Cover
Titel
The Reagan Diaries.


Autor(en)
Reagan, Ronald
Herausgeber
Brinkley, Douglas
Erschienen
Anzahl Seiten
767 S.
Preis
€ 27,80
Rezensiert für 'Connections' und H-Soz-Kult von:
Wolfgang G. Schwanitz, Rider University, NJ

Reagan muss verrückt geworden sein, schoss es mir durch den Kopf, als ich zufällig an jenem 12. Juni 1987 mittags vor dem Ostberliner Teil des Brandenburger Tors war. Auf der anderen Seite stand eine Tribüne mit kugelsicherem Glas, von der Lautsprecher herüber dröhnten. Der 40. Präsident Amerikas sprach dort Unvorstellbares an. Denn er rief Michael Gorbatschow auf, dieses Tor im Namen von Freiheit, Prosperität und Liberalisierung zu öffnen, ja diese Mauer abzureißen.

Am selben Ort weilte ich Unter den Linden ein Jahr später mit einem tunesischen Gast von der Arabischen Liga und erzählte ihm diese Episode. Spontan war er für Reagans Idee, besann sich dann aber: wenn der Eiserne Vorhang fällt, steht die Frage, die aus der Präsidentschaft Ronald Reagans und der Perestroika des Reformers im Kreml entspringt: werden dann wohl Millionen sowjetischer Juden nach Israel einwandern dürfen und das Kräfteverhältnis im Nahostkonflikt verändern, werden sie womöglich in den besetzten Gebieten siedeln, ja so die Palästina-Frage erledigen, und wie würde sich eine Ostberliner Entschädigung an Israel auf die palästinensische Intifada auswirken?

Da zudem Erich Honecker neue Töne gegenüber Israel und Juden in Amerika anschlug, um so die von ihm gewünschte Reise nach Amerika zu ebnen, befiel Araber Nervosität. Dann traf der Generalsekretär der Arabischen Liga, der Tunesier Shazli al-Qlibi, in der Spreemetropole ein. Er wollte auf einem Treffen über kernwaffenfreie Zonen auftreten. Würde er jene Fragen berühren, käme es aus politbürokratischer Sicht zum Eklat. So sehr war Ostberlin darüber besorgt, dass es einen Parteiauftrag ausgab: al-Qlibis Redemanuskript vorab zu besorgen und zu prüfen. Solche Araber und Ostdeutsche sahen einen völligen Kurswechsel Moskaus gegenüber Juden und Israel kommen.

Was hinter den Kulissen lief, bezeugt jetzt Reagan selbst. Denn dieser rote und grüne Faden der Geschichte, Kommunismus und Islamismus, prägen die Auszüge aus seinen Tagebüchern. Der Historiker Douglas Brinkley hat sie ediert. Im nächsten Jahr folgen alle fünf Tagebücher in drei dicken Bänden, dann hoffentlich mit Abkürzungsverzeichnis und richtigen Namen ebenso im Russischen (Akromeyer statt Achromejew), Deutschen (Straud statt Strauss) sowie Arabischen (zu viele Fehler), wo Reagan selbst noch meinte, Libyens Führer al-Qaddafi in einem Dutzend Weisen notiert zu haben. Der Editor hatte eine unsichere Hand, das Original zu bewahren. Denn Verballhornungen, die wohl auch in der minderen Hörfähigkeit Reagans wurzelten, erschweren es dem Leser, Personen zu identifizieren.

Reagan füllte in allabendlicher Handschrift mit einigen Sätzen zu den Kernereignissen meist nur eine Tagebuchseite. Wie sich nun zeigt, reiste er im Juni 1987 durch Westeuropa auch zur 750-Jahrfeier in Westberlin (S. 506): "Wir fuhren zum Reichstag und sahen die Mauer vom Balkon aus", schrieb er. "Dann ging es zum Brandenburger Tor, wo ich vor Zehntausenden sprach. Die Menge reichte so weit ich sehen konnte. Ich wurde überwältigend empfangen und 28 Mal durch Jubel unterbrochen." Er erwähnte aber seinen Appell an Gorbatschow nicht, durfte er sich doch sicher sein, damit Geschichte gemacht zu haben. In meinem Tagebuch jedenfalls heisst es dazu im trockenen Duktus: "Am 12. Juni 1987 forderte der US-Präsident Reagan dazu auf, die Mauer niederzureißen."

Ein Jahr später behandelte er jene von Arabern und Ostdeutschen gestellten Fragen. So erfuhr er (S. 577), dass Israel neue Siedlungen im Westjordanland plane: "Wir werden versuchen, ihnen das auszureden." Erfolglos. Auch besuchte ihn eine Delegation, die das Los von Juden in der Sowjetunion beklagte. Geistliche erklärten ihm, Gorbatschow um religiöse Freiheit ersucht zu haben. Dasselbe nahm sich Reagan am 28. Mai 1988 für sein erstes Vier-Augen-Gespräch mit "Gorby" auf ihrem Moskauer Gipfel vor. Nicht als Handel zwischen beiden, sondern Idee für den Russen zur Regelung einiger seiner Probleme. Dies tat er auch Tags darauf und zeigte sich hernach zufrieden. Im Juni notierte Reagan, dass sowjetische Juden im Vormonat eintausend Visa erhielten, aus denen dann in Wien Visa für Amerika wurden. Alsbald merkte er an, dass Ostberlin keinerlei Reparationen für jene Juden gezahlt habe, die den Holocaust durchgemacht haben.

