T. Maurer (Hrsg.): Kollegen – Kommilitonen – Kämpfer

Cover
Titel
Kollegen – Kommilitonen – Kämpfer. Europäische Universitäten im Ersten Weltkrieg


Herausgeber
Maurer, Trude
Reihe
Pallas Athene 18
Erschienen
Stuttgart 2006: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
376 S.
Preis
€ 47,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Peter Hoeres, Historisches Institut, Fachjournalistik Geschichte, Justus-Liebig-Universität Gießen

Der vorliegende Tagungsband zu den Wissenschaftlern und ihrer Institution im Ersten Weltkrieg widmet sich einem in den letzten Jahren verstärkt beachteten Thema. Von daher kann man eigentlich nicht wie die Herausgeberin in ihrer Einleitung, von einem „lange vernachlässigten Forschungsthema“ sprechen (S. 11-28). Sie selbst nennt auch einige der einschlägigen Titel. [1] Allerdings unterscheidet sich der Fokus des Buches und des dahinter stehenden Projektes von anderen Studien doch dadurch, dass zum einen die Universität als Institution stärkere Beachtung findet und zum anderen ein starker Fokus auf Russland gerichtet wird, wo der Krieg die Universitäten erst mit Verzögerung erreichte. Zudem werden auch Universitäten in besetzten Gebieten behandelt, so die unter Einschränkungen weiter arbeitende Universität Lille (Jean-François Condette) und die von den Deutschen neugegründete Universität Warschau (Arkadiusz Stempin). Ebenfalls von den Deutschen neugegründet wurde zudem die einzige russische – und russifizierte – Universität auf baltischem, nämlich estnischem Gebiet, Jur’rev (Dorpat). Nach dem Frieden von Brest Litowsk wurde sie 1918 von den russischen Professoren verlassen und vom deutschen Armeeoberkommando der achten Armee als estnische Landesuniversität neu eingerichtet (Sirje Tamul). Die Situation an diesen „Kriegsuniversitäten“ unterschied sich erheblich von den nie mit dem Feind in Berührung gekommenen britischen und (außer Königsberg) deutschen Universitäten.

In seinem lesenswerten Aufsatz über die britischen Universitäten zeigt Thomas Weber deren Selbstmobilisierung. Die Zahlen studentischer Soldaten waren in Oxford (bis zu 50 Prozent in den Colleges) Ende 1914 ähnlich hoch wie in Deutschland oder Frankreich, obwohl es in Großbritannien zu diesem Zeitpunkt noch keine Wehrpflicht gab. Diese Kriegsbereitschaft führt Weber nicht auf den deutsch-britischen Antagonismus zurück, sondern auf die Vorbereitung durch den omnipräsenten Sport und die Officer Trainings Corps, die 1907 ausgerechnet von jenem Kriegsminister namens Richard B. Haldane eingeführt wurden, der während des Krieges so heftige Pressekampagnen wegen seiner Bewunderung der deutschen Philosophie auf sich zog. [2]

Mobilisierten die westlichen und deutschen Universitäten sich für den „Gedankendienst mit der Waffe“ [3] selbst, so war in den russischen Universitäten die liberale Opposition gegen die Autokratie des Zarenreiches beheimatet. Gleichwohl deutete man auch dort den Krieg als Kampf gegen die deutschen Barbaren, als zum Teil religiös überhöhte Auseinandersetzung zwischen Slawentum und Germanentum. In Russland nahm man nun Abschied von den deutschen wissenschaftlichen Vorbildern und suchte stärker den Kontakt zu den britischen und französischen Universitäten, deren Reformkurs durch den Krieg beschleunigt wurde. Die britischen forcierten etwa den Weg von Lehr- zu Forschungseinrichtungen. Die deutschen Universitäten zeigten sich dagegen eher reformresistent. Dies war kaum verwunderlich angesichts ihrer Spitzenstellung in der Vorkriegszeit. Diese verloren sie nun durch den Krieg. Bis auf Sowjetrussland verweigerte das Ausland zunächst die Wiederaufnahme der Deutschen in die internationale Gelehrtenrepublik. Durch die eindeutige Identifizierung mit der deutschen Kriegsanstrengung nach den vorangegangenen ausländischen Forderungen nach Distanzierung trugen die deutschen Wissenschaftler selbst dazu bei, denn die bei den Kriegsgegnern omnipräsente Trennung zwischen einem guten Kultur-Deutschland und einem schlechten Militär-Deutschland wurde so der Boden entzogen. Die deutsche Spitzenstellung konnte freilich nicht eindeutig durch ein anderes Zentrum ersetzt werden, wie man etwa in Paris gehofft hatte (Elizabeth Fordham). Die neue Welt der Exzellenz war nun multipolar.

