze (vgl. 132, Anm.6). Auch tangiert er den Bereich der Black Diaspora Studies, die den größeren Rahmen der hier diskutierten postkolonialen Konzepte bilden, nur peripher (vgl. S. 128ff. Anm. 3) ohne die großen Potentiale zu nutzen, die sich in diesem Bereich verbergen. In seinem Plädoyer für das Konzept des Black Atlantic zeigt er Wege auf, wie der Black Atlantic für brasilianische Kontexte fruchtbar gemacht werden kann. Er läuft jedoch Gefahr, durch den „Import“ des Theorems Black Atlantic seinen Blick für die tatsächliche Diversität schwarzer brasilianischer Identitätskonstruktionen zu verstellen und diese ohne größere empirische Basis historisch zu verorten. Mit der Übernahme dieser komplexen Übersetzungsvorgänge sind Hierarchien und Hegemonien des akademischen Feldes verknüpft, die drohen, den Blick auf die Besonderheiten vor Ort zu verstellen.

Eine Herausforderung zukünftiger Studien besteht somit zweifelsohne darin, auf empirischer Basis begriffliche Neuvermessungen und Grenzziehungen für den brasilianischen Kontext vorzunehmen und ein eigenes methodisches und theoretisches Modell zu entwickeln, das den Heterogenität diasporischer Präsenzen gerecht wird.

Costas Studie ist nicht nur für den brasilianischen, sondern auch für den deutschen Wissenschaftskontext von Bedeutung, da postkoloniale Kritik in der deutschen Bildungslandschaft weitgehend unberücksichtigt ist und nur in Randbereichen der germanistischen, anglistisch-amerikanistischen und romanistischen Kulturwissenschaften thematisiert wird. Grund hierfür ist zum einen das weitläufig fehlende Bewusstsein einer deutschen kolonialen Vergangenheit, deren Existenz aufgrund ihrer spezifischen und im Vergleich zu britischen und französischen Kontexten anders gearteten Formierung an den Rand des öffentlichen Bewusstseins geschrieben wird. Trotz ihrer Spezifik sind historische und gegenwärtige deutsche Identitätskonzepte jedoch entscheidend von der Idee des kolonialen Anderen, Nicht-Weißen geprägt. Insofern ist Sergio Costas überfällige, kritische Evaluierung der Kosmopolitismus Konzepte Habermas, Becks und Giddens ein wesentlicher, transnationaler Beitrag, der eine hervorragende Grundlage vor allem für historische Studien bietet.

Redaktion
Veröffentlicht am
02.07.2009
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/