All das waren Vorboten einer Entwicklung, in der schließlich über eine Million Juden aus dem einstigen Sowjetreich nach Israel auswanderten. Gewiss wollten nicht alle dorthin, sondern den Staat als Ort ihres Transits etwa nach Amerika und Kanada benutzen. Aber viele blieben dann doch dort hängen. So gesehen, bildete die neue Freiheit für Mittelost eine Zäsur: osteuropäische Stützen entfielen, das regionale Kräfteverhältnis änderte sich parallel außen und auch innen. In dem Sinn schrieb Reagan (S. 394): "We've pledged to Israel we'll never let them be outgunned." In Mittelost reiften Verschwörungstheorien, die einen Punkt der Aufklärung übersahen: Freiheit ist unteilbar. Da dies aber als westliche Angelegenheit galt, nahm die Wut gegen Demokratien nur zu.

Wer diese Edition durchsieht, bemerkt, warum Reagan Kommunisten im "Reich des Bösen" den Krieg erklärt hat. Wenige Tage nach seinem Amtsantritt 1981 meinte er, seine gesamte Strategie überprüfen zu müssen, denn der Handel sollte Sowjets moderater machen. Aber anstelle dessen erlaubte er es ihnen, noch mehr Waffen statt Konsumgüter zu bauen. Ein Jahr später berichtet er über ein Briefing zu sowjetischen Waffen (S. 70): "Ernüchternde Erfahrung. Es kann keinerlei Zweifel an unserem Aufrüsten geben, sieht man den Produktionskomplex, den sie für jede Art von Waffen und Kriegstechnik errichtet haben. Ihre Hochentwicklung ist furchterregend."

Andererseits weist er sich auch in seinem Tagebuch so überzeugt von der Demokratie aus, und so schlecht war seine Erfahrung mit roten Einflüssen in Hollywood, dass er Osteuropas Regimes im internationalen Wettstreit keine Chancen gab. Wie er hier erhellte, setzte er um des Friedens Willen auf Stärke und bewahrte sich alternative Optionen. Früh hegte er die Idee, die Herren des Kremls in die reelle Welt zu holen. So kommt dies nun heraus: seine Basis war die freiheitliche Vormacht, seine Art das proaktive Handeln, sein Mittel der Dialog und seine Taktik "Peitsche und Zuckerbrot". Indes er sein Militär modernisierte, streckte er Friedensfühler nach Moskau aus, wo aber Führer in rascher Folge verstarben. Dort blieb nur "grim face" oder "Mr. Net", wie er Andrej Gromyko nannte.

Ausfälle gegen Opponenten hat er nicht notiert. Nur an zwei Stellen wird seine Wut gegen einen "ekligen Fettkopf" im Kongress deutlich. Er prahlte nicht und berichtete Fortschritte so, wie sie ihm auch durch sein Umfeld dargestellt worden sind, zum Beispiel die Meinungsprozente über seine Amtsführung. Jedoch wird offenkundig, in welchem Kokon er sich bewegte. Regelmäßig durchbrach er ihn, indem er externe Experten etwa zu Polen, der Sowjetunion und Israel traf. Er schätzte Informationen aus erster Hand und empfing Überläufer und Dissidenten. Nach seinem Gespräch mit Anatoly Scharansky steht (S. 411): "I learned that I'm a hero in the Soviet Gulag."
Ein Problem blieb der Verrat durch Spione und Mitarbeiter an die Presse. Dies brachte ihn dazu, Beratungen im Nationalen Sicherheitsrat nur noch mit Chefs ohne Gehilfen abzuhalten. Freilich scheiterten seine Versuche, in der eigenen Administration per Gesetz Lügendetektoren benutzen zu lassen.

Der Leser entdeckt sein reiches Leben, das er und seine Frau Nancy mit Familie und Freunden im Weißen Haus führten. Erholt hat er sich beim Golf, Reiten, Schwimmen und als Rancher. Im Heimkino liebte er Filme mit John Wayne und Rock Hudson. Bekannten in Hollywood und im Sport blieb er verbunden. Freilich hatte er einen harten Start. Denn im dritten Präsidialmonat schoss ihn ein Wirrkopf an, verfehlte jedoch knapp sein Herz. Danach hörte der 71jährige mehr auf Sicherheitsgebote, ging zu Treffen nicht oder trug eine Schutzweste, darunter vor der UNO. Nach dem Attentat setzte Libyens Führer Muammar al-Qaddafi einen Mörder auf ihn an, der die kanadische Grenze überquert habe. Reagan merkte an, dass der Libyer seine Familie bedrohe. Einst befürchtete Reagan ein Armageddon zwischen Israelis und Arabern. Bald legte er einen Regelungsansatz vor.