An der Universität Moskau hatten 1911 die liberalen Professoren, ein Drittel der Professorenschaft, ihre Ämter niedergelegt. Minister Kasso trieb darauf die Ausbildung neuer Professoren in Deutschland voran, was durch den Krieg beendet wurde. Die Universität radikalisierte sich erneut. Die liberalen Professoren kamen nach der Februarrevolution wieder an die Macht. Die Zäsur der bolschewistischen Revolution nimmt Andrej Ju. Andreev leider nicht mehr in den Blick. Anhand der Hauptstadtuniversität in Sankt Petersburg zeigen Evgenij A. Rostovcev und Susan K. Morrissey den liberalen, das heißt dem Volk verpflichteten, aber monarchiekritischen, reformerischen Patriotismus der Professoren und Studenten. Im Osten Russlands, an der Universität Kazan standen die Studenten, so Iskander Gilyazov, dem Krieg reserviert bis kritisch gegenüber. Die Kriegskritik verstärkte sich wegen der sich verschlechternden Studienbedingungen dann zunehmend, der Einfluss linker Parteien stieg. In Kazan waren sicher kaum ausländische Studenten anzutreffen, anders als im Deutschen Reich, wo während des Krieges die Weichen hinsichtlich einer einheitlichen und politischen sowie nach Utilitätsgesichtspunkten verfahrende Zulassung gestellt wurden (Daniela Siebe).

Neben diesen Institutionen und Gruppen werden auch einige Einzelwissenschaften und deren Vertreter im Hinblick auf ihr Verhältnis zum Krieg vorgestellt. Dabei handelt es sich nicht unbedingt um die relevantesten Disziplinen. So war die Physik, die Stefan L. Wolff vorstellt, noch kaum gefragt. Anders als bei der Chemie stimulierte der mögliche Kriegsnutzen nicht die Forschung. Dass auch die Physiker sich patriotisch zeigten, verwundert nicht. Im Gegensatz zur Mehrzahl der Physiker gelang es freilich dem Strömungsforscher Ludwig Prandtl mit Hilfe des Kriegsministeriums und Reichsmarineamtes die Göttinger Modellversuchsanstalt auszubauen (Detlef Busse).

Die russischen Altphilologen sollen laut Aleksandr K. Gavrilov „das Muss der methodischen Sauberkeit und unbedingten intellektuellen Aufrichtigkeit während des Ersten Weltkriegs weitgehend“ (S. 265) erfüllt haben. Jürgen von Ungern-Sternberg gibt Hinweise darauf, dass sich die deutschen Altertumswissenschaftler aufgrund ihrer Kenntnis des mediterranen Raums möglicherweise auch praktisch mehr als bisher bekannt in die deutsche Kriegsanstrengung einbrachten.

Der Band verfeinert durch die Einbeziehung der russischen Seite unser Bild von den europäischen Universitäten und ihrem Personal im Ersten Weltkrieg. Jetzt wäre es an der Zeit, die vielen Befunde neuerer Studien zum Thema einmal zu einem Gesamtbild zusammenzufügen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. auch den Forschungsbericht von Reimann, Aribert, Von der Mentalität zur Spezialität? Neuere Forschungen zur Geschichte des Ersten Weltkriegs, in: Neue Politische Literatur 49 (2004) S. 220-246.
[2] Vgl. Hoeres, Peter, Krieg der Philosophen. Die deutsche und die britische Philosophie im Ersten Weltkrieg, Paderborn u. a. 2004, S. 562-566.
[3] Mann, Thomas, Betrachtungen eines Unpolitischen, Frankfurt am Main 2004 (zuerst Berlin 1918), S. 31.