Es waren Bürgerrechtler in Polen und Ungarn sowie Michael Gorbatschow, die Chancen boten, die Welt zu ändern. Reagan stellt es als steinigen Weg dar. Noch umgaben den Russen Berater, die ihn mit Propaganda fütterten. So entstand ein Irrtum, der nachwirkt. Das wird im Tagebuch klar. Reagan wollte das Wettrüsten aufheben, das ein Inferno durch gegenseitigen Tod androhte. Wenn man einen Schirm errichtete, meinte er, um weitreichende Atomraketen noch auf ihrer Bahn zu zerstören, könnte man vom Aufrüsten zum Abrüsten übergehen. Daraus wurde seine Strategische Verteidigungsinitiative. Obwohl er sie so erklärte, kam es nicht nur im Kreml als Monster des Sternenkrieges an, wo vom All aus die Welt bekriegt würde. Wie Reagan notierte, stiegen und fielen zwei Gipfeltreffen dazu. Dies änderte sich, nachdem Gorbatschow bei sich den Kehraus machte.

Dann gestand Reagan eine "besondere Chemie mit Gorby" ein. Sie begannen, sich zu vertrauen. Tritt anfänglich aus seinen Notizen noch die rote Gefahr hervor, scheint in Reagans letzten drei Amtsjahren die begleitende Aktion auf, das Sowjetimperium möglichst unblutig aufzulösen. Dabei hat er es nicht versäumt, neue Taten zu fordern wie den zügigen Abzug der Sowjets aus Afghanistan. Wenn sie Waffen an ihre Marionetten in Kabul liefern, bemerkte er, wird Amerika auch weiter die Mujahidin versorgen. Freilich legitimierte er im Ringen gegen das rote Übel das grüne Übel des Jihads. Bald begrüßte er sowjetische Generale im Weißen Haus und erlebte die deutsche Einheit.

Aber Reagans Kurs gegen Radikale betraf auch die fundamentale Strömung im Islam, die sich terroristisch gebar. Doch anders als bei Sowjets fand er zu Islamisten keinen ideellen Zugang, obwohl ihn auch der saudische Prinz Bandar beriet. Zwar unterschrieb Reagan im Rosengarten das erste nationale Anti-Terrorgesetz, doch blieb ihm die islamistische Kriegsart und Kultur so fremd, wo Menschen den Tod durch Selbstmordterror suchen. Reagans Notizen der 80er Jahre erhellen nun so manche Hintergründe der zahlreichen Entführungen von Flugzeugen, Bürgern und Schiffen. Während der Kalte Krieg endete, begann er bereits einen neuartigen Krieg gegen Terroristen.

Von Lateinamerika abgesehen, befand er meist Leute der Libyer, Hizballah, Syrer, Iraner und Palästinenser als Urheber. Oft waren Amerikaner Opfer, 1983 gleich 241 Soldaten in Beirut. Er rang um jeden Gekidnappten, auch über Jahre, und rief Angehörige an. In die Iran-Contra-Affäre - Gelder aus dem Waffenhandel mit Teheran gingen Rebellen in Nikaragua zu - gibt er sich nicht eingeweiht, stand aber voll dafür ein. Warum reagierte er öfter nicht auf Terrorakte, so in seinen letzten Amtstagen 1989 auf die Sprengung des PanAm Fliegers über Schottland mit 258 Toten? Hier stellt sich heraus: er erhielt entweder ungenügende Beweise oder die Zivilisten würden gefährdet. Dies veranlasste Terroristen dazu, noch mehr aus dem zivilen Hinterhalt zu operieren. Reagan versuchte auch mit Yasir Arafat einen neuen Kurs, wozu er manche Einsicht gewährte.

Einer von fünf Tagebuch führenden Präsidenten offenbart sich so dem Leser. Warum gerade er? Als Reflexion, um sich Auskunft über angefüllte Tage zu geben. Er plante, seinen Text als Basis für Bücher zu nehmen (das verwehrte ihm die Alzheimer-Krankheit in seinem letzten Jahrzehnt bis 2004). Aber er machte Geschichte und kommentierte kurz ihre Haken und Ösen: ein Dorado für Historiker. Nach drei Jahren meinte er, an seine Schrift nicht wie an ein Logbuch gehen zu wollen, und fragte einen Verleger. Dennoch brachte er breit den Alltag wie Wetter, Ärzte und Familie ein.

Was auch immer sein Hauptmotiv war, jeder kann fortan die 1980er-Jahre gar tageweise als ein bahnbrechendes Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts aus der Sicht dieses Präsidenten ausloten. Nein, Reagan war nicht verrückt, als er Europas Freiheit mit schuf, sondern er war im Weißen Haus ein Humanist in der besten Rolle seines Lebens.

Redaktion
Veröffentlicht am
18.10.2007
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums 'Connections'. http://www.connections.clio-online.net/
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